22.01.1964

FORSCHUNG / RAUCHENWie gut

Fünf Stockwerke unter der Erde, in
einem Kellergemach der Medizinischen Nationalbibliothek zu Bethesda (US-Staat Maryland), saßen zehn Gelehrte. Grübelnd zog der Pharmakologe Maurice H. Seevers an seiner Zigarre. Der Lungenfacharzt Charles A LeMaistre schmauchte eine Pfeife- Der Chemiker Louis F. Fieser suchte, wie seine Kollegen Leonard M. Schuman und William G. Cochran, die Gedanken durch Zigarettenrauch zu beflügeln. Das Objekt ihrer Überlegungen schwebte über ihren Köpfen: blauer Dunst.
Zusammen mit fünf nichtrauchenden Kollegen gingen die Professoren - durchweg anerkannte Autoritäten - einer medizinischen Kardinalfrage nach. Im Auftrag des Zigarillorauchers John F. Kennedy und unter Vorsitz des Zigarettenrauchers Luther L. Terry, des höchsten amerikanischen Medizinalbeamten (Surgeon General), untersuchte das Expertenkomitee, ob Rauchen schädlich sei oder nicht.
Die zehn Forscher machten keinen einzigen Labor-Test - aber sie sichteten Tausende von Labor-Berichten. Sie nahmen keine Autopsie vor - aber sie prüften Tausende von Autopsie-Protokollen. Sie interviewten keinen Raucher - aber sie studierten Tausende von Krankengeschichten.
Am grünen Tisch über den blauen Dunst zu urteilen, war der Kern ihrer Aufgabe. Es galt, die unzähligen wissenschaftlichen Berichte zu prüfen und auszuwerten, die seit dem Zweiten Weltkrieg zum Thema "Rauchen und Gesundheit" erarbeitet worden waren.
Die Wissenschaftler sichteten über 10 000 medizinische Dokumente, Statistiken und Protokolle. Sie arbeiteten sich in der Fachliteratur von Fußnote zu Fußnote vor und sandten Schwärme von Assistenten aus, um Auskünfte von Tabakforschern, Ärzten und Chemikern einzuholen. 14 Monate lang berieten sie in der Abgeschlossenheit ihres Kellers.
Und sie sagten kein einziges Wort: Die Komiteemitglieder galten ebenso als Geheimnisträger wie die über 100 Assistenten und Hilfskräfte. Wer dennoch plauderte, wurde gefeuert - so Dr. Hermann Kraybill, Chef des Hilfsstabes, der schon zu Beginn der Arbeiten zu einem Reporter die Meinung äußerte, die Indizien "deuteten definitiv darauf hin, daß Tabakrauchen eine Gesundheitsgefährdung" darstelle.
Das blieb die einzige Panne. Von nun an erledigte die Kellerrunde "ihre Aufgabe, als arbeite sie an der ersten Atombombe", wie das Nachrichtenmagazin "Newsweek" schrieb. Das Thema war brisant genug.
- Politisch: Der Tabak-Erlös macht in sieben amerikanischen Staaten (Georgia, Connecticut, Tennessee, Virginia, South Carolina, Kentucky und North Carolina) zehn bis 50 Prozent der Farmer-Einkommen aus. Diese sieben Tabakstaaten stellen 73 Wahlmänner, deren Stimmen bei den Präsidentschaftswahlen in diesem Jahr umworben werden.
- Gesundheitlich: 70 Millionen Amerikaner sind Raucher. Im letzten Jahr rauchten sie über 500 Milliarden Zigaretten. Statistisch umgeschlagen, rauchte 1963 jeder Amerikaner über 15 Jahre rund 4000 Zigaretten.
- Wirtschaftlich: Vier Millionen Amerikaner leben vornehmlich von Einkünften aus Tabakanbau, -verarbeitung oder -handel. Jahresumsatz der US-Tabakindustrie: 32 Milliarden Mark. Steuereinnahme des Staates: zwölf Milliarden Mark.
So sah die amerikanische Tabakindustrie dem Report des Zehnerkomitees "nervös entgegen" ("New York Times"). Wie das Urteil ausfallen würde, zeichnete sich ungeachtet der strengen Geheimhaltung schon Ende letzten Jahres ab: Der Chef der Untersuchung, Surgeon General,Luther Terry, änderte seine Rauchgepflogenheiten. Er gab das Zigarettenrauchen auf und stellte sich auf Pfeife um.
