22.04.1968

WISSENSCHAFT / BILDUNGSNOTSTANDBegrenzt haltbar

Deutschlands Schulen und Gymnasien entlassen Abiturienten, von denen jeder fünfte die Anfangsvorlesungen der Universität nicht versteht. Aus Deutschlands Hochschulen und Forschungsinstituten wandern die Besten ab ins Ausland -- seit 1949 etwa 5600 Naturwissenschaftler und Techniker.
Deutschlands Luftfahrtindustrie, ehedem führend in der Welt, liegt fast konkurrenzunfähig danieder. Deutschlands Elektronik-Industrie sieht sich in unaufholbarem Rückstand; mehr als 65 Prozent aller Computer in der Welt stammen aus Amerika -- obwohl das erste funktionierende Gerät dieser Art vor 30 Jahren in Deutschland gebaut wurde (von dem Berliner Ingenieur Konrad Zuse).
Nur 3,7 Prozent des Nationaleinkommens gibt die Bundesrepublik für Bildung aus (halb soviel wie Japan), nur 1,7 Prozent für Forschung (halb soviel wie die Vereinigten Staaten).
"Im Rennen um die Zukunft", so zog ein deutscher Professor jetzt Bilanz, "haben wir geistig schon resigniert."
Das Fazit stammt von einem aufrührerischen Vertreter des geschmähten Establishment, von Karl Steinbuch, 50, Professor für Informationstechnik an der Universität in Karlsruhe. Aber in seinem Buch, das letzte Woche in den oberen Rängen der Bestsellerlisten auftauchte, tat Steinbuch mehr, als nur die vielberufenen Symptome des technologischen Still- und Rückstands in der Bundesrepublik erneut herzuzählen*. Der Versuch, die verborgenen Ursachen der deutschen Malaise aufzudecken, geriet dem Ordinarius aus Karlsruhe zu einer Schmähschrift, deren polemischer Schwung den Anklagen aufsässiger Studenten nicht nachsteht,
Fast immer standen bei der Diskussion um die technologische Lücke zwei Faktoren im Mittelpunkt: Mängel der Organisation und Mangel an Geld. Steinbuch sieht es anders -- ketzerischer. Sein Denkziel: "Ich möchte den befremdlichen Versuch machen, unsere geistige Tradition zu kritisieren." Seine Denkresultate:
>"Das deutsche Problem ist die
falsch programmierte Intelligenz."
> "Nicht auf dem Mangel an Fleiß, Mut und Intelligenz unserer Menschen beruht die Trostlosigkeit unserer gesellschaftlichen und politischen Situation, sondern auf der Miserabilität unserer Philosophie."
> Die westdeutsche Gesellschaft sei gefangen" in einer "Ideologie, die den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt eigentlich gar nicht wünscht"; sie ist vielmehr "irrational, antitechnisch und antiwissenschaftlich".
Quer durch die kulturellen und politischen Führungsschichten der Bundesrepublik sieht Steinbuch diese museale Ideologie vorherrschen, deren Hauptmerkmal ihre fortschrittshemmende Ignoranz und deren historische Wurzel in der romantisch-humanistischen Geistestradition vergangener Jahrhunderte zu suchen ist.
Um diese Fehlhaltung deutscher Gelehrter und Politiker zu umschreiben, entlehnte Technik-Professor Steinbuch einen Begriff aus dem Vokabular des Philosophen Friedrich Nietzsche: den Begriff der "Hinterwelt".
In jener Hinterwelt, so versteht es Steinbuch, überleben die weltanschaulichen Lemuren aus dem 19. Jahrhundert; und per "Steckbrief" sucht der Autor diese anachronistische Denkweise zu charakterisieren: "Entstanden aus der Romantik und der politischen Reaktion. Lange Zeit Dienerin von Thron und Altar. Erfreute sich im vorigen Jahrhundert weltweiten Ansehens, kann sich jedoch gegenwärtig außerhalb unserer Grenzen kaum mehr irgendwo sehen lassen."
Diesseits deutscher Landesgrenzen aber findet Steinbuch die Hinterweltler an den "Schalthebeln des Kulturbetriebs". Sie verleihen den Ehrennamen "Kultur" dabei ausschließlich jenen Formen wirklichkeitsfernen Tiefsinns, die allzu irdischem Nutzwert fernstehen: "Als Humanist gilt in unserer Gesellschaft, wer Homer im Urtext liest."
