22.04.1968

JUSTIZ / NS-PROZESSEIn Härte und Größe

Bei 16 Polizisten erschien die Polizei. Die Beamten durchstöberten Schreibtische, Aktenschränke und Korrespondenzen ihrer pensionierten Kollegen -- durchweg ehemalige Offiziere.
Die bundesweite Blitzaktion gegen alte Kameraden war von dem Dortmunder Staatsanwalt Helmut Plett befohlen worden. Pletts Recherchen gelten dem Essener Ex-Polizeimajor Willy Papenkort, 59, dem vorgeworfen wird, er habe jahrelang Polizeibeamte, die wegen ihrer NS-Vergangenheit mit der Justiz kollidiert waren, mit gutem. aber illegalem Rat zur Seite gestanden.
Jetzt braucht der treue Helfer selbst sachkundige Hilfe: Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Rechtsberatungsmißbrauchs und Begünstigung.
Prozeß-Berater Papenkort kannte sich aus: 1961 war dem ehemaligen Kompanieführer im Polizei-Bataillon 11, der es nach dem Kriege in Essen bis zum Hauptkommissar gebracht hatte, nebst seinem damaligen Bataillonskommandeur Franz Lechthaler in Kassel der Prozeß gemacht worden.
Den beiden Angeklagten wurden damals Erschießungen von 500 Juden -- darunter auch Kinder -- im Raum Minsk zur Last gelegt. Lechthaler erhielt wegen Beihilfe zum Totschlag zwei Jahre Gefängnis, Papenkort wurde freigesprochen. Und "möglicherweise", so sinniert heute Staatsanwalt Plett, "waren seine Erfahrungen mit der Justiz das Motiv für seine späteren Handlungen".
Papenkort suchte nach dem Freispruch Trost in der prozessual bewältigten Vergangenheit. Er stieß zum "Salzburger Kreis", einer losen Verbindung von etwa 80 ehemaligen deutschen und österreichischen Polizisten, die sich alljährlich -- oft mit Weib und Kind -- im Salzburger "Sternbräu" und im Hotel "Pitter" treffen.
Organisator ist der österreichische Gendarmerie-Oberst außer Diensten Franz Gansinger; die deutsche Abteilung wird von Ex-Polizeigeneral Adolf von Bomhard, 77, aus Prien am Chiemsee geleitet.
In der Festspielstadt sitzen die Polizisten zweier Länder beieinander und erinnern sich, wie ein österreichischer Kamerad beim letzten Treffen schwärmte, der alten Zeiten, "die wir nie vergessen in ihrer Härte und Größe". Sie beklagen in "Salzburger Briefen" die Nachstellungen einer "pervertierten Justiz", und sie fühlen sich, so Staatsanwalt Plett, "verkannt, verbittert und vereinsamt".
Verbitterung aber herrschte auch in der eigenen Formation, in der zwischen guten und nicht ganz so guten Kameraden unterschieden wurde. Wenn auch Adolf von Bomhard, Nachfahr einer alten Generalsfamilie und Enkel einer Schwester des Autors Felix Dahn ("Ein Kampf um Rom"), den Ex-Major Papenkort in Salzburg aufnahm, so waren doch, wie der ehemalige Polizei-Obrist Fritz Göhler aus Neuß berichtet, "im wesentlichen die Generale und hohen Stabsoffiziere" unter sich.
Als aber Anfang der sechziger Jahre immer häufiger Angehörige der ehemaligen Ordnungspolizei (Orpo) wegen Beteiligung an SS-Verbrechen oder eigener Greueltaten vor Gericht gerieten und die "jüngeren Kameraden hier in Bedrängnis kamen" (Göhler), muckten die Offiziere aus dem zweiten Glied auf. Göhler und der Ex-Oberst Johannes Wirth aus Leverkusen taten sich mit Papenkort zusammen, um eine "Kameradenhilfe, ähnlich wie der Soldatenbund" (Wirth) zu gründen.
