18.03.1968

ERSTER WELTKRIEG / ZUSAMMENBRUCHKrümel in der Hand

Einen Tag vor der letzten großen Schlacht des Ersten Weltkriegs schöpfte General Erich Ludendorff, des Kaisers berühmtester Feldherr, Zuversicht aus der Losung der Herrnhuter Brüdergemeinde, 5. Buch Mose, 7. Kapitel, Vers 6: "Du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind."
Beim Mittagessen im vorgeschobenen Gefechtsstand zu Avesnes erläuterte der Preuße aus Posen seinem Tischnachbarn Oberst von Tieschowitz das pietistische Orakel. Erlöst fragte er dann: "Können wir nun der morgen beginnenden Offensive nicht mit Vertrauen entgegensehen?"
Die Offensive (Deckname: "Michael"> begann am 21. März 1918, vor genau 50 Jahren. Der bis dahin mächtigste Angriff der Militärgeschichte sollte den Weltkrieg für das Volk entscheiden, das Ludendorff dem Herrn heilig wähnte. Nach über dreieinhalb Jahren zermürbenden Grabenkampfes im Westen traten deutsche Soldaten zum erstenmal wieder an zum Sturm.
Um 4.40 Uhr eröffneten 4010 Feldgeschütze, 2598 schwere Kanonen und 3534 Minenwerfer das Feuer auf die französischen und britischen Stellungen zwischen Barisis und Armentières. Todbringende Schwaden senkten sich auf Feindesland: Die Artillerie schoß Giftgas.
Sprenggranaten und Minen schlugen "in parallelen, 4,50 Meter voneinander entfernten Linien ein", wie die "Britische Offizielle Geschichtsschreibung" später feststellte, "wobei sich die Ränder der Granattrichter fast berührten". Ein britischer Offizier schreckte aus dem Schlaf hoch "in dem Bewußtsein eines anhaltenden und beinahe melodischen Getöses, das von einer Intensität war, als tanzten hundert Teufel in meinem Hirn".
Fünf Stunden lang tanzten die Teufel des Trommelfeuers, dann stürmten 68 Divisionen der 2., 17. und 18. Armee mit rund 800 000 Mann auf einem Angriffsstreifen von nur 76 Kilometern die feindlichen Stellungen -- "auf jeden Meter Breite", so berichtete Schriftsteller Rudolph Stratz, "wohl ein halbes Dutzend Krieger hintereinander gestaffelt".
"Der deutsche Mann im Sturmhut" entstieg "mit seinem ganzen mächtigen Zorne dem Schützengraben", dröhnte Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, Chef der Obersten Heeresleitung (OHL). Und Patriot Stratz überlieferte der Nachwelt: "Ein feldgraues Volk in Waffen. Ein finsterer Kriegswille, der mit zusammengebissenen Zähnen auf das erlösende "Kartoffelsupp! Kartoffelsupp!" -- das Hornsignal "Geht langsam vor' -- wartete."
An diesem Morgen, an dem dichter Nebel wie Kartoffelsupp' über dem Schlachtfeld hing, trat General Ludendorff vor seinen Gefechtsstand. Eingehüllt in einen langen Umhang, auf dem runden Kopf die Pickelhaube, an der Seite den Degen, beobachtete er den Flug der Granaten, die über ihn hinweg zum Gegner zischten: "Es war jetzt nichts mehr aufzuhalten. Alles mußte seinen Gang nehmen."
"Deutschlands letzte Kraft" war, wie der britische Historiker Correlli Barnett urteilte, an diesem Tage "in die Kontraktion eines einzigen Muskels investiert". Zum erstenmal seit Kriegsbeginn waren die Deutschen den Engländern und Franzosen zahlenmäßig überlegen. Es standen mehr Divisionen, Artillerie und Kriegsmaterial zur Verfügung als 1914 -- "wenn es auch nicht die Truppen von 1914 waren", so Ludendorff, "sondern nur eine Art Miliz mit großer Kriegserfahrung".
Es war ein schierer Kraftakt, nicht Kriegskunst à la Clausewitz. Es war, was Frankreichs Marschall Foch einmal die "Büffel-Strategie" genannt hat: Immer feste druff. Ludendorff: "Wir hauen einfach ein Loch. Das weitere findet sich."
Schon am ersten Tag zerfetzte die deutsche Kanonade die englischen Telephonverbindungen, so daß die gegnerische Artillerie das Feuer kaum erwidern konnte. Deutsche Landser durchbrachen überall die vordersten Feind-Linien. Die Briten verloren mehr als ein Viertel der angegriffenen Divisionen.
Frontoffizier Gerhard Ritter, damals beim Sturmangriff dabei, später einer der angesehensten deutschen Historiker, wunderte sich zwar angesichts der "seelisch verbrauchten Mannschaften" und der "klapperdürren Gäule": "Sollte es wirklich möglich sein ... die französisch-britische Armee im Totalsieg zu "vernichten"?"
Kaiser Wilhelm fragte gar nicht erst, er feierte gleich. Als er am 23. März, dem dritten Angriffstag" von einer Frontvisite in sein Hauptquartier zu Spa zurückkehrte, rief er den angetretenen Gardesoldaten zu: "Die Schlacht ist gewonnen, die Engländer sind völlig geschlagen worden!" Majestät ließ Champagner kommen.
Am 25. März, dem fünften Angriffstag, befahl der Monarch, "anläßlich des Sieges bei Monchy-Cambray-St. Quentin-La Fère zu flaggen und Viktoria zu schießen", Am 26. März, dem sechsten Angriffstag, sprach Wilhelm II. wie "Wilhelm der Große": "Wenn jetzt ein englischer Parlamentär kommt, um den Frieden zu erbitten, so muß er erst vor der Kaiserstandarte niederknien."
