22.04.1968

MANAGER / NORDHOFFMister Volkswagen

Eine Goldmünze trug sein Profil und eine holländische Tulpe seinen Namen; Heinrich Nordhoff galt als der Bundesrepublik größter Nachkriegs-Manager. Er starb am Herzinfarkt.
Zehn Stunden lang zogen am Mittwoch vergangener Woche Arbeiter des Wolfsburger Werkes in der Versuchs-Halle an seiner Bahre vorbei, die mit dem weißen Mantel eines "Ritters vom Heiligen Grabe", mehreren Ordenskissen und Kerzenleuchtern dekoriert war.
Mit Heinrich Nordhoff, 69, starb ein weltweites Symbol des Wirtschaftswunders und deutscher Tüchtigkeit. Im Ausland hieß der Chef von Wolfsburg "Mister Volkswagen". Die buckligen Fahrzeuge aus seinen Werken trugen die Kunde von der Wiederauferstehung des geschlagenen Volkes in 140 Länder. Der Käfer zeigte aller Welt, daß die Deutschen wieder krabbein konnten.
Was Adolf Hitler wollte, Nordhoff machte es wahr: Er setzte das deutsche Volk auf Räder. Seit er die Leitung der herrenlosen Firma an der Zonengrenze übernahm, verließen 14 Millionen Automobile die Werkshallen. Mit einem VW begannen selbst die tüchtigsten Deutschen ihre Nachkriegs-Karriere, und auch Mercedes-Fahrer hüten ein VW-Bild als rührendes Souvenir im Photoalbum.
Nordhoff hatte 1947 das Amt von der englischen Besatzungsmacht zunächst nicht annehmen wollen. Der Bankierssohn aus Hildesheim war, seit er 1930 von den Bayerischen Motorenwerken zu der General-Motors-Tochter Opel übergewechselt war, immer in amerikanischen Diensten gewesen und wollte mit dem "Nazi-Auto" nichts zu tun haben.
Aber die Amerikaner, deren Opel-Lastwagenwerk Brandenburg er zuletzt geleitet hatte, erklärten Nordhoff, er dürfe vielleicht noch als Straßenkehrer arbeiten. Autos werde er nie wieder bauen.
Darauf trat Nordhoff in Wolfsburg an. Er selbst glaubte nicht, daß der einst von Hitler in Auftrag gegebene Wagen zum größten Verkaufserfolg der europäischen Automobilgeschichte werden würde. Knapp 8000 Beschäftigte bastelten 1948 in den zerbombten Hallen täglich 78 Fahrzeuge zusammen. 1967 montierten die 130 000 Mitarbeiter Nordhoffs täglich 7000 Volkswagen, darunter noch rund 5000 vom Käfer-Typ des Konstrukteurs Ferdinand Porsche.
Denn Heinrich Nordhoff hielt an dem Kraft-durch-Freude-Auto fest. Durch ständige Verbesserungen machte er es zum einmaligen Welterfolg. Die von ihm angeregten Konstruktionen, Mittelklassewagen mit 1,5 und 1,6 Liter Hubraum, konnten keinen Weltruhm erringen. Bis zu 200 Millionen Mark investierte Wolfsburg jeweils in noch 70 andere Fahrzeugmodelle. Aber Nordhoff ließ sie im sogenannten Mausoleum der Fabrik unter Verschluß (SPIEGEL 21/1967).
Nordhoffs Stärke lag im Management. Er setzte vor allem auf den Export nach den USA, wo er als junger General-Motors-Mann amerikanisches Salesmanship gelernt hatte. Heute werden zwei von fünf Volkswagen-Käfern ins Ausland verkauft. In Brasilien, Mexiko und Südafrika bauen VW-Tochterfirmen den deutschen Käfer weiter.
Ostern 1949 hatte Nordhoff den Zollbeamten auf dem Flughafen von New York erstmals Photos und Kataloge seines Volkswagens vorgelegt. Die Zöllner lachten: Nirgendwo auf der Welt werde ein solches Auto gekauft. Sie ließen die Zeichnungen nicht als Werbematerial gelten, sondern deklarierten sie als Kunstgraphik; Nordhoff mußte 30 Dollar Zoll zahlen.
Im vergangenen Jahr jedoch setzte Nordhoff in den USA 450 000 Volkswagen ab, fast doppelt soviel Autos wie zum Beispiel die viertgrößte Fahrzeugfabrik der Vereinigten Staaten, American Motors, verkauft. Fast jede dritte Deutsche Mark, die im deutschen Amerika-Export verdient wird, fällt in Wolfsburgs Kassen.
Nach amerikanischem Vorbild sah Nordhoff in der Auto-Industrie den Motor der deutschen Wirtschaft: "Wir brauchen Autos, ohne das Automobil kein Wiederaufbau, ohne deutschen Automobil-Export kein Existieren." 1955 rollte der millionste Käfer vom Band, und die Welt kam ins Wolfsburger Werksstadion, um zu gratulieren: Englische Gardisten spielten vor "König Heinrich" auf, Brasilianer tanzten Rumba.