Den Hinterweltlern sei zu verdanken, daß es in Deutschland -- anders als etwa in den angelsächsischen Sprachen -- zu jener fatalen Scheidung zwischen "Kultur" und "Zivilisation" kam, wobei das letztere als eine eher "anrüchige Bezeichnung" für geistige Tätigkeit gelte, sobald sie erkennbar praktischen Nutzen habe.
Folgerichtig, so erläutert Steinbuch, werde unter Deutschlands Gebildeten das "Unverständnis für Praxis, Naturwissenschaft und Technik" -- die Un-
* Karl Steinbuch: "Falsch programmiert". Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 176 Selten; 14,80 Mark.
lust, etwa die Arbeitsweise eines Lichtschalters kennenzulernen -- nicht als geistiger Mangel, sondern als "Kavaliersdelikt" gewertet, das die geistige Elite sich gleichsam als Ehrenzeichen an den Humanisten-Rock hefte.
"Typisch für unsere Hinterwelt", meint der Professor weiter, "ist die Geschäftigkeit im "Elfenbeinturm', im engen Kreis der Gleichgestimmten, im erfreulichen Chorus der sich gegenseitig Bestätigenden." Und Steinbuch fügt ein gleichsam impressionistisches Bild des deutschen Katheder- und Fachausschuß-Gelehrten an, das sich mit dem von rebellierenden Studenten angeprangerten "Fachidioten"-Image weithin deckt:
"Deprimierend der Stil, in dem lebenswichtige Probleme unserer Gesellschaft behandelt werden: Da steht unsere Leuchte der Wissenschaft und doziert: keine Spur persönlichen Engagements, eine Gebetsmühle historischer Zitate, keine realisierbaren Vorschläge, alles offen lassend, keine persönlichen Entscheidungen. Ihn jammert nicht dieses Volkes. Aber man hält ihn für groß, auch wenn er nur auf Konserven steht begrenzter Haltbarkeit."
Steinbuch klagt die Sachwalter der deutschen Hinterwelt-Kultur an, über der Pflege hohler Ewigkeitswerte die Beziehung zur Wirklichkeit verloren zu haben: Deutsche Philosophen (Steinbuch: "Etwa 50 Jahre hinter der internationalen Entwicklung zurück" verweigerten der Gesellschaft einen "Codex von Denk- und Verhaltensregeln, der ihren aktuellen und zukünftigen Problemen angemessen ist".
Schulen und Kirchen, "auf der dauernden Flucht vor dem Fortschritt der Gegenwart", lehren immer noch unbrauchbare Moral-Maßstäbe: "Was soll", fragt Steinbuch, "die Lobpreisung der Arbeit im Zeitalter künftiger Automatisierung, und was soll der Gehorsam gegenüber der Obrigkeit in Zeiten, in denen nur der Widerstand moralisch ist?"
Presse und Fernsehen neigen in Deutschland, so Steinbuch, zu "unterschwellig negativer Darstellung technischer Tatbestände': "Wenn der Bildschirm Computer zeigt, dann ertönen unharmonische, unsympathische und mystische Mißklänge. Was soll diese Feindmarkierung?'
Der wissenschaftsfeindliche und die Wirklichkeit vernebelnde Einfluß der Hinterwelt schwächte -- mit katastrophalen Auswirkungen in der NS-Zeit -- und schwächt immer noch auch die politische Kritikfähigkeit der Deutschen. Es erscheint Steinbuch nicht überraschend, "daß so dümmliche Ideen wie die "formierte Gesellschaft' hingenommen werden, unsere Gesellschaft jedoch zum Sozialismus keine nüchterne Einstellung findet".
Nicht durch verschwommene Wunschphantasien, so glaubt Steinbuch, sondern durch die "perfekte Technik" werden die "gesellschaftlichen Realitäten der Zukunft beherrscht" sein. Und wenn die Bundesrepublik bis zum Jahre 2000 nicht zu einer "wissenschaftlich, technisch und sozial unterentwickelten Gesellschaft geringen Wohlstands" absinken soll, muß sie den technologischen Fortschritt forcieren und diese Entwicklung lenken lernen.