Es war Ludendorffs Schlacht, die der Kaiser schon gewonnen glaubte. Wie vor ihm nur absolute Monarchen und nach ihm nur der Gef reite Adolf Hitler schaltete der rastlose General -- seit Ende 1916 offiziell Erster Generalquartiermeister, faktisch jedoch Oberbefehlshaber -- jeden Knopf und Kopf der Kriegsmaschinerie. Kommandierende Generale schloß er von der operativen Planung aus, Armeeführer herrschte er mit Fistelstimme an: "Warum haben Sie sich gestern zwei Divisionen kaputtschlagen lassen?"
Seinen Vorgesetzten, den greisen Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, mit dem zusammen er 1914 bei Tannenberg die Russen geschlagen und legendären Ruhm errungen hatte, machte er machtlos. Einmal rühmte er sich: "Ich habe den Ruhm Hindenburgs geschaffen."
Wenn der Erste Generalquartiermeister dem Oberbefehlshaber -- der sich stets früh schlafen legte und mit Vorliebe auf Gemälden, die patriotische Maler von ihm gefertigt hatten, den Sitz der Knöpfe überprüfte -- seine Entscheidungen vortrug, wiegte der Marschall seinen grauen Kopf und murmelte: "Gott helfe uns."
Und wie Ludendorff 1918 die letzte Schlacht bestimmte, beherrschte die Schlacht ihn. Alles Widersprüchliche, das diesem großgewachsenen Preußen mit unproportioniert kurzen Beinen eigen war -- feierlich-steifes Gehabe und hysterische Erregung, prometheisches Selbstverständnis und weinerliche Selbstbemitleidung ("Keines Menschen Los war so hart wie das meine"), militärische Begabung und strategisches Unvermögen -, offenbarte sich in diesen Tagen der Entscheidung.
Spätestens seit dieser Schlacht ist Ludendorff, der verklemmt genialische Militär aus einfachem Preußen-Hause, den einen eine von Tragik umgebene "wahrhaft schöne germanische Heldengestalt" (Generalmajor Albrecht von Thaer), den anderen ein "Militarist in Reinkultur" (Historiker Ritter) oder der "bedeutendste Kriegsverlierer" (SPD -- Ministerpräsident Philipp Scheidemann). Und der Welt erscheint der Mann, der sich stets für einen guten Deutschen hielt, eher als die Verkörperung des häßlichen Deutschen: verkrampft-völkisch, sensibelbrutal, heldisch-primitiv.
Er ernannte sich selber zum Feldherrn, weil der Kaiser ihn nicht zum Generalfeldmarschall machen wollte, und verglich sich -- als er sich bei Kriegsende nach Schweden absetzte -- gern mit Hannibal. Unerschrocken ging er im Kriege in der ersten Linie vorwärts; aufrecht marschierte er 1923 auf die Feldherrnhalle -- selbst dann, als Schüsse und Knüppel die Putschisten auseinandertrieben.
Doch deutsche Militärs bezeugen, wie hilflos er mitunter vor dem Kartentisch hockte -- mal erregt und überzeugend, mal in sich gekehrt und zweifelnd, mal zerrüttet und deprimiert. Er war gerührt, als ihm sein Bursche ein Pfund Honig schenkte, und mitunter war er von so krampfiger Starre, daß der Ludendorff-Maler Hugo Vogel empfand: "Vor dem General kann man Jänsehaut kriegen." Er überschätzte sich so maßlos, daß er später nach einem Kropf-Eingriff den Operationstisch des Chirurgen Sauerbruch mit den Worten verließ: "Wenn Sie diese Operation vor vielen Jahren vorgenommen hätten, dann hätten wir den Krieg gewonnen."
Ludendorff war zweimal verheiratet -zuerst mit der geschiedenen Kaufmannsfrau Margarethe Pernet, die das Wort überlieferte: "Wer Ludendorff kennt, weiß, daß Humor ihm unendlich fern liegt"; zum zweitenmal mit der überspannten Nervenärztin Dr. Mathilde von Kemnitz, die einer antisemitischen Herrenmenschen-Philosophie anhing und noch nach dem Zweiten Weltkrieg die zerklüftete deutsche Seelenlandschaft mit ihrer okkulten "Gotteserkenntnis (L)" zu bereichern suchte.
Die neue Erkenntnis von Mathilde -- in den Augen Hitlers ein "hysterisches Frauenzimmer" -- umschrieb Gatte Ludendorff einmal so: "Sie zeigte das Wirken der Volksseele -- d. h. des Rasseerbgutes im Unterbewußtsein, wie es Gott erlebt und dem Göttlichen gegenübersteht mit den Charaktereigenschaften der Rasse -- in den einzelnen Volkskindern und wie sie in rassereinen Völkern, aber selbst noch in rassegemischten, deren Hüterin werden kann."
In solches Gefasel mündete die seelische Entwicklung eines Preußen aus Kruszewnia in der Provinz Posen, dessen Jungentraum es einmal gewesen war, Konditor zu werden. Doch er wurde mit zwölf Jahren Kadett, dem nachts vor Heimweh oft "viele Tränen" kamen, war mit 17 Leutnant, mit 29 Jahren Hauptmann im Generalstab -- die übliche Karriere eines Soldaten, mit üblicher Abwechslung ("flotter Leutnant", "guter Tänzer"), mit üblichen Entbehrungen. Als Ludendorff noch Leutnant war, aß er zu Abend "ein oder zwei Mainzer Käse, Brot und Butter und dazu ein Glas Bier"; erst als er zum Oberleutnant aufrückte, leistete er sich zusätzlich ein Stück Wurst.
