04.03.1968

USA / TONKIN-UNTERSUCHUNG Blutige Nase

Zweimal meldete der US-Zerstörer "Maddox" Feindberührung. Zweimal in 53 Stunden funkte Kommandant Herbert L. Ogier, sein Schiff werde von nordvietnamesischen Torpedobooten beschossen.
Das war am 2. und 4. August 1964 im Golf von Tonkin. Die Mini-Macht Nordvietnam hatte, so schien es, den Krieg gegen den Giganten USA begonnen -- und den Amerikanern die Rechtsgrundlage für eine massive Intervention im Vietnamkrieg geliefert.
Fünf Stunden nach der zweiten "Maddox" -- Meldung beantwortete Lyndon B. Johnson die rote "Provokation" mit einem Vergeltungsschlag: 64 US-Maschinen flogen erstmals Bombenangriffe gegen Nordvietnam.
Und knapp drei Tage später ermächtigten Amerikas Parlamentarier unter dem Eindruck der Ereignisse im Golf von Tonkin den Präsidenten, "alle erforderlichen Maßnahmen" zur Verteidigung Südvietnams zu ergreifen.
Die Blankovollmacht diente der Regierung als "funktionelles Äquivalent einer Kriegserklärung" (so Vize-Außenminister Katzenbach): Der Präsident entsandte mehr als eine halbe Million Soldaten nach Vietnam, machte den Bürgerkrieg zu Amerikas Krieg, ließ amerikanische Flugzeuge das asiatische Land mit Bomben und Napalm verwüsten. Und jedesmal, wenn er die Eskalationsschraube wieder weiter anzog, berief er sich auf die Tonkin-Resolution des Kongresses.
Dreieinhalb Jahre lang mußten die Mitglieder des Repräsentantenhauses und die Senatoren zusehen, wie ihnen ihr Wechsel immer wieder präsentiert wurde.
In der vorletzten Woche stellte sich heraus, daß ihnen die Unterschrift unter diesen Wechsel durch eine Täuschung abgerungen worden war. Nach einer sechsmonatigen Untersuchung enthüllte der von J. William Fulbright geführte Außenpolitische Senatsausschuß, der Tonkin-Zwischenfall habe sich ganz anders abgespielt, als es die Regierung 1964 zur Begründung der Resolution vorgetragen hatte.
Die "Maddox", so hatte Verteidigungsminister McNamara damals erklärt, sei auf einer Routinefahrt gewesen. Der Ausschuß stellte jetzt fest:
> Die "Maddox" war vor ihrer Fahrt in den Golf von Tonkin auf Formosa mit hochempfindlichen elektronischen Geräten ausgestattet worden. Sie sollte den Funk- und Radarverkehr der Nordvietnamesen abhören und stören und mit elektronischen Mitteln die Aufmerksamkeit der Kommunisten auf sich ziehen, um so von einer gleichzeitigen Aktion südvietnamesischer Schiffe gegen die Küste Nordvietnams abzulenken.
Der Vergeltungsschlag gegen Nordvietnam, so hatte die Regierung damals versichert, sei erst nach genauer Analyse aller Informationen befohlen worden. Der Ausschuß ermittelte jetzt:
> Als der Chef der US-Pazifikflotte, Vizeadmiral Thomas H. Moorer, immer noch versuchte, von der Maddox" genaue Auskünfte über den Hergang des Zwischenfalls zu erhalten, waren die Vergeltungsbomber schon auf dem Weg nach Nordvietnam.
In einem 240-Seiten-Bericht legte der Ausschuß dar, wie sich "die feindlichen Aktionen gegen Schiffe der Vereinigten Staaten" (Johnson) tatsächlich abgespielt hatten:
Um 19.40 Uhr am 4. August 1964 machten die Männer der " Maddox" -- die zu diesem Zeitpunkt im Schutz-Verband mit dem Zerstörer "Turner Joy" fuhr -- auf ihren Radarschirmen etwas aus, das sie für fünf Torpedoboote in 36 Meilen Entfernung hielten.
Als die vermeintlichen Boote auf fünf Meilen herangekommen waren, schossen die Amerikaner Leuchtkugeln ab, denn an diesem Abend war es "finsterer als in der tiefsten Hölle" ("Maddox"-Radarmann James Stankevitz). Doch auf dem Wasser war nichts zu sehen.
Als die verdächtigen Erscheinungen laut Radarschirm der "Turner Joy" nur noch drei Meilen entfernt waren, eröffneten die Amerikaner das Feuer -- die "Turner Joy" anhand ihres Radarschirms, die "Maddox" jedoch aufs Geratewohl: Auf ihrem Schirm bewegte sich nichts mehr.
Zwar glaubten einige Zerstörer-Matrosen, die Silhouette eines Schiffes und sogar das sekundenlange Aufflackern eines Suchscheinwerfers wahrgenommen zu haben; zwar fingen die Sonargeräte der Zerstörer Geräusche auf, die vom Bedienungspersonal als Abschußlärm von 22 Torpedos identifiziert wurden doch niemand sah den Feind genau. Auch die bei Feuer-Beginn herbeigerufenen US-Flugzeuge konnten nur die eigenen Schiffe ausmachen.
"Können Sie mit absoluter Sicherheit bestätigen, daß Sie angegriffen wurden?" fragte Admiral Moorer nach den ersten Alarmmeldungen den Verbands-Chef der beiden Zerstörer. "Können Sie die Versenkung von Torpedobooten bestätigen?"
Verbands-Chef Herrick antwortete: "Die nochmalige Überprüfung der Aktion läßt viele der gemeldeten Feindberührungen und registrierten Torpedo-Abschüsse zweifelhaft erscheinen ... Mit den eigenen Augen wurde der Feind von der "Maddox nicht gesichtet. Schlage vor jeder weiteren Aktion gründliche Überprüfung vor.
Ob Lyndon Johnson diese Erklärung je zu Gesicht bekam, ist bis heute unklar,
In seinen letzten Amtstagen vom Ausschuß vernommen, räumte Robert S. McNamara ein: "Einige Beweisstücke, vor allem die Berichte der Augenzeugen vom Angriff der Torpedoboote, lagen nicht vor, als der Präsident den Befehl zur Bombardierung Nordvietnams gab." Zugleich aber betonte der Minister, Johnson habe "jenseits allen Zweifels" genügend Informationen über die Angriffe der roten Boote besessen.
Doch die Vertrauenslücke zwischen Volk und Präsidenten konnte er damit nicht schließen. Statt dessen keimte der Verdacht, die US-Regierung selbst habe die Tonkin-Affäre provoziert oder gar inszeniert. Denn, so ermittelte der Fulbright-Ausschuß:
Die Pläne für eine Bombardierung Nordvietnams stammten bereits aus dem Frühjahr 1964, lange bevor das Schemen-Schießen im Golf von Tonkin stattfand, und waren im Juli 1964 mit der Regierung in Saigon koordiniert worden.
Und: Die Resolution, die Johnson dem Kongreß nach dem Tonkin-Schießen zuleitete, war schon Monate zuvor formuliert worden.

DER SPIEGEL 10/1968
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