19.02.1968

„PAUL, WAS DU DA SAGST, STIMMT NICHT“

SPIEGEL.-Korrespondentin Sophie von Behr bei einem „Tee-Palaver“ im Physik-Department der Technischen Hochschule München.
Fünfzig Studenten, Assistenten und Professoren nippen Tee Doktorand Georg ("Girgel") Eska 27, soll über den "(n a) Zerfall, referieren. Zur Diskussion steht, "ob man etwas Neues oder anderes lernen kann im Unterschied zum normalen Alpha-Zerfall, wenn man in dieser Richtung forscht" --
Paul Kienle, 36, Lehrstuhlinhaber für Experimentalphysik an der Technischen Hochschule München.
Doktorand Eska, beatlemähnig und im Rollkragenpullover, unterhält die Runde zunächst mit Abschweifungen zum Thema "Programmiertes Lernen". Er hat einen Vortrag gehört: Da müßten also Ratten auf Tasten drücken und bekämen anschließend "Zucken". "Lieber Freund", unterbricht Professor Kienle, "was hast' denn sonst noch zu sagen?"
Daß Professoren über Studenten herrschen wie Duodez-Fürsten über ihre Untertanen, gilt zwar für alle Hochschulen insgesamt, aber nicht für jedes Hochschulinstitut und ganz besonders nicht für das Physik-Department der Technischen Hochschule München. Dort ist -- eine Rarität im deutschen Hochschulwesen -- auf Drängen des Nobelpreisträgers Rudolf Mößbauer Ile herkömmliche Hochschulstruktur geändert worden.
Drei physikalische Institute wurden nach amerikanischem Vorbild zu einem "Department" zusammengefaßt, zehn Lehrstuhlinhaber verwalten das Department gleichberechtigt. Der Lehr- und Lernstil weicht ab von der deutschen Hochschultradition.
Nachdem er heim Tee-Palaver den Ratten "Zucken" gegeben hat, kommt Doktorand Georg Eska zur Sache. Die Hand in der Tasche seiner weiten Kordhose vergraben, kreidet er einer acht Meter breiten Wandtafel so schnell so viele Formeln an, daß Professor Kienle feixend flüstert: "Der muß LSD genommen haben." In die Tee-Runde prasseln Eskas Erläuterungen über "Paritätsauswahlregeln", "Tochterkern", "Isomeren", "Spins", "Überlaps" und "Compound-Zustände". Die Lehrer: "Das verstehe ich nicht." Oder: "Mal langsam." Oder: "Bitte noch mal anmalen, wo es mit den Alpha-Teilchen losgeht."
Eska malt, dann sagt er zu seinem Professor: "Paul, was du da sagst, stimmt nicht."
Freilich, der genialische Nachwuchsmann hat sich, wie ihm die durchaus kundigen Professoren nachweisen können, um einige Zehnerpotenzen verrechnet. Professor Kienle zum Doktoranden: "Im Grunde genommen ist das doch ein bissel ein Schmarren, was du da erzählst."
Aber sicher darüber, ob die vom Studiosus gewiesene Richtung nun für die Forschung verheißungsvoll sein wird oder nicht, sind sich die Gelehrten auch wieder nicht. "Meine Meinung ist vielleicht, daß ... sagt der eine, "I don't know", sagt ein anderer, und ein Japaner singt: "My feeling is..
Am Schluß spricht alles deutschenglisch durcheinander, un.d Doktorand Eska hat an dem Thema die Lust verloren: "Ich will es nicht machen." Lehrer Kienle findet das in Ordnung: "Wahrscheinlich ist die Sache experimentell zu schwierig."
Nach anderthalbstündigem Palaver geht die Runde auseinander. Nicht ein einziges Mal sind die Anreden gefallen, die in Deutschland vorgeblich die Gelehrsamkeit ausdrücken: "Herr Professor" oder auch nur "Herr Doktor".

DER SPIEGEL 8/1968
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