Er dachte deutsch, fühlte deutsch und schrieb schließlich "Deutsch" nur noch mit großem Anfangsbuchstaben ("Deutsche Rasse", "Deutsches Volk"). Schon als Kind bewegte er sich inmitten vaterländischer Staffage. Der Vater -- erst Gutspächter, dann, nach dem Bankrott, Hagelversicherungsagent -- war 1866 gegen die Österreicher und 1870/71 gegen die Franzosen dabeigewesen. Das Arbeitszimmer des Rittmeisters der Reserve war drapiert mit Kriegstrophäen und Symbolen: drei Säbeln, einer
Mitrailleusen-Kartusche, einem Stück Tapete aus dem Schloß Bellevue bei Sedan, in dem 1870 Napoleon III. dem siegreichen Wilhelm I. seinen Degen
übergeben hatte, und Gipsbüsten aller Preußen-Könige.
Die Symbole seiner Jugend nahm Ludendorff mit hinüber in die Vorstellungswelt des gereiften Mannes, die immer stärker germanisch-depressive Züge annahm. Je älter Ludendorff wurde, desto stärker litt er unter dem Wahn, "überstaatliche Mächte"
vor allem Juden, Jesuiten und Freimaurer -- trachteten danach, alles Deutsche zu knechten und zu knebeln. Die Weltgeschichte reduzierte sich für ihn auf das Werk von Verschwörern; so war Josef Stalin für ihn ein Geheimagent des Dalai Lama.
Offen ist, ob Ludendorff -- was Mediziner immerhin erörtert haben -- nervenkrank gewesen sei. Sicher ist. daß er zu den großen Deutschen gehörte, die Deutschland klein gemacht haben. Die Spanne seines Lebens (1865 bis 1937) reicht vom Kaiserreich, dem er keinen Frieden gönnte, über die Republik von Weimar, gegen die er -- Marsch auf die Feldherrnhalle 1923 -- putschte, bis zum Dritten Reich, das er mit machte und dann doch nicht mochte.
Und obwohl er Hitler verachtete (Ludendorff 1933 an Hindenburg: "Ich prophezeie Ihnen ..., daß dieser Mann unser Reich in den Abgrund stürzen und unsere Nation in unfaßbares Elend bringen wird"), gibt es in der Krankengeschichte der neueren deutschen Historie kaum zwei Gestalten, die einander so ähneln wie der General aus Posen und der Gefreite aus Böhmen.
Ludendorff wie Hitler verschmähten die Defensive und predigten Angriff, Durchbruch, Vernichtung. Ludendorff 1918: "Keinen Fußbreit Bodens ohne zähen Kampf aufgeben." Hitler 1941: "Halten und kämpfen bis zum äußersten, keinen Schritt freiwillig zurückgehen." Ludendorff forderte: "Wir müssen unsere Nerven zehn Minuten länger als unsere Feinde bewahren. Hitler verkündete: "Wir kämpfen bis fünf nach zwölf."
Wie Hitler befahl Ludendorff, aufgegebenes Feindland zu zerstören ("Verbrannte Erde"), und gleich Hitler, der einmal befunden hatte: "Wenn das deutsche Volk in diesem Kampf unterliegt, dann ..., ist es zum Untergang bestimmt", formulierte Ludendorff: "Das deutsche Reich soll lieber zugrunde gehen, als daß es einen Verzichtsfrieden unterschreibt."
Wie Hitler verbreitete er die Dolchstoßlegende ("Die deutsche Armee ist von hinten erdolcht worden"). Wie Hitler plagte ihn der Wahn, Juden, Freimaurer und Jesuiten ("Höllische * Mit Ludendorffs Mutter.
Dreieinigkeit") seien der Deutschen Verderbnis.
Im Unglück glaubten beide an Wunder. Ludendorff wähnte den Sieg zum Greifen nahe, als er die -- falsche -- Meldung erhielt, unter französischen Soldaten sei die Lungenpest ausgebrochen. ("Ich habe mich an diese Nachricht geklammert wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm.") Hitler sah Vorsehung walten, als Amerikas Präsident Franklin D. Roosevelt starb.
Frappierende Geistesverwandtschaft verband die Ungleichen, den Gefreiten und den General -- der eine inzüchtiger Sproß eines österreichischen Häuslers, der andere abkünftig vom Schwedenkönig Gustav Wasa (1523 bis 1560); der eine zu Beginn des Ersten Weltkriegs namenloser Infanterist, der andere aufstrebender Karrierist im Range eines Generalmajors und Brigadekommandeurs in Straßburg.
Dort diente Ludendorff, als er vorübergehend aus dem Generalstab ausscheiden mußte (weil er als Sektionschef in der 2. Aufmarschabteilung entgegen der Meinung des Kriegsministeriums für eine drastische Erhöhung der Mannschaftsstärke eintrat).
Dort erreichte ihn am 31. Juli 1914 eine Botschaft des Generalstabs, die zwei Buchstaben enthielt: "D. K." -- "Drohende Kriegsgefahr". Ludendorff stieß zum Oberbefehlshaber der 2. Armee, Generaloberst Karl von Bülow, der -- zusammen mit vier anderen Armeeführern -- Schlieffens legendären "rechten Flügel" stark machen sollte. "Ich sehne mich nach Mannesarbeit", schrieb Generalmajor Ludendorff an sein "Herzensweib". Sie wurde ihm zuteil. Am ersten Kriegstag drang er in Feindesland ein. Er hatte kein Truppenkommando, sondern sollte den Sturm auf die von 20 000 belgischen Soldaten besetzte und mit 400 Kanonen bestückte Festung Lüttich überwachen, den er vor Jahren am Kartentisch im Großen Generalstab mitgeplant hatte. Ludendorff : S, Meine liebste Erinnerung."
