13.05.1959

SCHRIFTSTELLER / ARNO SCHMIDT „ ,;.-:!-:!! „

Mit Belesenheit und viel Talent verbindet er den romantischen Hang einer Einbildung, die aus Trümmern Welten schafft, und im Dunkel des Altertums reinere Zeiten ahnet. Die Genossen seiner Jahre scheinen ihm arm . . . Die Ergründung des Vergangenen hat ihn an sich gezogen; jeder andern Beschäftigung hat er entsagt.
Der - aus eigener Machtvollkommenheit adlige - Kanonier Wilhelm Friedrich von Meyern in "Dya-Na-Sore", 1791.
Im Sommer des Jahres 1960 - fünf Jahre nach dem Ende eines Atomkrieges, der demnach 1955 die Erde entvölkert hat - baut sich ein Mann in der Lüneburger Heide eine Blockhütte. Von der Stelle aus, an der er siedelt, ist es "gleich weit nach Hamburg, Hannover und Bremen", sie muß also, nimmt man die Zentren dieser Orte zur Grundlage der Messung, etwa bei Soltau liegen.
Bevor der Mann, scheinbar einziger Überlebender des gründlichen Dritten Weltkrieges, seine einsiedlerische Heimstatt fertig hat, stöbert er in den menschenleeren Dörfern der Umgebung, in denen die Gerippe der Getöteten modern, nach einem brauchbaren Ofen. Er notiert:
"Über die dünstende Wiese:I> diesmal kam ich von hinten in den Mühlenhof; das Fenster an der kleinen Treppe fiel mir beim ersten Antippen entgegen (richtig: Fenster muß ich auch noch komplett irgendwo herauslösen, und bei mir im Haidehaus wieder einsetzen!), und ich schwang mich hinein: armselige Einrichtung: ein Bett mit Bretterboden, ohne Kissen und Federbetten, bloß 5 Decken. Ein zerwetzter Schreibtisch, darauf zwanzig zusammengelaufene Bücher in Wellpappkartons als Regälchen; ein zersprungener winziger Herd (na, der hat das große nasse Loch auch nicht erheizen können!), ich tippte ihm anerkennend aufs geborstene Eisen, und sah mich mürrisch um.
"Papier in den Schüben; Manuskripte; 'Massenbach kämpft um Europa': 'Das Haus in der Holetschkagasse'; ergo ein literarischer Hungerleider, (Arno) Schmidt hatte er sich geschimpft. Allerdings lange Knochen: mußte mindestens seine 6 Fuß gehabt haben. Das ist also das Leben. Ich salutierte den beinernen Poeten mit der Flasche (den Schädel müßte man mitnehmen und bei sich aufstellen); dann schwang ich mich wieder durch die dicke Fensterhöhle, und schritt bergauf längs den verwilderten Kleingärten."
Im fertigen Heidehaus findet sich kurz darauf noch eine Frau ein, Lisa, die ziemlich sichere Nachricht mitbringt, daß zwischen dem Ural und Hamburg kein Mensch mehr am Leben ist, und die es doch - nach einigen, verwegen liebesvollen Wochen - weitertreibt, fort von dem wahrscheinlich einzigen lebenden Mann. Sie erläutert ihm den Grund der Trennung: "Du bist mir zu stark."
Der Heidesiedler bleibt zurück: "Und wenn ich erst weg bin", notiert er, "wird der letzte Schandfleck verschwunden sein: das Experiment Mensch, das stinkige, hat aufgehört!"
Solange das "stinkige Experiment" freilich, allen Zurüstungen der Militärs zum Trotz, noch andauert, werden die wenigen Leser, die der 45jährige Schriftsteller Arno Schmidt bisher gefunden hat - er hofft dringend, daß es nicht mehr werden: "Dichter: erhältst Du den Beifall des Volkes, so frage Dich: was habe ich schlecht gemacht?! Erhält ihn auch Dein zweites Buch, so wirf die Feder fort . . . -, immer wieder in seinen Texten auf Arno Schmidt stoßen, auch nach dem Ende von Atomkriegen.
Der letzte überlebende Mensch, der in seiner Nachbarschaft die Werkstatt des Schriftstellers Schmidt entdeckte, ist Ich-Erzähler der Novelle "Schwarze Spiegel" - unter "schwarzen Spiegeln" sind Regenpfützen zu verstehen -, die 1951 im Hamburger Rowohlt Verlag(1) erschien. Bis 1950, also wahrscheinlich auch während der Niederschrift dieser Erzählung, war Arno Schmidt tatsächlich als Flüchtling in dieser Gegend untergebracht, in Cordingen, einem 99-Einwohner-Dörfchen - zwischen Soltau und Walsrode, Kreis Fallingbostel, Gemeinde Borg.
Der Atomkrieg allerdings, von Schmidt damals auf das Jahr 1955 vorausgesagt, steht noch aus, und nicht einmal Autor Schmidt treibt seine sonst wahrlich gut entwickelte Rechthaberei so weit, darüber unglücklich zu sein. Schmidt: "Ich finde Niemanden, der so häufig recht hätte, wie ich!"
Im nächsten derartigen seiner Bücher aber, in dem er die aktuelle Politik dadurch kritisierte, daß er die von ihm erwarteten, katastrophalen Resultate dieser Politik als bereits geschehen ausmalte, war er mit der Datierung doch vorsichtiger. Der Kurzroman "Die Gelehrtenrepublik(2), erschienen 1957, beschreibt den Besuch des amerikanischen Journalisten Charles Henry Winer, geboren 1978, auf einem riesigen Schiff, auf dem die Atommächte Rußland und Amerika, Remis-Gegner eines bereits abgeschlossenen Atomkrieges, gemeinsam ihre Künstler- und Wissenschaftler-Elite untergebracht haben, um ihr ein Überdauern künftiger nuklearer Waffengänge zu ermöglichen.
Um bis zur motorisierten Gelehrteninsel vorzudringen, muß Winer eine ehemals atomverseuchte Zone durchqueren, in der er auf Wesen trifft, die sich offenbar durch (von Strahlenschäden hervorgerufene) Mutationen - durch sprunghafte Veränderungen der Erbanlagen - aus den Menschen entwickelt haben. Schmidt nennt diese Abkömmlinge "Hominiden": Es sind schauerlich gefährliche Spinnen, Schmetterlingswesen mit zum Teil wunderschönen Mädchengesichtern (und Mädchengefühlen), vornehmlich aber "Zenties", eine Zentaurenart von Menschen mit Pferdeleibern, die von Kontrollstationen aus beobachtet und gehegt - das heißt aber auch: von Zeit zu Zeit dezimiert - wird. Bei Sportveranstaltungen treiben sich die Männchen zu Höchstleistungen an, indem sie mit der Jockey-Peitsche ihr eigenes Hinterteil bearbeiten; ein blondmähniges Zentiemädchen namens Thalja bietet dem Journalisten Winer einige Unterhaltung (Thalja: "Das hat hinten gut geschmeckt!").
Daß der Journalist Winer aber überhaupt die Erlaubnis zur Besichtigung der sonst streng gegen die Umwelt abgeschirmten Gelehrtenrepublik erhält - auf ihr haben die Russen inzwischen ein Lebensverlängerungsverfahren erfunden, bei dem sie die Gehirne alternder Genies herausschälen und in junge Köpfe einsetzen, der Brägen der enthirnten jungen Leute wandert in Hundeköpfe -, verdankt er allein der Verwandtschaft mit dem deutschen Schriftsteller Arno Schmidt.
Zwar sind beim vergangenen Atomkrieg alle Deutschen umgekommen - bis auf 124, die zufällig leben blieben. Winer: "Na, daß die Japaner & Deutschen weg sind, ist ja für uns 1 Segen!" Aber auf den Vorschlag des Schriftstellers Schmidt, so heißt es, gehe die Gründung der ostwestlichen Gelehrtenrepublik zurück.
"Sagen Sie, Mister Winer - eine Frage?: Wie sind Sie eigentlich mit diesem alten deutschen Schriftsteller, der immerhin als Erster - wenn auch als bloßen Witz - das Projekt einer solchen Insel, wie wir sie jetzt haben, skizzierte: wie sind Sie mit dem verwandt?" fragt der Inder vom Empfangskomitee, und der Journalist sagt die Familiengeschichte auf:
"Ich, Charles Henry Winer, geboren 1978 zu Bangor im Staate Maine./ Mein Vater: David Michael, geboren 1955./ Dessen Mutter, Eve Kiesler, 1932 . . ./: Deren Mutter nun, Lucy Schmidt, geboren 1911: 'Von der war er der Bruder!' (Gemeinsamer Vater Friedrich Otto, geboren 1883)."
Von diesen Daten aus der Familiengeschichte stimmen alle - bis auf die noch ausstehende Geburt Winers. Schmidts Schwester Lucy, die Anfang der dreißiger Jahre nach Amerika umsiedelte und sich in der hungrigen Nachkriegszeit mit Care-Paket-Sendungen zahlreiche Hinweise in Arno Schmidts Büchern sicherte - Schmidts Erstling, "Leviathan"(3), 1949, trägt die Widmung: "Mrs. Lucy Kiesler, New York, USA, meiner Schwester, ohne deren nimmer fehlende Hilfe ich längst verhungert wäre" -, wurde 1955 Großmutter. Arno Schmidts heute vierjähriger Großneffe David Michael muß nun nur noch zusehen, daß ihm 1978 der Sohn Charles Henry geboren wird.
Die Sorge um den rechtzeitigen Ausbruch eines Krieges mit nuklearen Waffen glaubt Schmidt dagegen getrost den Politikern überlassen zu können, und er gibt den Lesern der "Gelehrtenrepublik" auch eine Andeutung, wie er sich die Entwicklung denkt. Im amerikanisch kontrollierten "Hominiden"-Streifen - den Sowjets steht für ihre Experimente mit "Hominiden" das gesamte Europa bis zum Ural zur Verfügung - hat sich bei den "Zenties" ein furchtsamer Mythos um eine dunkle Gottheit namens "Fórmindalls" gehalten. Winer wird aufgeklärt, daß es sich hier um eine Verkürzung des Titels "foreign minister" handelt: "Najaalso, 'Fórmindalls': da gab's mal vor 50 Jahren einen Außenminister, der entscheidend zur Weiterführung der Atomversuche geraten hat . . ."
Dafür, daß bis zu dem Zeitpunkt, zu dem die Sowjets in Mitteleuropa Hominiden züchten, noch einige Zeit vergehen kann, zeugt eine Fußnote; aus ihr ergibt sich, daß zumindest 1966 noch in Bonn deutschsprachige Bücher verlegt werden. Endlich macht sich auch Mr. Winer wieder an den Rückflug aus der Gelehrtenrepublik, und in der Prosa seines Urgroßonkels Arno Schmidt liest sich das so: "Senkrecht stand's und breitete machtvollI> düsige Fäuste: bloß rein!!! -. -:-!--: !!---!!!! ---: !! ------ !!!! !!!! !!!!
"Ist das Werk ein Kunstwerk?" fragte vor Jahresfrist die inzwischen eingestellte Zeitschrift "Die Gegenwart": "Wenn es das ist, mögen die zahllosen Kalauer, Bierwitze, Zoten, abnormen Sexualphantasien, Fäkalismen und der Gossenjargon hingehen. Den wahren Künstler hat man noch nie am guten Geschmack erkannt . . . Wenn Schmidts Buch kein Kunstwerk ist, hilft ihm auch seine gute Tendenz nichts." Die Zeitschrift kam zu dem salomonischen Urteil: "Das Buch ist selbst ein Kentaur: das höchst zeitgemäß mythenmächtige, eminent künstlerische Vorderteil geht im Verlauf der Rückenkurve in eine intellektuelle Schnulze über. Hinten schmeckt's nicht mehr so gut."