Am vorletzten Wochenende erfuhr Amerika, warum: Der Bericht der zehn Gelehrten wurde veröffentlicht. Er ließ den Zigarettenrauchern, wie "Newsweek" schrieb, "nicht den Hauch eines Trostes". Quintessenz des 387seitigen Berichtes: "Zigarettenrauchen stellt in den Vereinigten Staaten eine Gesundheitsgefährdung solchen Umfangs dar, daß angemessene Gegenmaßnahmen gerechtfertigt sind." Denn: Es
- "Die Sterblichkeitsziffer für männliche Zigarettenraucher:.. ist 1,68 mal größer als für Nichtraucher; das entspricht einer um nahezu 70 Prozent höheren Sterblichkeit.
- "Die Sterblichkeitsziffer ... für Zigarettenraucher war - im Vergleich zu Nichtrauchern - besonders groß bei folgenden Krankheiten: Lungenkrebs (10,8mal größer), Bronchitis und Emphyseme (6,1); Kehlkopfkrebs (5,4), Krebs der Mundhöhle (4,1), Speiseröhrenkrebs (3,4), Magengeschwüre (2,8), andere Kreislaufkrankheiten (2,6), Erkrankungen der Herzkranzgefäße (1,7).
- "In Prozenten ausgedrückt; bedeutet das, daß bei Erkrankungen der Herzkranzgefäße - häufigste Todesursache in den USA - die Sterblichkeitsziffer für Zigarettenraucher um 70 Prozent höher ist (als für Nichtraucher). Bei chronischer Bronchitis und Emphysemen - mit die häufigsten Invaliditätsursachen - ist die Sterblichkeitsziffer für Zigarettenraucher um 500 Prozent höher als für Nichtraucher. Bei Lungenkrebs
- häufigste Krebsart bei Männern ist die Sterblichkeitsziffer (für Zigarettenraucher) um nahezu 1000 Prozent höher."
In anderen Worten: Nach den Erkenntnissen des Zehnerkomitees - die sich in diesen Punkten auf sieben große amerikanische Forschungsstudien stützen - ist die Gefahr, an Lungenkrebs zu erkranken, für Zigarettenraucher zehnmal größer als für Nichtraucher. Starke Raucher (20 und mehr Zigaretten pro Tag) tragen danach sogar ein mindestens 20fach größeres Risiko.
Das Zehnerkomitee hält diese statistischen Ergebnisse für so schwerwiegend, daß es eine direkte Ursachenbeziehung zwischen Zigarettenrauchen und Lungenkrebs postuliert: "Es besteht ein kausaler Zusammenhang zwischen Zigarettenrauchen und Lungenkrebs bei Männern... Das Zahlenmaterial für weibliche Raucher ist nicht so umfassend, aber es deutet in dieselbe Richtung."
Keinen kausalen Zusammenhang konnte das Komitee zwischen Zigarettenrauchen und Erkrankungen der Herzkranzgefäße feststellen. Aber: "Obwohl dieser kausale Zusammenhang ... nicht bewiesen ist, erachtet es das Komitee unter dem Gesichtspunkt der Volksgesundheit für ratsamer, dem festgestellten Zusammenhang kausale Bedeutung beizumessen, als mit dem Urteil so lange zu warten, bis auch die letzte Unsicherheit beseitigt ist." Die Gelehrten räumten ein, daß auch andere Faktoren hoher Blutdruck, hoher Cholesterin-Spiegel des Blutes und exzessive Fettleibigkeit - für den Herztod mitverantwortlich sind.
So hart das Verdikt der Kellerrunde über das Zigarettenrauchen ausfiel, so milde urteilten die Forscher über Zigarren- und Pfeifenrauchen. Ausschlaggebend dafür war offenbar die Tatsache, daß Zigarren- und Pfeifenraucher meistens den Qualm nicht inhalieren: "Die Sterblichkeitsziffer für Zigarrenraucher ist nahezu dieselbe wie für Nichtraucher, soweit der Konsum unter fünf Zigarren täglich bleibt."