Am zweiten Kriegstag erhielt der Generalmajor seine Feuertaufe in der Nähe des belgischen Dorfes Vis. Ludendorff: "Das Erheben im Feuer ist eine große Tat.
Am dritten Kriegstag setzte er sich an die Spitze der 14. Infanterie-Brigade, deren Vormarsch ins Stocken geraten war. Ludendorff, der an die Stelle des gefallenen Generals Wussow getreten war: "Ich mußte oft die Mannschaften, die nur zögernd vorgingen, ermahnen, mich nicht allein gehen zu lassen."
Am vierten Tag des 1563 Tage währenden Ersten Weltkrieges ging Ludendorff allein und verdiente sich den Pour le mérite -- durch ein Mißverständnis: In der Annahme, die Zitadelle der Festung Lüttich sei bereits in deutscher Hand, ließ er sich vorfahren und pochte mit dem Degen an das schwere Eisentor. Als ihm ein belgischer Soldat öffnete, forderte der preußische Offizier kurzerhand die Kapitulation. Ludendorff: "Die paar hundert Belgier ergaben sich."
Nach dem Fall der Festung Lüttich erhielt Ludendorff Order, im Osten auszuhelfen, wo der deutschen 13. Armee in Ostpreußen eine vernichtende Niederlage drohte. Generaloberst Helmuth von Moltke, dem bei Kriegsausbruch die Tränen gekommen waren, befahl: "Vielleicht retten Sie im Osten noch die Lage."
* Zeitgenössisches Gemälde von Taepper.
Am 22. August 1914 übernahm Hindenburg den Oberbefehl über die 8. Armee; Ludendorff, mittlerweile Generalleutnant, wurde sein Generalstabschef. Beide lösten den Generalobersten Max von Prittwitz und Gaffron ab, der in Ungnade gefallen war, als er vorübergehend plante, seine Streitkräfte hinter die Weichsel zurückzuführen und Ostpreußen preiszugeben.
Als Hindenburg und Ludendorff in ihrem Hauptquartier zu Marienburg ankamen (Ludendorff: "Der Empfang war sehr frostig"), stand die 246 000 Mann starke russische 1. Armee unter dem baltischen General Paul Edler von Rennenkampf 30 Kilometer vor Königsberg. Vom Süden rückte General Alexander W. Samsonows 2. Armee mit 289 000 Mann an (siehe Karte Seite 59).
Die deutschen Verteidiger, darunter schnell ausgehobene Reservisten und ergraute Landwehr-Männer, zählten dagegen nur 210 000 Krieger -- jede der beiden Russen-Armeen war ihnen überlegen. Die Russen standen, so schien es, vor einem der größten Siege der Weltgeschichte. Ludendorff: "Rennenkampf brauchte nur anzutreten, und wir waren geschlagen."
Daß es nicht dazu kam, daß vielmehr die unterlegenen Deutschen zuerst Samsonows Armee in der Nähe Tannenbergs, sodann Rennekampfs Armee an den Masurischen Seen besiegten, war keineswegs nur -- wie die Legende noch heute will -- der überlegenen Feldherrnkunst Ludendorffs ("Als ich die Schlacht bei Tannenberg gewann") zuzuschreiben, Großen Anteil hatte auch der heute vergessene, ebenso zynische wie kluge Oberstleutnant Max Hoffmann, Generalstabschef der 8. Armee. Er hatte die Angriffspläne bereits fertig, als Ludendorff im Osten eintraf, und die ersten Divisionen marschierten schon gegen Samsonows Streitmacht.
Überdies spielten bei dem nach Cannae (216 vor Christus> und vor Stalingrad (1943 nach Christus) größten Kriegsereignis bis heute rätselhafte Fehler des Gegners, Zufälle und Eifersüchteleien eine bedeutsame Rolle.
Während Samsonows Armee im Eilmarsch nach Norden preschte, um die Deutschen im Rücken zu fassen, legte Rennenkampf eine 60stündige Marschpause ein, für die es plausible militärische Gründe nicht gab, offenbar aber persönliche:
Seit der Schlacht von Liaojang im Russisch-Japanischen Krieg 1904/5 lagen Rennenkampf und Samsonow in erbitterter Fehde und sprachen kein Wort miteinander -- was Oberstleutnant Hoffmann, damals militärischer Beobachter auf dem fernöstlichen Kriegsschauplatz, wußte und einkalkulierte. Überdiese fingen Hoffmanns Funker die von russischen Armee-Chefs unvorsichtigerweise in Klartext abgesetzten Funksprüche auf, die Aufschluß über die russischen Bewegungen gaben. Hoffmann: "Dieser Leichtsinn bat uns die Kriegführung im Osten,.. in manchen Lagen überhaupt nur möglich gemacht."
Am 25. August erließ Lüdendorff seine Direktiven für den Angriff gegen Samsonows Streitmacht. Als er gerade diktierte, der Hauptschlag solle hei Frögenau geführt werden, unterbrach ihn Hoffmann. Der Oberstleutnant schlug vor, eingedenk historischer Reminiszenzen, Frögenau durch Tannenberg zu ersetzen, wo 1410 der Deutsche Ritterorden von Litauern und Polen geschlagen worden war.
Am Vorabend der Schlacht saß Ludendorff im Kasino, zerbröckelte Brot und formte die Krümel mit beiden Händen zu kleinen Kügelchen. Sein Stab wußte, was das bedeutete: Rollte der General Brotkügelchen langsam mit einer Hand, dachte er nach; tat er es schnell mit einer Hand, machte er sich Sorgen; formte er Brotkügelchen wie jetzt mit beiden Händen, drohten seine Nerven zu versagen.
