13.05.1959

BMW

Das rettende Modell

Seit der Hauptversammlung der Bayerischen Motoren Werke AG (BMW) am 21. April 1959 erwecken der Firmenvorstand und die bayrische Staatskanzlei gleichermaßen den Eindruck, als ob sie das renommierte Automobil-Unternehmen in noch größeren Mißkredit bringen wollen, als es durch seine geschäftlichen Verluste und dividendenlosen Jahresabschlüsse ohnehin geraten ist.

BMW-Chef Dr. Heinrich Richter-Brohm hatte den im Hause der Industrie- und Handelskammer München versammelten Aktionären nicht nur einen Jahresverlust von 6,5 Millionen Mark bekanntgegeben, sondern ihnen zunächst auch neuen Mut gemacht. Ein neues BMW-Modell - 700 Kubikzentimeter, Zwei-Zylinder-Viertaktmotor, Preis zwischen 5000 und 5500 Mark - werde die Finanzen der seit dem Kriege mit anhaltenden Schwierigkeiten kämpfenden Firma gründlich aufbessern, gab er bekannt.

Wenige Tage nach dem Aktionärstreffen jedoch wurden diese Hoffnungen auf einen neuen Verkaufsschlager durch eine Erklärung von höchster Stelle erheblich gedämpft. Die "Bayerische Staatszeitung" nämlich, das amtliche Mitteilungsblatt der Landesregierung, ließ die Aktionäre wissen, Richter-Brohms neues Kleinfahrzeug sei "ebenso wenig voll produktionsreif wie das vorher entwikkelte 1,6-Liter-BMW-Modell", auf das die Geschäftsleitung die gleichen Hoffnungen gesetzt hatte.

In dem Artikel war im Zusammenhang mit einer BMW-Tochtergesellschaft sogar von einem "immerhin möglichen Konkurs der BMW AG" die Rede. Solchen pessimistischen Ausführungen kam nicht zuletzt deshalb besondere Bedeutung zu, weil die Regierung Bayerns durch ihre Bürgschaftsleistungen den Gang der BMW-Geschäfte besser übersehen kann als die Aktionäre.

Richter-Brohm konterte die Erklärung deshalb postwendend. Die Ausführungen im Staatsanzeiger, so gab der BMW-Vorstand bekannt, seien unwahr und zudem geeignet, die gesamte Händlerorganisation der Firma zu erschüttern. Das neue 700er Coupe sei vielmehr unter Mitwirkung italienischer Karosserie-Experten durchkonstruiert und habe bereits 48 000 Versuchskilometer erfolgreich hinter sich gebracht. Trotz aller Unkenrufe werde das Modell die Firma über die Runden bringen.

Optimistische Voraussagen allerdings hat Generaldirektor Richter - Brohm schon immer abgegeben, seit ihn die Deutsche Bank - sie verwaltet rund die Hälfte aller BMW-Aktien in ihren Kundendepots - am 1. März 1957 mit dem Vorsitz im Vorstand der Firma beauftragte. Zu dem Zeitpunkt hatte der bayrische Staat für BMW bereits bis zu 15 Millionen Mark Bürgschaftshilfe geleistet; notfalls wollte er die Bürgschaftshilfe erweitern. Der neue Generaldirektor glaubte sich darauf nicht angewiesen. Er verkündete stolz: Innerhalb eines Jahres werde er ein Produktions- und Finanzprogramm vorlegen, das jeder staatlichen Hilfe entraten könne.

Nach einem Jahr war die Rechnung Richter-Brohms indes nicht aufgegangen. Für den 1,6-Liter-Wagen, der das von Kriegsschäden hart betroffene Werk sanieren sollte, wurden weit größere Investitionsmittel benotigt als die 15 Millionen Mark, die im Februar 1958 durch eine Wandelanleihe aufgebracht worden waren, plus den fünf Millionen Mark, die man sich von einer Erhöhung des Aktienkapitals erhoffte.

Überdies ließ der Absatz einiger BMWAutomodelle zu, wünschen übrig. Nach dem guten Verkaufserfolg mit dem Kleinfahrzeug Isetta erwies sich der BMW-Kleinwagen 600 mit Fronteinstieg als weniger erfolgreich. Von den erstklassigen Sport-Coupés und -Kabrioletts BMW 503 (32 950 Mark) und BMW 507 (29 950 Mark) konnten ohnehin nur einige Hundert an zahlungskräftige Käufer losgeschlagen werden.