Für Männer, die fünf oder mehr Zigarren täglich rauchen, ist die Sterblichkeitsquote bereits "leicht" (um neun bis 27 Prozent) erhöht. Und Pfeifenraucher sind nach den Beobachtungen des Komitees anfälliger für Krebs der Mundhöhle und der Lippen.
"Diese Ergebnisse", schrieb die "New York Times", "können weder von den Zigarettenrauchern noch von Pfeifen - und Zigarrenrauchern, weder von jung noch von alt ignoriert werden; und die Sprecher der Tabakindustrie können sie nicht wegblasen." Aber obgleich die Schlußfolgerungen des Zehnerkomitees nach dem Urteil des Blattes "vernichtend" waren, wurden sie dennoch weggeblasen - von den Rauchern selbst.
Unmittelbar nach der Veröffentlichung des Reports hatten Weltblätter vermeidet: "Nun ist es amtlich - Zigarettenrauchen kann dich töten" ("New York Herald Tribune"). In der texanischen 3292-Seelen-Gemeinde Eastland beschloß der Stadtrat, das Zigarettenrauchen künftig unter Strafe zu stellen
- das gab es nur in Texas.
"Selbstverständlich können wir den Verkauf oder den Gebrauch von Zigaretten nicht verbieten", sagte in der Bundesrepublik die Gesundheitsministerin Dr. Elisabeth Schwarzhaupt, "das wäre falsch in einem demokratischen Land." Aber sie hielt für tunlich, "die Forschung auf diesem Gebiet (zu) fördern".
In Dänemark dokumentierte sich ein Ausweichtrend, der auch in anderen Ländern sichtbar wurde: der Trend zur Pfeife. "Besonders viele Frauen kauften Pfeifen", berichteten Nachrichtenagenturen, "manche von ihnen sogar sechs auf einmal."
Aber die erwarteten Panik-Verkäufe von Tabakaktien an der New Yorker Börse blieben aus. Zigarettenaktien fielen nur leicht, Zigarrenaktien zogen sogar an. Die Zeitungen, die ihre Reporter auf die Straße unter das Rauchervolk schickten, kündeten von vorerst kaum gebrochener Nikotinlust: "Die standhafte Zigarette qualmt immer noch" ("New York Herald Tribune"). "Die Raucher hielten einen Moment inne, dann ging's weiter" ("New York Sunday News"). "Die Raucher rauchen weiter" (Londons "Daily Mirror"). "Amerika raucht weiter" ("Bild"-Zeitung). "Raucher nicht abzuschrecken" ("Hamburger Morgenpost").
Ob Denkstimulans oder Verdauungshilfe, Rentnerkurzweil oder Frauentrost - das Rauchkraut ist unabdingbarer Bestandteil des 20. Jahrhunderts geworden. Ein amerikanischer Zigarettenarbeiter In Durham formulierte es laut "Newsweek" so: "Sie können die Zigaretten verbieten, sie als giftig anprangern, die Steuern erhöhen, jeden Raucher ins Gefängnis werfen und jeden Tabakfarmer aufhängen - aber die Leute werden weiterrauchen."
Es war offenkundig: Die Raucher wollten mit dem Tabak leben, wie sie es ungeachtet aller Kontroversen seit dem Tage getan hatten, da das Rauchen mit den Schiffen des Kolumbus nach Europa importiert wurde.
Der Tabak kam, wie die Kartoffel und die Syphilis, aus der Neuen Welt. Drei Tage nach seiner Ankunft in Amerika (1492) waren Kundschafter des Kolumbus im Landesinnern Indianern begegnet, "die brennende Kohlen und gewisse Kräuter in der Hand trugen, deren Rauch sie einsogen" (wie das Bordbuch der Seefahrer vermeldete). Die Konquistadoren machten es ihnen nach.
Nicht als Genußmittel, sondern als Wunderdroge reüssierte der Tabak zunächst in Europa. Den Anstoß gab der französische Gesandte in Lissabon, Jean Nicot. Er schickte um 1560 Tabakpflanzen nach
Paris und empfahl Tabakblätter gegen alle möglichen Leiden, vor allem gegen Hautkrebs, der damals mit der lateinischen Bezeichnung "Noli me tangere" ("Rühr mich nicht an") umschrieben wurde. Nicot wurde Namenspate der Tabakpflanze (botanischer Name: Nicotiana) und ihres Wirkstoffs, des Nikotins.