"Die Gelehrtenrepublik" - die Schrift hat ihren Titel nach einem Werk von Friedrich Gottlieb Klopstock (1724 bis 1803) erhalten - war das einstweilen letzte belletristische Buch Arno Schmidts, an Hand dessen die Frage erörtert werden konnte, ob der Verfasser zur ernsthaften Literatur zähle oder nicht. Es war indessen nicht das letzte Buch, in dem Arno Schmidt seine Leser auf Arno Schmidt hinweist.
In diesem Winter ließ er zwei umfängliche Veröffentlichungen drucken, in denen abermals ausführlich vom Autor Arno Schmidt die Rede ist: "Dya Na Sore"(4) (Untertitel "Gespräche in einer Bibliothek", tatsächlich eine Sammlung von Nachtprogramm-Sendungen) und "Fouqué und einige seiner Zeitgenossen"(5), eine akribische Biographie des Autors romantischer Ritterromane Friedrich Heinrich Karl Freiherr de la Motte-Fouqué (1777 bis 1843). Es sind zwei Bücher, wie der Berliner Literaturkritiker Günter Blöcker feststellte, "die sich nur in einem von seinen (Schmidts) Romanen unterscheiden, nämlich dadurch, daß sie sich nicht mehr als solche ausgeben. Der Autor geht diesmal nicht als Erzähler, er geht als er selber".
In der Tat sind die Namen der Schriftsteller, um die es in "Dya Na Sore" geht, allesamt Schmidts Lesern aus zahllosen Einschiebseln in seinen belletristischen Publikationen bekannt. Vor allem darüber, daß eines Tages eine Fouqué-Biographie von Schmidt veröffentlicht werden würde, konnte niemand ernsthaft in Zweifel sein, der je auch nur ein einziges Prosastück Schmidts gelesen hatte. Es ist kaum unzulässig, Schmidts gesamte literarische Aktivität als eine Art Abfallprodukt seiner Fouqué-Forschungen anzusehen, zumindest als Resultat der Querbeet-Alleingänge, die er von möglichst vielen Seiten aus zu den Spuren seines märkischen Forschungsobjekts unternahm.
In den unter dem Titel "Dya Na Sore" zusammengefaßten Bibliotheks-Gesprächen geht Schmidt unter anderem mit dem Klassiker Klopstock ins Gericht, wegen dessen nicht nur für Leser im zwanzigsten Jahrhundert fast ungenießbaren 20 000-Verse-Epos "Der Messias". "Sprecher A." (Schmidts Regieanweisung :"Männerstimme; rüstig, kraftvoll") der gedruckten Sendung "Klopstock oder Verkenne dich selbst!" polemisiert: "Fest bleibt die eine Ungeheuerlichkeit: daß sich ein Mann bis ins 50. Jahr bemüht - präziser: schindet! - das voreilige Versprechen seiner Jugend, das Epos vom 'Messias', zu erfüllen."
In abgewandelter Form könnte dieser Vorwurf wie ein Bumerang auf Schmidts Kopf zurückfliegen. Ohne Zweifel ist seine Arbeit die gründlichste und genaueste, die bisher über Fouqué veröffentlicht worden ist. Sein Material hat sich der mittellose Schmidt so sorgfältig wie nur denkbar zusammengetragen, in Bibliotheken, Familienarchiven, Pfarrhäusern; er ist auf verbilligten Flüchtlingsfahrkarten, aber auch mit dem Tandem - vorn die ihm 1937 angetraute Frau Alice, hinten der kurzsichtige Forscher - zu jeder erreichbaren Quelle gefahren; zuweilen, so gibt Ehefrau Schmidt heute an, haben beide während dieser Erkundungsfahrten im Freien übernachtet und sich von Waldbeeren ernährt. Auch Schmidt hat sich bis weit ins fünfte Lebensjahrzehnt mit Fouqué weidlich geschunden.
Die in dreierlei Einbindung vorliegende Fouqué-Biographie (die numerierte Ausgabe in Ganzleder ist vom Autor handsigniert, außerdem gibt es das Buch in Leinen gebunden und als Taschenausgabe) enthält denn auch präzise Angaben über vielerlei Einzelheiten aus Fouqués Lebenskreis: Regimentslisten aus der Zeit des Dichters als aktiver preußischer Offizier etwa, die Genealogie seiner Hauslehrer, die Ruhetage und Tagemärsche seines Regiments, die Daten der Pensionszahlungen und das - sogar dem Ehemann Fouqué unbekannte - Geburtsdatum der Ehefrau, Zitate aus bis dahin unveröffentlichten Briefwechseln, Inhaltsangaben der von Fouqué - in wahrhaft löblicher Selbsterkenntnis - unveröffentlicht verbrannten poetischen Versuche, Proben aus erhaltenen, aber unveröffentlichten Dichtungen. Das Thema ist also rüstig umschritten und vermessen, die papierene Landschaft auf der Suche nach verwitterten und verwehten Spuren gründlich durchpflügt. Das Resultat der laut Widmung in "1 Myriade Stunden", nach mündlicher Angabe gemeinsam mit der Ehefrau in 20 000 Arbeitsstunden aufgewendeten Mühe bleibt dagegen zweifelhaft.
Ein ernsthaftes Hindernis für Leser der Fouqué-Biographie ist schon, daß aus Raumersparnis der gesamte Text in "Colonel" gesetzt worden ist - das ist ein besonders kleiner Schriftgrad, der in Büchern, wenn überhaupt, sonst nur für Fußnoten verwendet wird. Vier Menschen, erläutert Brillenträger Schmidt, hätten sich nach seiner Kenntnis nur deswegen eine Brille zulegen müssen, um seinen "Fouqué" durchzuarbeiten, einer der vier ist seine Frau, die beim Korrekturlesen half. Die Brille scheint freilich wenig geholfen zu haben: Auch wenn man die zahllosen Verstöße gegen die Regeln der Interpunktion als möglicherweise vorbedachte Absicht des Autors Schmidt wertet und nicht mitzählt, bleibt in der ersten Auflage aller drei Ausgaben eine unverhältnismäßig hohe Druckfehlerquote zu konstatieren.
Bedenklicher aber ist das Mißverhältnis zwischen der literarhistorischen Archäologenmühe und der literarischen Bedeutung ihres Gegenstandes. Von der poetischen Produktion des Romantikers Fouqué, über die bereits dessen Zeitgenossen mit wohlwollender Nachsicht schmunzelten, hat sich allenfalls das Märchen "Undine" durch das Sieb der Zeiten gerettet, eine - aus autobiographischen Motiven - verfaßte Geschichte von einer Meerfee, die unter Menschen lebt, und auch diese Erzählung wäre möglicherweise in Vergessenheit, wenn sie nicht der Komponist Albert Lortzing als Grundlage für seine 1845 komponierte romantische Oper "Undine" benutzt hätte.
Schmidt gibt zwar stolz bekannt: "Fouqué habe ich - gottlob! - für die Deutschen gerettet." Aber allen seinen entsagungsvollen und wegen ihrer Genauigkeit wahrlich für Germanisten vorbildlichen Forschungen zum Trotz wird sich kaum jemand bereit finden, nun des Barons Fouqué Ritterdrama "Sigurd der Schlangentöter" aufzuführen - Heinrich Heine: "Er (Sigurd) hat so viel Mut wie hundert Löwen und so viel Verstand wie zwei Esel" - oder den umständlichen und umfänglichen Ritterroman "Der Zauberring" zu lesen, ein Sammelsurium von erdichteter Minnesänger-Romantik, weitschweifigen Märchen und ausgebuddelten Volkssagen. Und es steht zu hoffen, daß sich die jungen Männer der Gegenwart nicht zu gemeinsamem Gesang des - aus in Deutschland naheliegenden Gründen - populärsten Gedichtes von Fouqué zusammenfinden, das mit den vehementen Versen beginnt:
Frisch auf zum fröhlichen Jagen,
es ist nun an der Zeit;
es fängt nun an zu tagen,
der Kampf ist nicht mehr weit!
"Hier erscheint vor uns", schrieb Friedrich Sieburg über Schmidts Fouqué-Biographie, "eine Lebensleistung, die vor keiner Schwierigkeit des Stöberns, des Suchens, des fast manischen Nachforschens, der Jagd nach Vollständigkeit und authentischen Zeugnissen zurückgeschreckt ist und eine Biographie hervorgebracht hat, die an Genauigkeit, Fülle und Anschaulichkeit ihresgleichen sucht.
"Nur eines fehlt diesem imponierenden Buch: Es erklärt nicht, warum gerade Fouqué sein Gegenstand ist oder, anders ausgedrückt, was an Fouqués Werk und Figur diesen Aufwand an Forschung und gelehrtem Eifer rechtfertigt ... Arno Schmidt bekennt zwar - meist in zornigen Wendungen -, daß er Fouqué verehrt; aber er sagt uns niemals, warum er es tut."
Ein anderer Rezensent glaubt dagegen das Motiv für Schmidts Fouqué-Besessenheit entdeckt zu haben. In der "Deutschen Zeitung" formulierte der ehemalige Chefredakteur der Fischer-Bücherei und gegenwärtige Programmdirektor von Radio Bremen, Heinz Friedrich, der Baron de la Motte-Fouqué, "dessen unermüdlicher Feder die romantische Tinte literweise entströmte", sei - wie alle literarischen Gegenstände Schmidts sonst - "auserwählt, dem Schmidtschen Ressentiment als voluminöse Folie zu dienen".
Wirklich hat Schmidt - gelinde formuliert - nicht eben viel getan, um zu verhindern, daß ein derartiger Verdacht aufkommen kann. Aus Anlaß einer Bemerkung über die Weltanschauung eines Hauslehrers von Fouqué namens Hülsen zum Beispiel reiht er ungeniert ein eigenes Werk in die Weltliteratur ein: "Hülsens Lehre ist, wie schon gesagt, der Pantheismus(6), dessen Weg durch die Jahrhunderte zu verfolgen so nachdenklich und anziehend ist, und dessen letzte große Stufen, (Edgar Allan) Poes 'Heureka' und (Arno) Schmidts 'Leviathan', hoffentlich auch nur Durchgangs-Stadien zu weiteren Formen sein werden."
Vollends aber, konstatiert Heinz Friedrich, lasse Schmidt "alle Ressentiments aus dem Sack, wenn er in § 47 seines Buches (die Biographie ist sinnigerweise in Paragraphen eingeteilt) auf das Verhältnis Fouqués zu seinen Verlegern zu sprechen kommt und gegen Cotta zu Felde zieht, weil dieser sich durch die schier kaninchenhafte Produktion des romantisierenden Barons in seinen Möglichkeiten überfordert sah." In dem zitierten Paragraphen wettert Schmidt gegen die Verleger: "Ich schätze die Leute gar nicht die derart vom 'Zwischenhandel' leben: Das sind die eigentlichen Unnützen, die 'Unproduktiven', die sich lediglich geschickt zwischen Erzeuger und Verbraucher einschalten, also eigentlich überflüssig sind!" Für seine Fouqué-Biographie hat sich Schmidt denn auch das Copyright vorbehalten.
Dennoch hätten eher die Verleger Anlaß, wenn sie wollten, mit ihrem Autor Arno Schmidt unzufrieden zu sein: Trotz der verhältnismäßig kleinen Druckauflagen, die sie von seinen Büchern veranstalteten - im Höchstfalle 3000 Exemplare ("Brand's Haide", 1951; "Aus dem Leben eines Fauns", 1953); im Mindestfalle 600 Exemplare ("Fouqué" ohne Taschenbuchauflage) -, stapelt sich das Oeuvre Schmidts noch heute in ihren Regalen. Die Höchstzahl von 1700 verbreiteten Exemplaren - also verkauften Büchern zuzüglich der nicht geringen Zahl von Freistücken für Rezensenten - erreichte beim Rowohlt Verlag Schmidts Erstling "Leviathan". Der Karlsruher Stahlberg Verlag, in dem Schmidts Bücher seit dem Herbst 1956 erscheinen, meldet als erfolgreichstes Schmidt-Buch "Das steinerne Herz"(7) - Untertitel "Historischer Roman aus dem Jahre 1954" -, von dem etwa 1300 Stück abgesetzt werden konnten.
