18.03.1968

GOLD-SPEKULATIONBarbarisches Metall

Die Deutsche Gold- und Silber-Scheideanstalt (Degussa) in Frankfurt, Deutschlands größte Edelmetall-Schmelze, teilte am Freitagmorgen letzter Woche mit, sie habe den Goldverkauf eingestellt. Zur gleichen Stunde wiesen die Zentralen der deutschen Banken ihre Filialleiter an, kein Barrengold mehr an die Kundschaft auszugeben.
An deutschen Flughäfen konnten amerikanische Touristen und Geschäftsreisende nur noch bis zu 200 Dollar in D-Mark umtauschen. Deutsche Firmen, die versuchten, ihre US-Devisen abzustoßen, erhielten sogar von ihren Hausbanken eine Absage.
Die Dresdner Bank in Bonn erklärte gegen Mittag, sie wisse keinen Kurs für den Dollar mehr. Touristen, die ihre "Greenbacks" gegen Mark tauschen wollten, wurden vertröstet: "Wir geben Ihnen erst mal so viel, wie Sie fürs Wochenende brauchen."
Am Freitag letzter Woche zogen die dunkelsten Stunden für die Leitwährung der westlichen Welt herauf. Der Dollar, dem jahrzehntelang der Glanz einer schöneren Welt anhaftete, wurde an allen Devisenplätzen wie Rupien aus dem Hungerland Indien oder Piaster aus dem verbrannten Vietnam verschmäht.
Die globale Flucht aus dem Dollar in das Gold, die seit Monaten die internationalen Devisenmärkte erschütert, gipfelte in Panik. In London, Zürich und Johannesburg schlossen die Goldbörsen ihre Pforten.
Noch in letzter Minute versuchten Spekulanten in Frankfurt, vorn Dollar auf Gold umzusteigen. Sie boten bis zu 40 Mark je Unze Aufpreis.
Noch nie seit der großen Wirtschaftskrise Anfang der dreißiger Jahre wurde das internationale Währungssystem derart erschüttert. Seit 1934 war als einzige Valuta der Dollar an das "barbarische Metall" (so der britische Währungs-Lord Keynes) gebunden. Durch Gesetz verpflichtete sich das US-Schatzamt, jederzeit eine Unze Feingold (31,1035 Gramm) gegen 35 Dollar herauszurücken.
Eine jahrzehntelange Dollarknappheit in einer von Wirtschaftskrisen und Kriegen ausgepowerten Welt sorgte dafür daß Amerika das Gold nicht ausging. Um die begehrten Hartdevisen zu erhalten, waren alle Notenbanken der Welt bereit, ihr Gold dem US-Schatzamt anzubieten.
Dank der günstigen, nach Kriegsende von Amerika festgesetzten Wechselkurse kauften amerikanische Unternehmen Firmenbeteiligungen in allen Ländern. Bis Ende letzten Jahres investierten US-Konzerne insgesamt 57 Milliarden Dollar im Ausland.
Der Krieg in Vietnam und die globalen Finanzverpflichtungen der auf Anti-Kommunismus eingeschworenen Vereinigten Staaten aber untergruben die goldene Basis des Dollars. Je mehr Amerika seine Leistungskraft strapazierte, desto stärker kehrten sich die Finanzströme um. Seit Anfang der sechziger "Jahre schickten Europas Notenbankiers nicht mehr Gold, sondern präsentierten Dollar und verlangten Gold zum amtlichen Kurs.
Um Amerikas Währung vor den Käufen internationaler Spekulanten zu schützen, hatten 1961 acht führende Industrieländer der Welt in London einen Notfonds eingerichtet*. Ihre Mitglieder beschickten die Kasse nach einem festgesetzten Quotensystem mit insgesamt 1,08 Milliarden Mark Gold (Bundesrepublik: 119 Millionen Mark). Sobald der Vorrat zur Neige ging, mußten die Goldkonsorten entsprechend ihrer Quote Metall nachschieben.
Das System des Goldpools freilich funktionierte nur so lange, wie sich seine Mitglieder einig waren. Als erster scherte Frankreich aus. Charles de Gaulle beschloß, die Grande Nation
·Belgien, Bundesrepublik, Frankreich, Großbritannien, Italien, Niederlande, Schweiz, Vereinigte Staaten.
zu vergolden, und wurde der Welt gefährlichster Edelmetall-Spekulant.
Im Juni letzten Jahres ließ er Washington wissen, die amerikanische Intervention in Vietnam mache es ihm unmöglich, über den Londoner Goldfool weiterhin den Dollar zu stützen.