Als Rauchkraut wurde der Tabak in Europa erst populär, nachdem der britische Admiral Sir Walter Raleigh 1585 aus der neugegründeten Kolonie
Virginia heimgekehrt war. Raleigh und seine Offiziere erregten bei den Briten Aufsehen, als sie - wie der Hofchronist Camden berichtete - "übelriechenden Dampf, angeblich zum Vergnügen und zur Erhaltung ihrer Gesundheit, mit geradezu unersättlicher Gier einsogen und durch Mund und Nase wieder ausbliesen".
Ein Bediensteter Raleighs soll sogar einen Kübel Wasser über dem Haupt seines Herrn entleert haben. Er glaubte, der Admiral stehe in Flammen. Raleigh war "so vernarrt in seine Pfeife", daß er auch in der Stunde seines Todes nicht von der Gewohnheit lassen mochte: Rauchend bestieg er 1618 das Schafott.
Der Britenkönig Jakob I. (1566 bis 1525) war der erste Souverän, der das Rauchen verdammte: "Es ist unangenehm für die Nase, schädlich fürs Gehirn und gefährlich für die Lungen." Aber das "Taback - trincken",
"Taback - schlucken"
und "Taback-schlürfen", wie der neue Brauch damals genannt wurde, breitete sich sowohl in Albion als auch auf dem Festland rasch aus.
Und nach dem Dreißigjährigen Krieg notierte der Tabakfeind Hans Jakob Grimmelshausen ("Der abenteuerliche Simplicissimus") grimmig: "Teils saufen sie den Tabak, andere fressen ihn, und von etlichen wird er geschnupft, also daß mich wundert warum ich noch keinen gefunden, der ihn auch in die Ohren steckt."
Weil die Kirchen zu sehr stanken, erließen die Päpste Urban VIII. und Innozenz X. Bannbullen
gegen das Tabakrauchen. Einige Pfarrer hatten berichtet, sie könnten "in den Kirchen kaum mehr atmen".
Bis zum Regierungsantritt Peters des Großen (1682) wurde auch in Rußland das Tabakrauchen bestraft - "nemblich mit Nasen auffschlitzen, Battoki geben und mit der Knutpeitsche auf den bloßen Rücken schlagen", wie der Rußland-Reisende Adam Olearius vermeldete. Ludwig XIV. (1638 bis 1715) freilich befahl seinen Soldaten, sich mit Rauchgerätschaften zu versehen.
Im 18. Jahrhundert wurde das Rauchen vollends hoffähig. In Berlin, der Hauptstadt Preußens, tagte tegelmäßig von fünf Uhr nachmittags bis spät in die Nacht hinein das "Tabakskollegium" des Königs Friedrich Wilhelm 1. (1688 bis 1740). Die Majestät pflegte, wie berichtet wird, gelegentlich "an einem Abend 30 bis 32 Pfeifen zu rauchen".
Daß derart starker Tobak gesundheitsgefährdend sein könnte, war damals allenfalls Gegenstand von Spekulationen. Der erste wissenschaftliche Verdacht tauchte erst über hundert Jahre später auf. Im Jahre 1859 erstattete ein französischer Arzt namens Bouisson aus dem Hospital von Montpellier Bericht über 68 Kranke, die an Krebs der Mundhöhle litten. Das Bemerkenswerte: 66 der Kranken waren Pfeifenraucher, einer war Tabakkauer.
"Bouissons Beobachtungen", notierte die amerikanische Wissenschaftszeitschrift "Scientific American", "wurden in den folgenden 50 Jahren oft bestätigt. Aber da der Mundhöhlenkrebs nicht das große medizinische Problem darstellte, hatte das auf die Rauchgewohnheiten keinen Einfluß." Die Rauchersitten änderten sich just um diese Zeit ohnedies: Es kam die Zigarette.
Im Krimkrieg (1853 bis 1856) sahen englische und französische Soldaten, wie die verbündeten Türken - ebenso wie die gemeinsamen Gegner, die Russen - Tabakbrösel in Papier einwickelten und die Röllchen samt Verpackung schmauchten. Bald waren in Deutschland die ersten "Original-Cigaretten" aus Petersburg und Konstantinopel auf dem Markt.
