15.01.1964

NS-FRAUENBreite Absätze

In den "Münchner Neuesten Nachrichten" vom 23. Juni 1935 stand die Anzeige eines partnersuchenden Lesers, der seinen Teil zur Aufnordung des deutschen Volkes leisten wollte:
"52jähriger, rein arischer Arzt, Tannenbergkämpfer, mit Siedlungsabsicht, wünscht männliche Nachkommenschaft durch standesamtliche Ehe mit gesundem, alt-arisch, jungfräulich jungem, anspruchslosem, auch für grobe Arbeit geeignetem, wirtschaftlichem Weibe mit breiten Absätzen, ohne Ohrringe, möglichst ohne Vermögen."
Der Mediziner hatte, wie der Zeitgeschichtler Joachim Fest fast dreißig Jahre später feststellte, mit seinen Wünschen die nationalsozialistischen Ansprüche an die deutsche Frau beschrieben.
Fest, Nachfolger des früheren Panorama-Chefs Proske als Leiter der Hauptabteilung Politik und Zeitgeschehen beim Fernsehen des Norddeutschen Rundfunks in Hamburg und Autor zahlreicher zeitgeschichtlicher Rundfunksendungen, hat die nationalsozialistischen Pläne zur systematischen Aufzucht der deutschen Herrenrasse und die Aufgaben der Frauen und Mädchen in einem siegreichen Nachkriegsdeutschland analysiert. Er benutzte dabei bisher wenig beachtetes Quellenmaterial aus den Nürnberger Prozeßakten. In seinem jetzt veröffentlichten Buch "Das Gesicht des Dritten Reiches" ging er den parteiamtlichen Träumen von den Aufgaben der Frau nach: "Liebeserfüllung, Empfängnis und Geburt (galten) als die heroischen Höhepunkte weiblichen Lebens" **.
Gewünscht war, so umschrieb Fest die Idealgestalt der Frau aus nationalsozialistischer Retorte, das "hochgewachsene, vollbusige Weib, tapfer und wehrhaft ... zugleich aber innig, tief und eine Frohnatur inmitten unermüdlich gezeugter Kinder".
Die Ehe sollte als "Produktionsverhältnis" aufgefaßt und die Frau nach ihrer "Gebärleistung" eingestuft werden (Reichsinnenminister Frick). Eine Frau, die keine Kinder haben wollte, wurde als Fahnenflüchtige verfemt. Denn: "Jedes Kind, das sie zur Welt bringt, ist eine Schlacht, die sie besteht für Sein oder Nichtsein ihres Volkes" (Hitler).
Den Damen sagten spießige Nationalsozialisten, deren Eifer selbst Propagandachef Goebbels nicht behagte, den Kampf an. Gleich nach der Machtübernahme führten sie einen Feldzug gegen geschminkte Lippen, lackierte Fingernägel und hohe Absätze. In Restaurants wurden Plakate mit der Feststellung "Die deutsche Frau raucht nicht" angebracht.
Aber auch bei guten "Gebärleistungen" und trotz entscheidender Wahlhilfe für Hitler, der jeder erotischen Tuchfühlung abhold war, spielten die Frauen in der NS-Bewegung nie eine große Rolle. Auf der ersten Generalmitgliederversammlung der Nazi-Partei beschlossen die Männerbündler 1921 sogar, daß "eine Frau ... in die Führung der Partei und in den leitenden Ausschuß nie aufgenommen werden" könne. Philosophierte Hitler: "Einem Mann muß es möglich
sein, jedem Mädchen seinen Stempel aufzudrücken."
Ein "Führerlexikon", das dreizehn Jahre später veröffentlicht wurde, enthielt ausschließlich Namen von Männern. Der Anteil an weiblichen Parteimitgliedern blieb in der sogenannten Kampfzeit lange unter drei Prozent.