Am 30. August erfochten Ludendorffs Landser bei Tannenberg den größten Sieg des Ersten Weltkrieges. Samsonows Armee, durch den Eilmarsch sträflich auseinandergezogen und in der irrigen Annahme, die Deutschen befänden sich auf dem Rückzug hinter die Weichsel, rannte frontal gegen die deutschen Stellungen an. Weit über 100 000 Russen wurden getötet oder gefangengenommen. Samsonow erschoß sich, als er die Niederlage erkannte. Der Balte Rennenkampf rührte sich nicht.
Die Helden von Tannenberg -- Hindenburg und Ludendorff -- knieten in der Kirche des ostpreußischen Allensteins nieder und dankten "dem Allmächtigen Gott" für den großen Sieg. Die feldgraue Gemeinde sang: "Ein feste Burg ist unser Gott", und im Reich läuteten die Glocken. Zwei Wochen danach schlugen Hindenburg und Ludendorff dann Rennenkampfs Russen und vertrieben sie aus Ostpreußen.
Doch im Westen war Gefahr im Verzuge. Schlieffens gigantische Flügelschwenkung blieb Mitte September vor der Marne stecken. Die Landser gruben sich ein. Sie krochen nur noch einmal aus ihren Löchern heraus, um gegen Verdun anzurennen -- ohne es nehmen zu sollen. General Erich von Falkenhayn, damals OHL-Chef, hatte die sogenannte -- völlig unpreußische -- Ermattungsstrategie erdacht, um die Franzosen auszubluten.
Als dann vor der Feste an der Maas 336 831 Landser Leben oder Knochen ließen, rief der Kaiser Hindenburg und Ludendorff zu Hilfe. Ludendorff hatte seit langem gefordert, die Division statt ins Stahlbad vor Verdun nach Rußland zu schicken.
Am 29. August 1916 meldete sich das Feldherrn-Paar im kaiserlichen Hauptquartier in Pleß zum Rapport. Wilhelm II. übertrug ihm die Oberste Heeresleitung. Hindenburg wurde Chef des Generalstabs, Ludendorff sollte Zweiter Generalstabschef werden -- was der General ablehnte. Er wollte auch Erster sein und wählte so den Titel "Erster Generaiquartiermeister".
Als Falkenhayn ging, weinte der Kaiser. Der abgesetzte OHL-Chef reichte Hindenburg die Hand und sagte: "Gott helfe Ihnen und unserem Vaterland." Ludendorff, seinen wirklichen Nachfolger, beachtete er nicht.
Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg kommentierte den Wechsel: "Mit Falkenhayn haben wir den Krieg militärisch verloren, und mit Ludendorff verlieren wir ihn politisch."
Ein Jahr später mußte der Kanzler auf Betreiben Ludendurffs gehen. Und nun gab es "kaum eine Frage der Politik, in der Ludendorff ... nicht allein die Mitwirkung, sondern auch die Entscheidung verlangte" (Bethmann). Der General setzte das Hilfsdienstpflichtalter auf 15 Jahre herab und bekämpfte "staatsfeindliche Kreise". Er schickte Frauen in die Munitionsfabriken und versechsfachte den Ausstoß von Maschinengewehren. Er startete Aktionen gegen die Geschlechtskrankheit und deportierte belgische Zwangsarbeiter zur Fron ins Reich.
Wilhelm 11. wurde von seinem General, wie der Chef des kaiserlichen Marinekabinetts, Admiral Georg Alexander von Müller, bezeugte, "geradezu gepeinigt". Der Monarch schwor: "Ich werde ihm nie wieder die Hand geben" und war "überhaupt ganz außer sich" -- doch er ließ ihn gewähren. Ludendort! setzte, zusammen mit dem Admiralstab, den uneingeschränkten U-Boot-Krieg durch -- eine verhängnisvolle Entscheidung, die Amerika gegen Deutschland in den Krieg trieb. Ludendorff bekümmerte das ebensowenig wie 24 Jahre danach Hitler. Er folgerte lediglich·. "Unsere allgemeine Lage erfordert, daß wir zum frühest möglichen Zeitpunkt zuschlagen ... ehe die Amerikaner starke Kräfte in die Waagschale werfen."
Doch bevor er zuschlug, fixierte er -- wiederum wie Hitler -- Macht und Grenzen des siegreichen Deutschlands.
So plante er die Annexion Belgiens. Hollands und Luxemburgs; Frankreich sollte Kohlengruben und Grenzgebiete herausrücken. in Indochina wollte er Handelsplätze, in Afrika ein mächtiges Kolonialreich, an den Küsten des Atlantischen und Indischen Ozeans starke Stützpunkte.
Entlang der deutschen Ostgrenze wollte er einen germanischen "Schutzwall deutschen Volkstums" gegen die Slawen errichten. Auf der Krim -- wo nach Hitlers Willen Südtiroler angesiedelt werden sollten -- erträumte sich Ludendorff eine deutsche Kolonie. Später projektierte er dort einen deutschen Vasallenstaat, bewohnt von den Kosaken von Don, Wolga und Kuban und den Bergvölkern des Kaukasusgebietes. Die baltischen Staaten wollte er dem Reich zuschlagen, um "Zuchtstätten für Menschen zu gewinnen, die für weitere Kämpfe nach Osten nötig sind".