Dabei wird die deutsche Hinterwelt, so weiß Kybernetiker Steinbuch, ihrem anachronistischen Personenkult abschwören müssen -- industrielle und gesellschaftliche Zukunftsentscheidungen werden zunehmend von Elektronengehirnen getroffen werden. Das Vorurteil der Unterwelt gegen die mechanischen Denker hält Steinbuch für schädlich.
Nur die schier unbegrenzte Denkkraft der Computer wird das komplizierte Beziehungsgeflecht einer Gesellschaft durchleuchten können, die im Zeitalter der perfekten Technik sich erhalten will. Schreckbilder der Hinterweltler, die den Menschen der Zukunft als Sklaven maschineller Planung zeichnen, erscheinen Steinbuch als bösartige Karikaturen.
Die Menschheit, so hält Steinbuch den Hinterweltlern vor, "wurde immer und zu allen Zeiten manipuliert", von "Eltern, Sippenhäuptlingen, Zauberern, Priestern oder Partei-Ideologen. Neu sei im Zeitalter kybernetischer Planung "nicht die Manipulation als solche, neu wäre, daß diese Manipulation nicht mehr das Licht der Öffentlichkeit zu scheuen brauchte".
Zudem, so weiß Steinbuch, werden die elektronischen Planer zwar Zukunftsperspektiven aufzeigen und die Folgen denkbarer Entscheidungen vorhersagen können -- doch die Entscheidungen selbst werden wie eh und je menschlichem Willen aufgegeben bleiben. Steinbuch glaubt sogar, es werde "immer wichtiger, daß (der) Schalthebelmensch das Richtige will".
Dazu freilich bedarf er eines Wertsystems, das "den zukünftigen Anforderungen im Zeitalter der perfekten Technik" gewachsen sein muß. Steinbuch: "Es erscheint mir unwahrscheinlich, daß die Moral, die sich ein Hirtenvolk vor Jahrtausenden geschaffen hat, für die Zukunft einer hochtechnisierten Gesellschaft ausreicht." Zur Schaffung eines wirklichkeitsbezogenen Wertsystems hält Steinbuch für notwendig, daß die hinterweltliche Scheidung von Kultur und Zivilisation aufgehoben wird -- Steinbuch hofft auf die "wissenschaftliche Kultur", die imstande sein wird, "aus technischen Analysen und Zukunftsperspektiven heraus konkrete, kritisierbare gesellschaftliche Utopien· zu entwickeln".
Den Beweis, daß auch in der Bundesrepublik der Wunsch nach derlei utopischen Zukunftsausblicken bestehe, sieht Steinbuch beispielsweise in der Faszination, die derzeit die "Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung" auf rebellische Studenten ausüben. Maos Worte bieten nach Ansicht Steinbuchs eine "kritisierbare gesellschaftliche Utopie, die sich deutlich von den unkonkreten gesellschaftlichen Leitbildern unterscheidet, die bei uns gängig sind".
Ehe freilich in der Bundesrepublik die Hinterwelt einem realitätsnahen Wertsystem und wissenschaftlicher Utopie Platz machen werde, bedürfe es einer tiefgreifenden "psychologischen Veränderung unserer Gesellschaft". Diese geistige Neugeburt der Nation sollte, so wünscht Steinbuch, von den Turnierplätzen der Intelligenz ausgehen -- den Universitäten.
Dort aber herrscht neben einigem Aufruhr -- vorerst Stagnation: "Es gibt kaum andere Instanzen in unserem Staate, die langsamer und schwerfälliger den notwendigen Anpassungen nachhinken." So setzt Steinbuch ("Not lehrt denken") seine Hoffnungen auf den Druck der immer deutlicher hervortretenden Mißstände: "Erst wenn uns das Wasser sehr hoch am Hals steht, besteht Aussicht auf eine grundsätzliche Veränderung."
Doch selbst solch schwache Zuversicht dämpft Steinbuch am Ende seiner Analyse: "Wenn aber eine Gesellschaft den Denkverzicht zum höchsten Ideal emporgejubelt hat, dann braucht sie großer Not, um wieder denken zu lernen."

DER SPIEGEL 17/1968
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