Nachdem sich seine eigenen Finanzierungspläne als unzulänglich erwiesen hatten, erschien Richter-Brohm nunmehr eine weitere Staatsbürgschaft über zehn bis 15 Millionen Mark höchst willkommen. Er begab sich nun doch auf Bittgänge zu den bayrischen Behörden. Aber seine von Pannen heimgesuchte (SPIEGEL 45/1958) einjährige Geschäftsführung hatte in den Münchner Ministerien die Bürgschaftsfreude stark vermindert; die freundliche Offerte vom Jahre 1957 wurde dem hilfesuchenden Direktor keineswegs sofort erneuert.

Während der bayrische Staat umständlich Einsicht in die Geschäftsbücher forderte, geriet das Unternehmen immer mehr in Bedrängnis. Die staatlichen Bürgschafts-Experten versprachen sich zudem auch von Richter-Brohms Lieblingskind, dem 1,6-Liter-Wagen, keine Besserung der Geschäftslage. Den Plänen des BMWChefs nach hätte der Wagen bereits lEnde 1958 für mindestens 8500 Mark in der Bundesrepublik verkauft werden sollen. Aber die Bürgschaftsprüfer mißtrauten dem Modell.

Im Januar 1959 kreierten Richter-Brohms Konstrukteure deshalb in aller Eile das 700er Coupé. Die Hast, mit der dieser Wagen als eine Art Rettungsring der Bayerischen Motoren Werke auf den westdeutschen Automobilmarkt geworfen werden soll, stimmte indes die bayrische Landesregierung ebenso bedenklich wie die Tatsache, daß BMW-Aufsichtsratsvorsitzer Hans Karl von Mangoldt-Reiboldt vor einiger Zeit in aller Stille von seinem Posten zurücktrat.

Nach monatelangen Verhandlungen (Richter-Brohm: "Von unserer Seite zäh und hart geführt") stellte der Freistaat schließlich seine Bedingungen, unter denen er überhaupt noch zu weiteren Bürgschaften bereit sein will. Einige dieser Voraussetzungen hat Generaldirektor Richter-Brohm am 21. April der Hauptversammlung schamhaft verschwiegen. Die Regierung fordert nämlich:

- Generaldirektor Richter-Brohm soll

abtreten,

- in den BMW-Vorstand soll ein Automobilfachmann treten, unter dessen Anleitung ein neues Produktionsprogramm entwickelt werden soll. Nachdem die Fertigung des 1,6-Liter-Wagens bereits während des Bürgschaftsgeplänkels auf unbestimmte Zeit vertagt worden war, ist nun durch die Forderung nach dem Rücktritt Richter-Brohms - der aber auf seinem Posten beharrt - auch der Zeitpunkt ungewiß geworden, an dem das BMW-Modell 700 mit staatlicher Bürgschaft in die Serienproduktion gehen kann.

Fachleute schließen sogar die Möglichkeit nicht aus, daß in München-Milbertshofen an Stelle des BMW-Coupés eines Tages das DKW-Modell 600 auf Band gelegt wird, für dessen Großserienfertigung Daimler-Benz-Großaktionär Friedrich Flick gegenwärtig bei der Auto Union in Ingolstadt Maschinen und Anlagen errichten läßt:

Für die Vermutung, daß Daimler möglicherweise neben Ingolstadt - zur Vergrößerung der Serie - den erstklassigen Facharbeiterstamm und die in kürzester Frist für den DKW-600 aufnahmebereiten Fließbänder von BMW einsetzen will, spricht die Tatsache, daß der BMWAktienkurs trotz aller beunruhigenden Meldungen in letzter Zeit unverändert fest geblieben ist.

BMW-Aktien im Nennwert von mehreren Millionen Mark, die der Bremer Großaktionär Hermann D. Krages von seiner ursprünglich 25prozentigen Beteiligung am Aktienkapital der BMW in aller Stille verkaufte, wurden in größeren Partien flott untergebracht, ohne daß Krages herausbekam, wer die mysteriösen Aufkäufe finanziert hat. Dazu Flick, Düsseldorf: "Wir waren es bestimmt nicht!"

BMW-Direktor Richter-Brohm

Die "Staatszeitung" unkte

Neues BMW-Modell 700: Die Eile stimmt bedenklich


DER SPIEGEL 20/1959
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