15.01.1964

UFAKlappe zu

Die "Ufa" aus der Reichshauptstadt Berlin, einst Deutschlands strahlendster Stern am Himmel des Weltkintopps, erlosch in der vorletzten Woche in Gütersloh.
Die Aktien der Universum Film AG, so tat ein Sprecher kund, seien vom Haus Bertelsmann übernommen worden, nachdem zuvor die Tempelhofer Ufa-Ateliers und technischen Betriebe samt Grundbesitz an zwei Berliner Firmen veräußert worden seien. Und dann fiel auch die letzte Klappe: "Die seit 1961 ruhende Spielfilm-Produktion wird endgültig eingestellt."
Mit dem diskreten Aktientausch zwischen den Herren der Deutschen Bank - die Hauptaktionärin der Ufa war und als Konsortialführerin der Aktionäre die Geschäftspolitik bestimmte - und dem Generalbevollmächtigten des Buch- und Schallplattenkonzerns Bertelsmann, Dr. Manfred Köhnlechner, war das Geschäft am Silvestervormittag perfekt geworden.
Alle nach dem Zweiten Weltkrieg unternommenen Versuche, den berühmten Ufa-Rhombus wieder aufzupolieren, sind damit endgültig fehlgeschlagen.
Im Frühjahr 1956 hatten im Schlepptau der Deutschen Bank angesehene Geldinstitute dazu den aussichtsreichsten Versuch unternommen. Sie erwarben die besten Stücke aus dem ehemals reichseigenen Filmvermögen und faßten sie zu einem neuen Ufa-Konzern zusammen. Aus optischen Gründen nahmen die Bankherren zwar einige private Filmleute und Zulieferbetriebe in ihr Konsortium auf; deren kleingestückeltes Aktienpaket erreichte zusammen jedoch noch nicht 30 Prozent des Kapitals.
Großmütig hatte sich der Vorbesitzer, der Bund, mit einem Kaufpreis von 11,5 Millionen Mark beschieden, obwohl allein das erworbene Anlagevermögen des neuen Konzerns etwa der Verkaufssumme entsprach. Selbst diesen Preis brauchten die neuen Ufa-Herren nicht voll auf den Tisch zu legen; er wurde ihnen zum Teil gestundet. So fiel es ihnen nicht schwer, das Kapital der Universum Film AG um sieben Millionen Mark aufzustocken.
Der neu erblühte Ufa-Film-Konzern vereinigte alle Sparten des Filmgeschäfts. Er besaß einen stattlichen Theaterpark, ein respektables Ateliergelände, ein Kopierwerk, eine florierende Verleihorganisation, Buch- und Musikverlage und fette Grundstückswerte. Dank seiner verschachtelten Firmenkonstruktion war ihm zudem vergönnt, alle dergleichen Unternehmen zugängigen Steuervorteile zu nutzen.
Ebenso hoffnungsvoll wie auf die Sachwerte blickte die Ufa-Hauptaktionärin Deutsche Bank zunächst auch auf den Mann, der unter ihrer Aufsicht die Ufa-Geschicke leitete: den studierten Betriebswirt Arno Hauke.
Das gute Einvernehmen wurde erst getrübt, als es Hauke mißlang, sich als Produzent von Spielfilmen erfolgreich zu betätigen. Seine aufwendig gekurbelten Filme entzückten das deutsche Kinovolk nicht. Sie rissen vielmehr binnen zwölf Monaten in die Firmenkasse ein Loch von 5,4 Millionen Mark.
Hauke (damals: "Die Ufa ist wie ich, die hat stabile Beine") erhoffte von neugedrehten Filmen wie "Das Totenschiff", Romy Schneiders "Die Halbzarte" oder Helmut Käutners "Die Gans von Sedan" die großen Kassenklingler. Statt dessen verlor die Ufa im Schnitt an jedem der Filme etwa 400 000 Mark.
