22.04.1968

VERLAGE SPRINGERWeint euch aus

Was Axel Springers "Bild-Zeitung"
Jahre hindurch als Inbegriff der Unfreiheit und als Symbol der Tyrannei brandmarkte, das schloß sich nun in würgender Nähe um "Bild" -Redaktionsbüros und Springer-Verlagshäuser: Stacheldraht der Staatsgewalt, von Uniformierten bewacht.
Nur: Es war nicht Ulbrichts Drahtverhau. Hinter westdeutschem Stacheldraht, im Angesicht von Barrikaden aus Mülltonnen und Baumaterial, in Schwaden von Tränengas und in Gesellschaft von Polizei-Hundertschaften mußten Springer-Redakteure nach dem Attentat auf den SDS-Rebellen Rudi Dutschke Zeitung machen. Das Thema des Tages stob tausendstimmig von der Straße herauf: "Haut dem Springer auf die Flossen, sonst wirst morgen du erschossen." Oder: "Killt Bild!"
Und "Bild" sagte, wie es ist: "Ob die Zeitung, die wir jetzt machen und die wir in der Nacht drucken, unsere Leser auch erreicht, wissen wir nicht."
Die Schüsse auf Dutschke peitschten das längst zum Programm erhobene "Enteignet Springer!" der studentischen Linken innerhalb weniger Stunden zur stürmenden Aktion. Der Tat folgten Nächte der Belagerung vor den Residenzen des Springer-Imperiums: Berlin, Hamburg, Hannover, Essen, Köln, Frankfurt, Eßlingen, München.
Deutschlands politisierende Jugend, die den Limes der Lethargie auf ihre Art zu überwinden trachtet, umstand dichtgedrängt und lärmend die Verlags-, Druck- und Redaktionshäuser der "Bild-Zeitung" in den acht Städten und markierte so in nie zuvor dagewesener Prägnanz die Ausmaße des marktmächtigen Springer-Konzerns.
Der Feldzug richtete sich vornehmlich gegen Springers größtes Objekt -- die "Bild-Zeitung", die in acht Orten in verschieden hoben Teilauflagen gedruckt und regional vertrieben wird.
Bilanz der Schlacht am Karfreitag laut "Bild"-Chefredakteur Peter Boenisch: ein Sachschaden allein in Berlin in Höhe von mehreren hunderttausend Mark und "ganz erhebliche Verspätungen" bei der Auslieferung von "Bild" in nahezu allen Regionen. Boenisch: "So etwas kann man natürlich nicht alle Tage verkraften."
Die Empörung flammte -- buchstäblich -- auf vor dem Springer-Hochhaus in Berlin, das der Konzernherr im Oktober 1966 mit Goethe-Zitaten ("Willst Du mit mir hausen, so laß die Bestie draußen") eröffnet hatte. Im Steinhagel der Studenten und Mitläufer gingen ganze Glasfronten zu Bruch; auf den Parkplätzen schlugen die Flammen aus umgestürzten Lieferwagen.
Am Ostersamstag bauten die Studenten in Berlin die ersten Barrikaden. Springer-Direktoriumsmitglied Peter Tamm, 39, entwickelte im 18. Stock vor der versammelten Belegschaft den Alarmplan: Redakteure sollten mit ihren Privatwagen die Auslieferung sichern, wenigstens drei Konvois "durchbrechen". Tamm: "Wir erwarten nicht, daß Sie sich ohne Gegenwehr verprügeln lassen."
Die Verlagsangehörigen faßten Gratis-Bier und Tränengas-Sprühdosen, kalte Würstchen und handlich zugeschnittene Hartgummistäbe (Rota-Treibriemen) von 40 Zentimeter Länge.
Tamm half ebenso wie die Chefredakteure Köster, Kogge und Caro von der "Berliner Morgenpost" und der "Berliner Zeitung", die druckfrischen Springer-Zeitungen eigenhändig auf den Markt zu tragen. Nachdem er, ohne auf Widerstand zu stoßen, "durchgebrochen" war und die Zeitungspakete an einem geheimen "Stützpunkt" abgeladen hatte, meldete er -- getreu seiner eigenen Anweisung -- den "Vollzug" per Telephon (Nummer: 610 88 20) dem Vertrieb. Antwort: "Na gut, dann laden Sie wieder auf, und schaffen Sie die Pakete zur Filiale. Keine Störungen mehr zu erwarten."
In Hannover, wo "Bild" im "Pressehaus" der sozialdemokratischen "Hannoverschen Presse" in einer Auflage von rund 500 000 Exemplaren gedruckt wird, wurde "Bild" -Büroleiter Dieter Schütze angesichts von 500 anrückenden Demonstranten nervös. Per Telephon holte er Rat bei "Bild"-Kollegen in anderen Städten und erfuhr, daß "Bild"-Chefredakteur Peter Boenisch bereits habe wissen lassen: "Wenn Ihr Sorgen habt, ruft mich an und weint euch aus. Ich stehe hier in Hamburg fest auf beiden Beinen."