Allerdings scheint sich bei Schmidts Büchern für die Verlage nicht jenes um sich greifende Verfahren zu rentieren, nach wenigen Jahren Wartezeit den gesamten Restposten geschlossen zu "verramschen", wie es im Fachjargon heißt, also einer jener Antiquariats-Versandbuchhandlungen zu überlassen, die solche Bücher dann, oft als "verlagsneues Exemplar" bezeichnet, zu gegenüber dem ursprünglichen Ladenpreis stark herabgesetztem Kurs anbieten. Für Arno Schmidts Bücher finden sch nämlich, auch noch Jahre nach ihrem Erscheinen, immer wieder vereinzelte Käufer; er hat eine feste, wenn auch kleine Gemeinde. Zu den Kennzeichen der Schmidt-Leser scheint es zu gehören, daß sie entweder bereits nach der Lektüre des einen Buches resignieren oder aber, haben sie einmal Geschmack an diesem Autor gefunden, nun aber auch alles zu lesen wünschen, was er geschrieben hat.

Kleingaukler statt Schmetterling

Für die Anstrengung, die sie aufwenden müssen, um sich in seiner molekülartigen Prosa zurechtzufinden, werden die Arno-Schmidt-Leser entschädigt durch die Fähigkeit des Autors, aus seinen heimatkundlichen Studien, seiner Flüchtlingsarmseligkeit und aus seinen naturwissenschaftlichen Kenntnissen interessante und stets auch in ihrer Art spannende Handlungen zu konstruieren; nicht zuletzt aber glänzt Schmidt mit provozierenden Frechheiten und zuweilen schlagend präzisen Aphorismen, die er als Gewürz in seine Texte mischt, etwa: "Das arme Volk stirbt nicht für, sondern durch sein Vaterland."
Bei anderer Gelegenheit - und für Bemerkungen gegen Gott und das Militär ist ihm jede Gelegenheit recht - beschwert sich Schmidt über die Wortbildung "Schmetterling": "Das muß auch ein deutsches Rindvieh gewesen sein, der für die paar Kleingaukler den Hammervorschlag 'Schmetter' erfinden konnte! Wahrscheinlich n Wiederaufrüster."
Auf der Seite der Schmidt-Bewunderer - Schmidt: "Wenn ich nicht schon von Geburt Atheist wäre, würde mich der Anblick Deutschlands dazu machen" - stehen der Literatur-Nobelpreisträger Hermann Hesse ("Ein wirklicher Dichter"); der Romancier und Präsident der Darmstädter Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Hermann Kasack ("Arno Schmidt ist der kühnste Pionier der neuen deutschen Epik"); das "Gruppe 47"-Mitglied Alfred Andersch (im damals von ihm geleiteten Abendstudio des Hessischen Rundfunks verlautete über Schmidt: "Noch einmal: ein Genie!"); der Kurzgeschichten-Autor Ernst Kreuder ("Endlich ein Poet! Ein Hoch auf Arno Schmidt!") und der 41jährige Erzähler Heinrich Böll ("Eine leidenschaftliche, mit wahrer Poetenwut praktizierte Liebe zur deutschen Sprache").
Sehr viel kühler äußerten sich dagegen andere Autoren, so etwa der Schweizer Essayist Max Rychner ("Arno Schmidt, dem ein Pfündlein verliehen wurde, wucherte damit in einer Weise, daß er nun noch ein halbes in Händen hat"), Hans Egon Holthusen ("Die Sache mit dem Genie überschreitet denn doch die Grenzen erlaubter reklametechnischer Übertreibung"), der Kritiker Karl August Horst ("bemühtes Kunstgewerbe") und die Prominenz unter den Zeitungsrezensenten, denen Schmidts erste Bücher Hoffnungen gemacht hatten, die von den weiteren Büchern aber enttäuscht wurden.
Repräsentativ für diese Gruppe der Rezensenten ist der Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen", Karl Korn; er verglich Schmidts Schreibtechnik mit der Arbeit eines Menschen, der "die Gullydeckel der Massenzivilisation aufmacht und den Gestank an die Oberfläche läßt". "So wie kubistische Maler Tapetenstücke und Linolreste mit Schnurrbarthaaren und Streichholzschachteln, Zement und Stanniol zu höchst kuriosen Kombinationen zusammenklebten", schrieb Karl Korn, "so etwa scheint Arno Schmidt zu schreiben ... Schmidt ist vulgär bis zum Exzeß, um durch den Exzeß die ordinäre Gemeinheit von Verhaltensschablonen und genormten Empfindens- und Denkreaktionen zu entlarven. Er schwimmt im trübsten Schmutzwasser, beständig rührt er sexuellen Schlamm auf. Es gibt kein Tabu, das ihm gälte. Nun ja, seien wir nicht zimperlich! Wie sollte einer heute ein Eichendorff sein, wenn die ganze Zivilisation wie ein Holiday-on-Ice-Plakat aussieht! ... Schmidt ... dreht den Sprachschutt durch die Gewinde eines Müllschluckers und entdeckt im Klärschlamm die Keime eines neuen Stils."
Alfred Polgar, der 1955 verstorbene, unbestrittene Meister des Wortspiels unter den deutschen Kritikern, prophezeite bereits 1953: "Arno Schmidt, glaube ich, könnte ein bedeutendes Buch gelingen, wenn er es einmal nicht darauf anlegte, ein tolles zu schreiben."
So toll freilich Schmidts Bücher aussehen mögen, sein Stil ist keineswegs ganz neuartig, sondern eher Fortsetzung und Abwandlung einer literarischen Richtung, die von anderen Autoren vor etwa dreißig Jahren aufgesteckt und nur von wenigen Unermüdlichen weiter vorangetrieben worden ist. "Schmidts Technik ... gehört zum beinahe schon Routine gewordenen Avantgardismus der letzten dreißig Jahre", schrieb Günter Blöcker. Auch Hans Egon Holthusen formulierte: "Schmidt ist also ein Erbe, kein Avantgardist." Holthusen machte als Erblasser den irischen Autor James Joyce (1882 bis 1941) namhaft, der den sogenannten "inneren Monolog" in die Literatur einführte - jene Aufzeichnung eines unablässigen Selbstgesprächs des Ich-Erzählers, seiner Reaktionen, Überlegungen und Gefühle, die denn auch in allen belletristischen Schriften Schmidts konsequent durchgehalten wird.
"Und in der Tat", analysiert Holthusen, "das Druckbild (bei Arno Schmidt) ist dem des großen Iren und seiner amerikanischen Schüler täuschend ähnlich: sehr unruhig und sensationell, viel kursiver Satz, viel Blockschrift, zahllose Klammern im Text, eine geradezu akrobatische Interpunktion."
Schmidt dagegen gibt an, daß er bis vor wenigen Jahren keine Zeile von Joyce gelesen habe. Als er es nachholte, entdeckte er allerdings, daß die Übersetzung des Joyce-Hauptwerkes "Ulysses" ins Deutsche stellenweise ungenau oder allzu generös war - was freilich jedem Interessierten seit dem Erscheinen der von Georg Goyert besorgten Übertragung im Jahre 1927 aus zahllosen Diskussionen bekannt sein konnte.
Wie stets, wenn Schmidt auf seinen eigenbrötlerischen Pfaden etwas aufspürt, tritt er damit, polemischen Schaum vor dem Mund, vor die Öffentlichkeit - offenbar vollkommen ahnungslos, daß er oft nur eine Tertianerweisheit hervorschwenkt und mit seinen, in alter Erbitterung gegen die Fachleute gerichteten Angriffen weit offenstehende Türen einrennt. So erregte er sich in der Rundfunksendungen-Sammlung "Dya Na Sore" zum Beispiel, daß Klopstocks "Messias" schwer lesbar und daß Platons Staatsidee militaristisch sei, fuchtelte seinen Lesern mit der wahrhaft längst verbreiteten Kenntnis unter der Nase, daß Goethe Charakterfehler gehabt habe und daß die Griechen Knaben liebten, oder warb verzweifelt um Gerechtigkeit für den autobiographischen Roman "Anton Reiser" von Karl Philipp Moritz (1757 bis 1793), "diese grandioseste, nicht nur der deutschen, sondern aller Selbstbiographien", die er offenbar für vergessen hält, die aber tatsächlich sogar zum Lektüre-Repertoire von Oberschülern gehört.
Der öffentliche Angriff auf den Joyce-Übersetzer Goyert, an dem das eigentlich Überraschende nur war, daß er so spät geführt wurde, brachte Schmidt immerhin etwas ein: Der Frankfurter Verlag Suhrkamp nahm den Eiferer gewissermaßen beim polemischen Wort und übertrug ihm die Übersetzung eines Buches mit nachgelassenen Joyce-Briefen, das Stanislaus Joyce, der Bruder des Dichters, vor zwei Jahren in den Vereinigten Staaten veröffentlicht hat (SPIEGEL 28/1957). Mit der Eindeutschung dieses Bandes ist Schmidt - dessen gelegentliche Übersetzer-Tätigkeit wegen ihrer Präzision von Verlegern sehr gelobt wird; er übertrug zum Beispiel Romane von Hammond Innes, Peter Fleming, Neil Paterson ("Der Mann auf dem Drahtseil") und Hans Ruesch - gegenwärtig beschäftigt.
Ob nun Arno Schmidt den Dichter Joyce, der ihm allerdings an poetischem Volumen und sprachbildnerischer Kraft weit überlegen ist, wirklich erst so spät im Original gelesen hat oder nicht - sicher ist, daß Schmidt Stilformen pflegt, die im deutschen Expressionismus von Dutzenden, zum Teil heute nur noch wenig bekannten Autoren gehandhabt wurden und mit ihnen untergegangen zu sein schienen; unter anderem Alfred Döblin, Hans Henny Jahnn und Kasimir Edschmid haben zeitweilig ihre Prosa in diese Richtung gelenkt; Arno Holz, Georg Heym, Gottfried Benn und auch Johannes Robert Becher ihre Verse expressionistisch gefügt. Auch vom sonst längst nur noch historischen Dadaismus hält Schmidt tapfer ein Stückchen Fahnentuch weiter in die Höhe.
Indem sie einige Wortschöpfungen Schmidts zitierte, formulierte die "Gegenwart": "Daß man 'flüsterbittet' und 'Augengaffs' macht, daß eine Altstimme 'schwult', daß eine 'Flammin' sich einen 'Rauchkimono' macht, das sind alte Spiele; so schöpften die Expressionisten mühelos Worte am laufenden Band. Auf Moostellerchen kerzen die Tannen, schrieb damals einer, den wir längst vergessen haben."
Arno Schmidt aber hat das nicht vergessen, sondern experimentiert weiter ungeniert im Modestil von 1928 an der Sprache herum, etwa in dem Roman "Das steinerne Herz".
"Die Straße rutschte vor mir her. Ein verweintes Pferd sah mich aus Linsen an. Dann mußte ich aber nach rechts; wie es die alten Maurer gewollt hatten, in der ihrem Steinkanal. (Der Regen auskultierte leise mein Schädeldach; der Blutstrom golfte; Glieder hingen und standen an mir herum: wenn 'man wollte', bewegte sich ein Daumen)."
