04.03.1968

LITERATUR / BULGAKOWMeister in Moskau

"Der Name Bulgakow", prophezeite Maxim Gorki um 1930, "wird in der Geschichte der Literatur unvergessen bleiben,"
Über drei Jahrzehnte schien es, als habe der Klassiker des sozialistischen Realismus und Stalin-Freund Gorki falsch prophezeit.
Im Winter 1966/67 jedoch -- 25 Jahre nach dem Tod des russischen Schriftstellers und Arztes Michail Bulgakow (1891 bis 1940) -- erschien in der Moskauer Zeitschrift "Moskwa" Bulgakows bisher unveröffentlichter Roman "Der Meister und Margarita". Und dieser Griff ins Geheimfach der vom Stalinismus unterdrückten russischen Literatur erwies sich als überaus folgen- und erfolgreich:
Schon am Erscheinungstag war die "Moskwa"-Bulgakow-Nummer (Auflage: 150 000) vergriffen. In Moskau fanden öffentliche "Meister und Margarita"-Lesungen statt.
Wenige Wochen später erschien die Spätentdeckung auch im Westen: in Italien bei gleich drei, in den USA bei zwei Verlagen. Eine britische Bulgakow-Ausgabe folgte; Ausgaben in Frankreich, Norwegen, Polen, Schweden und der DDR sind geplant.
In der Bundesrepublik kündigten zunächst fünf Verlage "Meister und Margarita"-Übersetzungen an. Vier traten zurück, übrig blieb der Luchterhand Verlag -- er bringt den Roman, eine Variation auf Goethes "Faust", in dieser Woche "nun auch auf den deutschen Büchermarkt*.
Westliche Kritiker haben auf Bulgakows Nachlaß-Buch bereits ähnlich enthusiastisch reagiert wie die russischen Leser. Die "New York Times Book Review" über das "Meister"-Werk: "Ein Meisterwerk."
Bulgakow, Sohn eines Kirchenhistorikers in Kiew, hatte als Arzt praktiziert, bevor er 1921 nach Moskau zog. Die Mißbilligung der offiziellen Literaturkritik bekam er schon bei seinem ersten Buch, einem Erzählungsband, 1925 zu spüren: Den phantastisch-satirischen Geschichten, so rügten Sowjet-Rezensenten, fehle es an revolutionärer Parteilichkeit.
Erst recht mißfiel Bulgakows publikumswirksames Revolutionsdrama "Die Tage der Geschwister Turbin" (über 1000 Aufführungen bis heute), eine Dramatisierung seines Romans "Die weiße Garde", zu der er von Rußlands Regie-Zar Stanislawski angeregt worden war. Stalin sah das Stück fünfzehnmal, dann ließ er es verbieten; der Autor hatte darin gewagt, "leidenschaftslos über den Roten und Weißen zu stehen" (Bulgakow).
Verboten wurden bald noch drei weitere Stücke des Überparteilichen. Bulgakow erhielt Publikationsverbot.
* Michail Bulgakow: "Der Meister und Margarita". Luchterhand Verlag, Neuwied; 652 Seiten; 24 Mark.
1930 zählte er insgesamt 301 sowjetische Presse-Artikel über sich und seine Arbeiten; in 298 wurde er beschimpft, etwa als "literarischer Hausknecht, der die von einem Dutzend Gäste ausgespuckten Speisereste aufsammelt". Die "Iswestija" deklassierte ihn als "sozialreaktionär".
Im dritten Jahre seines Schreibverbots schrieb Bulgakow, um seinen "schriftstellerischen Qualen ein End zu bereiten", einen Brief an die Sowjet-Regierung.
In diesem Dokument, das zum ersten Male im Dezember letzten Jahres von der Wiener Zeitschrift "Tagebuch" veröffentlicht wurde, erklärte Bulgakow, niemals "ein kommunistisches Stück schreiben" zu können, und bekannte sich zum Kampf gegen die Zensur: "Das ist ein Wesenszug meines Schaffens; er allein genügt vollauf, daß meine Werke in der UdSSR nicht existieren können."