Mit einem Tabakschneider und sechs Zigarettendreherinnen nahm Josef Hoffmann, Inhaber der Petersburger Zigarettenfirma Laferme, 1862 in Deutschland die Zigarettenfertigung auf. 16 Jahre später wurde auf der Pariser Weltausstellung die erste Zigaretten: maschine präsentiert. 1910 qualmten die Deutschen acht Milliarden Zigaretten, 1925 bereits 30 Milliarden.
Als Stäbchen, Glimmstengel, Flöte, Spreize, Sargnagel und Lulle etablierte sich die Zigarette im Volksmund und in des Volkes Mund. Mit milderen Tabaken gestopft als die Pfeifen preußischer Könige, ermöglichte sie ein völlig neues Rauchgefühl: das Inhalieren.
"Inhalieren auch Sie?" fragte im Jahre 1932 ein Werbeplakat der amerikanischen Zigarettenmarke "Lucky Strike", und die Rauchwerber fügten hinzu: "Was sollte dabei zu befürchten sein?"
Befürchtungen hatten damals nur einige Wissenschaftler. Bei ihnen keimte der Verdacht, daß ein bedrohliches Phänomen mit dem Lungenzug aus der Zigarette zusammenhängen könne - die Zunahme einer Erkrankung, die bis dahin als rar gegolten hatte: Lungenkrebs.
Es war Dr. Moses Barron, ein junger Pathologe der Universität Minnesota, der 1921 auf einem Mediziner-Kongreß berichtete, er habe bei Sektionen im voraufgegangenen Jahr acht Fälle von Lungenkrebs entdeckt. In den vollständigen Sektionsberichten des Instituts aus den Jahren 1899 bis 1918 hingegen habe er insgesamt nur vier Fälle von-Lungenkrebs gefunden. Die Berliner Charité meldete, Lungenkrebs sei 1923 bei den Sezierten zweieinhalbmal so häufig beobachtet worden wie 1918 und sogar fünfmal so oft wie 1908.
Das war erst der Anfang einer unablässig anschwellenden Krankheitswelle. Nach einer britischen Statistik waren in England und Wales von 1916 bis 1920 nur 146 Männer zwischen 245 und: 65 Jahren an Lungenkrebs gestorben. In den folgenden fünf Jahren waren es 255 Männer derselben Altersstufe. 1951 bis 1955 aber erlagen dem Lungenkrebs in den gleichen Gebieten 7348 Männer zwischen 45 und 65, in den vier Jahren danach bereits 9108.
40 000 Lungenkrebsopfer gab es 1962 in den USA - rund zehnmal soviel wie 25 Jahre zuvor. "Wenn der gegenwärtige Trend anhält", konstatierte die "American Public Health Association", "werden in diesem Land mehr als eine Million Menschen, die heute noch zur Schule gehen, an Lungenkrebs sterben, ehe sie 70 Jahre alt sind."
In der Bundesrepublik verkündete 1963 das regierungsamtliche Bulletin: "In der Altersgruppe 40 bis unter 70 Jahre haben während der letzten zehn Jahre Todesfälle an Lungenkrebs ständig zugenommen. Insgesamt sind in den letzten zehn Jahren im Bundesgebiet an bösartigen Neubildungen der Luftröhre, Bronchien und der Lunge 81 895 Personen im Alter zwischen 40 und 70 Jahren gestorben, darunter 71 051 Männer und 10 884 Frauen."
Auf der Suche nach den Ursachen dieser Epidemie kreisten die Wissenschaftler das Problem mit detektivischer Fragestellung ein. Was immer ursächlich mit der Krebsentstehung zusammenhängen mochte, ein Faktor oder eine Substanz - es mußte
- in Ländern mit starker Lungenkrebszunahme etwa um die Jahrhundertwende in Gebrauch gekommen sein;
- in den Ländern mit hoher Lungenkrebsrate häufig vorkommen, hingegen in Gebieten, in denen Lungenkrebs noch immer selten war, nahezu unbekannt sein;
- dort hingelangen, wo sich der Krebsprozeß
abspielt: tief in die Lungen;
- vornehmlich Männer schädigen und Frauen weitgehend verschonen.
