Das Gesicht gerötet, reichte Badens blonde Weinkönigin Gertrud Basler dem Bundespräsidenten mit zitternder Hand den Willkommenstrunk. Heinrich Lübke tadelte die Zaghafte: "Na, Sie sind wohl betrunken?" Dann griff er nach dem Pokal.
Von hinten jedoch flüsterte Lübkes persönlicher Referent Dr. Hermann Sehrbrock protokollarische Bedenken: "Herr Präsident, Sie haben bei der deutschen Weinkönigin abgelehnt, da können Sie hier auch nichts trinken."
Lübke ließ die Hand sinken und repetierte: "Ich habe vorher abgelehnt, da kann ich hier auch nichts trinken." Das deutsche Staatsoberhaupt wandte sich von Gertrud Basler ab und begab sich -- vorletzten Sonnabend während der Grünen Woche in Berlin -- auf diplomatische Mission zu den ausländischen Ständen.
Bald fesselte spanischer Tarragona des Präsidenten Blick. Ein Mundschenk in Schwarz mit roter Schärpe schöpfte den Trank mit einer langstieligen Kelle in geschliffene Gläser. Wilhelmine Lübke nippte, und ihr Mann klärte den spanischen Botschafter José de Erice auf: "Das war ein Torero." Das höfliche Nein des Diplomaten ließ der Präsident nicht gelten: "Es war doch ein Torero."
Bei einem Schluck Wein und einer süßen Mandel am Stand Zyperns wurde Heinrich Lübke politisch. Den Regierungsvertretern der unruhigen Mittelmeer- Republik legte er nahe: "Nun sehen Sie mal zu, daß Sie auf Ihrer Insel endlich Frieden kriegen." Die Zyprer bedankten sich mit einer viereinhalbtausend Jahre alten tönernen Vase. "Die muß ja ein Vermögen gekostet haben", bestaunte Lübke das Geschenk aus Museumsbeständen.
Lange verharrte der Präsident vor dem Prunkstück des Israel-Pavillons, einer vier Meter langen Nachbildung der Arche Noah, auf der sich ein halbes hundert Stofftiere mechanisch bewegte. "So eine Arche", riet er wenig später dem römischen Agrar-.Staatssekretär Mario Vetrone am Italien-Stand, "sollten Sie auch aufstellen, dann wäre hier mehr los."
Am tunesischen Stand fand der prominente Rundgänger keinen angemessenen Gesprächspartner und schritt weiter. Noch in Hut und Mantel eilten Tunesiens Landwirtschaftsminister Ben Osman und seine Begleitung dem Präsidenten nach, aber sie fanden keine Gnade mehr. Lübke: "Dann müssen Sie sehen, daß Sie das nächste Mal früher aus den Betten kommen."
Mit angelsächsischer Pünktlichkeit dagegen harrten die Briten des hohen Besuchers, dessen Laune sich sichtlich verbesserte. Lübke setzte zu einem Lob an: "I am, I am und stockte. Dann bat er seine sprachkundige Frau um Hilfe: "Sag ihnen doch, daß ich mich freue."
Lübkes Freude über Englands grüne Boten, die mit einem vollständigen Sortiment Landesprodukte ihre EWG-Tauglichkeit nachzuweisen suchten, muß beträchtlich gewesen sein. Vom Parlamentarischen Staatssekretär im britischen Ministerium für Landwirtschaft und Fischerei James Hoy schied er mit den Worten: " Auf Wiedersehen, Herr Premierminister."
DER SPIEGEL 6/1968
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