Als Frauen-Verehrer Joseph Goebbels die "Verdrängung der Frau aus dem öffentlichen Leben" noch mit der Absicht verklärte, ihr damit die "wesentliche Würde zurückzugeben", verkündete Hitler schon ohne Umschweife: "Das Programm unserer nationalsozialistischen Frauenbewegung (enthält) eigentlich nur einen einzigen Punkt, und dieser Punkt heißt: das Kind." Tröstete Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink ihre verdrängten Kameradinnen: "Wenn auch unsere Waffe ... nur der Kochlöffel ist, soll seine Durchschlagskraft nicht geringer sein als die anderen Waffen."
Aber Hitler unterschätzte die politische Bedeutung der deutschen Frau und Mutter keineswegs. Bewußt stellte er seine Reden, wie er selbst sagte, "systematisch auf den Geschmack der Frauen" ein und gab sich noch im Krieg Mühe, "insbesondere das weibliche Gemüt" anzusprechen.
Konstatiert Fest: "Die Rolle der Erotik in der modernen Massenpropaganda ist selten wirkungsvoller dokumentiert worden."
Zahlreiche Organisationen sollten Hitlers Einfluß auf die Frauen verewigen. NS-Frauenschaft, Deutsches Frauenwerk, Hilfswerk Mutter und Kind, Frauenamt der Deutschen Arbeitsfront, BDM und weiblicher Arbeitsdienst waren gegründet worden, um das Frauenideal eines Junggesellen zu verwirklichen.
Chefideologe Alfred Rosenberg war der erste in Hitlers Gefolge, der sich ideologisch mit den Frauen beschäftigte. Er wollte sie zu Erhalterinnen der Sippe und des biologischen Erbes machen.
Den Männerbündler Rosenberg schreckte die Vision eines Frauenstaates, in dem, wie er argwöhnte, die Männer die Rolle folgsamer Haustiere spielen würden. Für die planmäßige Aufzucht des Germanentums sei allein der Mann zuständig, die Frau habe ihren Körper nach dem Vorbild der Spartanerinnen durch gymnastische Spiele zu ertüchtigen, damit sie dem Staat möglichst lange als "rassischer Blutquell" erhalten bleibe.
Rosenberg erinnerte sich wehmütig der Sparta-Zeiten, da den Frauen "das Tragen goldenen Schmuckes ebenso verboten (war)
wie zierliche Haarfrisuren". Er begnügte sich zwar mit der Einehe, dozierte jedoch, "ohne zeitweise Vielweiberei (wäre) nie der germanische Völkerstrom früherer Jahrhunderte entstanden".
Nach Kriegsbeginn verlor die ideologische Schwärmerei Rosenbergs rasch an Bedeutung. Besonders Reichsführer SS Heinrich Himmler und Reichsleiter Martin Bormann wandten sich in der Frauenbehandlung praktischeren Dingen zu. Himmler sorgte sich: "Ohne Blutvermehrung werden wir die Erde nicht beherrschen können ... werden wir das große germanische Reich ... nicht halten können."
Schon am 28. Oktober 1939 forderte der Reichsführer in einem "SS-Befehl für die gesamte SS und Polizei" zur vermehrten Zeugung vor allem auch unehelicher Kinder auf. Noch älter sind die Gründung der "Lebensborn e.V." (Fest: "Staatliche Bordellorganisation") und Pläne zur systematischen Erfassung sogenannter Zeugungshelfer.
Dem "Lebensborn e.V.", dem anzugehören Ehrenpflicht aller hauptamtlichen SS-Führer war, hatte Himmler offiziell drei Aufgaben zugedacht, die er vorsichtig umschreiben ließ: Er sollte die rassisch und erbbiologisch wertvollen Familien unterstützen, für die Unterbringung "wertvoller" werdender Mütter in Heimen sorgen und sich um eventuell schon vorhandene Kinder dieser Mütter kümmern.
Himmler wollte "einem dringenden Bedürfnis abhelfen" und "rassisch einwandfreien Frauen, die unehelich gebären, die Möglichkeit ... geben, kostenlos zu entbinden".
