11.03.1968

KUNSTMARKT / SAMMLUNG KRAUSHARWella Pop

Der Darmstädter Shampoo-Fabrikant reiste in geheimer Sache nach New York. Zwei Tage nach seiner Ankunft war Karl Ströher, 77, der größte Pop-Art-Sammler der Welt.
Durch schnellen Vertragsabschluß überflügelte der Seniorchef der Haarkosmetik-Firma Wella-AG ("Wellaform", "Wellaflex", "Wella Balsam", "Wella Glanz") alle Kunsthändler der USA. Er erwarb -- zu ungenanntem Preis -- die Kunstsammlung des im Herbst 1967 verstorbenen New Yorker Versicherungsmaklers Leon Kraushar.
Es ist eine Pop-Kollektion, wie sie kein zweiter Privatsammler besitzt: Kraushar hinterließ rund 200 Werke der rüden Reklame-Kunst, darunter allein 36 Bilder und Objekte von Andy Warhol, 21 Skulpturen von Claes Oldenburg, 16 Gemälde von Roy Lichtenstein, sieben von Tom Wesselmann sowie eine lebensgroße Rock 'n' Roh-Band aus Gips von George Segal. Vom 18. Mai an werden sie in Darmstadt ausgestellt.
Diese Super-Sammlung hatte Makler Kraushar, bei seinem Tode 57 Jahre alt, nur den Besuchern seines Hauses auf Long Island gezeigt. Selbst Einzelstücke, die für internationale Ausstellungen erbeten wurden, lieh er nicht aus. Begründung: Ohne die Pop-Produkte könne er nicht leben.
Gleichzeitig gefiel sich der Geschäftsmann in zynischen Reden über den Warenwert seiner Sammlung. Er malte sich aus, die Kollektion mittels einer dreitägigen Versteigerung abzustoßen, und schwärmte: "Diese Bilder sind wie Aktien." Und wie Aktien konnte er sie nicht mit ins Grab nehmen.
Er hatte sie meist zu günstigen Kursen gekauft. Nach unbefriedigenden Versuchen mit verschiedenen anderen Kunstrichtungen entschied sich Kraushar schon 1963 für den noch wenig geschätzten, preiswerten Pop.
Erst rund drei Jahre später und entsprechend teurer begann auch Karl Ströher, allmählich junge US-Kunst anzuschaffen. Er hatte in früheren Jahren Aquarelle und Zeichnungen deutscher Romantiker bevorzugt. Nach dem Krieg dann, als der Ströhersche Familienbetrieb aus dem sächsischen Plauen in Darmstadt neu begründet wurde und "sofort ein gutes Geschäft" machte (Ströher), besann sich der Freizeitsammler auf die Moderne.
Die zeitgenössische Produktion ermunterte der Industrieherr durch einen 1950 gestifteten "Ströher-Preis für moderne Kunst" (Preisträger unter anderen: Ernst Wilhelm Nay und Fritz Winter) und durch großzügige Ankäufe.
Vornehmlich mit zwölf Gemälden des Franzosen Jean Dubuffet (SPIEGEL 7/1968) tat er einen guten Griff: "Kein Museum Deutschlands", rühmte der Kritiker Will Grohmann, "hat Ähnliches aufzuweisen."
Statt dessen machte Ströher seine (schon vor zwei Jahren auf rund 2000 Stücke angewachsene) private Kollektion dem Publikum zugänglich -- durch Ausstellungen in Museen und einmal wöchentlich in seiner Darmstädter Villa.
Den nach und nach durch Einzelkäufe neuer amerikanischer Bilder weiter modernisierten Kunstbesitz stockte der Sammler kürzlich um eine komplette Avantgarde-Schau auf: Er übernahm eine mit 310 000 Mark versicherte Ausstellung -- Zeichnungen, Skulpturen und Gerätschaft für Aktionen -, die das Museum Mönchengladbach dem Düsseldorfer Neo-Dadaisten und Happenisten Joseph Beuys arrangiert hatte.
Doch eine ungleich größere Kaufchance war dem kunstsinnigen Haarkosmetiker seit dem vorigen November avisiert: Der Darmstädter Kunsthändler und Ströher-Berater Franz Dahlem, 29, brachte aus New York die Nachricht heim, daß die berühmte Kraushar Collection en bbc zum Verkauf anstehe.
Denn am Pop-Nachlaß des Verblichenen ("Ich kaufte nur Bilder, die meine Frau nicht leiden mochte") war die Familie -- Witwe Kraushar mit zwei Söhnen -- nicht mehr interessiert. Ein Kraushar-Geschäftsfreund, mit dem Dahlem zufällig ins Gespräch kam, bot ihm die Sammlung an und versprach, eine Aufstellung der Kunstwerke nachzuschicken.
Doch erst Mitte Februar traf die Liste in Darmstadt ein. Unverzüglich flog Dahlem -- in Ströhers Auftrag und begleitet von seinem besonders pop-kundigen früheren Kompagnon Heiner Friedrich -- erneut nach New York.
Angesichts der erwarteten Bieter-Konkurrenz schien dem Vermittler die eigene Chance gering -- er fühlte sich "wie ein blinder Passagier, der nur einen Lottoschein in der Tasche hat".
Die vage Hoffnung erfüllte sich dennoch. Während -- so Dahlems Vermutung -- New Yorker Händler die Familie warten ließen, um den Preis zu drücken, unterschrieb Ströher, auf Anruf nachgereist, bereits den Kaufvertrag.
Die Transaktion hat er auch als eine "mäzenatische Tat" gemeint: Nach Ausscheidung minderer Stücke will er seine Pop-Erwerbung auf einer Wanderausstellung, die in Darmstadt beginnt, sehen lassen -- und in zwei Jahren dann verschenken.
1970 nämlich, zum 80. Geburtstag des Fabrikanten und zum Isojährigen Jubiläum des Hessischen Landesmuseums in Darmstadt, soll die Kraushar-Kollektion nebst Beuys-Ausstellung und 80 ausgewählten Stücken aus Ströhers früherer Sammlung dem Museum als Stiftung übergeben und in einem neuen Gebäudeflügel aufgestellt werden.
Letzte Woche wurden Ströhers Aktionen unvermutet behindert: Ein Transportarbeiterstreik in New York stellte den für diesen Montag vorgesehenen Europa-Flug der Kraushar-Erbschaft in Frage.

DER SPIEGEL 11/1968
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