Seither setzte die Spekulation in aller Welt mit voller Schärfe ein. Allein im vergangenen Jahr mußte Amerika seinen Goldhort in Fort Knox um Barren im Wert von mehr als vier Milliarden Mark erleichtern. Bis Donnerstag letzter Woche leerte sich die einst bis oben hin gefüllte Betonburg bis auf einen Rest von elf Milliarden Dollar Gold. Von diesem Vorrat war nur noch eine halbe Milliarde Dollar frei verfügbar. Der Rest diente als gesetzliche Währungsreserve: Ein Viertel aller umlaufenden Dollarnoten mußte durch Gold gedeckt sein (Viertel-Deckung).
Alle Beschwichtigungen der amerikanischen Regierung und der noch im Goldpool verbliebenen europäischen Staaten, am Fixpreis von 35 Dollar je Unze Feingold festzuhalten, fruchteten aber nichts mehr. Die internatiotiale Spekulation rechnet seit langem mit einer Erhöhung des Goldpreises. Zudem argwöhnen die Händler, Amerika werde den unbegrenzten Goldexport in alle Welt durch ein Embargo stoppen.
So wurden allein am vergangenen Donnerstag in London 225 Tonnen Gold von Spekulanten aufgekauft. Der amtliche Dollarkurs fiel bis fast auf den untersten sogenannten Interventionspunkt, bei dem alle Pool-Partner unbegrenzt Dollar gegen Gold oder harte Devisen aufkaufen müssen.
Goldfieber und Dollarpanik griffen an allen europäischen Börsenplätzen um sich. Die Bundesbank in Frankfurt beispielsweise kaufte am Donnerstag letzter Woche für mehrere hundert Millionen Mark Dollar am deutschen Devisenmarkt auf, um den Kurs zu stützen. Die Frankfurter Devisenbörse schloß mit dem niedrigsten Kurs seit Jahrzehnten: 3,975 Mark je Dollar.
Die Spekulation riß das gerade erst abgewertete Pfund Sterling mit sich. Die italienische Regierung teilte Washington mit, sie könne am Londoner Goldmarkt nur noch dann weiterhin Dollarhilfe leisten, wenn die USA ihr die Verluste später ersetzten.
Am Donnerstagabend begann in Londons Downing Street Nummer 10, dem Sitz des britischen Premiers Wilson, der Fernschreiber zu ticken. Amerikas Präsident Lyndon Johnson bat, für den folgenden Tag den Londoner Goldmarkt zu sperren. Die Vereinigten Staaten waren mit ihrem Gold am Ende und erhöhten drastisch die Kreditzinsen. Zur gleichen Zeit hob der US-Senat die Viertel-Golddeckung auf. Damit verschaffte er dem amerikanischen Schatzamt die letzte Möglichkeit, seine gesetzliche Pflicht zu erfüllen und Gold für Dollar zu geben.
Um ein Uhr nachts verfügte Königin Elizabeth 11. die Goldsperre. Weil Wilson seinen Außenminister George Brown nicht rechtzeitig informierte, trat Brown am Freitag zurück.
Der Appell aus Washington war für Paris das Signal, die Spekulation noch weiter anzufachen. An der amtlichen Pariser Goldbörse wurde der von Amerika verfügte Festpreis freigegeben. Binnen Stunden schossen die Notierungen von 35 Dollar je Unze Feingold auf 44,36 Dollar hoch. Damit ist der Grundpfeiler der US-Währungspolitik, der seit 34 Jahren unveränderte Dollar-Gold-Kurs, geborsten.
Am Freitagnachmittag um 13.30 Uhr bestieg Deutschlands Notenbankpräsident Karl Blessing die Boeing 707 des planmäßigen Lufthansa-Flugs 404 nach New York. Er folgte einer Blitzeinladung seines amerikanischen Kollegen William McChesney Martin. Wie Blessing eilten am Wochenende sämtliche Mitglieder des Goldpools nach Amerika, um die größte Währungskrise seit 1831 zu meistern.
Die Nachricht von dem Dollar-Desaster erreichte Deutschlands Bankinstitute bei Schalteröffnung am Freitag um 8.30 Uhr. Zunächst stoppten die Geldwechsler den Verkauf von Barrengold. Die Filialen der Dresdner Bank in Hamburg erhielten außerdem Anweisung, nur bis zu 1000 Mark Goldmünzen je Kunde auszugeben. Vormittags um zehn Uhr kürzte die Bank das Kopfgold auf eine Münze.
Die Frankfurter Zentrale der Deutschen Bank ordnete Freitag mittag an, sie werde vorerst höchstens 25 Dollar in Mark eintauschen. Auch die Bank für Gemeinwirtschaft nahm ihren Kunden maximal 25 Dollar ab, "aus Gefälligkeit". Die Commerzbank hatte am Vormittag ein Limit von 120 Dollar festgesetzt, nachmittags ging einige Stunden lang überhaupt nichts mehr.

DER SPIEGEL 12/1968
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