Erst trat er für ein unabhängiges Polen ein, weil er sich davon frische Divisionen versprach. Doch als sich nur 370 Freiwillige meldeten -- 350 waren Juden, die er nicht mochte und nach Amerika abschieben wollte -, drohte er: "Dann kommt eben die vierte Teilung Polens."
Dann verwirkte er 1918, vor der Entscheidungsschlacht in Frankreich, die Chance, genügend eigene Divisionen aus dem Osten nach dem Westen zu verlegen, als er den Sowjet-Russen in Brest-Litowsk einen Gewaltfrieden diktieren ließ. "Was ihn ... antrieb", so Historiker Gerhard Ritter, "war zuletzt nichts anderes als das schlicht soldatische (um nicht zu sagen: primitive) Bedürfnis, den einmal geschlagenen Gegner ... unschädlich für alle Zukunft zu machen."
Rußland verlor in Brest-Litowsk ein Drittel seiner Einwohner und seines Ackerlandes, die Hälfte seiner Industrie, neun Zehntel seiner Kohlengruben und fast die gesamte Ölproduktion.
Der Frieden wurde am 22. März 1918 vom Deutschen Reichstag ratifiziert. Doch die "Stimmung war flau" im kaiserlichen Salonwagen, der in der Nähe des Ludendorff-Quartiers auf ein Abstellgleis rangiert worden war. Es wurde schon, wie von Müller berichtete, "mit einem Steckenbleiben der Offensive gerechnet" -- die erst einen Tag zuvor im Westen begonnen hatte und den Endsieg bringen sollte.
Tatsächlich zeichnete sich bereits am ersten Angriffstag eine Krise ab: Der bravourose Anfangserfolg war an der falschen Stelle erzielt worden.
Am Morgen des 21. März hatte Frontsoldat Julius Marx noch in sein Tagebuch geschrieben: "In südwestlicher Richtung donnert die Front -- hastiges, dumpfes Rumoren -- endloser Trommelwirbel", doch am Abend fügte er hinzu:" Auf unserem Flügel geht es sehr langsam vorwärts. Das ist übel. Wenn der Vormarsch nicht richtig einsetzt, dann sind die Aussichten für einen Durchbruch gering."
Nun begann, wie der Brite Barnett urteilt, "ein Hasardspiel unter akutem Zeitdruck". Ludendorffs Befehle "reflektieren ... brennende geistige Ruhelosigkeit".
Ludendorff befahl den Durchbruch in der Mitte der britischen Front, in Richtung auf die stark verteidigten Städte Arras und Albert, statt an den Flügeln anzugreifen. Fachkundige Offiziere hatten ihn davor gewarnt, und sogar er selber gab ein Jahr später immerhin zu: "Der mittlere Angriff ging scheinbar sehr ins Weite."
Die Angriffs-Divisionen waren in der Heeresgruppe Rupprechts von * Britische Karikatur, 1917.
Bayern konzentriert. Ludendorff schwächte jedoch ihre ohnehin unzureichende Stoßkraft, indem er die 18. Armee ausgliederte und der benachbarten Heeresgruppe Deutscher Kronprinz unterstellte. Dazu Rupprecht: "Militärisch betrachtet ist die Abtrennung der 18. Armee von meiner Heeresgruppe durchaus unzweckmäßig."
Und dieser 18. Armee, die bei der Michael-Offensive lediglich Unterstutzungsangriffe ausführen und den Flankenschutz übernehmen sollte, teilte Ludendorff sechs Angriffsdivisionen mehr zu als der 17. Armee, die in der Mitte die Hauptlast zu tragen hatte. Ihr Auftrag war, den Frontbogen bei Cambrai abzuschneiden (siehe Karte Seite 62).
Die schwächere 17. Armee stand etwa gleich starken feindlichen Streitkräften gegenüber, während die stärkere 18. Armee auf einen weit schwächeren Gegner stieß.
Ludendorff beging zudem Fehler bei der Einteilung leitender Offiziere:
> Der 17. Armee gab Ludendorff trotz ihrer viel größeren Aufgabe nur ebensoviel Feuerkraft wie der 18. Armee, zudem blieb der Artillerie-Spezialist Oberst Bruchmüller bei der 18. Armee.
> An der Spitze der 17. Armee ließ Ludendorff den General von Below, obwohl Oberbefehlshaber der 18. Armee der General von Hutier war -- jener General, dessen Durchbruch bei Riga 1917 das Modell für die Michael-Offensive 1918 abgab.
Die 17. Armee, die den Durchbruch erkämpfen, sollte, blieb gegen Abend mit hohen Verlusten stecken, während allein Hutiers 18. Armee ihre Angriffsziele nehmen konnte.
Dazu Ludendorff ein Jahr nach der Schlacht: "Die Lage bei der 17. Armee hatte zur Folge, daß es nicht gelang, den Feind im Cambrai-Bogen abzuschnüren ... So konnte die Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht ... nicht derart Gelände gewinnen, wie es im Grundgedanken der Schlacht lag." Zwei
* Bei der Ankunft zu den Friedensverhandlungen.
Tage später, am 23. März, als der Kaiser in seinem Hauptquartier in Spa Sekt auffahren ließ, verpaßte General Ludendorff in seinem vorgeschobenen Gefechtsstand in Avesnes die letzte Chance, das Kriegsglück noch einmal zu wenden.
Ein "Vorstoß in Richtung Amiens beiderseits der Somme zur Trennung der Engländer und Franzosen", so Kriegshistoriker Barnett, "hätte das alleinige Ziel sein müssen" -- eine Strategie, die 22 Jahre später Hitlers Blitzsieg über Frankreich ermöglichte. Doch Ludendorff setzte statt dessen drei miteinander unvereinbare Angriffsziele fest und überforderte damit alle Verbände.