Der Zigarettenrauch erfüllte diese Bedingungen, auch für den letzten Punkt des hypothetischen Fragespiels: Frauen rauchten in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts nur vereinzelt, und bis in die dreißiger Jahre diagnostizierten die Ärzte nur vereinzelt Lungenkrebs bei Frauen. Doch in demselben Maße, wie die Frauen sich dem Zigarettenrauchen
zuwandten, wurden offenbar auch sie anfälliger.
Heute sterben etwa so viele Frauen an der Krankheit, wie ihr Ende der dreißiger Jahre Männer erlagen - zu einer Zeit, da die Kette der, Indizien schon so deutlich war, daß viele Mediziner ihren Verdacht offen aussprachen. 1939 rieben argentinische Forscher Kaninchen mit Tabakextrakten ein: An den betupften Stellen der Tierrücken entstand Krebs. Im gleichen Jahr warnte der Dresdner Mediziner Fritz Lickint bereits, es könnten Tausende von Krebsfällen vermieden werden, "wenn wir zu einer allerdings wesentlichen Einschränkung des Tabakverbrauchs" kommen würden.
Das Gegenteil war der Fall. Die Rauchlust wuchs und wuchs. Der Zigarettenkonsum schnellte in den dreißiger Jahren von 30 auf 70 Milliarden Stück pro Jahr empor und erklomm 1942 die Kriegsspitze mit 80 Milliarden.
Im Ersten Weltkrieg hatte, der US -General Pershing, Oberkommandierender der in Frankreich kämpfenden amerikanischen Truppen, noch nach Washington kabeln müssen: "Tabak ist ebenso notwendig wie die tägliche Nahrung, wir brauchen sofort einige tausend Tonnen." Im Zweiten Weltkrieg wurde der Tabak den Soldaten von vornherein mitgeliefert wie die Munition.
Nichtraucher Adolf Hitler grollte während eines Tischgesprächs im Führerhauptquartier im März 1942: "Es ist nicht richtig zu glauben, der Soldat draußen könne nicht leben, ohne zu rauchen. Es war ein Fehler... daß wir zu Beginn des Krieges damit angefangen haben, jedem Soldaten täglich soundso viel Rauchwaren zu geben. Jetzt kann man nicht mehr zurück. Aber sobald Friede ist, soll mir das aufhören."
Trotz Hitlers Unwillen über rauchende Soldaten und rauchende Frauen trat im selben Jahr die NS-Devise "Die deutsche Frau raucht nicht" stillschweigend außer Kraft: 1942 erhielten auch die Frauen Raucherkarten. In Gefangenschaft warfen Soldaten ihre Eheringe über den Stacheldrahtzaun, um Rauchkraut einzutauschen.
Und nach dein Krieg, als Zigaretten ("Aktive", "Amis") zur einzig wertbeständigen Währung der Reichsreste avancierten, gingen deutsche Männer wie deutsche Frauen auf die Straße, um Kippen zu sammeln. Fünf "Hugos" ergaben eine neue Zigarette. Fünf Zigaretten ergaben für US-Soldaten ein deutsches Mädchen.
Was Menschen dazu trieb, sich nach fremden Zigarettenstummeln zu bücken und sich für Zigaretten fremden Mächten hinzugeben, entsprang offenkundig unbeherrschbaren Sehnsüchten - ein Phänomen, das schon Sigmund Freud hätte faszinieren müssen. Aber der brasilrauchende Vater der Psychoanalyse (20 Zigarren täglich), der an Mundhöhlenkrebs starb, weigerte sich hartnäckig, seine Rauchleidenschaft analysieren zu lassen.
Später interpretierten Freudianer das Rauchen als eine Art Ersatzbefriedigung: als Bedürfnis zu oralem Lustgewinn. Unbewußte Freude am Anzünden von Gegenständen, Hilfsmittel zum Ausgleich von Angst- und Spannungssituationen, Ausdruck von Unsicherheit und neurotischer Veranlagung, rituelle Gebräuche, Langeweile - es gab kaum einen psychologischen Aspekt, unter dem das Rauchen nicht betrachtet worden wäre.