In seiner Erzählung "Seelandschaft mit Pocahontas" (einer indianischen Prinzessin, die 1617 in England starb) experimentiert Schmidt: "Am Moorkanal: 1 leeres Blatt versuchte, ihn hinunterzutreiben ..."; in der Erzählung "Schwarze Spiegel" lobt der letzte überlebende Mensch das Schild, das er sich an seine Holzbaracke schrauben will: "Darauf konnte jedes Holz staus sein (oder 'Haus stolz'; ist egal) ..."; in dem Roman "Brand's Haide" (Schmidt schreibt das Wort meist mit "ai") findet der Ich-Erzähler, "daß ein Mä10 für mich gut wäre", womit er einen Mäzen meint.
Im Kurzroman "Aus dem Leben eines Fauns"(8) - es ist jenes Buch, in dem Schmidt dem Völkerbund die Gründung einer "Gelehrtenrepublik" vorschlägt wird sogar versucht, in einer Art von explodierenden Wort- und Satzkaskaden das Schreckensbild zu reproduzieren, das eine von Bombentreffern und Detonationen zerberstende Munitionsfabrik bietet: "Aus Rubinglas pulste eine Feueraktinie in döblinener Waldung, schwankte huldvoll mit hundert Armtrossen (an deren jeder ein nesselnder Fussel wallte), dann tauchte sie zögernd tiefer ins Nachtmeer, und plänkelte nur noch verstohlen. Ein dreistöckiger Bunker begann sich zu regen: er brummte verschlafen und bewegte Schulterblättriges; dann warf er gurgelnd Dach und Wände ab und die senkrechte Morgenröte machte uns gleich Kleider aus feuerfarbenem Taft und viele hitzige Rossegesichter (bis der schwarze Schlag die Erde unter uns wegzog wie ein Sprungtuch ...)".

Mir brennt's

In diesem Buch hat Schmidt auch eine Bemerkung über Goethe untergebracht: "Der hat nie eine Ahnung davon gehabt, daß Prosa eine Kunstform sein könnte", und schließlich wieder eine Bemerkung in eigener Sache: "Aber wenn Einem die Sprache im Munde brennt: Mir!"
Bei wenigen Autoren sonst ist die Identität mit dem Ich-Erzähler ihrer Prosa so leicht wie bei Schmidt aus hundert Indizien nachzuweisen - sie reichen vom Wohnort über die Passionen bis zur Kurzsichtigkeit. So können denn auch die Selbstcharakterisierungen von Schmidts Helden nahezu restlos als Selbstcharakterisierungen Schmidts genommen werden, etwa diese aus der Erzählung "Brand's Haide", in der Schmidt seine Flüchtlings-Ankunft in Cordingen beschreibt und sein Verhältnis zur Kunst erläutert:
Man hat aus dem Rundfunk Musik des Ritters Christoph Willibald von Gluck (1714 bis 1787) angehört, und der Ich-Erzähler berichtet: "Lore besah mich Wolkigen, rätselte an meinem Gesicht; endlich fragte sie behutsam und teilnahmsvoll: Nimmt Dich Musik so mit?' Ich bat flehentlich: 'DU: -' brach ab;: 'ja' sagte ich bitter: 'Kunst überhaupt! - Weißt Du, für mich ist das keine Verzierung des Lebens, son Feierabendschnörkel, den man wohlwollend begrüßt, wenn man von der soliden Tagesarbeit ausruht; ich bin da invertiert: für mich ist das Atemluft, das einzig Nötige und alles Andere Klo und Notdurft. Als junger Mensch: 16 war ich, bin ich aus Euerm Verein ausgetreten. Was Euch langweilig ist: Schopenhauer, Wieland, das Campanerthal, Orpheus: ist mir selbstverständliches Glück; was Euch rasend interessiert: Swing, Film, Hemingway, Politik: stinkt mich an."
Die Szene nimmt dann einen für Schmidts Erzählungen recht charakteristischen, nämlich erotisch bewegten Fortgang, bei dem es zumeist allerdings sehr viel drastischer hergeht als diesmal. Der Erzähler spricht zum Mädchen Lore:
"Du kannst Dirs gar nicht vorstellen; aber Du siehst ja, daß ich nicht etwa 'blutleerer' oder papierener bin, als Ihr: ich reg mich genau so auf und begeistere mich, und kenne Ungeheuer, und hasse'. Pause: anderes Thema: ,... und liebe ...!' schloß ich galant. 'Du lügst!' sagte sie entrüstet: 'entweder liebst Du Wieland oder mich ...'; ich bewies ihr manuell, daß man Beides vereinen könne, bis sies erschöpft glaubte: "... und das will ein Intellektueller sein ...!'"
Schmidt (im "Steinernen Herz"): "Intelligenz lähmt, schwächt, hindert?: Ihr werd't Euch wundern!: Scharf wie'n Terrier macht se!"
Auf ihre - ein für allemal der Umwelt weit überlegene - Intelligenz tun sich alle Ich-Erzähler Schmidts viel zugute, gemeinsam ist ihnen außerdem eine fetischistische Zuneigung zu alten Papieren, Urkunden und Handbüchern und zum Landvermessen. Schmidt definiert die Aufgabe eines Dichters als die eines "Beobachters und Topographen"; da seine Helden die Kenntnis des Längen- und Breitengrades (samt Minuten und Sekunden) am jeweiligen Ort zu einer Art moralischer Forderung erheben, der außer ihnen denn auch keiner Genüge tut, finden sie ihr Superioritäts-Gefühl allerorten aufs schönste bestätigt.
Beides, der unverhohlene, ja ständig hervorgekehrte Stolz auf die eigene Intelligenz und die Leidenschaft für die Apparaturen und Gerätschaften des Geodäten sind aus der Biographie Schmidts zu erklären: Schmidt ist in seinen ersten Lebensjahren zweifellos eine Art Wunderkind gewesen, und er hat zunächst den Beruf eines Mathematikers wählen wollen. Was immer seine Kritiker gegen Schmidts Stilmanier vorbringen mögen: Sicher ist, daß sich der Schriftsteller das Recht auf seine literarischen Eigenbröteleien bis heute konsequent und redlich erhungert.
Nach eigener Angabe stammt Schmidt väterlicherseits von schlesischen Glasbläsern, mütterlicherseits von schlesischen Webern und Gerbern ab. Vater Otto Friedrich Schmidt, geboren 1883 im schlesischen Halbau, war zunächst ebenfalls Glasbläser und ging später zur Polizei. Im Jahre 1911 bekam er von der damals 16jährigen Gertrud Ehrentraut ein Kind - die Tochter Lucy -; aus der 1912 legalisierten Ehe des nun Hamburger Polizeiwachtmeisters ging am 18. Januar 1914, also noch vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges, Sohn Arno Otto Schmidt hervor.
Nach dem Tode des Vaters im Jahre 1928 zog die Familie nach Schlesien zurück, in Lauban und Görlitz will Schmidt ein Gymnasium bis zum Abitur absolviert und sich, seit etwa 1930, mit den ersten poetischen Versuchen herumgeplagt haben, mit dem Verfertigen von Versen, das er aber bald aufsteckte: Immerhin leitet er noch heute jedes belletristische Buch mit einem veritablen expressionistischen Gedicht ein.
Nach dem Abitur habe er an der Universität Breslau studiert, vornehmlich Astronomie, dieses Studium aber im Jahre 1933 abgebrochen, sagt Schmidt. In einer vor Jahren vom Rowohlt Verlag verbreiteten, auf Schmidts Einlassungen basierenden biographischen Notiz heißt es darüber: "Da seine Schwester einen jüdischen Kaufmann geheiratet hatte, brach er (Schmidt) 1933 - ganz bewußt, um vor pseudoheroischen Komplikationen in selbstgewählte Unscheinbarkeit auszuweichen - sein Studium ab."
Wirklich erinnert sich Karl Hans Hintermeier, gegenwärtig Vertriebschef des Rowohlt Verlages und bis zum Kriegsende Buchhändler in Breslau, der gelegentlichen Auftritte eines als Student bezeichneten Gedächtniskünstlers in Breslauer Kneipen, der zahllose, ihm zugerufene Telephonnummern im Kopf stapeln, von hinten nach vorn aufsagen oder miteinander multiplizieren konnte: Es war der Jüngling Arno Otto Schmidt, der seinerzeit zwei zwanzigstellige Zahlen im Kopf miteinander zu multiplizieren verstand und es noch heute - "Ich bin nicht mehr das, was ich früher war" - bei zwei zehnstelligen Zahlen zu schaffen vorgibt: "Es dauert anderthalb Stunden. Es ist entsetzlich."
Schmidt teilt mit, daß er von 1934 bis 1939 in Greiffenberg als Volontär, später als kaufmännischer Angestellter in einer Textil-Fabrik gearbeitet habe. 1937 heiratete Schmidt die 1916 geborene Alice Murawski; den Krieg über war er bei der Artillerie - Entlassungsdienstgrad: Unteroffizier -, aus der Kriegsgefangenschaft in Brüssel kam er direkt als Dolmetscher an die Lüneburger Hilfspolizeischule. Nach dem Ende dieser Tätigkeit wurde er 1946 als Flüchtling in Cordingen untergebracht.
Schon seit Jahren hatte sich Schmidt mit der Herstellung einer siebenstelligen Logarithmentafel beschäftigt (die gebräuchlichen sind sechsstellig, im Schulgebrauch ist eine vierstellige), deren Tabellenkolonnen er ohne Rechenmaschine aufstellte; sie hat bis heute keinen Interessenten gefunden. Bereits das erste Buch aber, das Schmidt in Cordingen schrieb, die Novellensammlung "Leviathan", brachte ihm im Jahre 1950 einen Anteil an dem von der Mainzer "Akademie der Wissenschaften und der Literatur" gestifteten "Großen Akademiepreis für Literatur" ein. Da die Jury in jenem Jahr kein einhellig auszeichnungswürdiges Buch finden konnte, wurde der 10 000-Mark-Preis unter fünf Autoren geteilt; einer von ihnen war Schmidt(9).
Den Titel zu seinem preisgekrönten Buch hat Schmidt - wie es bereits vor ihm der Romancier Julien Green für seinen wohl am meisten bekannten Roman getan hatte - von einem Werk des englischen Hauslehrers und Philosophen Thomas Hobbes (1588 bis 1679) entliehen. Hobbes, dem Autor Schmidt wahrscheinlich schon deswegen sympathisch, weil er das Denken als mathematischen Vorgang, als eine Art Rechnen, definiert, hatte seine Rechts- und Staatsphilosophie 1651 in einem Buch(10) formuliert, in dem er den notwendig zur Allmacht strebenden, von Hobbes freilich als Ursprung aller Moral genannten Staatsorganismus mit dem "Leviathan" identifiziert, einem drachenartigen Meeresungeheuer aus dem Alten Testament.
Bei Schmidt hat der Leviathan die Züge des für seine Bürger mörderisch allmächtig gewordenen Staates und eines allbeherrschenden bösartigen Gottes zugleich. Alle drei Erzählungen im "Leviathan", von denen eine im letzten Kriegsjahr, zwei im Altertum spielen - Personenkreis und Thematik zu diesen entnahm Schmidt offensichtlich Paulys berühmter "Real-Encyclopädie der klassischen Altertumswissenschaft" -, enden mit dem Untergang des Ich-Erzählers, der sich freilich jeweils zuvor seiner Umwelt intellektuell weit überlegen erwiesen hat.
Bereits im "Leviathan" werden die Umrisse dessen deutlich, was Schmidt seinen "Pantheismus" nennt. Der Gott, der sich nach Schmidts Ansicht im All verwirklicht und mit dem All identisch ist, muß demnach als ein vornehmlich dem Menschen feindlich gesonnenes Ungeheuer angesehen werden. Schmidt hat sich offenbar eine Weltanschauung zurechtgemacht, die der Volkshochschul-Philosophie des an der Stuttgarter Technischen Hochschule lehrenden Max Bense ähnelt - in der "Gelehrtenrepublik" findet denn auch der Journalist Winer eines der besten Denkmäler mit Bense besetzt.