Göhler erläutert: "Die Generalität sollte sich einmal hinstellen und sagen, daß die Leute das nicht aus Spaß gemacht haben, sondern ihre Befehle hatten." Doch als die drei Kameradenhelfer 1964 die Herren Generale anschrieben und um Unterstützung für ihre Pläne baten, da haben laut Göhler "alle gekniffen".
Die Abgewiesenen beschlossen' auf eigene Faust den bedrängten Kollegen zu Hilfe zu kommen, und nach altem Kommißbrauch blieb die meiste Arbeit am niedrigsten Dienstgrad hängen. Ex-Oberst Göhler erinnert sich: "Da haben wir zu Papenkort gesagt, Sie waren ja vor Gericht, da sind Sie der Geeignetste, so was zu machen."
Als dann auch noch der Ex-General von Bomhard den Ex-Major darum bat ("Ich war damals Bürgermeister von Prien und konnte es wegen Arbeitsüberlastung nicht übernehmen"), machte sich Papenkort ans Hilfswerk. Er sammelte Urteilsabschriften aus Prozessen gegen ehemalige Angehörige der Ordnungspolizei und brachte eigene Erfahrungen zu Papier.
Die Kosten bestritt er oft selbst, allerdings "haben wir auch mal gesammelt" (Göhler), um Porto, Papier und Photokopien zu finanzieren. Seine Klienten wurden ihm von Bomhard zugewiesen, auch erfuhr er am Stammtisch oder aus Zeitungen von Bedrängten und bot seine Dienste an.
Bei seinen Ratschlägen war Papenkort nicht pingelig. So empfahl er der Frau eines angeschuldigten Kameraden: "Sehen Sie mit allen Mitteln zu, daß Ihr Mann verhandlungsunfähig wird." Einem anderen suggerierte er Befehlsnotstand: "Sie standen also unter ständigem Druck und nackter Angst um Ihr Leben." Und einmal schrieb er: "Die toten Kameraden werden sicherlich volles Verständnis dafür haben, wenn wir ihnen einiges von dem aufbürden, was man uns heute anlastet."
Allerdings mußte er den Empfängern seiner "Informationen" auch mitteilen, es sei ihm "leider nicht gelungen", Fälle von Befehlsverweigerung beizubringen, die für die Betroffenen schwere Folgen gehabt hätten -- Fälle mithin, aus denen heute ein Befehlsnotstand konstruiert werden könnte.
Auch dem ehemaligen Polizeihauptmann Karl Dietrich, im Krieg Führer einer Gruppe, die Partisanen bekämpfte, und der Liquidierung von mindestens 30 Juden angeklagt, konnte Papenkort nicht helfen. Zwar hielt sich der Partisanenkämpfer an die Aussage-Empfehlung: Er sei der Meinung gewesen, es habe sich bei den Juden "um Elemente der Banden" gehandelt (Papenkort: "Auf keinen Fall also gaben Sie den Befehl aus Rassenhaß"). Doch vom Schwurgericht Detmold wurde Dietrich Ende 1965 wegen Beihilfe zum Mord zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt.
Papenkorts prominentester Klient, Heinrich Schneider, nahm gar ein gewaltsames Ende. Als der Ex-Polizeioffizier, mitangeklagt im kürzlich abgeschlossenen Bialystok-Prozell, zu Beginn des Verfahrens im Oktober vorigen Jahres von seinen Mitangeklagten schwer belastet wurde, erhängte er sich in seiner Zelle im Wuppertaler Gefängnis.
Wie bei Schneider und Dietrich hat sich Willy Papenkort laut Staatsanwalt Plett "vermutlich in 18 bis 20 Fällen" der mißbrauchlichen Rechtsberatung und Begünstigung schuldig gemacht. Plett ermittelt außerdem gegen den "Salzburger Kreis"-Leiter von Bomhard.
Ex-Oberst Göhler führt die mißliche Entwicklung der Kameradenbetreuung auf mangelnde Kameradschaft der höheren Chargen zurück. "Das alles wäre nicht eingetreten, hätten wir eine große Organisation gehabt. Aber nun sitzt von Bomhard selbst in der Patsche."

DER SPIEGEL 17/1968
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