Die Menschheit wurde - wie die Waggons der Eisenbahn -in "Raucher" und "Nichtraucher" unterteilt. Dem Tabak entsagten so unterschiedliche Männer wie Goethe, Hitler, Eisenhower, de Gaulle, Schweitzer und Adenauer. Im Raucherabteil fanden sich ebenfalls so verschiedenartige Männer ein wie die Pfeifenraucher Schiller und Wehner, die Zigarrenschmaucher Churchill und Erhard, die Zigarettenpaffer Wilhelm II. und Heinrich von Brentano.
Die Konturen eines "typischen Rauchers" schälten sich ebensowenig heraus, wie Gelehrten-Einigkeit über die Frage erzielt werden konnte, ob Rauchleidenschaft nun Gewohnheit, Süchtigkeit oder Sucht sei. Von "Nikotin-Sucht" war jahrzehntelang die Rede, weil das Nikotin als pharmakologisch wirksamster Bestandteil des Tabaks identifiziert worden war.
Nikotin beeinflußt vor allem das Zentralnervensystem. Seiner Wirkung werden all die subjektiven Empfindungen der Raucher zugeschrieben - Anregung wie Beruhigung, Erregung wie Depression.
Es ist ein Gift. 60 Milligramm - der Nikotingehalt einer schweren Zigarre - wirken tödlich, wenn sie einem Menschen etwa durch Injektion in einem Schub verabreicht würden. Daß der Raucher den Nikotingenuß im allgemeinen verkraftet, resultiert daraus,
- daß nur ein Teil (20 bis 80 Prozent) des Tabak-Nikotins beim Rauchen in den menschlichen Körper gelangt;
- daß Nikotin im menschlichen Körper
ungewöhnlich rasch abgebaut wird;
- daß der Raucher sich an das Gift gewohnt; der Gewohnheitsraucher verträgt bis zu 20 Milligramm Nikotin pro Stunde.
Über jenes Gift gegen das sich im Laufe der letzten hundert Jahre Abstinenzler und Sekten mobilisierten, wußten die Verfasser des amerikanischen Berichtes über "Rauchen und Gesundheit" am vorletzten Wochenende verblüffend Neues zu berichten: seine relative Ungefährlichkeit.
Auf Seite 32 resümierten sie Indizien dafür, "daß die chronische Giftigkeit des Nikotins ... bei den von Rauchern aufgenommenen Mengen sehr gering ist und wahrscheinlich keine wesentliche Gesundheitsgefährdung darstellt".
Es war die bedeutendste Erkenntnis der Nachkriegs-Tabakforschung, daß unter den rund 800 identifizierten chemischen Verbindungen des Tabakrauchs wahrscheinlich gefährlichere Stoffe sein mußten. Denn in den vierziger und fünfziger Jahren, bei immer stärker anschwellender Lungenkrebswelle, konzentrierte sich das Interesse Tausender von Wissenschaftlern auf den blauen Dunst. Aus den Laboratorien kam eine schlechte Botschaft nach der anderen:
- Bei chemischen Untersuchungen des Rauchkondensats entdeckten die Forscher Substanzen (so das Benzpyren), die bereits als krebsauslösende Stoffe (Karzinogene) bekannt waren.
- Durch Tierversuche wurde die karzinogene Wirkung von mindestens sieben Bestandteilen des Rauchkondensats erhärtet.
- Histologische Untersuchungen ergaben, daß die Lungen von Rauchern weitaus häufiger als die Lungen von Nichtrauchern Gewebsveränderungen aufweisen, die als Vorstadien von Lungenkrebs gedeutet werden.
Auch Statistiker brachten schwerwiegende Indizien vor, und zwar durch
- retrospektive (zurückschauende) Erhebungen: Lungenkrebskranke wurden nach ihren früheren Rauchgewohnheiten befragt;
- prospektive (vorausschauende) Erhebungen: Mediziner ermittelten zunächst die Rauchgewohnheiten der Testpersonen und beobachteten, wie viele und welche der Befragten in den folgenden Jahren an Lungenkrebs erkrankten.
Gewichtige retrospektive Untersuchungen erschienen 1950. So ermittelten die amerikanischen Ärzte Dr. Ernest L. Wynder und Evarts A. Graham, daß 96,5 Prozent von 605 lungenkrebskranken Männern viele Jahre lang "mäßig starke Raucher oder Kettenraucher" gewesen waren; 96,1 Prozent der Patienten mit Lungenkrebs hatten mehr als 20 Jahre lang geraucht.