Seinem Arzt und Masseur Felix Kersten gegenüber legte er seine Zurückhaltung ab. Berichtete Kersten: "Unter der Hand ließ er durchsickern, daß sich jede unverheiratete Frau, die allein stehe, aber sich nach einem Kinde sehne, vertrauensvoll an den Lebensborn wenden könne." Die Reichsführung SS nehme Patenstellen bei diesen Kindern an.
Himmler selbst verbürgte sich für die Qualitäten der Zeugungshelfer: Es würden "nur wirklich wertvolle, rassisch einwandfreie Männer" empfohlen.
Bei Kriegsausbruch gab es Lebensborn-Heime in Steinhöring (Bayern), Polzin (Hinterpommern), Klosternheide (Mark) und im österreichischen Wienerwald. Krankenhäuser und Kinderheime aus jüdischem Besitz kamen später hinzu. Sogenannte Außen- oder Leitstellen wurden in Bromberg sowie in belgischen und niederländischen Städten eingerichtet. Das "Rasse- und Siedlungshauptamt SS" in Berlin war die Dachbehörde der Fortpflanzungsplanung.
Auf "Frauenhochschulen für Weisheit und Kultur" wollte Himmler die dem deutschen Volk fehlende "große, starke, zielbewußte, erhabene Frau" heranziehen, "wie sie die Römer in der Vestalin und die Germanen in ihren weisen Frauen" besaßen.
Nach erfolgreichem Abschluß einer Ausbildung, die Kochkurse, Sport und Pistolenschießen ebenso umfaßte wie die Einführung in die Arbeit des Auswärtigen Dienstes, sollten die Spitzen-Evas den Titel "Hohe Frau" bekommen. Einem Führerwunsch entsprechend, sollten sie zunächst die biederen Eheweiber der nationalsozialistischen Funktionäre von Bett und Tisch verdrängen, die "brave gute Hausfrauen (sind), die in der Kampfzeit durchaus am Platze waren ... und zu ihren Männern heute nicht mehr passen".
Reichsleiter Bormann, Chef der Partei-Kanzlei, machte sich ebenfalls Sorgen um das biologische Gut des Reiches. In einer Denkschrift über die "Sicherung der Zukunft des deutschen Volkes" vom 29. Januar 1944 bezeichnete er "die Fruchtbarkeit vieler Jahrgänge von Millionen Frauen" als das wichtigste Kapital. Angesichts der hohen Menschenverluste des Krieges ersann er, wie Fest schreibt, eine "Flut schauerlicher Projekte, in denen die prätentiöse Plattheit von Kleintierzüchtern ihre hemmungslosen Parallelen zur Menschenwelt zog".
Bormann wollte auch den drei bis vier Millionen Frauen, die nach dem Krieg wegen der vorausberechneten Männerknappheit unverheiratet bleiben müßten, zu Kindern verhelfen. Da diese Frauen, wie der Kanzleichef frühzeitig erkannte, "ihre Kinder ja nicht vom heiligen Geist bekommen (könnten), sondern nur von den dann noch vorhandenen deutschen Männern", müßten sich "die anständigen, charaktervollen, physisch und psychisch gesunden Männer ... verstärkt fortpflanzen". Auch Verheiratete sollten sich um diese zusätzliche Aufgabe nicht herumdrücken dürfen.
Der Kanzleichef wollte auch die Richter und Schriftsteller in seine bevölkerungspolitischen Manipulationen einbeziehen. Neue Romane, Novellen und Bühnenstücke, die den Ehebruch als Ehedrama deuteten, sollten verboten werden. Publikationen, Theater- und Kinostücke, in denen das uneheliche Kind abfällig beurteilt werde, gehörten auf den Index. Überhaupt sollte das Wort "unehelich" ausgemerzt werden.
Für die Aufforstung arischen Nachwuchses hatten die NS-Planer noch weitere Projekte in der Hinterhand, die aus "einleuchtenden Gründen erst nach dem Kriege" (Bormann) öffentlich propagiert werden sollten:
- Träger des Deutschen Kreuzes in Gold und Ritterkreuzträger dürfen zwei Frauen heiraten. Später könne dieses Vorrecht auf die Träger des Eisernen Kreuzes 1. Klasse sowie auf diejenigen, die die silberne oder goldene Nahkampfspange trügen, ausgedehnt werden.