Beklommen beobachtete "Bild"-Schütze, wie in der Verlagskantine Polizeibeamte abschnallten und in aller Ruhe Würstchen und Bier zu sich nahmen. Schütze wandte sich an den Einsatzleiter, Polizeirat Bölke. Doch der blieb gelassen: "Auch die Demonstrationsfreiheit ist nach dem Grundgesetz garantiert." Und: "Ich habe denen gesagt, wenn sie so weiterdemonstrieren wie bisher, dürfen sie noch eine Weile weitermachen."
Blitz-Telegramm von Schütze an seinen Chef Boenisch: "Hannovers Polizei hat vor den Demonstranten kapituliert."
Erst in den Morgenstunden machte die Polizei in Hannover, was sie -- manchmal prompt, manchmal mit Verspätung -- überall tat: die Straße frei. In Eßlingen, wo die baden-württembergische Regional-Ausgabe von "Bild" gedruckt wird, mußte sie dazu ihre Wasserwerfer zweckentfremden -- zum Abschleppen von Automobilen, die von protestierenden Studenten zu einer schier unüberwindlichen Wagenburg zusammengefahren worden waren.
Gelassen gab sich in Hamburg Springer-Koordinator und Verlagssprecher Dr. Horst Mahnke.,. Ganz einfach", erläuterte er dem SPIEGEL, "rundherum steht die Polizei, und drin wird die Zeitung gekocht."
Was drin gekocht wurde, roch nach Feldküche. "Unsere Zeitungsfahrer fuhren mit zerbrochenen Windschutzscheiben, mit Schrammen im Gesicht, aber sie fuhren", schrieb "Bild" am Ostersonntag. Oder: "Und wieder diese verdammten Flaschen."
Andere Passagen in den Springer-Zeitungen enthüllten aber auch, wie sehr sich der mächtige Konzern hinter Stacheldraht in diesen Tagen einig wissen wollte mit dem Schicksal der ganzen Nation. Für "Bild" ging es schlechthin um deutsche "Häuser", "Fenster", "Autos", "öffentliche Gebäude", "Kirchen" -- mehr noch: um einen "Anschlag auf privates Eigentum"
Ein Kaufhausbrand im westfälischen Gladbeck, wo es zu keinerlei Demonstrationen gekommen war, lieferte dem Blatt den Aufmacher: "Ist das Demonstration? Ist das Diskussion? Möbelhaus in Brand gesteckt.
Auf Möbelstücken waren die Initialen "AS" (für Axel Springer) eingeritzt, auf Schaufenster-Resten war das Wort "Bild" aufgesprüht -- rätselhafte Erscheinungen, die das gleichnamige Blatt so interpretierte: "Springer und die Pressefreiheit sind aber nur das erste Angriffsziel der Revolutionäre. Sie wollen unsere gesamte Gesellschaftsordnung zerstören."
Kürzer: "Das von den Brandstiftern hingeschmierte Wort "Bild' ist eine Art Symbol für das von ihnen gehaßte private Eigentum. Die Staatsanwaltschaft in Gladbeck mochte letzte Woche auch einen elektrischen Defekt als Brandursache nicht ausschließen.
Ebenso berichteten Springer-Blätter gern von bedrohten "Zeitungshäusern"' "Verlagen" und "anderen Zeitungen", verschwiegen aber, daß die Rebellen -- bis jetzt jedenfalls überall zwischen Springer-Produkten und anderen Presse-Erzeugnissen unterschieden. In Hannover etwa blockierten sie zwar die dort gedruckte "Bild-Zeitung", legten aber gleichzeitig beim Verladen der Osterausgabe der "Hannoverschen Presse' Hand an.
Der Herausgeber des "Kölner Stadt-Anzeiger" und des Boulevardblatts "Express", Alfred Neven DuMont, 41, in dessen Haus -- auf Springer-Maschinen 270 000 Exemplare der "Bild-Zeitung" gedruckt werden, kam den Studenten von sich aus entgegen: Er kam der Forderung auf Diskussion über seine geschäftlichen Verbindungen zum Hause Springer nach -- und hielt damit eine ungestörte Auslieferung sowohl seiner Blätter als auch der "Bild-Zeitung" aufrecht.
Gleichwohl handelte er sich massive Pressionen der Springer-Manager ein, als er sich weigerte, mehr Bild-Zeitungen zu drucken, um dem Vertragspartner aus der Klemme zu helfen. Ein Sprecher des Springer-Hauses laut Nevens "Stadt-Anzeige Wenn ihr die 28 000 Stück nicht dazunehmt, dann habt ihr das letzte Mal "Bild' gedruckt."
"Bild am Sonntag": "Einer fiel um." Neven DuMont: "Wenn man am eigenen Leibe beinahe durch Zufall der Angriffspunkt der "Bild-Zeitung' wird, kann einem leicht angst und bange werden." "Bild"-Chef Boenisch hingegen wertet das Verhalten Nevens nicht nur als unkollegial. sondern ausdrücklich als "vertragsbrüchig". Boenisch zum SPIEGEL: "Ich hoffe und wünsche, daß ein solcher Vertrag möglichst schnell gekündigt wird."
