19.02.1968

MALEREI / BUBENIKFormel für Endivien

Er malt technische Apparate, organische Präparate und manchmal beides zugleich: einen "Schaltplan', die "Genitalien der Venus", einen "enzymatischen Rezeptor" und eine "elektronische Schmetterling-Maschine". Mit halb exakten, halb phantastischen Farbtafeln in der Art schematischer Lehrbuch-Illustrationen versucht sich Gernot Bubenik, 25, an einer neuen "Science-fiction-Kunst".
Die pseudowissenschaftlichen Schaubilder, in leuchtenden Lacken ausgeführt, haben so rapide Markt und Renommee gewonnen wie kaum ein anderes deutsches Kunstprodukt. Rund 20 Gemälde (Durchschnittspreis: 1800 Mark), dazu 1000 Graphiken (um 150 Mark) aus Bubeniks Berliner Atelier wurden im letzten Jahr verkauft; und Sammelausstellungen junger deutscher Malerei im Ausland (so kürzlich in Paris und Philadelphia) sind regelmäßig mit Bubenik-Arbeiten bestückt.
In Deutschland ist der Sciencefiction-Künstler nun schon museumsreif: Seine bisher größte Einzelausstellung wird gegenwärtig im Leverkusener Schloß Morsbroich gezeigt -- 44 technische und biologische Motive aus den Jahren seit 1963.
Von Naturwissenschaften und Technik war Bubenik, im mährischen Troppau geboren, früh gefesselt -- viel früher als von der Kunst. Als Mittelschüler in Pfaffenhofen bei München las er Zukunftsromane, versuchte, urzeitliche Riesenschachtelhalme zu züchten, und baute ein untaugliches Gerät, das nach dem Prinzip eines Schallplattenspielers gezeichnete Linien hörbar machen sollte. Nach Schulschluß dann, mit 15, hospitierte der Hobby-Techniker beim Würzburger Max-Planck-Institut für Silikatforschung, entschied sich aber schließlich für den Gärtnerberuf und zog Tomaten bis zur Gesellenprüfung.
Die schnell als "Zeitvergeudung" erkannte praktische Botanik nutzte der Geselle später dennoch: Als Schüler des Berliner Malprofessors Wolf Hoffmann ließ sich Bubenik zunächst von dessen Gartengrundrissen inspirieren, die er in Stadtpläne umsetzte, erfand aber bald auch ähnliche organische Muster -- und technische.
In menschlichen Siedlungen nämlich, in Naturgewächsen und Maschinen entdeckte der Maler vergleichbare Strukturen, die er nun auf seinen Bildern sichtbar machen möchte.
Sein Malprinzip entlehnte Bubenik einem 1957 im Max-Planck-Institut beobachteten elektronischen Prozeß: Er hatte gesehen, wie ein Computer das Röntgendiagramm eines Kristalls in Zahlenreihen, diese aber in ein Bild der Moleküle verwandelte.
Entsprechend will Bubenik die Partikel der Wissenschafts-Welt, die er in Anatomie-Lehrbüchern betrachtet oder die er mit photographischen Diapositiven an die Atelierwand projiziert, für die Kunst stilisieren und in neue Beziehungen setzen.
Auf diese Weise kommt der Künstler, der gern das Malen aufgeben würde, um statt dessen einen Computer mit visuellem Material zu programmieren, zu verblüffenden Kombinationen. Er entwarf beispielsweise ein Schaubild, das die Entwicklung einer Libellenlarve aus einem geometrischen Gemälde des Amerikaners Kenneth Noland zeigt. Auch ersann er eine "Formel für die Synthese der Endivienpflanze" sowie einen "Transistorkeim" als "Modelle einer neuen Realität" (Bubenik).
Die neue Wirklichkeit ist noch utopisch -- eine Welt noch nicht erfundener Apparate, die (so Bubenik) dermaßen kompliziert sein wird, daß sie von der Wissenschaft nicht mehr überblickt werden kann. "Diese Aufgabe", postuliert der Maler, "übernimmt die Kunst."
Die schockfarbenen, präzisen Bilder freilich, die Bubenik mit Schablonen und einer Spritzpistole auf grundierte Aluminiumplatten aufträgt, verraten kaum etwas von seinen ambitiösen Theorien -- sie wirken eher dekorativ als wissenschaftlich.
Offenkundiger sind die Zusammenhänge zwischen dem Werk und der Biographie des Malers. Bubenik über Bubenik in einem Lebenslauf: "1963 zeugt er seinen Sohn. Er beginnt, vergrößerte Querschnitte von Embryos zu malen."

DER SPIEGEL 8/1968
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MALEREI / BUBENIK:
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