In sieben Tagen änderte er viermal seinen Schlachtplan. Der israelische Historiker und aktive Oberst Wallach, der 1967 Israels Blitzsieg mit errang. resümiert: "Man hat den Eindruck, in der Obersten Heeresleitung sei jemand wahnsinnig geworden."
Am 26. März, als Wilhelm II. schon vom Besuch englischer Parlamentäre träumte, kam die 17. Armee nach 40 Kilometern Vormarsch endgültig zum Stehen, und Anfang April saß auch die 18. Armee, die rund 60 Kilometer weit gekommen war, fest. In den zwei Offensiv-Wochen verlor das Kaiser-Heer 230 000 Mann.
Die Schlacht, die nach dem Willen der Obersten Heeresleitung den Krieg für Deutschland entscheiden sollte, war verloren. "Michael erstarb", so Barnett, "wie ein Feuer, über das die Wasserpumpen letztlich Herr geworden sind." Und der erzielte Geländegewinn erwies sich als strategischer Nachteil: Der Frontverlauf hatte sich erheblich vergrößert, allein bei der 18. Armee, die anfänglich 38 Kilometer zu halten hatte, betrug er nun etwa 70 Kilometer.
Statt nun die Frontlinien durch geschickten Rückzug zu verkürzen, um so den bedrohlichen Mangel an Reserven leidlich wettzumachen, klotzte Ludendorff weiter: Innerhalb von drei Monaten befahl er vier neue Offensiven*. Jede einzelne überstieg die deutschen Kräfte, und alle vier scheiterten. Kronprinz Rupprecht gewann den Eindruck, "wie wenn die Oberste Heeresleitung sozusagen von der Hand in den Mund lebt".
Vor jeder Offensive suchte der Feldherr Ludendorff Trost im Erbauungsbuch der Herrnhuter Brüdergemeinde, das er stets in der rechten Schublade seines Schreibtisches verwahrte.
Als am 15. Juli zum letztenmal ein deutsches Trommelfeuer über die Alliierten hereinbrach und des Kaisers Soldaten zum allerletzten Mal zur Offensive antraten, lautete der Spruch: Aber nach deiner grollen Barmherzigkeit hast du es nicht gar aus mit deinem Volk gemacht."
Drei Tage später ging der Feind zum Gegenangriff über: An diesem Tage, so vermerkte Admiral von Müller, machte der Kaiser "keine Ausfahrt". Denn das "schwere Trommelfeuer in südwestlicher Richtung kann nach der ganzen Lage nur feindliches Trommelfeuer sein
18 französische Divisionen arbeiteten sich durch mannshohes Getreide vor und überrannten die deutschen Linien zwischen Soissons und Reims. Zum erstenmal tauchen in großer Zahl schnelle französische Renault-Tanks auf dem Schlachtfeld auf -- eine Waffe, die Ludendorff so sehr unterschätzt hatte, daß er die Tank-Produktion in Deutschland drosselte.
"Für die Artillerie ist das Treffen solcher Biester", urteilte sachverständig Generalmajor Albrecht von Thaer, "fast so schwer wie der Büchsenschuß beim Treiben auf Rotwild."
Im OHL-Gefechtsstand in Avesnes stritten sich derweil die Helden von Tannenberg bei Tisch darüber, wie das Chaos am ehesten abzuwenden sei. Als Hindenburg vorschlug, alle Truppen sofort gegen die linke Flanke der feindlichen Angreifer zu führen, unterbrach Ludendorff ihn, wie der Generalstäbler Oberst Mertz von Quirnheim berichtete, "so etwas sei gänzlich
* Am 9. April südlich von Ypern; am 27. Mai zwischen Saissons und Reims; am 9. Juni zwischen Montdidier und Noyon; am 15. Juli an der Marne.
unausführbar und müsse daher unterbleiben".
Beim Abendbrot kam es zu neuem General-Streit. Diesmal fuhr der Generalfeldmarschall, so Quirnheim, "mit der linken Hand über die Landkarte ... und sagte mit halblauter Stimme ... "So müssen wir es machen." Ludendorff verlor gänzlich die Nerven. Wütend stampfte er zur Tür, "Worte wie "Unsinn' hervorstollend".
Mit dem Zerfall der feldgrauen Macht verstärkte sich die psychische Krise des Generalquartiermeisters, und diese wiederum beschleunigte nun den Zusammenbruch der Front. Generalstäbler von Quirnheim notierte über den Zustand seines Vorgesetzten: "Exzellenz ganz gebrochen", und Ludendorff selber resignierte: "Der gute Gott wird uns hoffentlich nicht verlassen."
Der General litt, wie Quirnheim berichtete, "bis an die Grenze des seelischen
Zusammenbruchs", und zeitweise verlor er "die Herrschaft über sich selbst", seine "große Nervosität", so Generalleutnant Graf von der Schulenburg, kam "in beunruhigenden und gereizten Telephonaten zum Ausdruck".
Oberst Max Bauer, ein politischer Intimus des Generals, äußerte gar: "Ludendorff muß fort. Er ist mit den Nerven völlig fertig und übersieht die Lage nicht mehr."
Quirnheim registrierte die Symptome des Feldherrn-Kollapses. Er notierte in sein Tagebuch:
> Am 22. Juli: "Exzellenz sehr ernst gestimmt. Er sagte mir: "Ich bin nicht abergläubisch, oder doch, ja, ich bin es. Sehen Sie, ich hatte in den 15. Juli kein Vertrauen."
> Am 23. Juli: "Ludendorff wird "sich völlig verzehren, ohne Entschluß zu Durchgreifendem zu finden."