Arno Schmidts Landvermesser-Philosophie läßt sich ungefähr so umschreiben: Der menschliche Verstand ist nur so weit ausgerüstet, daß er für die biologischen Funktionen ausreicht. Den Zusammenhang des Alls zu begreifen - worum er sich desungeachtet, wenn auch vergebens bemüht -, reicht der Menschenverstand nicht aus. Die Welt ist daher eine menschenfeindliche Konstruktion, die "besser nicht wäre".
Als Behelfs-Tummelplatz bietet sich dem menschlichen Intellekt - soweit er vorhanden ist -, der sich nun einmal mit der Steuerung der biologischen Funktionen nicht zufriedengibt, das Landvermessen und das Studium alter Staatshandbücher und Archivalien an. Will er auch nur die Geschichte im Überblick begreifen, hat er sich schon wieder übernommen: "'Große Geschichte"', so heißt es im "Leben eines Fauns", "ist nichts: kalt, unpersönlich, unüberzeugend, übersichten (falsch dazu)."
In der Erzählung "Seelandschaft mit Pocahontas" mahnt Schmidt, der mit schönstem Selbstbewußtsein seine, wie er sagt, "wahnsinnige Lust an Exaktem: Daten, Flächeninhalte, Einwohnerzahlen" zum verbindlichen Kriterium für Schriftsteller erhebt, seine Leser: "Denken. Nicht mit Glauben begnügen, weiter gehen. Noch einmal durch die Wissenskreise, Freunde! Und Feinde. Legt nicht aus: lernt und beschreibt. Zukunftet nicht: seid. Und sterbt ohne Ambitionen: ihr seid gewesen. Höchstens voller Neugierde. Die Ewigkeit ist nicht unser...
Es ist deutlich, daß sich diese Anschauung in eklatantem Gegensatz zu der von den christlichen Kirchen gelehrten Heilsbotschaft und dem Dogma von der Unsterblichkelt der Seele befindet, und Arno Schmidt ist nicht das Temperament, einen solchen Gegensatz auf sich beruhen zu lassen. Er wird nicht müde, in seinen Schriften alles Religiöse zu attackieren; seine Polemik gegen die christliche Lehre nimmt zuweilen die Formen eines Amoklaufs an.
Das beginnt in der Erzählung "Seelandschaft mit Pocahontas" zunächst ganz realistisch mit der Wiedergabe einer Unterhaltung zwischen zwei Kindern: "'Gelobt sei Jees' Kristus: wohin gehste denn?': 'Nach Buttermilche in Ewichkeit Ahm'", wird aber bei der Unterhaltung zwischen zwei erwachsenen Freunden zum offenen Angriff: So schimpft Freund "Erich, alter Sozi: 'Was würdn wa denn heute sagn, wenn der Junge vom Tischler-Josef drüben, eben issa aus der Volksschule, uns über Gottundewelt belehren wollte? Der hat doch nischt gelernt! Kann keene Sprachen, hält de Erde fürn Fannkuchen, wees bloß Kreisklatsch. Kunst und Wissenschaft, Mattematiek, oder wie die Brüder alle heeßen: keene Ahnung! Gelebt oder'n Beruf ausgeübt hat er ooch nich, also ooch keene menschliche Erfahrung weiter; nischt durchgemacht -' (ein großer Schluck Bier): 'was hat Der mir groß zu sagen?!"
Solche Bemerkungen brachten dem Autor Schmidt zwar eine Anzeige wegen Gotteslästerung an den Hals, ein Verfahren wurde aber, der literarischen Freiheit zuliebe, nicht eröffnet, und Schmidt nützte weiterhin die vom Gesetz sonst nur den Christen eingeräumte Erlaubnis, fremde Götter verächtlich zu machen.
In der Prosastudie "Umsiedler" - Schmidt wurde 1950 bei einer offiziellen Flüchtlings-Umschichtungsaktion von Cordingen nach Gau-Bickelheim in Rheinhessen geschafft; in der Novelle, die diesen Umzug zuzüglich einer erdachten, rauschroten Liebesgeschichte beschreibt, heißt Gau-Bickelheim "Gau-Bockenheim" - mahnt Schmidt: "Laß nur gut sein: die Furcht des Herrn hemmt der Weisheit Anfang". Diese betonte Hervorkehrung der Intelligenz als Bedrohung des Religiösen taucht dann noch oft auf, zum Beispiel in der Novelle "Kosmas" - sie trägt ihren Titel nach dem alexandrinischen Kaufmann Kosmas Indikopleustes (Kosmas, der Indienfahrer), der im 6. Jahrhundert der Zeitrechnung ein geographisches Werk unter dem Titel "Christliche Topographie" veröffentlichte. Dem christlichen Weltreisenden Kosmas zufolge stellt die bewohnte Erde das Land am Fuße eines Berges dar, unterhalb dessen Gipfels Sonne und Mond kreisen. Der Wanderschatten des Gipfels verursacht die Dunkelheit der Nächte.
Der Ich-Erzähler in "Kosmas", natürlich antichristlicher Gegner dieses absonderlichen Weltbildes, tröstet sich: "Wenn ich nur die Mathematik auf meiner Seite habe, lasse ich dem Gegner gern Kirche, Patres und beide Testamente!", und er prophezeit: "Wenn 's besser werden wird?!: Wenn alle Menschen bis 20 in die Schule müssen, und der Religionsunterricht wegfällt!"
Daß Schmidt bei seinem Abscheu vor allem Religiösen nicht auch alle humanen Postulate ablehnt, wie sie - auch - vom Christentum vertreten werden, hat er bereits im "Leviathan", wie er es nennt, "klargestellt": "Zur endgültigen Klarstellung: das wahrhaft schöne, obwohl nicht originelle 'Liebet Euch untereinander!' als lebendig wirksame Praxis, hat stets selbstverständliche Billigung und Förderung aller Redlichen erfahren und wird es immer. Nie aber die wertlosen erkenntnistheoretischen Ambitionen der Christenfibel; nie der völlig willkürlich aufgebaute Machtapparat der Kirche und dessen beispiellos fürchterlicher jahrhundertelanger geistiger Terror." In "Brand's Haide" findet sich sogar der Entwurf zu einer Art von nichtchristlichem Abendgebet: "Mögen alle Wesen von Schmerzen frei sein."
Weit mehr als mit Handlung sind Schmidts Bücher mit Überlegungen und Polemiken dieser Art gefüllt, dazu mit präzisen Angaben, wie zum Beispiel dem Todesdatum eines Ballonfahrers namens Pilatre de Rozier, den Millimeterabmessungen der Papier-DIN-Formate, der Zollbreite etwa verwendeter Holzplanken, der Formel für die Drehzahl eines Geschosses, mathematischen Gleichungen zum sogenannten Fermatschen Problem(11), Daten aus der hannoverschen Heimatgeschichte - Schmidt: "Immer ruhig: in 3.000 Jahren liest sichs wie der Schiffskatalog beim Homer!" -; und natürlich begegnen die Leser überall den Fußtapfen von Schmidts Fouqué-Forschungen.
"Mein Fouqué", heißt es mit Rumpelstilzchen-Stolz in "Brand' Haide", "den möchte ich sehen, der davon nur halb soviel weiß, wie ich!" Tatsächlich hat zum Beispiel der Buchtitel "Brand's Haide" mit dem Inhalt der beiden, im Buch zusammengefaßten Novellen überhaupt nichts zu tun, wohl aber mit Fouqué. "Brand's Haide" hieß ein als unsicher verrufenes Waldstück an der Grenze zwischen Preußen und Sachsen, das Fouqué einmal als Knabe mit seinen Eltern in der Kutsche durchqueren mußte.
Schmidt berichtet, daß sein Vater es liebte, aus James Fenimore Coopers klassischem Abenteuerbuch "Lederstrumpf" vorzulesen. Sowohl die unverdrossene Sieghaftigkeit dieses Trappers, der aus eigener Kraft und dank seines stets überlegenen Verstandes alle Fährten richtig taxiert und aus allen Fährnissen als Sieger hervorgeht, wie aber auch der Verfasser dieses Heldenliedes für Knaben müssen bei dem jugendlichen Zuhörer Arno einen schier unauslöschlichen Eindruck hinterlassen haben.
Schmidt nennt den amerikanischen Abenteuer-Romancier gern den "großen Cooper"; sein "Lederstrumpf" sei "dem Kenner durchaus gleichrangig mit Ahasver, Gulliver, Robinson, Parzival". Das nahezu einzige Mal, in dem Schmidts sonst wahrhaft schnoddrig-proletarischer Stil tief ins unverblümt Sentimental-Kitschige tunkt, ist das Kapitel über Cooper in der Sendungen-Sammlung "Dya Na Sore". Vor allem aber ist das Siegesschema des Superman Lederstrumpf genau das Schema von allen erzählenden Büchern Arno Schmidts.
Stets konfrontiert Arno Schmidt seine Helden mit genau den Situationen, aus denen sie kraft ihres größeren Spezialwissens, ihres schnelleren Verstandes, ihrer präziseren Forschungen als die eigentlichen Sieger hervorgehen. Da es sich nur um Triumphe des Intellekts handelt, also nicht um äußerliche Siege, schadet es dabei auch nichts, wenn den Helden - wie etwa bei beiden unter dem Buchtitel "Brand's Haide" veröffentlichten Erzählungen - am Ende die geliebten Mädchen davonlaufen; die Mädchen haben sich dafür am Anfang stets um so schneller ein- und immer auch sonst schnell bereit gefunden; in der Schilderung der Liebe kennt Schmidt keinen Pardon. Eine programmatische Erklärung in dieser Sache hat Schmidt in seiner Erzählung "Tina oder über die Unsterblichkeit" untergebracht; er konstatiert dort, daß in der deutschen Literatur bisher die "Fäkal- und Urogenitalsfäre ... verlogen-vernachlässigt" worden sei.
Als Musterbeispiel für Schmidts Abenteuerbuch-Schema kann der 1956 veröffentlichte "historische Roman aus dem Jahre 1954", "Das steinerne Herz", gelten, an dem sich abermals Schmidts besondere Fähigkeit erweist, aus dem wahrhaftig nicht mit Geschichte getränkten Boden der Lüneburger Heide - noch im 18. Jahrhundert kam hier die Pest zum Stehen, es gab dort kaum Menschen, die sie hätten weitertragen können - so etwas wie historische Entdeckungen zu schürfen. Der Titel des Buches ist eine Anspielung auf das Märchen "Das kalte Herz" von Wilhelm Hauff (1802 bis 1827), sie wird durch einen Seufzer des Ich-Erzählers erklärt: "Blödsinnige Einrichtung, daß da ständig sonne lackrote Schmiere in uns rum feistet. N steinernes müßte man haben, wie beim Hauff."
Als Folie für seinen Gegenwartsroman holte sich Schmidt aus der Provinzhistorie des 17. Jahrhunderts die Romanze der hannöverschen "Prinzessin von Ahlden" mit dem Grafen Königsmarck heraus, der Friedrich Schiller ein Schauspiel widmen wollte und die heute der Filmindustrie aus ihren Drehbuchsorgen hilft. (Schmidt: "Was ich da aufgeschrieben habe, ist einwandfreie Forschung.")
