04.03.1968

THEATER / POLENStrenger Winter

Das Lied war garstig, weil politisch. Dem polnischen Satiriker Janusz Szpotanski, 34, hat es drei Jahre Gefängnis eingebracht.
Szpotanski, ein Warschauer Literatur-Kritiker und beliebter Balladen-Sänger, hatte eine Operette "Die Stillen und die Schnatterer" ersonnen, die -- so das Warschauer Woiwodschafts-Gericht vorletzte Woche -- "falsche Informationen über die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Polen" enthalte.
Die Informationen, die "das Ansehen der staatlichen Behörden mindern könnten", waren freilich nur von wenigen vernommen worden. "Der Ball beim Präsidenten" (Untertitel der Operette), ein kabarettistischer Ulk über polnische Partei-Prominenz, kursierte lediglich in einer privaten Tonband-Version; und der Prozeß fand unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt.
Polens Theaterliebhaber erleben einen strengen Winter. Szpotanski ist der dritte polnische Dramatiker dieser Saison, den Gomulkas Funktionäre unterdrückten:
> Ende Januar wurde das antizaristische Klassiker-Drama "Dziady" ("Die Totenfeier") von Adam Mickiewicz (1798 bis 1855) überraschend abgesetzt;
> Mitte Februar kam die Diktatur-Groteske "Gyubal Wahazar oder Auf dem Scheitelpunkt des Unsinns" von Stanislaw Witkiewicz (1885 bis 1939) nicht zur angekündigten Aufführung.
Besonders absurd erscheint die Bannbulle gegen Mickiewicz, "Totenfeier". Das Drama gehört zur Standard-Lektüre polnischer Schüler, und den romantisch umwitterten Mickiewicz verehren die Polen als ihren Goethe.
Die Russen, die seit dem 18. Jahrhundert weite Teile Polens okkupiert hielten, hatten den Studenten Mickiewicz 1824 in die Verbannung geschickt. Der Emigrant wurde in Weimar von Goethe empfangen, gründete in Paris eine revolutionäre Zeitung und kündete dem Papst Plus IX. bei einer Audienz: "Wisse, daß der Geist Gottes jetzt in den Blusen der Arbeiter wohnt."
Für den Kampf gegen den Zarismus stellte Mickiewicz in Italien polnische Legionen auf, und auch in seinem Haupt-Buch, dem Vers-Roman "Pan Tadeusz", zieht er wider den Herrscher aller Reußen. "Pan Tadeusz" ist der Polen Lieblingsbuch; der polnischbürtige Romancier Joseph Conrad ließ es sich ans Sterbelager bringen.
Mit dem "Totenfeier"-Drama hatte Mickiewicz seinen Landsleuten eine Art "Faust" geschrieben. Es ist ein hochpoetisches Stück, in dem Traum und Wirklichkeit sich mengen und mancherlei Themen zur Sprache kommen -- Liebe und Verrat, Polen und Rußland, Sein oder Nichtsein, das sind hier die Fragen.
Die Aufführung des wenig gespielten Stücks (im November letzten Jahres) war ein künstlerisches Ereignis. Kazimierz Dejmek, der führende Regisseur des Warschauer Nationaltheaters, hatte inszeniert; das Publikum jubelte.
Die Zeitungen blieben kühl. "Tygodnuk Literacki" monierte: "Man hätte das geniale politische Drama aus den mystischen Abgründen herausholen sollen." Vom Regisseur wurde erwartet, daß er sein Werk "kritisch betrachte" und "Schlußfolgerungen" ziehe: "Wenn er aber hartnäckig bleibt? Das wäre sein und unser aller Schade.
Dejmek blieb hartnäckig, strich nichts, und die Warschauer bedachten Passagen aus zaristischer Zeit mit demonstrativem Beifall -- so die Sätze:
> "Drei Generationen haben erlebt, wie uns die Gewalt quält";
> "Siehe, da springt der Moskowiter mit dem Schwert hinzu und vergießt das unschuldige Blut des Volkes";
> Seit einem Jahrhundert schickt man aus Moskau nur die schlimmsten Strolche nach Polen."
Ende Januar wurde die "Totenfeier" schließlich abgesetzt. In der letzten Vorstellung riefen Sprechchöre "Fort mit der Zensur" und "Es lebe die Unabhängigkeit Polens"; nach der Aufführung zogen Demonstranten zum Mickiewicz-Denkmal im Bezirk "Krakauer Vorstadt" und legten einen Kranz nieder.
Als sich die Theaterfreunde zum Marsch aufs "Amt für Kontrolle der Presse, der Publikationen und der Schaustellungen" formierten, begann die Miliz zu verhaften. Am gleichen Tag lobte die Moskauer "Prawda" die Warschauer "Totenfeier" und bewunderte den Schauspieler Gustav Holoubek, "der zwanzig Minuten lang mit einem Monolog das Auditorium in Spannung gehalten hatte".
Vierzehn Tage nach der letzten "Totenfeier" sollte -- gleichfalls im Nationaltheater -- die Groteske "Gyubal Wahazar oder Auf dem Scheitelpunkt des Unsinns" Premiere haben. Am Aufführungs-Abend aber belehrte ein Schild, wegen "technischer und organisatorischer Schwierigkeiten" werde "Gyubal Wahazar" auf unbestimmte Zeit vertagt.
Der Autor Stanislaw Ignacy Witkiewicz gilt als ein Pra-Ionesco. Schon in den zwanziger Jahren fertigte er surrealistische, grausige Farcen nach Art des absurden Theaters, die, wenn überhaupt, als Skandal-Stücke auf die Bühne kamen. 1939, beim Einmarsch der deutschen Truppen, erschoß sich der Dramatiker. In den letzten Jahren wurden Witkiewicz-Werke in Deutschland eifrig inszeniert.
"Gyubal Wahazar", 1921 verfaßt, war bislang kaum bekannt. Der Titelheld des Stückes tritt als Diktator eines imaginären Staates auf -- stets mit Schaum vor dem Mund, "was leicht auszuführen ist, wenn man sich vorher Vichy-Pillen in den Mund steckt" (Regie-Anweisung).
Nachdem zwei Kommissionen während der letzten Proben den Text purgiert hatten, verwarf eine dritte Kommission die ganze Aufführung. Wahazars Worte ließen ironischen Beifall fürchten.
Denn der Diktator brüstet sich, seine Angestellten funktionierten "wie Automaten"; und nach der Erschießung eines unliebsamen Intellektuellen freut er sich: " Ach, ein Literat weniger -- nun ist die Luft gleich besser."
Am selben Tag, da "Gyubal Wahazar nicht zur Premiere kam, eröffnete das Warschauer Woiwodschafts-Gericht den Prozeß gegen den Satiriker Szpotanski und seine Polit-Revue "Der Ball beim Präsidenten"; Szpotanski, eine ähnlich pittoreske Erscheinung wie der Berliner Kommunarde Teufel, hatte ein Jahr in Untersuchungshaft verbracht.
Vor Gericht trat er ähnlich gelassen auf wie der Berliner Krauskopf" und den unsinnigen Vorwurf, seine Satire berge "falsche Informationen" ironisierte er nach Teufels Art: Er bat um eine Woche Aufschub, um fünf theoretische Werke über die Geschichte der Literatur studieren zu können.
Die Gunst ward ihm gewährt, aber die Strafe nicht erlassen.

DER SPIEGEL 10/1968
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