Die Deutsche Bank feuerte Hauke schließlich. Statt seiner übernahm das Vorstandsmitglied der Deutschen Bank Dr. Hans Janberg das Firmenschiff, aber auch das Resultat seiner Epoche war schmerzlich.
Obwohl dem Bankier nach einigen Monaten als neuer Ufa-Kapitän ein branchenkundiger Mann, der Filmkaufmann Theodor Osterwind, gefolgt war, mußte die Ufa knapp ein Jahr nach Haukes Auszug melden, daß die Verluste auf 23 Millionen Mark geklettert seien.
Bis zum Januar 1962 waren etwa weitere vier Millionen Mark Einbuße zu beklagen. Der einstige Terra-Direktor Theodor Osterwind, von den Bankiers als Ufa-Retter auserkoren, hatte die Ufa-Leiden noch vergrößert. Danach schien es der Ufa-Hauptaktionärin ratsam, die ihr wesensfremde unternehmerische Betätigung aufzugeben.
Als erstes wurde der Poolvertrag zwischen der Ufa-Theater AG und der Universum Film AG gelöst. Dadurch waren die Ufa-Kinos dem Übelstand enthoben, mit ihren Gewinnen die kranke Universum am Leben erhalten zu müssen. Die Theater AG wurde zu einem attraktiven Verkaufsobjekt.
Dann ging die Ufa-Herrin daran, nach einem Käufer für die Universum Film AG zu fahnden.
Das Mainzer Fernsehen war willens, die Ufa-Produktionsstätten zu übernehmen. Schon war der Kaufvertrag unterschriftsreif und ein Mainzer Geschäftsführer in Berlin-Tempelhof eingeführt, da stoppte der Verwaltungsrat des Zweiten Deutschen Fernsehens das Geschäft. Für ihn war es mit den Grundsätzen einer öffentlich-rechtlichen Anstalt nicht vereinbar, "anstaltsfremde" Zwecke zu verfolgen, nämlich das an den Berliner Hallen hängende Kopierwerk mit zu übernehmen.
Unterdessen war ein neu auf der Ufa -Bühne aufgetauchter Mann damit beschäftigt, die Ufa-Schuldenlast herabzudrücken und den großspurigen Firmenaufwand samt Gästehaus und Autopark zu stutzen: der frühere Rheinstahl-Direktor Dr. Max Bruecher. Er beschnitt auch den aufwendigen Personalapparat und sorgte dafür, daß sich in den monatelang leerstehenden Atelierhallen endlich wieder zahlungsfähige Fernseh- oder Spielfilmproduzenten einmieteten.
Bruecher widmete sich ferner dem Gedeihen der Universum-Töchter und der Sonderabteilungen, wie etwa der Werbefilmproduktion, die schließlich einen Jahresumsatz von fast 20 Millionen Mark verbuchen konnte. Die Gewinne dieser Universum-Sparten halfen, den Schuldenberg ein wenig abzutragen.
Dr. Bruecher nutzte auch den schwachen Faden, der sich zu dem Schallplatten- und Verlagsunternehmen Bertelsmann gesponnen hatte. Dem Bertelsmann-Generalbevollmächtigten Manfred Köhnlechner war nicht verborgen geblieben, daß unter den Rockschößen der von Schulden ausgezehrten Mutter Ufa zwei adrette Töchter verborgen waren, die sich für eine Liaison mit der Bertelsmann-Schallplattenfirma Ariola eigneten.
Ihn lockten die Musikverlage Ufaton-Verlag und Wiener Bohème-Verlag, in deren Portefeuille die Ufa-Evergreen-Schlager (Köhnlechner: "Da hängen eine ganze Menge Dauerlutscher dran") eingeschlossen sind.
Köhnlechner reichte eine erste Kaufofferte ein. Doch ehe noch über Preise und Details gesprochen wurde, lenkte Dr. Bruecher das Auge des Bertelsmann-Abgesandten geschickt auf das übrige Universum-Sortiment. Dr. Köhnlechner: "Es ergab sich die Frage, warum nicht das Ganze nehmen, da waren noch ganz nette Perlen drin."