- Die erste Frau trägt die Bezeichnung
"Domina". Dieser Ehrentitel soll ihr die Vorzugsstellung in dem behördlich auferlegten Dreiecksverhältnis sichern.
- Eine Ehe, die fünf Jahre kinderlos
geblieben ist, kann geschieden werden, "da der Staat ... an einer kinderlosen Ehe nicht das geringste Interesse" hat.
- Alle Frauen, die weniger als vier
Kinder haben, sollen - ob verheiratet oder nicht - im Alter bis zu 35 Jahren verpflichtet werden, mit "reinrassigen einwandfreien deutschen Männern vier Kinder zu zeugen. Ob diese Männer verheiratet sind, spielt dabei keine Rolle. Jede Familie, die bereits vier Kinder hat, muß den Mann für diese Aktion freigeben".
Ganz rührige NS-Fortpflanzungsplaner wollten sogar die tatkräftige Hilfe des nordischen Brudervolkes der Briten in Anspruch nehmen. Ihnen kam die Idee, nach dem Endsieg zwei Millionen besonders geeignete Engländerinnen zur Aufzucht arischen Nachwuchses nach Deutschland zu verpflichten. In Spezialheimen sollten sie mit SS-Siegfrieden zwölf Jahre lang jährlich ein Kind zeugen: 24 Millionen neue Arier.
Die Planungsaktivisten knüpften damit an frühe Aufnordungs-Gedanken Hitlers an, der die Zeugungsleistungen seiner Leibstandarte lobte. Ihr verdanke die Gegend von Berchtesgaden "eine Fälle kräftiger und gesunder Kinder". Hitler regte an, Elitetruppen künftig überall dort zu stationieren, wo die Beschaffenheit der Bevölkerung schlecht sei: "Auch das Masurenland und der Bayrische Wald sollten deshalb ruhig einmal mit Elitetruppen belegt werden."
Bormann wartete das Kriegsende nicht erst ab. Der Kanzleichef ging bevölkerungspolitisch mit gutem Beispiel voran. Er hatte eine Gattin zur Seite, die das schwere Amt der deutschen Frau und Mutter ohne Murren übernahm.
Als Bormann, Vater von neun Kindern, seiner Frau Gerda Mitteilung über eine gelungene Verführung der Schauspielerin "M." machte, antwortete sie tapfer: "Natürlich bin ich nicht böse auf euch beide, noch bin ich eifersüchtig. Das war etwas, was dich überkam, gerade so, wie du oft erfaßt wirst von einer Idee oder einem Verlangen und es dann in deiner ungestümen, resoluten Art sofort ausführst."
Frau Gerda schlug vor, ihr Ehemann möge die Verführte mitbringen, ein System umschichtiger Mutterschaft ausarbeiten, um schließlich "alle Kinder im Haus am See zusammenzutun ... Und die Frau, die gerade kein Kind hat, wird immer in der Lage sein, bei dir in Obersalzberg oder Berlin zu sein".
Die treue NS-Gattin machte sich auch Gedanken darüber, wie solcher Geschlechts-Aufopferung eine rechtliche Grundlage gegeben werden könnte: "Es wäre gut, wenn am Ende dieses Krieges ein Gesetz gemacht würde ... welches gesunden, wertvollen Männern das Recht auf zwei Frauen einräumt"
** Joachim C. Fest: "Das Gesicht des Dritten Reiches. Profile einer totalitären Herrschaft". Piper Verlag, München; 480 Seiten; 22 Mark.
Zeitgeschichtler Fest
"Unsere Waffe...
... ist der Kochlöffel": NS-Frauenführerin Scholtz-Klink (1937)*
Gerda Bormann, Kinder (1942): Für Ritterkreuzträger nach dem Krieg zwei Frauen?
* Mit SS-General Wolff.

DER SPIEGEL 3/1964
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