Mit einem dramaturgischen Kniff machte Schmidt das hannoveranische Dörfchen Ahlden zur Szenerie seines zeitnahen Spiels. Der Ich-Erzähler, ein scharfsinnig grübelnder Sammler von Urkunden, Staatshandbüchern und Gedanken - ein "vagabundierender Geometer"-, mietet sich im Dorf unter falschen Angaben bei einem auf interzonalen Straßen tätigen Lastwagenfahrer ein, weil er in dessen Haus bibliophile Raritäten wittert. Die Ehefrau des Fernfahrers ist die Enkelin eines verstorbenen hannoveranischen Heimatforschers; der Erzähler hofft, in ihrem Haus Reste der väterlichen Bibliothek zu finden.
Er verführt die dralle, in den besten Jahren stehende und im Leben etwas zu kurz gekommene Hausfrau, fährt mit dem gehörnten Ehemann nach Berlin, wo jener eine Nebenfrau unterhält, ergaunert sich in der Staatsbibliothek (Sowjetsektor) durch Tausch und Fälschung einen ersehnten Band (siehe Kasten), fährt mit dem Ehemann und dessen Nebenfrau in die ländlichen Idylle zurück und lebt dort zu viert.
Damit das Quartett mit den beiden neuen Paarungen auch materieller Sorgen ledig sein kann, entdeckt der scharfsinnige Erzähler - er heißt Walter mit Vornamen - einen vom Vater im Deckengebälk des Wohnzimmers verborgenen Goldschatz, einen Leckerbissen für Numismatiker und ein höchst interessantes Schätzobjekt für die Frankfurter "Degussa", die "Deutsche Gold- und Silberscheide-Anstalt".
Schmidt hat im "Steinernen Herzen" sein gesamtes Repertoire an Formelementen untergebracht:
▷ den zum Stil erhobenen Waschküchenjargon: "Pumpsu woh ma den Ssementtroch voll, Wallda?" ("Pumpst du wohl mal den Zementtrog voll, Walter?");
▷ den typographischen Dadaismus: "Ä - könn' Sie mir vielleicht sagen . . .?": ", ;. - :! - :!! " - : "Ah: Danke schön ...";
▷ die expressionistische Formulierart: "... rote Vokale prallten an (rikochettierten); Konsonanten hummelten und querschlägerten, dum-dum; sie schüttelte die strammen Haare und blähte Augen".
Arno-Schmidt-Freund Alfred Andersch lobte denn auch, so gut er konnte: "Was hier (im 'Steinernen Herzen') mit der Sprache geschieht, das ist heute in Deutschland einzigartig und gar nicht wiederholbar und wird sich erst in Jahrzehnten auf den Gesamtzustand unserer Sprache und Literatur auswirken."
Es ist deutlich, daß Arno Schmidt die äußere Handlung im "Steinernen Herzen" absichtsvoll so kolportagehaft wie möglich angelegt hat, damit jedem Leser augenfällig wird, daß es dem Autor um diese Geschichte im Grunde nicht geht. Sie ist nur die Papierlinie, auf der Schmidt seine Texte schreibt, seine Assoziationen aneinanderreiht, seine Kenntnisse ausbreitet und seine Meinungen kundtut - sie greifen diesmal sogar ins Ost-West-Geschäft der Politik.
Schmidt hat nämlich in seinem Buch einen "guten Rat" an die "Deutsche Demokratische Republik" untergebracht: "Ich möchte ihr gern helfen, weil die Leute drüben so rührend ehrlich arbeiten; weil sie tapfer gottlos sind ..."
Mit der Kunstpflege jenseits der Elbe ist er allerdings weniger einverstanden, und so stehen in dem "guten Rat" an die DDR Sätze wie: "In einem neuen Staat müßte Alles neu sein! Auch in den Künsten: statt dessen hängt Ihr bürgerlichste Schinken in Eure Galerien; Eure Schriftsteller wissen scheinbar nicht (oder dürfens nicht wissen), daß seit Gustav Freytag einiges in der Dichtung geschehen ist . . ."
Es gibt sonst unter den gegenwärtigen deutschen Autoren keinen, der wie Schmidt seine Sammler-Kenntnisse, seine zahllosen Spezial-Entdeckungen, seine Bildungsgüter mit so unverhohlenem Stolz ausbreitet und sich ohne Unterlaß selber rühmt: "Kein flacher Kopf, der Schmidt, was?", lobt sich der Autor; über sein Buch "Dya Na Sore" äußert er: "Keine kleine Portion!".
Die Erzähler-Helden in Schmidts Romanen triumphieren genau in dem Maße in den für ihre Siegesbedürfnisse vom Autor maßgerecht zugeschnittenen Situationen, wie der Autor Schmidt über seine Leser triumphieren möchte. Wenn sonst nichts mehr helfen kann, ihnen einen saftigen Gehirn-Sieg zu verschaffen, findet Schmidt seinen Helden aus Paulys Real-Encyklopädie einen uralten Irrtum heraus - wie in "Kosmas", wo der Erzähler die Idee des Indienfahrers widerlegt, daß die Erde ein Berg sei.
Die Selbstbewunderung des Autors Schmidt - "Genie im Narziss-Spiegel" hieß es im Literaturteil der "Neuen Zeitung" - muß sogar herhalten, die (wenngleich läßlichen) Schwächen zum planvollen System umzuprägen: "Ich habe immer nur getrunken", behauptet einer von Schmidts Erzählern, "um die Bildkraft der Seele zu steigern"; im Gespräch erläutert Schmidt: "Ich saufe strategisch."
Wenn es gilt, die Überlegenheit des Schreibenden über den Leser zu konstatieren, werden sogar die Fiktionen der Handlung außer Kraft gesetzt. Der letzte Mensch in der Erzählung "Schwarze Spiegel", der doch glaubt, daß mit seinem Tode das "stinkige" Experiment Mensch ein Ende gefunden haben wird, wendet sich dennoch direkt an den Leser, wenn er meint, beim Anblick eines Schottersteines auf dem Bahndamm einen tieferen Gedanken gefaßt zu haben, als er beim Leser unterstellt: "Ein Kiesel der Beschotterung: lebt länger als Sie, Herr Leser Irgendein!"
"Das ist ein Taumel, eine Tobsucht", schrieb die "Neue Zürcher Zeitung", "man soll, so scheint es, in einem fort die eigene Unbildung erfahren." Und: "Man wird ständig ... zu Nachschlagewerken und Wörterbüchern und wieder zurück getrieben" - in Arno Schmidts Arbeitszimmer stehen Lexika und Wörterbücher allerdings in langen Reihen auf dem Schreibtisch und in griffnahen Regalen. Arno Schmidt will offenbar nicht - im Sinne jenes Künstlerschlagworts der Jahrhundertwende "épater le bourgeois" - den Bürger erschrecken, er will ihm imponieren.
Bereits in "Leviathan" etwa, dem ersten Buch Schmidts, ist wie beiläufig die Bemerkung des Erzählers abgedruckt: "Wenig geschlafen; aber alles mögliche gedacht. Cooper fiel mir ein (also auch der 'Hochwald')." Es gehört nun wahrhaftig nicht zu den Pflichten der allgemein Gebildeten, zu wissen (was den Philologen allerdings bekannt ist), daß in der Erzählung "Der Hochwald" Einflüsse Coopers auf den Verfasser Adalbert Stifter erkennbar sind. Neun Jahre später greift Schmidt seine Kenntnis in dieser Sache wieder auf und breitet sie ausführlich in "Dya Na Sore" aus. "Stets beweist Schmidt wie im Vorbeigehen seine Belesenheit: Mitten in einem seiner Sätze findet sich plötzlich die Zeile "eiris sazun idisi" - nur der Spezialist braucht zu wissen, daß so der erste der sogenannten Merseburger Zaubersprüche beginnt, ein im 10. Jahrhundert aufgezeichneter Text, dem die beschwörende Kraft zugesprochen wurde, gefangene Krieger aus ihren Fesseln zu befreien.
Ebenso wie solche, durch keinerlei dramaturgische Notwendigkeit in die Handlung eingesprengten Notizen beim Leser offenbar ein anerkennendes "Donnerwetter!" über die Bildung des Autors provozieren möchten, sollen es wohl auch die Fremdwörter, die Schmidt benutzt, wie die Art, in der er sie benutzt.
Zumeist schreibt Schmidt zum Beispiel das "ph" in Fremdwörtern phonetisch, also in der Art, wie es im achtzehnten Jahrhundert Wieland tat und wie heute in Wörterbüchern die Aussprache des betreffenden Wortes angegeben wird. Bei Schmidt steht also (nicht konsequent): Fänomen, Aforismus, Biografie, Sfäre. In dem einen Falle aber, in dem sich die Schreibweise mit "f" eingebürgert hat, bei "frenetisch" (von griechisch "phren" = Zwerchfell), schreibt Schmidt prompt "phrenetisch". "Nicht bezeichnend" heißt bei ihm "insignifikant", für "köpfen" schreibt er "dekapitieren", das Sternchen, das auf eine Fußnote verweist, heißt bei Schmidt "Asteriscus".
Es paßt im Bild, daß Arno Schmidt bei jeder Gelegenheit die Selbständigkeit seines Urteils hervorhebt, was am auffälligsten dadurch geschehen kann und also auch geschieht, daß vermeintliche Götzen gestürzt werden, vornehmlich aber anerkannten Autoren die Qualifikation abgesprochen wird.
Bei diesem Bildersturm auf die Weltliteratur kommt Schmidt zu Urteilen wie:
▷ "Bei Goethe ist die Prosa keine Kunstform, sondern eine Rumpelkiste."
▷ "Balzac: kein Dichter; kein Verhältnis zur Natur (das wichtigste Kriterium!). Nur alle 20 Seiten einmal etwas wirklich Gutes..."
▷ Heinrich Heine: "Hätte er nur einen Band... geschrieben, wäre er ein großer Mann gewesen."
▷ Über Schillers Dramen: "dialogisierte Kriminalromane".
▷ "Was an Platon groß sein soll, habe ich nie verstehen können"; er sei "voller stilistischer und philosophischer Plattheiten, wie man sie kaum einem Schulbuben verzeihen würde".
Nachdem er auf solche Art die Thronsessel der Literatur freigeräumt hat, legt Arno Schmidt die Liste der Prätendenten vor: Nach seiner Ansicht sind die sechs bedeutendsten deutschen Autoren der Gegenwart in der Reihenfolge:
1. Hans Henny Jahnn;
2. Arno Schmidt (Anmerkung Schmidts: "wie billig", im Sinne von "recht und billig");
3. Alfred Andersch;
4. Ernst Kreuder;
5. (im toten Rennen) Heinrich Böll und Wolfdietrich Schnurre.
Es fällt nicht besonders schwer, die Übereinstimmung einiger Namen dieser Schmidt-Laureaten mit der Liste jener Autoren zu erkennen, die Schmidts Werke loben. Speziell im Falle des 45jährigen Autors Alfred Andersch, der sich wegen seiner Rundfunkposten besonderer Beliebtheit bei den Autoren der "Gruppe 47" erfreute, hat sich ein Schutz-und-Trutz-Bündnis herausgebildet, das energisch seine Rechte wahrt.
Das mußte kürzlich Friedrich Sieburg erfahren, der in seiner - so wohlwollend wie möglich abgefaßten - Kritik des Fouqué-Buches den folgenden Satz über Schmidts Situation untergebracht hatte: "Gibt es einen melancholischeren Anblick als den eines geistvollen Provokateurs, dem alle Welt recht gibt?"
Die Schmach, daß alle Welt dem Autor Schmidt recht gebe, wollte Andersch auf keinen Fall auf seinem Freunde sitzen lassen, und so meldete er sich wenige Tage später im Leserbriefteil der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zum Wort und wetterte in dem hölzern-polemischen Stil, den seine Leser gewiß an ihm schätzen: "Eine Untersuchung der kritischen Aufnahme des Werks von Arno Schmidt zeigt, daß Herrn Sieburgs Behauptung jeder Grundlage entbehrt. Seit dem Erscheinen seines ersten Buches, des 'Leviathan', bis zum Erscheinen der Fouqué-Biographie, haben sich die meisten namhaften deutschen Kritiker eher negativ als positiv zu den Arbeiten Schmidts geäußert . . ."