Verlockende Wertstücke entdeckte Köhnlechner zum Beispiel in der Werbefilmabteilung ("Gut geführt und ertragreich") und in der Ufa-International, die alte Ufa-Filme nutzbringend im Ausland vertreibt ("Da ist erstaunlicherweise noch immer die Ufa-Legende da"). Der riesenhafte Ufa-Filmstock von Stummfilmzeiten bis zu Arno Hauke dünkte den Bertelsmann-Unterhändler gleichfalls "eine ganz interessante Sache". Ebenso schienen ihm die 48prozentigen Universum-Anteile an der Deutschen Wochenschau GmbH einen Ankauf wert.
Der Vertragsabschluß verzögerte sich aber um mehrere Monate, denn an den Atelierbetrieben konnten die Bertelsmann-Leute keinen Gefallen finden. Das Risiko des Atelier- und Kopiergeschäfts war ihnen zu groß. Sie wollten daher die Universum-Aktien nur dann übernehmen, wenn zuvor die technischen Anlagen verkauft worden seien.
Indes, auch diese Aufgabe bewältigte der mit dem Verkauf beauftragte Dr. Bruecher. Die Berliner Finanz- und Immobilien - Maklerfirma Becker & Kries zeigte sich an den wertvollen Grundstücken interessiert. Sie half auch einer rasch gegründeten Gesellschaft (der "Berliner Universal-Film-Atelier GmbH & Co KG") auf die Beine, die den Betrieb der Hallen übernehmen wollte.
Den mutmaßlichen Ertrag der Transaktion in Berlin kommentiert Dr. Köhnlechner: "Mit dem Erlös aus dem Atelierverkauf haben die ihre Schulden bezahlt."
Nunmehr konnte Bertelsmann getrost die Ufa-Aktien übernehmen. Über den Kaufpreis für das Ufa-Imperium - von dem Erwerb blieben lediglich die in der Ufa-Theater AG zusammengefaßten Kinos ausgenommen - schweigen sich alle Beteiligten aus. Offiziell gaben sie getrennt, doch mit gleicher Lautstärke bekannt: "Die Firma Universum AG ist schuldenfrei."
Auf einen Handel über den Wert des alten Ufa-Filmstocks haben sich die Verkaufspartner erst gar nicht eingelassen. Genaue Preise für Filme wie "Der Kongreß tanzt" oder "Münchhausen" festzulegen, erschien ihnen unmöglich. Dr. Bruecher: "Das ist gar nicht zu machen."
Der Bertelsmann-Verlag, der eine bescheidene eigene Fernsehproduktion betreibt, hofft, gelegentlich einen der alten Streifen an das Fernsehen oder an Kinos verleihen zu können.
Für die Ufa-Hauptaktionärin Deutsche Bank, die sich mehr als sieben Jahre lang als Filmunternehmerin betätigte, schloß das Universum-Kapitel keinesfalls verlustreich.
Ihr Aktienanteil hatte sie rund 3,3 Millionen Mark gekostet. Diesen Betrag hat sie längst an Zinseinnahmen (rund vier Millionen Mark) herausgeholt, die ihr die Ufa für Filmfinanzierungskredite zu Sätzen bis zu 9,5 Prozent zahlen mußte. Auch die Kredite selbst sind voll abgetragen.
Trauern um das Dahinscheiden der einst glorreichen Erbauungsanstalt muß nur der Steuerzahler. Er gab zu günstigen Preisen ein Vermögen preis. Zudem hatten die Bankherren der Filmfirma in Bonn durchgesetzt, daß der Ufa rund drei Millionen Mark Lastenausgleichsabgaben gestrichen wurden, die eigentlich noch hätten gezahlt werden müssen.
Ufa-Aufkäufer Köhnlechner
Perlen und Dauerlutscher ...
... für das Haus Bertelsmann: Ufa-"Halbzarte" Romy Schneider, Regisseur Thiele

DER SPIEGEL 3/1964
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