Kam hingegen Lob aus der Hamburger "Bild-Zentrale, wie im Fall der Stuttgarter Gebrüder Bechtle (Bild am Sonntag": "Sie standen'), die in Eßlingen rund 500 000 "Bild"-Zeitungen und etwa 50 000 Exemplare ihrer "Eßlinger Zeitung" drucken. dann kamen von den Demonstranten Mißfallensrufe: Springer-Bechtle --Springer-Knechtle." Dazu die drei Bechtles: "Wir sind von Springer finanziell unabhängig.
Im Spannungsfeld zwischen dem allgegenwärtigen Diskussionsdrang der Demonstranten und den Durchhalteparolen aus Hamburg entwickelten sich mancherorts aber auch Entscheidungsneurosen; so in der Frankfurter Societäts-Druckerei, wo die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ), die "Frankfurter Neue Presse" (NP), die "Nachtausgabe" und "Bild" gedruckt werden.
"FAZ"-Vertriebsleiter Kurt Neitzel war sich mit den Demonstranten bereits handelseinig: Zehn SDS-Leute sollten den Transport der "FAZ" kontrollieren dürfen, damit deren Auslieferung sichergestellt sei. Doch Verleger Werner Wirthle, Chef des Societäts-Verlags, verwarf den Kompromiß.
Der Chef vom Dienst der "FAZ", Hugo Seib, der sich mit ein paar Schlucken Alkohol Kompromißbereitschaft eingeflößt hatte. stand bereits auf einer Mauerbrüstung zwischen den Fronten um ebenfalls der FAZ" den Weg freizureden, als ihn "FAZ"-Mitherausgeber Professor Erich Weiter auf Geheiß von Wirthle von der Front zurückzog.
Gänzlich fehlgeschlagen sind dagegen auch bei dieser Aktion die Bemühungen der Rebellen, sich mit den Arbeitern der belagerten Betriebe zu solidarisieren. In Frankfurt konnten Betriebsrat und Betriebsleitung die Drucker und Techniker nur mühsam beschwichtigen. Unheilverkündend krempelten die Arbeiter die Arme) hoch: "Laßt uns die nur mal herein." Kürzer faßte sich ein Arbeiter in Hannover im Angesicht der Demonstranten: "Ihr seid richtige Schweine"
Ebenso dankte der Gesamtbetriebsrat der Springer-Betriebe den 12 000 Beschäftigten "für ihr besonnenes Verhalten", Springers Mahnke pflichtete bei: "Wir waren richtig in Sorge, daß die Arbeiter aktiv werden."
Draußen riefen die Demonstranten derweil, wie allenthalben, selbstgemachte Springer-Verse. Sie nannten ihr Aggressionsobjekt beim Namen "Ri' ra, ro -- Springer ist k.o." (so in Essen), aber nur einer der Studenten machte den Versuch, mit dem Negativ-Symbol ihrer Ideologie direkt Kontakt zu finden -- der Münchner SDS-Mann Opfermann. Er gehörte zu einer Gruppe von Genossen, die in der Nacht zum Karfreitag in die nur vom Polizeireporter Richard Mahkorn besetzte Redaktion von "Bild" in München eindrangen. Die Protestanten wirbelten Papiere durcheinander und rissen Telephonkabel aus der Wand -- bis auf eines. Über diese Leitung lief) sieh Opfermann von Mahkorn mit Hamburg verbinden und rief aufs Geratewohl in die Muschel: "Springer, du bist der Nächste."
Wer immer den Revolutionsruf aus München in der Nacht zum Karfreitag gehört haben mag -- Springer war es nicht. Denn der Konzernchef kam erst im Lauf des Freitags von einer USA-Reise nach Hamburg zurück, und Springer-Sprecher verwischten sofort seine Spuren.
Ein Reporter der "New York Times" berichtete von einem Gerücht, wonach der Konzernherr inkognito in einem Hamburger Hotel abgestiegen sei. Der "Süddeutschen Zeitung" erzählte Springer-Sprecher Adam Vollhardt: "Ich weiß gar nicht, wo sich Herr Springer zur Zeit aufhält. Von Amerika aus ist er gar nicht erst nach Hause gekommen." Und Springer-Mann Mahnke zum SPIEGEL. "Der Laden hier läuft ja; ob Springer da ist, ist doch piepegal."
Dem Konzernchef aber, der in einem Verlagsrundschreiben seinen Mitarbeitern für "bewiesene Disziplin und Tatkraft" dankte, war bestimmt nicht piepegal, was in diesen Tagen seinem Namen und dem Bild widerfuhr, das er sich und dem Volk jahrelang mit "Bild" gemacht hatte.
Und dennoch piepegal: "Bild" meldete am Mittwoch letzter Woche über "Bild": "Ausverkauft."

DER SPIEGEL 17/1968
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