Bulgakow schlug der Regierung deshalb vor, sie möge ihn ausreisen lassen oder aber "als festangestellten Regisseur an ein Theater abkommandieren". Und weiter: "Will man mich nicht zum Regisseur machen, dann bitte ich um eine feste Anstellung als Statist. Darf ich auch nicht Statist werden, dann bitte ich um eine Anstellung als Bühnenarbeiter. Sollte auch das nicht möglich sein, dann bitte ich die Sowjet-Regierung, so vorzugehen, wie sie es für notwendig befindet, aber irgendwie vorzugehen, da ich ... derzeit nur eine Perspektive habe: Not, Obdachlosigkeit und Untergang."
Stalin gab nach. Er telephonierte mit dem Verzweifelten und sorgte dafür, daß Bulgakow an Standslawskis Moskauer Künstlertheater als Regieassistent angestellt wurde.
Doch 1936 geriet der Schriftsteller wieder in Schwierigkeiten: Er hielt sein "Molière"-Drama für fehlinszeniert, verließ noch vor der Uraufführung unter Protest die Stanislawski-Bühne und ging als Librettist zum Moskauer Bolschoi-Theater.
Als Bulgakow 1940, völlig erblindet, an Urämie verstarb, gedachte die Sowjet-Presse seines Todes nicht.
Bulgakows Rehabilitation begann 1954 nach dem II. Sowjetischen Schriftstellerkongreß. Einstmals verbotene Stücke wurden in Stalingrad und Moskau uraufgeführt. Ihren Höhepunkt erreichte die Rehabilitation jedoch erst mit dem Abdruck von Bulgakows Haupt- und Nachlaßwerk "Der Meister und Margarita".
Der Autor hatte an diesem Buch von 1928 bis zu seinem Tod gearbeitet. Aber noch 1966 war sein Werk vor der sowjetischen Zensur nicht sicher.
Als die erste West-Ausgabe des "Meister"-Romans im italienischen Verlag Einaudi erschien, war sie beträchtlich umfangreicher als die "Moskwa"-Fassung: Einaudi hatte noch 69 zusätzliche Seiten aus Moskau beschaffen können -- in der russischen Publikation fehlten sie.
Der Vergleich der Versionen zeigt, was auch der heutigen Sowjet-Union noch unerwünscht ist.
Bulgakow läßt im Moskau der dreißiger Jahre in Gestalt eines ausländischen Professors den Teufel persönlich auftreten und ein satireträchtiges Chaos stiften: Köpfe fliegen durch die Luft, Kleider verflüchtigen sich an Damenkörpern, Banknoten verwandeln sich in Flaschenetiketts, Büroangestellte erliegen einem Zwang zum Absingen des Wolga-Liedes und werden ins Irrenhaus gekarrt.
Manche Anspielungen auf Sexuelles und Spekulantentum, auf Lebensmittelknappheit, stalinistischen Terror und Spionage sind in der Moskauer "Meister"-Fassung gestrichen. "Die Atmosphäre der Unterdrückung", schrieb US-Kritikerin Patricia Blake, "wurde wegretuschiert."
Gegenspieler von Bulgakows Mephisto, sein Faust, ist ein russischer Romancier: "der Meister". Was er und seine Geliebte Margarita per Teufelspakt begehren und erhalten, ist jedoch nicht, wie bei Goethe, Liebe, Jugend oder Wissen, sondern Freiheit. Außerdem nutzt der "Meister" den Höllenvertrag, um eine seiner Romanfiguren aus dem Fegefeuer der Gewissensbisse zu erlösen: Pontius Pilatus.
Dieser Pilatus-Roman des "Meisters" im "Meister und Margarita"-Roman Michail Bulgakows beschreibt den Prozeß Jesu politisch anzüglich. Christus zu Pilatius: "Ich habe ... gesagt, daß von jeder Staatsmacht den Menschen Gewalt geschehe Und auch an autobiographischen. Anspielungen fehlt es nicht: So wie Bulgakows Romanheld seinen Pilatus-Roman ins Feuer wirft, so hatte Bulgakow selbst einst eine erste "Meister und Margarita"-Fassung verbrannt.
Bulgakows Roman überlebte dennoch -- wie auch der des "Meisters" überlebt, dieser freilich mit Teufels Hilfe: "Manuskripte", spricht der Böse zum "Meister" und reicht ihm das unbeschädigte Manuskript aus den Flammen zurück, "Manuskripte brennen nicht."

DER SPIEGEL 10/1968
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