12.02.1968

MANAGER / EPSTEINTantieme vorn Torero

Ein halbes Jahr rechneten die englischen Finanzbeamten, dann zogen sie Bilanz: Beatles-Manager Brian Epstein, ließen sie wissen, hat nur zweieinhalb Millionen Mark hinterlassen -- der bestverdienende Impresario der Welt war beinahe als armer Mann gestorben.
Epsteins Erbin, seine Mutter Queenie, schätzt das Vermächtnis des Sohnes allerdings wesentlich höher ein. "Die Beatles und ich", hatte ihr Brian noch kurz vor seinem Tod im August anvertraut, "haben zusammen 280 Millionen Mark gemacht." Sein Anteil: mindestens 70 Millionen. Auf 70, vielleicht sogar 80 Millionen taxiert denn auch Queenie Epstein den Nachlaß und ist schon auf Erbschaftssteuern in Höhe von 50 bis 60 Millionen Mark gefaßt.
Der Grund für die Differenz zwischen amtlicher und privater Rechnung: Die Steuerfahnder haben sich verkalkuliert.
Epstein -- ein besessener und unglücklicher Spieler zwar, der in mancher Nacht Zehntausende durchbrachte -war als Geschäftsmann ein Meister der Finesse und hat die Steuereinnehmer mit Erfolg getäuscht.
Seine Beatles-Firmen North End Musical Stores (Nems) und Northern Songs hat er so kompliziert gebaut und so geschickt verschachtelt, daß die britischen Finanzbeamten die Konstruktion im Detail noch immer nicht zu durchschauen vermochten und nur eine provisorische Summe errechnen konnten.
Nems zum Beispiel ist mit anderen amerikanischen und englischen Manager-Agenturen zu einem Konzern verwoben. Der Kurswert der Nems-Papiere ist nur schwer zu bestimmen, denn sie werden an der Börse nicht gehandelt. Epstein selbst schätzte 1967 seinen Anteil von 75 Prozent -- der Rest gehört den Beatles -- mit rund 45 Millionen Mark ein.
Ähnlich undurchsichtig sind auch die anderen Unternehmungen des einstigen Möbelverkäufers Epstein: Beteiligungen an Nachtklubs, Einzelhandeisgeschäften und Theateraufführungen sind verquickt mit Einkünften aus Garagen, Verlagen und den Tantiemen, die ihm ein spanischer Torero schuldet.
Epsteins ergiebigste Investition waren allerdings die Beatles. Vermutlich verdiente er an ihnen sogar mehr Geld, als jeder einzelne der Pop-Sänger selbst einnahm.
Doch der Reichtum brachte den Manager seinem Ziel nicht näher: Er wäre zu gern der fünfte Beatle geworden. Die Pilzköpfe betrachteten ihn jedoch lediglich als ihren Impresario und wollten ihm einmal sogar kündigen.
Der einsame Mann nannte sich zum Trost "Vater der Beatles", trank viele, viele Whisky-Flaschen leer, rauchte Marihuana und gewöhnte sich an LSD.
Sein Tod -- er starb mit 32 Jahren an einer Überdosis des Schlafmittels Carbrital -- brachte die Beatles nur kurz aus der Fassung. Dem weinenden Paul McCartney verhieß George Harrison: "Brian ist nur physisch tot. Er wird zurückkehren, weil er immer um Glück rang."
Unterdessen erkannten die Beatles freilich, daß ihr Manager sie wirklich verlassen hat. Mit der ersten Produktion, bei der sie ganz ohne Epsteins Hilfe auskommen mußten, hatten sie kein Glück: Der farbige Fernsehfilm "Magical Mystery Tour" wurde ihr erster großer Mißerfolg.

DER SPIEGEL 7/1968
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