In strenger Treue zum Grundsatz "Ehre, wem Ehre gebührt" fuhr Andersch fort: "Eine fortlaufende publizistische Unterstützung hat das Werk Arno Schmidts, außer durch seinen Verleger, nur durch die kritische und editorische Arbeit von Professor Max Bense und dem Unterzeichnenden erfahren."
Dem auf die Wahrung seines Freundschafts-Monopols versessenen Andersch war dabei allerdings entgangen, daß zum Beispiel auch Friedrich Sieburg Schmidts Bücher von Anfang an zwar nicht hymnisch, aber doch stets mit amüsiertem Wohlwollen kritisiert hatte. Wahr ist freilich, daß Andersch, wenn er nur gerade eine Anstellung als Rundfunk-Redakteur hatte, Sendungen von Arno Schmidt angekauft hat, wahr ist auch, daß Andersch in der von ihm "editorisch" betreuten Zeitschrift "Texte und Zeichen", die inzwischen wegen mangelnder Nachfrage ihr Erscheinen eingestellt hat, viele Texte samt Zeichen von Schmidt druckte.
Für diese Freundschaftsdienste hat sich Schmidt allerdings auf eine Weise revanchiert, wie sie in der deutschen Literatur ehrenvoller kaum geplant werden kann. In jenem Kapitel des Buches "Dya Na Sore", in dem Schmidt eine utopische Begegnung mit Goethe beschreibt - der durch die Fortschritte der Wissenschaft für kurze Zeit wieder zum Leben zurückgerufen worden ist (und versucht, einen Blick in Ehefrau Schmidts Dekollete zu werfen) -, hält Gesprächspartner Schmidt dem deutschen Dichterfürsten nur einen Autor als literarisches Vorbild vor Augen: Alfred Andersch. Und Goethe, offenbar zerknirscht, weiß in seiner Verlegenheit nichts anderes, als das Thema zu wechseln. So wie hier hat Schmidt auch sonst in dem Buch "Dya Na Sore" das Obere nach unten, das Untere nach oben gekehrt. "Wie aber", erläutert er seine spezielle Forschungsmethode, "wenn man, literarischen Stammbäumen nachgehend, leichter zu unbekannten großen Kunstwerken fände? - verschollenen und vergessenen - die man ansonsten schwerlich, vielleicht nie aufspürte?"
Darüber, ob es sich wirklich immer um "große Kunstwerke" handelt, die Schmidt entdeckte, als er dem "literarischen Stammbaum" Fouqués nachging, läßt sich allerdings streiten. Zumindest das nicht weniger als 2642 Seiten lange, fünfbändige Werk des aus eigener Machtvollkommenheit adligen österreichischen Kanoniers Wilhelm Friedrich von Meyern, "Dya-Na-Sore oder die Wanderer", das Schmidt hervorkramte, ist eine gänzlich ungenießbare Schwarte, in der Meyern, mit unzulänglichen schriftstellerischen Mitteln ausgerüstet, der Vaterlandsliebe und dem Freimaurerwesen huldigen wollte.
Das Buch, vorgeblich nach einer Handschrift "aus dem Sam-skritt (Sanskrit) übersezt", soll nachweisen, "daß die Menschen von ieher sich änlich waren", es predigt im schlimmsten Stil voller "O" und "Weh"-Ausrufe moralische Platitüden und Pflichterfüllung. Der Vater des Titelhelden Dya lehrt Maximen wie: "Freude ist für Wahrheit iene Welt, ein Bild für diese, wo Augen, die nur den Schein der Ferne ertragen, das Erbtheil der Menschen sind. Entwiklung unserer
Kräfte, ist unser Glük. Kampf ist unsere Größe, und Tugend, die nur in Hinsicht auf iezige oder künftige Glükseligkeit wirksam wird, ist blendender Eigennuz, Futter für Thiere, die nur durch Lokungen gezähmt werden. Der Lohn der Tugend ist ihr Besiz, und kein Gott ist fähig einen höhern Preis aufzustellen, als das Bewustseyn unsere Pflicht erfüllt zu haben. Ja Pflicht! dies ist das unsterbliche Wort, das uns über Abgründe hinwegträgt, und über Schreknisse siegen lehrt: Pflicht ist der erhabene Beweggrund des Weisen."
Besonders gut schneiden in Schmidts Bibliotheks-Gesprächen, die ihren Titel von dieser Schwarte entliehen haben, die Verfasser von Abenteuer-Romanen ab, und es ist leicht zu erraten, auf welche Art außer dem "großen Cooper" auch der Amerikaner Edgar Allan Poe (1809 bis 1849) in den Kreis der Autoren geraten ist, denen Schmidt wohlwill: Poe hat sich nicht nur zustimmend über Fouqué geäußert, er gibt auch zum Beispiel in seiner utopischen Seefahrer-Novelle "Gordon Pym", in der er am Südpol auf warme Landstriche und absonderliche Eingeborene stößt, für jede der ersonnenen Inselgruppen die genauen Längen- und Breitengrade an.
Solche vorgetäuschte Geometer- und Geographen-Präzision hat auch noch einem anderen Buch einen Platz in Schmidts Literatoren-Walhall verschafft: der in Urväterzeiten als Bestseller verbreiteten Erzählung "Die Insel Felsenburg" des schriftstellernden Hofbalbiers Schnabel. Der Anfang des 18. Jahrhunderts lebende Autor hat seinem ersonnenen Bericht über eine Insel im Südatlantik, auf der Auswanderer eine Art Idealstaat errichtet haben, scheinbar genaueste Kartenblätter beigefügt, Planskizzen, ja sogar die Stammtafeln der Einwohner.
Wiederentdecker Schmidt - sein Kredo: "Das heißeste Feuer kommt aus Trockenstem, Karten, Zahlenkolonnen, Namenslisten von Staatshandbüchern" - nimmt Fall dieses Abenteuerbuches zum Anlaß eines Generalangriffs auf die Germanisten und Literarhistoriker, denen zwar die "Insel Felsenburg" dadurch bekannt sein muß, daß der deutsche Romantiker Ludwig Tieck sie neu herausgegeben hatte, die Schmidt aber dafür verantwortlich macht, daß sich heute wohl nur noch wenige Menschen bereit finden, das Abenteuerbuch zu lesen. Offensichtlich hält Schmidt es für die Aufgabe der Germanisten, für Bücher Propaganda zu machen.
In diesem Sinne schimpft er denn: "Jedenfalls ist auch diese 'Insel Felsenburg' leider wieder 1 Großbeispiel mehr für die bedauerliche Lückenhaftigkeit unserer deutschen literarischen Tradition; ein Beweis dafür, wie mißlich es ist, die Erhaltung des großen Kontinuums vertrauensvoll in die Hände von Germanisten und Verlegern zu legen. Wieder einmal wird vorenthalten
▷ dem Leser ein anregendes,
▷ dem Kulturhistoriker ein unentbehrliches,
▷ dem Prosafachmann ein konstruktiv äußerst belehrendes Stück."
Im Falle des "Old Shatterhand"-Erfinders Karl May (1842 bis 1912), der sich im sächsischen Radebeul eigene Heldentaten in Nordamerika und im Vorderen Orient ersann (und offenbar am Ende selber glaubte, sie bestanden zu haben), bekommt Arno Schmidts Zuneigung geradezu etwas Rührendes: Er macht sich bei der Untersuchung "des Fänomens Karl May" die Mühe, vier verschiedene Auflagen des Romans "Im Reiche des silbernen Löwen" miteinander zu vergleichen, in Mays Prosa ein verborgenes Versmaß zu entdecken und den Urtext des Indianerbuch-Autors, der Generationen urdeutscher Knaben (und also auch den, wie er sich nannte, "kleinen Rädelsführer" Adolf Hitler) zu unterhalten verstand, mit Erbitterung gegen die Eingriffe der Bearbeiter zu verteidigen.
Die Grenze des Zulässigen literarischer Freundschaft übertritt Schmidt allerdings in den Passagen, die Mays Verhältnis zu Nietzsche betreffen. Im fortgeschrittenen Alter hatte der Elementarschüler Karl May - vom Volksschul-Lehrerseminar war er wegen eines geringfügigen Diebstahls relegiert worden - nach den Büchern des Philosophen Friedrich Nietzsche (1844 bis 1900) gegriffen, der als Stilkünstler in der deutschen Literatur nicht eben viele seinesgleichen hat. Karl May aber war mit Nietzsches Stilkunst unzufrieden; er kritisierte - in einem Brief - die Wendung "bietet ein Mittel", die Nietzsche im 377. Aphorismus seines Buches "Menschliches, Allzumenschliches" verwendet hat, und wollte sie durch das hölzerne "könnte Beweismaterial liefern" ersetzt wissen. Schmidt dazu: "die (von Karl May) - mit vollem Recht - gerügte Stelle ..."
Für einen Essayisten ist es durchaus legitim, zugunsten seines Gegenstandes parteiisch zu sein; bedenklich ist es aber, wenn er die gleichen Schwächen bei dem einen Autor scharf kritisiert, beim anderen liebevoll hegt und lobt. So diskreditiert Schmidt zum Beispiel in "Dya Na Sore" den österreichischen Dichter und Schulrat Adalbert Stifter (1805 bis 1866) als "sanften Unmenschen", weil Stifter in seinem 1857 abgeschlossenen Roman "Nachsommer" nicht auf die französische Revolution von 1789, noch auf die Aufstände des Jahres 1848 eingegangen sei: Schmidts Urteile über die idyllische Welt in Stifters Prosa und über den Autor: "flegmatisches Filistertum", "scheußliche soziale Herzverfettung", "Ruchlosigkeit seines (Stifters) Optimismus, seiner bürgerlichen Katastrofenfeindlichkeit", "Maximum an Seelenlosigkeit", "es erübrigt sich, von der typisch tüdesken Servilität der Helden zu reden, mit ihren übertriebenen Vorstellungen vom "göttlichen Recht der Obrigkeit"".
Nun muß man dagegen sehen, wie Schmidt die gleichen Eigenschaften - den Respekt vor der Obrigkeit, das Fehlen jeder zeitkritischen Bemerkung - bei seinem Forschungsobjekt Fouqué interpretiert, der immerhin auch ungefähr um diese Zeit - von 1777 bis 1843 - gelebt hatte und sogar aktiver preußischer Offizier gewesen war, im Gegensatz zu Stifter, der niemals Uniform getragen hatte.
Daß der junge Fouqué darauf brennt, 1794 am Krieg gegen Frankreich teilzunehmen, erklärt Schmidt, der sonst so tapfere Antimilitarist: "Ein durchaus, und im besten Sinne, ritterlicher Geist wie der seine muß an der ... Untätigkeit furchtbar leiden." Für Fouqués Glauben an das Gottesgnadentum der Monarchen hat Schmidt die begütigende Formel: "Für ihn sind die Könige stets die geharnischten Helden höchster Sinnesart"; bei Fouqués militärischen Ambitionen ("Hei, laßt Kanonen blitzen! ... Wer fällt, der kann's verschmerzen") mahnt Schmidt seine Leser beschwörend: "Man verwechsle ja nicht Soldatentum mit Rittertum. Fouqué ist Ritter, kein Soldat!" Vom Wohlwollen seines Biographen Schmidt begleitet, darf sich Fouqué für seine Dichtungen ins Mittelalter zurückziehen, der Rückzug des friedlichen Stifter in die Natur- und Biedermeier-Idylle dagegen ist, nach Schmidts Ansicht, eine verbrecherische Paradoxie jener Art wie Himmlers Vergnügen am Violinspiel.
