12.02.1968

„PASST IHR WIRKLICH ZUSAMMEN?“

Etwa 90 Millionen Exemplare von Jugend- und Spätjugend-Zeitschriften werden jährlich in der Bundesrepublik an Teens und Twens verkauft. Rund 40 Millionen davon, 45 Prozent, kommen aus dem Hause Springer.
Seit Axel Springer im Juli 1965 das florierende Teenager-Magazin "Bravo" vom Münchner Verleger Helmut Kindler gekauft und ein Jahr später auch noch ·.Twen" und "OK" vom Hamburger Heinrich Bauer Verlag erworben hat, ist Axel Springer
auch Deutschlands erfolgreichster Jugendzeitschriften-Verleger.
Jedes fünfte der recht kaufkräftigen deutschen Kinder zwischen 14 und 24 Jahren liest jede Woche "Bravo", das inzwischen mit "OK" vereinigt wurde und mit einer Wochenauflage von 765 000 Exemplaren Europas größte Jugendzeitschrift ist.
Rund 180 000 schon tapfer verdienende, meist unverheiratete 20- bis 30jährige geben einmal im Monat 2,20 Mark für "Twen" aus und erkaufen sich das Gefühl, modern, "nicht mehr allein" und überhaupt "in" zu sein.
"Bravo" und "Twen" gleichen sich äußerlich wenig. "Bravo", in kleinem Format auf novembergrauem Papier, vollgeklemmt mit Bildern von Beatgruppen, bietet Aufklärungs-Serien ("Report über die Lehrjahre der Liebe") und Anzeigen für Bonbons und gegen Pickel. "Twen", in internationalem Illustrierten-Format und mit preisgekröntem Layout auf weißem Glanzpapier" bietet düster -anregenden Sex und gibt sich, so seine Kritiker, "superindividualistisch". Eines aber haben "Bravo" und "Twen" seit Springer sie verlegt, gemeinsam: den Appell an die Leser mitzumachen.
In einer einzigen Nummer regte "Bravo" seine Leser nicht weniger als zehnmal an, etwas zu entscheiden, anzukreuzen, auszuschneiden, einzuschicken oder aufzukleben ("Freut Euch des Klebens"). "Bravo" -"Reporter-Leser" können durch Schilderung dessen, "was mich bewegt", 300 Mark Honorar verdienen, sie dürfen sich von "ihrem Star" aus der "Bravo"-Redaktion anrufen lassen, sie können sogar mit "Bravo" gemeinsam in die Ferien reisen.
"Twen"-Leser werden aufgefordert, ein "Liebe-Spiel" per Computer mitzumachen, auf dem Hockenheimring mit dem Auto zu trainieren oder Mädchen "auszusuchen und zu verzaubern".
Das Rezept ist alt. Nach ihm entstanden schon die "Hör zu"-Familie und die "Bild"- und "Hamburger Abendblatt"-Lesergemeinden. Auch die Parolen, mit denen die Emotionen infantiler Bundesbürger mobilisiert werden gleichen denen, die jedem "Bild"-Leser vertraut sind: "Bravo" fordert: "Schluß damit! Es gibt keine Halbstarkengefahr."
Es ist eine heile, nette Welt, die "Brave"- und "Twen"-Lesern vorgegaukelt wird. Da gibt es keinen Krieg in Vietnam, keinen Hunger in der Welt, keine Rassenkrawalle in Amerika und keine Studenten-Rebellionen in Berlin, Frankfurt und München.
Die jungen Leute sind nett und brav. Sie leben, so künden Anzeigen für "Bravo", "nicht in einer Traumwelt", sie sehen "sich und ihre Möglichkeiten sehr realistisch", und während andere Springer-Zeitungen die jungen Rebellen an den Universitäten als "verrückte Halbstarke" abkanzeln, verlangt "Bravo", "daß es an der Zeit ist, ein Vorurteil zu korrigieren".
Freilich, man vergißt auch nicht, daß die jungen Leute im Jahr 20 Milliarden Mark ausgehen und daß sich Anzeigen in "Bravo" (Seitenpreis: 13 296 Mark für schwarzweiß, 21 273,60 Mark für vierfarbig) lohnen. Erfolg: Der Anzeigen-Umsatz stieg um 30 Prozent.
"Twen", noch immer ohne Gewinn, obwohl die Auflage im Jahr 1967 von 100 000 auf 180 000 verkaufte Exemplare anstieg, will nun der neue Herausgeber, "Bild"-Chef Peter Boenisch" aus der Verlustzone bringen.
Boenisch, als "Bravo"-Chefredakteur in den Jahren 1956 bis 1959 mit jugendlichen Lesern vertraut, fliegt einmal in der Woche nach München, um der etwas bohemischen "Twen"-Redaktion mehr Planung beizubringen. Sein Helfer bei diesem Geschäft ist Axel Springer junior (Pseudonym: Sven Simon), der schon im Oktober 1967 seine hübsche Frau Rosemarie für das Titelblatt photographierte.
Für 1968 erwartet Boenisch mit
"Rendez-Vous 68", einer Partnerwahl per Computer, einen "Weltrekord". Die für "Twen" preisgünstige Aktion -- jeder Teilnehmer muß 4,50 Mark zahlen -- soll die Auflage von "Twen" weiter in die Höhe bringen.
Auch "Bravo"-Leser sollen nicht zu kurz kommen. Sie wurden derweil aufgefordert zu testen: "Paßt ihr wirklich zusammen?"

DER SPIEGEL 7/1968
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