11.03.1968

„BEDINGUNGSLOSE LOYALITÄT ZUM FÜHRER“

Am 13. März begeht Österreich den 30. Jahrestag seines Anschlusses ans Deutsche Reich. In Serien erinnern österreichische Zeitungen an den Widerstand, den Kanzler Kurt von Schuschnigg der NS-Annexion leistete, obwohl Hitler in einer Unterredung auf dem Berghof am 12. Februar mit Einmarsch gedroht hatte. Am 11. März mußte Schuschnigg unter dem Druck Berlins zurücktreten. Schuschnigg: „Wir weichen der Gewalt.“ Der SPIEGEL veröffentlicht zum erstenmal -- auszugsweise -- ein Schreiben, das Schuschnigg zwei Wochen nach seiner Inhaftierung im Wiener Gestapo-Hauptquartier an Hitler richtete. Es zeigt einen Schuschnigg, der dem zeitgeschichtlichen Bild des Widerstands-Helden nicht standhält -- vor vierjähriger KZ-Haft konnte es ihn dennoch nicht bewahren.
Aus freien Stücken und von niemanden hierzu aufgefordert, bitte ich, nachstehende
Erklärung
abgeben zu können, um deren Weiterleitung ich ersuche:
Ich habe im Juli 1934 nur über besonderes Drängen und sehr wider meinem Willen die Berufung zum Amt des Bundeskanzlers angenommen. Schließlich habe ich annehmen müssen, da mir der Einwand der Staatsnotwendigkeit entgegenstand.
Ich habe insbesonders und grundsätzlich nie einen Zweifel darüber gelassen, daß ich die friedliche Zusammenarbeit mit dem Deutschen Reich für unerläßlich halte und eine Kombination gegen dasselbe für Österreich nie in Frage kommen.
Mein Bemühen ging innerpolitisch um Befriedung, außenpolitisch um möglichst enges Einvernehmen mit dem Reich. Ich glaubte und hoffte, von Österreich aus eine Brücke zu bilden, der sich Führer und Reich im gegebenen Fall vorteilhaft bedienen könnten.
Im Laufe des Sommers und Herbstes 1937 gab ich zweimal meine Demission, weil ich mich physisch und psychisch meiner Aufgabe nicht mehr gewachsen fühlte.
Ich war wiederholt knapp am Nervenzusammenbruch. Außerdem hatte ich persönliche Gründe. (Ich wollte heiraten, was ich für die Zeit nach meinem Rücktritt vereinbart hatte.) Leider ließ ich mich dazu bewegen, im Amte zu bleiben.
Aufgrund der mir vom Führer gewährten Besprechung von Berchtesgaden habe ich den Inhalt des von mir gefertigten Abkommens durchgeführt.
Ich habe nach fristgerechter Durchführung neuerlich meine Demission angeboten. Ich hielt mich für verbraucht und hätte einen Wechsel (ich schlug den Außenminister Schmidt vor) für richtig gehalten. Dem Einwand, daß dies einer Fahnenflucht gleichstehe, fügte ich mich, und bin leider -- und für mich tragischerweise -- wieder geblieben.
Ich habe zweifellos die tatsächlichen Verhältnisse irrig beurteilt. Es erwies sich bald als ausgeschlossen, die Reaktivierung der Partei zu verhindern*. Zum gleichen Ergebnis kam der Sicherheitsminister Dr. Seyß-Inquart**. Wir versuchten gemeinsam -- gottlob mit Erfolg -, die Gefahr der Zusammenstöße zu verhindern, die von Tag zu Tag größer wurden.
Ich hatte mit dem Herrn Sicherheitsminister Dr. Seyß-Inquart gemeinsam vereinbart, daß im Dienst Abzeichentragen nicht zu gestatten sei.
In der Steiermark nahmen Beamte in Ämtern und Lehrer in Schulen meine Weisungen nicht mehr zur Kenntnis, mit dem Bemerken, der Bundeskanzler und Frontführer gehe sie nichts mehr an, sie unterstehen dem Sicherheitsminister, trotzdem dieser damals davon nichts wußte und ich mit ihm einig ging***.
So kam ich in der zweiten Hälfte der ersten Märzwoche zu dem Entschluß, als Frontführer eine Volksbefragung auszuschreiben.
Ich rechnete damit, daß die Nationalsozialisten zum Mitstimmen berufen würden, und war zu allen gewünschten Konzessionen bereit! Für den Charakter des deutschen Bekenntnisses des Abstimmungsresultates, das ich auf 70 Prozent einschätzte, wollte ich persönlich Sorge tragen.
Die Entwicklung ist anders und rascher gekommen als ich dachte.
* Gemeint ist die illegale NSDAP.
** Seyß-Inquart war Hitlers Vertrauensmann in der Wiener Regierung; er wurde in Nürnberg gehenkt.
*** Als Bundeskanzler war Schuschnigg gleichzeitig Führer der "Vaterländischen Front", der offiziellen Organisation des austrofaschistischen Ständestaates.
Heute weiß ich, daß sie kommen mußte. Ich habe mich bei aller Österreichbetonung zwar stets als guter Deutscher gefühlt und bekannt, die dynamischen Kräfte des nationalen Gedankens im Volk falsch gesehen und eingeschätzt.
Die heutige Lösung ist ebenso zwangsläufig als endgültig, historisch bedingt und begründet. Der Führer, und nur er konnte sie bringen und hat damit das Problem gelöst, das seit 1866 offen stand. Er hat somit vollendet, was Bismarck begonnen hat. Ich halte es für sinnlos, dies nicht vorbehaltlos zu sehen und anzuerkennen -- die geschichtliche Zwangsläufigkeit nicht zur Kenntnis zu nehmen --, die gegebene Tatsache, die Größe des Erfolges und des Mannes, der die Voraussetzung hierfür schuf, nicht voll und ganz zu bejahen.
Ich bin überzeugt, daß die vom Führer entschiedene Lösung der vollkommenen Eingliederung Österreichs ins Reich der halben Lösung eines verschleierten Anschlusses oder einer loseren staatsrechtlichen Bindung, wie sie mir vorschwebte, vorzuziehen und auf die Dauer richtiger ist.
Ich bin insbesondere überzeugt, daß der Führer die wirtschaftliche und soziale Lage im Land besser und dauerhafter löst, als dies mir oder einem Nachfolger auf meinem Posten beim besten Willen und bei allen Anstrengungen unter den gegebenen Umständen möglich war. Ich bin überzeugt, daß der Führer auch den religiösen Frieden zum Vorteil unseres Volkes sichert. Ich
bitte,
die Großmut des Führers möge meinen Mitarbeitern nicht versagt sein, die im besten Glauben für ihre Sache kämpften, die sie wie ich verteidigt haben.
Persönlich erkläre ich meinen festen und freien Willen, in bedingungs- und vorbehaltloser Loyalität zu Führer, Reich und Volk zu stehen, und wäre froh, der deutschen Sache dienlich sein zu können.
Wien, am 11. Juni 1938. gez. Kurt Schuschnigg e. h. Ich bitte, meine Erklärung der Höchsten Stelle vorlegen zu wollen und ersuche um gütige Entgegennahme. Falls dies nicht möglich ist, erbitte ich die Rückerstattung ohne weitere Verwendung.

DER SPIEGEL 11/1968
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