> Am 24. Juli: "Ernste Frage über Nervosität Exzellenz Ludendorffs um Zusammenhangslosigkeit bei den Arbeiten."
> Am 31. Juli: "Nachmittags bei Exzellenz: Dieser immer noch nicht völlig in Schwung, stark verprellt, sehr schade."
> Am 7. August: "Vorderhand rein passive Stimmung."
Der darauffolgende Tag war der "schwarze Tag des deutschen Heeres in der Geschichte des Krieges" (Ludendorff). Um 4.20 Uhr griffen an der Somme 441 588 Franzosen und Engländer an, zwischen Ancre und Avre drangen sie in die Stellungen von sechs kampfstarken Landser-Divisionen.
"In diese Nacht hinein", so Patriot Rudolph Stratz, "brüllt der Donner von 2684 britischen und französischen Geschützen ... In dieser Nacht knattern 1008 Flugzeuge dicht über den deutschen Linien. Wo diese Nacht sich lichtet, schimmern Infanteriemassen", und Leutnant Lyding vermerkte in seinem Tagebuch: "Überall ist starker Leichengeruch."
Und wieder waren Tanks dabei -- 546 zumeist vom britischen Typ "Whippet" (Windspiel). Sie rollten ungehindert durch die Trichterlandschaft in den Flußniederungen, und einige überraschten die Divisionsstäbe in den Quartieren.
Im Großen Hauptquartier wunderte sich der Kaiser: "Es ist doch merkwürdig, daß sich unsere Leute so gar nicht an die Tanks gewöhnen." Und Ludendorff gestand: "Alles, was ich so oft befürchtete ... war hier an einer Stelle zur Wahrheit geworden."
Doch es war nicht nur an einer Stelle, und es war nicht die militärische Schlappe allein, die den 8. August zum schwarzen Tag machte. Vielmehr zeigte sich an diesem Tage, daß der Kampfgeist die deutschen Landser schlagartig verließ.
Soldaten warfen die Gewehre weg, wenn sie einen Tank sahen. Offiziere konnten sich nicht mehr durchsetzen und unterlagen vielfach selbst defätistischen Anflügen. Einer angreifenden deutschen Division wurden bereits Revolutionsparolen nachgerufen wie "Streikbrecher" und "Kriegsverlängerer".
"Die Stimmung war bei allen gedrückt", urteilte Reservehauptmann Meißner, "wir wußten, daß wir auf verlorenem Posten standen. Die Truppe war abgekämpft." Am Abend wußte es auch Ludendorff: "Der Krieg war zu beendigen."
An diesem Abend, "wie der Nibelunge nôt sich erfüllt", monierte Stratz, ergötzten sich Berliner Theaterbesucher an Schwänken wie: "Der fesche Rudi", "Das süße Mädel" und "Flimmerklärchen".
Zwei Tage später gestand Ludendorff, dem zumute war, als hätte er "Liebes zu Grabe getragen", dem Kaiser in Spa die Niederlage. Wilhelm II.: "Ich sehe ein, wir müssen die Bilanz -ziehen, wir sind an der Grenze unserer Leistungsfähigkeit."
Ludendorff geriet nach seinem Eingeständnis an den Rand eines Zusammenbruchs. Er schwankte zwischen Erleichterung und dumpfer Untergangsstimmung, und er schien so zerrüttet, daß Untergebene nach einem Psychiater riefen. Oberstabsarzt Dr. Hochheimer: "Der Mensch L. muß erst wiedergeboren, vielleicht überhaupt erst entwickelt werden.
Unter dem 11. September notierte der Arzt über den Verlauf der Feldherrn-Kur: "Heute ist L. mir tiefatmend unter meinen Händen buchstäblich eingeschlafen ... Ich mache ihm die Türen zu Welten offen, die er noch nie gesehen hat."
Während der Patient sich erholte (Hochheimer: "Die Starre weicht"), blieb der Feldherr benommen.
Mal wollte er Frieden ohne Niederlage, mal weiterkämpfen, ohne, wie er nun selber wußte, noch siegen zu können. "Exzellenz hat wohl noch die Verzweiflung zu kämpfen", beobachtete Quirnheim, "aber nicht den Mut, ein Ende zu machen."
Mal war er siegesgewiß: Als Hindenburg zu Protokoll gab, er hoffe, die Stellungen auf französischem Boden halten zu können, machte Ludendorff eigenmächtig daraus, der Feldmarschall führte aus, "daß es gelingen werde, auf französischem Boden stehenzubleiben und dadurch schließlich dem Feind unseren Willen aufzuzwingen".
Dann gab er wieder auf: Am 29. September drängte Ludendorff, der nach dem Krieg Demokraten und Pazifisten für die Niederlage verantwortlich machte und die Legende vom Dolchstoß in den Rücken der ungeschlagenen Armee verbreitete, die Reichsregierung, jetzt müsse sofort ein "Friedens- und Waffenstilstandsangebot" hinausgehen.
Als die Kunde von Ludendorffs Kapitulation. ins kaiserliche Hauptquartier drang, bemühte sich die Frühstücksgesellschaft, wie von Müller überlieferte, "um einen möglichst unbefangenen Ton". In der OHL hingegen, wo der General seinen Entschluß erläuterte, "hörte man leises Stöhnen und Schluchzen", berichtete von Thaer.
Ludendorff klagte: "Leider Gottes ist es so, und ich sehe keinen anderen Ausweg."
Fünf Wochen später war der Krieg endgültig verloren, der Kaiser gestürzt. Ludendorff verbarg sich hinter einer Hornbrille mit blaugetönten Gläsern, klebte sich einen Backenbart an und setzte sich ab nach Schweden.

DER SPIEGEL 12/1968
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