Schmidts Forderung, "Es ist eine der Aufgaben des Künstlers, boshaft zu sein", wird Ungereimtheiten solcher Art nicht decken können, abgesehen davon, daß Stifter als Prosakünstler den Baron de la Motte-Fouqué weit überragt, bei dessen Verteidigung Schmidts sonst so rüder und provokanter Stil in den lächerlichen Ton von Hofberichten abgleitet: "Vor mir liegt das unschätzbare Blättchen des Siebenjährigen (Fouqué), das ein huldreicher Zufall uns aufbehalten hat."
Vielleicht sind dergleichen Seiltänzerstücke damit zu erklären, daß Schmidt sich entschlossen hat, in der gegenwärtigen Literatur die Rolle des "Hordenclowns" zu spielen; er versteht darunter einen "Stammespossenreißer, dem der Chefpithecanthropus manchmal gnädig 'n Eckchen Mammutlende vor die Brust schlenkert".
Bei anderer Gelegenheit - aus Anlaß seiner Lobpreisung des "Anton Reiser"-Verfassers Karl Philipp Moritz - beschreibt Schmidt jenen Typ von Schriftstellern, zu dem er sich offensichtlich rechnet, als die "Schreckensmänner" der Literatur: "Ihre Kennzeichen sind mannigfach und immer wieder hübsch gleichmäßig vorhanden: arm geboren sind sie. Unter unglücklichen Familienverhältnissen aufgewachsen. Brennend scharfen Geistes übervoll - und dieser, da auf einen bösen Boden gepflanzt, nichts weniger als angenehm.
"Ihre spätere Entwicklung ist häufig eine Frage der körperlichen Konstitution: wem Allah die Knochen eines Ochsen verliehen hat, daß er mit jeder Hand einen Zentner heben kann, überlebt die grausamen Entbehrungen leichter, hat weniger Angst, wird wütender, - wenn auch vielleicht nicht ganz so giftig - als Der, der bei jedem Wort husten muß ...
"Sie sind, mit ihrer überscharf gewetzten Beobachtungsgabe, ihrer allumfassenden Rücksichtslosigkeit, die geborenen Autobiographen."
Eine Art von permanenter Autobiographie, permanenter Selbstbeschreibung hat Schmidt denn auch zum Strukturprinzip seiner gesamten Prosa erhoben. In zwei "Werkstattberichten" klassifizierte er seine Produktion als die Resultate zweier "Versuchsreihen": Er hat sich feste Formeln zurechtgelegt, nach denen er seine Bücher konstruiert; sie lesen sich etwa so: "LG = E I + E II". Ihr Ziel ist eine Literatur, die "durch besondere Anordnung von Prosaelementen konforme Abbildungen von Gehirnvorgängen" geben soll, gemischt zum Beispiel aus Erinnerungsbildern ("Fotos") und Kommentaren ("Texten") oder beim "Längeren Gedankenspiel" (LG) gemischt aus "Erlebnisebene I" (E I) 'und "Erlebnisebene II" (E II).
Für interessierte Besucher hält Arno Schmidt flache, rechteckige Kästen bereit, die in kleine Fächer eingeteilt sind. Sie enthalten Miniaturzettelchen verschiedener Farbe, die säuberlich mit bunten Deckblättchen - etwa: Personalia, Geographisches, Erotica - ausgezeichnet und mit mikroskopisch kleinen Lettern beschriftet sind: Schmidt benutzt beim Umgang mit den Blättchen Lupe und Pinzette.
Die Zettelchen bewahren Schmidts Prosa gewissermaßen noch im Molekularzustand; ein besonders umfängliches Päckchen von ihnen dürfte dem Mond vorbehalten sein, dessen jeweiligem Erscheinungsbild Arno Schmidt nahezu in jedem seiner Kapitel einen Satz widmet, etwa:
▷ "der kantige Mond: sägte im schnarchenden Gewölk, daß es milchig stäubte ...";
▷ "und der Lügenmond (wie alle Blaßgesichter) bog sich mokant inmitten ehrsamen Silberhaars ...";
▷ "oben der Lichtteich im rauhen Wolkenmoor...";
▷ "der frühreife Mond schob, rachitisch krumm, übern Bahndamm ...";
▷ "oben das Silberhermelin schlüpfte glatt durch Wolkenfugen, gierig, immer dem zitternden Blaustern nach."
Auf anderen Zettelchen sind die Resultate von Schmidts Urkundenstudien und seiner Lektüre vergessenen Schrifttums, der Staatshandbücher und Heimatforscher-Literatur verzeichnet: "Wer die Seinsetzende Kraft von Namen, Zahlen, Daten, Grenzen, Tabellen, Karten nicht empfindet", verlangt Schmidt, "tut recht daran, Lyriker zu werden; für beste Prosa ist er verloren: hebe Dich hinweg".
So hoch aber Arno Schmidt immer die "Seinsetzende Kraft" von Daten und Tabellen einschätzen mag - auch Leser mit schlichterer intellektueller Ausrüstung können den Genauigkeitsfanatiker Arno Schmidt gelegentlich bei Fehlern ertappen. So stationiert er im "Leviathan" bereits am 20. Mai 1945 einen amerikanischen Soldaten in Berlin, zu einer Zeit, als auch noch nicht das kleinste Vorkommando für die - erst Ende Juli 1945 - stattfindende Potsdamer Konferenz oder für den Einmarsch der US-Besatzung in der Stadt war. Im "Leben eines Fauns" gibt es bereits 1939 "Dmarkstücke", obwohl die Reichsmark erst 1948 von der Deutschen Mark abgelöst wurde, ebenfalls im "Faun" bewundert der Titelheld mehrmals im Vorkriegs- und Kriegsdeutschland die Nylonstrümpfe an Damenbeinen, obgleich die Damen jener Zeit von diesem Gewebe noch keine Ahnung hatten; in der Erzählung "Brand's Haide" wird in Deutschland bereits 1946 im Fußballtoto gewettet, das erst Ende 1948 eingeführt wurde.
Um so genauer nimmt es Schmidt darin, seine Leser über die Stationen seines unbehausten Daseins zu unterrichten - in der Fouqué-Biographie sind alle Orte verzeichnet, in denen er gewohnt hat, samt dazugehörender Jahreszahl - und über sein Lebensgefühl. Die Bibliotheksgespräche "Dya Na Sore" sind, laut Vorspiel, abgeschlossen am 20. September 1958 zu "Darmstadt i.d. Barbarei": Schmidt hatte dort drei Jahre lang in einer Einzimmerwohnung gelebt; er legt Wert auf die Feststellung, daß er die 5000 Mark Baukostenzuschuß, die ihm von der Stadt geliehen worden waren, inzwischen zurückgezahlt hat.
"Ach, ich verurteilter Papiermensch:", klagt der Erzähler im "Faun", "wenn ich doch bloß 10 000 Mark hätte, fürn Blockhaus, irgendwo einsam in Moor und Wald gedommelt." Dieser Wunsch, vom "Faun" stellvertretend für Arno Schmidt geseufzt, ist inzwischen ungefähr in Erfüllung gegangen. Ende vergangenen Jahres ist das Ehepaar Schmidt von Darmstadt in das 273-Einwohner-Heidedorf Bargfeld, Kreis Celle, umgezogen, in einen Ort am Rande der Heide, in dem die Autostraße endet.
Wo auch der Ort endet, steht das Haus, das die Eheleute Schmidt mit ihrer Katze Purtzel - geboren am 1. Mai 1955 in Kastel (Saar) - bewohnen; um ihnen die Anschaffung des 1336,5 Quadratmeter umfassenden Grundstücks samt Haus zu erleichtern - Gesamtpreis 16 700 Mark -, übernahm ein befreundeter Studienrat eine erste Hypothek von 11 000 Mark. Als Umzugsanzeige verschickte Schmidt an seine Freunde einen Ausschnitt aus einem Meßtischblatt, in dem sein Haus kartographisch genau eingezeichnet ist, mit Angabe der östlichen Länge und nördlichen Breite in Graden, Minuten und Sekunden.
Arno Schmidts Zettelkasten birgt gegenwärtig die Bausteine für einen neuen Roman, dessen drei Teile durch den gemeinsamen Handlungsort "Lilienthal" zusammengehalten werden: Lilienthal ist der Name eines Dorfes im einstigen Herzogtum Bremen, wo sich Ende des 18. Jahrhunderts eine ansehnliche Sternwarte befand. Im Mittelpunkt des Romans soll der (historische) Johann Hieronymus Schröter stehen, von Beruf Jurist und aus Neigung Astronom. Schröter arbeitete an der von ihm errichteten Sternwarte mit den zu seiner Zeit modernsten Spiegelteleskopen, bis 1813 marodierende, französische Soldaten sein Lebenswerk vernichteten.
Außerdem ist die Herausgabe einer zweiten Sammlung von literarischen Rundfunk-Sendungen geplant; sie soll den Titel "Belphegor" bekommen, nach einem 1776 erschienenen und - außer für Schmidt und Germanistikstudenten - bedeutungslosen zweibändigen Roman eines Schriftstellers namens Johann Karl Wezel (1747 bis 1819).
Als Obertitel für diese zweite Sammlung von "Gesprächen in einer Bibliothek" sagt "Belphegor" zwar genauso wenig aus, wie es "Dya Na Sore" für die erste Sammlung tat, aber wie über viele andere verstaubte Folianten noch sollen die Leser auch von diesem Buch erfahren, was es mit ihm für eine Bewandtnis hat.
"Außerdem klingt es gut", sagt Frau Schmidt.
(1) "Brand's Haide"; Rowohlt Verlag. Hamburg; 260 Seiten; 9,80 Mark.
(2) Arno Schmidt: "Die Gelehrtenrepublik"; Stahlberg Verlag, Karlsruhe; 228 Seiten; 9,80 Mark.
(3) Arno Schmidt: "Leviathan"; Rowohlt Verlag, Hamburg; 116 Seiten; 4,80 Mark.
(4) Arno Schmidt: "Dya Na Sore"; Stahlberg Verlag, Karlsruhe; 432 Seiten; 17,80 Mark.
(5) Arno Schmidt: "Fouqué"; Stahlberg Verlag, Karlsruhe; 592 Seiten; 38 Mark. Taschenbuchausgabe J. G. Bläschke Verlag, Darmstadt; 592 Seiten; 6,10 Mark.
(6) Eine Anschauung, die Gott mit dem All identifiziert; prominentester deutscher Pantheist: Goethe.
(7) Arno Schmidt: "Das steinerne Herz"; Stahlberg Verlag. Karlsruhe; 288 Seiten; 14,80 Mark.
(8) Arno Schmidt: "Aus dem Leben eines Fauns"; Rowohlt Verlag, Hamburg; 168 Seiten; 8 Mark.
(9) Die übrigen Preisträger: Werner Helwig, Hans Hennecke, Oda Schaefer, Heinrich Schirmbeck.
(10) Thomas Hobbes: "Leviathan, Or, The Matter, Form and Power, of a Commonwealth", 1651.
(11) Der französische Mathematiker Pierre de Fermat (1601 bis 1665) hat eine zahlentheoretische Behauptung aufgestellt, die bisher nur in Spezialfällen bewiesen werden konnte. Für Beweis oder Gegenbeweis wurde vor über 50 Jahren von dem Mathematiker Paul Wolfskehl ein Preis von 100 000 Mark ausgesetzt, den die Königliche Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen verwaltete. Als Einsendeschluß war das Jahr 2007 vorgesehen, doch war der Preis bereits nach dem Ersten Weltkrieg durch die Inflation entwertet.

DER SPIEGEL 20/1959
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