Massiver Publicity war der Erfolgsmanager niemals abgeneigt. Wenn sein Werk einen neuen Produktionsrekord feierte, pflegte Nordhoff den Droschkenreisenden Goethe zu zitieren: "Nur die Lumpen sind bescheiden. Brave freuen sich der Tat."
Binnen zwölf Jahren wurde VW das größte Industriewerk der Bundesrepublik und die größte Automobilfabrik Europas. Mit dem Werk fühlte der Chef auch seine eigene Größe wachsen. Und als 1960 Bundesregierung und Land Niedersachsen VW-Volksaktien herausgeben wollten, mußte der damalige Finanzminister Etzel dem VW-Chef versichern: "Niemand will Ihre Verdienste schmälern und niemand in Ihre Unternehmensführung eingreifen."
Dennoch blieb Nordhoffs Verhältnis zur Bundesregierung -- sie besitzt noch 16 Prozent des Wolfsburger Aktienkapitals -- danach getrübt. Der VW-Chef setzte beispielsweise 1962 unmittelbar nach einem Preis-Appell Ludwig Erhards an die gesamte Industrie die Preise für VW um fünf Prozent herauf.
Bonn revanchierte sich, als im Jahre 1966 die VW-Werke in Wolfsburg, Hannover und Kassel Kurzarbeit einführen mußten und Nordhoff vorschlug, zur Belebung der Nachfrage allen Käufern für ein Jahr die Kraftfahrzeugsteuer zu erlassen. Die Bundesregierung lehnte den Vorschlag ab. Bundesfinanzminister Strauß forderte den König von Wolfsburg auf, lieber bessere Autos zu bauen.
Wolfsburgs Chef war seit zehn Jahren krank. Im November 1958 mußte er sich in der Mayo-Klinik in Amerika Magengeschwüre wegoperieren lassen. Im Sommer 1967 erlitt er eine schwere Herz- und Kreislaufattacke.
Als er im Herbst 1967 an seinen Schreibtisch zurückkehrte, war er keineswegs genesen. Das Sprechen bereitete ihm Mühe; er hörte kaum noch. Mitte März 1968 mußte er wegen einer Darmerkrankung erneut ins Hospital.
Psychisch belastete ihn die Erkenntnis, daß er seinen Einfluß im Wolfsburger Konzern nicht nach seinen Wünschen hatte absichern können. Nordhoff wollte stets den Zeitpunkt seiner Pensionierung selbst bestimmen. Nachfolger von seinen Gnaden sollte Dr. Carl Hahn werden, der VW in Amerika groß gemacht hatte. Aber im Sommer 1966 übernahm mit dem Segen Bonns der hemdsärmelige Wintershall-Generaldirektor Dr. Josef Rust den Aufsichtsratsvorsitz in Wolfsburg, jenen Posten, den Nordhoff für seinen Lebensabend reserviert haben wollte. Rust machte Nordhoff auch klar: "Ich werde Ihren Nachfolger suchen."
Rust suchte und fand Dr. Kurt Lotz, 55, den Generaldirektor des Mannheimer Elektrokonzerns Brown, Boveri & Cie. Der König von Wolfsburg fühlte sich überfahren.
Freunde warnten Heinrich Nordhoff, das nichtssagende Repräsentativ-Amt eines Ehrenvorsitzenden anzunehmen. Der Tod ersparte ihm die Demütigung, um eine Rolle im Volkswagenwerk bitten zu müssen.
Weder um die Zukunft des VW-Werks noch um den Auto-Absatz in der Bundesrepublik allgemein machte sich der Fließbandstratege aus Wolfsburg Sorge. Bei einem SPIEGEL-Gespräch, das in der Düsseldorfer Redaktion geführt wurde und dessen Fortsetzung er für Ende April zugesagt hatte, meinte Nordhoff, die Deutschen würden in schlechten Zeiten "ganz runter gehen in der Skala ihres Verbrauchs, aber das Automobil behalten". Und: "Das letzte, was noch gefahren wird, wird der VW sein.
Nordhoff sah die jüngste Wirtschaftsrezession nicht als gravierend an. Viel mehr sorgte er sich um die Funktionsfähigkeit der zweiten deutschen Demokratie: "Wenn von Krise die Rede ist, sehe ich eine Krise des ganzen demokratischen Systems, wenn nämlich das Hauptmotiv die Gunst der Wähler ist und nicht mehr das Wohl des Staates."
Nordhoff zum SPIEGEL: "Ich vermisse in Bonn jede politische Konzeption und jede politische Linie; wobei Sie jede Art von Politik nehmen können, vielleicht mit Ausnahme der ganz primitiven Parteipolitik, bei der man in Bonn allerdings sehr aktiv ist."

DER SPIEGEL 17/1968
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