26.02.1968

ZEITGESCHICHTE / STALINS SOHN

Schieß doch

Mal hieß es, er sei im Sudetenland an Flecktyphus gestorben, dann wieder, er sei in Argentinien ertrunken.

Die einen wollten wissen, er habe sich als italienischer Partisan mit einer Handgranate das Leben genommen, die anderen, er sei in Südtirol verschwunden und -- so ein russisches Emigrantenblatt -- "irgendwo in Europa untergetaucht".

Seit letzter Woche endlich scheint sicher, wie und wo Stalins ältester Sohn, Jakob ("Jascha") Dschugaschwili, der als Artillerie-Oberleutnant schon kurz nach Beginn des Rußland-Feldzuges im Juli 1941 bei Witebsk in deutsche Gefangenschaft geraten war, tatsächlich endete:

Am Abend des 14. April 1943 kletterte er in den Stacheldrahtzaun des Konzentrationslagers Sachsenhausen, forderte den Posten auf: "Schieß doch, schieß" und wurde durch einen Kopfschuß getötet.

Acht Tage später erhielt Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop in Berlin eine "streng geheime" Mitteilung des SS-Reichsführers Heinrich Himmler:

"Lieber Ribbentrop. In der Anlage sende ich Ihnen einen Bericht darüber, daß der Kriegsgefangene Jakob Dschugaschwili, der Sohn von Stalin, beim Versuch, aus dem Sonderlager A in Sachsenhausen ... zu entkommen, erschossen wurde."

Journalisten des Washingtoner "Sunday Star" gruben jetzt die gesamte Jascha-Akte aus, nebst einem "offiziellen Nazi-Photo", das den toten Stalin-Sohn im Stacheldraht von Sachsenhausen zeigt. Aus diesen Dokumenten, die seit Kriegsende im amerikanischen State Department lagerten, geht hervor, daß Jakob offenbar Opfer einer Haftpsychose geworden und aus selbstmörderischer Absicht in den Stacheldraht gestiegen war.

Einen Selbstmordversuch hatte Jakob schon als junger Mann unternommen -- vermutlich, weil er sich mit seiner Frau nicht verstand und von seinem Vater nicht geliebt wurde. Wie seine Stiefschwester Swetlana berichtet, schloß Jascha sich nachts in die Küche ein, um sich zu erschießen, doch die Kugel streifte ihn nur. Vater Stalin damals: "Ha, ha, danebengeschossen."

Das Mißtrauen des roten Diktators brach offen aus, als Stalin die Gefangennahme seines Sohnes gemeldet wurde. In ihm hatte sich -- so Swetlana in ihren Memoiren -- "der Gedanke festgesetzt, daß irgend jemand Jascha dazu verführt habe, sich gefangennehmen zu lassen".

Tatsächlich war dem damals 34 Jahre alten Oberleutnant und Batteriechef Dschugaschwili am 25. Tag des deutschen Einfalls in Rußland keine andere Wahl als die Gefangenschaft geblieben -- was aus dem ebenfalls jetzt in Washington veröffentlichten Protokoll des ersten Verhörs des Stalin-Sohns durch die Deutschen hervorgeht.

Dschugaschwili: "Wir waren umzingelt. Alles befand sich in Panik und Unordnung ... Ich ging in ein Bauernhaus, wechselte die Kleider und dachte, daß ich mich vielleicht in der Nacht durchschlagen könnte. Aber dann war ich plötzlich entdeckt. Ich stand auf und sagte: "Ich ergebe mich." Das ist alles."

Über die Offizierslager in Hammelburg (Franken) und Lübeck-Vorwerk kam Jakob in das Konzentrationslager Sachsenhausen, wo für prominente Häftlinge ein Speziallager eingerichtet worden war. Dschugaschwili wurde dort zusammen mit einem Neffen des sowjetischen Außenministers Molotow, Leutnant Wassilij Kokorin, sowie mit vier Engländern -- Thomas Cushing, William Murphy, Patrick O"Brien und Andrew Walsh -- festgehalten.

Cushing berichtete später, der Stalin-Sohn habe es abgelehnt, sich von den Deutschen in Zivil stecken und nach Berlin ins Theater einladen zu lassen. Statt dessen drohte er, daß nach dem Krieg alle arbeitsfähigen Deutschen in Rußland "Stein um Stein" wieder aufbauen müßten, was sie zerstört hätten.

Aus den Washingtoner Dokumenten geht aber auch hervor, daß es zwischen den beiden Russen und den vier Engländern in Sachsenhausen häufig zu Streitereien kam, vor allem weil die Engländer nicht davon abzubringen waren, der Molotow-Neffe Kokorin sei ein Gestapo-Agent.

Eine regelrechte Schlägerei entstand, als die Engländer den Russen vorwarfen, sie hätten die Toilette beschmutzt. Am Abend dieses Tages weigerte sich der Stalin-Sohn, in die Baracke zurückzugehen.

Darüber gab der SS-Posten Karl Jüngling zu Protokoll, er habe den "Herrn Leutnant" aufgefordert zu verschwinden, aber Dschugaschwili wollte den Lagerkommandanten sprechen und erklärte "in gebrochenem Deutsch": "Ich werde nicht in meine Baracke gehen, Sie können machen, was Sie wollen."

Als Jüngling erwiderte, der Kommandant sei erst morgen zu sprechen, schimpfte der Stalin-Sohn" das sei eine Beleidigung, und schrie plötzlich: "Herr Unteroffizier, Sie sind Soldat. seien Sie kein Feigling und schießen Sie."

Während Jüngling davoneilte, um seinen Vorgesetzten, den SS-Obersturmführer Petri, zu holen, stapfte Dschugaschwili weiter auf dem Lager platz herum und geriet an einen anderen Posten, den SS-Rottenführer Konrad Harfich, damals 41. Sogleich flehte Jakob: "Posten, erschieß mich."

Dann marschierte der Stalin-Sohn auf den Stacheldraht los, stieg über den ersten Zaun, durchquerte die "neutrale Zone" und machte sich an den Isolatoren des elektrisch geladenen Todesdrahts zu schaffen.

Harf ich: "Aber ihm passierte nichts. Ich feuerte einen Warnschuß ab. Er aber rief: "Schieß doch, schieß." Ich rief ihm zu, er solle zurückbleiben, aber er antwortete: "Posten, sei nicht feige." Dann schoß ich, wie es befohlen ist"

Der Lagerarzt stellte den Tod fest. Die Kugel war vier Zentimeter neben dem rechten Ohr in den Kopf gedrungen und zerschlug Jaschas Schädel.

Jaschas Stiefschwester Swetlana zweifelt indessen auch an dieser Version. In Princeton, ihrem amerikanischen Exil, sagte sie: "Ich habe so viele Geschichten über seinen Tod gehört, und ich weiß absolut nicht, welcher ich glauben soll."


DER SPIEGEL 9/1968
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