Noch eindrucksvoller waren die Ergebnisse von prospektiven Studien. In England verfolgten die Doktoren W. Richard Doll und A. Bradford Hill viereinhalb Jahre lang das Schicksal von 40 000 Ärzten. Dann postulierten sie: Die Aussichten, an Lungenkrebs zu sterben, seien für einen leichten Raucher siebenmal so groß wie für einen Nichtraucher, für einen mittelstarken Raucher zwölfmal so groß, für einen starken Raucher 24mal so groß.
In den USA kamen Wissenschaftler zu fast gleichen Schlußfolgerungen. Dr. E. Cuyler Hammond und Dr. Daniel Horn, Statistiker der amerikanischen Krebsgesellschaft, verfolgten 44 Monate lang das Schicksal von 187 783 Männern zwischen 50 und 69 Jahren. Sie stellten fest, daß Zigarettenraucher durchschnittlich 10,7mal häufiger an Lungenkrebs starben als Nichtraucher.
Die Studie von Hammond und Horn erschien am 21. Juni 1954. Das war der Tag, an dem sich Amerika in "Probacs" und "Antibacs" spaltete - in Verteidiger und Kritiker der Zigarette*. An diesem Tag fielen die Tabakaktien in der Walistreet. An diesem Tag wachte die amerikanische Tabakindustrie auf: Sie gründete ein Tabakforschungsinstitut und engagierte den angesehenen Biologen Professor Clarence Cook Little als wissenschaftlichen Direktor.
Auch einige renommierte unabhängige Wissenschaftler schlugen sich in ihrer Argumentation auf die Seite der Probacs. Sie bestritten zwar nicht, daß im Rauchkondensat karzinogene Stoffe seien. Aber sie machten darauf aufmerksam, diese Substanzen seien in "so geringer Konzentration vorhanden, daß sie Krebs gar nicht auslösen" könnten. Gegen die Tierversuche wandten sie ein: "Mäuse sind keine Männer." Zudem sei es nicht gelungen, in den Bronchien der Tiere Krebs zu erzeugen, sondern nur auf der Haut oder im Unterhautgewebe (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 70).
Und einen ausgeprägten Argwohn entwickelten die Probacs gegenüber statistischen Studien. Probac-Professor Joseph Berkson von der berühmten Mayo-Klinik machte sich den Ausspruch eines britischen Kollegen zu eigen: "Wir sind noch tausend Meilen davon entfernt, die Bedeutung dieser komplizierten Ergebnisse zu verstehen."
Aber von Werbeargumenten wie "More doctors smoke Camel than any other cigaret" kam die Industrie damals ab. Da es in Amerika populär wurde, sich in einem Anflug von schwarzem Humor weiße Glimmstengel als "Krebsstäbchen" (cancer sticks) zu offerieren, schien das wenig ratsam.
Stärker als je zuvor propagierte die Industrie nun die Filterzigarette (die bis zu 60 Prozent des Rauchkondensats abzufangen vermag), Noch 1952 waren von allen in den USA verkauften Zigaretten nur zwei Prozent Filterzigaretten. Heute sind es 56 Prozent (in der Bundesrepublik sogar 75,7 Prozent).
Unterdessen sammelten die Probacs weitere Argumente. Professor Berkson wies auf drei von der Zigarette unabhängige Faktoren hin, die nach seiner Meinung das Anschwellen der Lungenkrebsziffern erklären könnten:
- Verbesserte Diagnosetechniken der Mediziner. Es habe möglicherweise in früheren Zeiten "genau so viele Lungenkrebserkrankungen gegeben, aber sie wurden nicht entdeckt".
- Wesentlich höhere Lebenserwartung: "Menschen, die einst in frühem Alter etwa an der Tuberkulose gestorben wären, leben jetzt länger und sind dadurch dem Tod durch Lungenkrebs ausgesetzt."
- Anfälligkeit bestimmter Menschentypen für Lungenkrebs: "Wenn 85 bis 95 Prozent der Bevölkerung Raucher sind, dann scheint die kleine Minderheit der Nichtraucher offensichtlich einen besonderen Konstitutionstyp darzustellen. Wenn sie (die Nichtraucher) den unablässigen Schmeicheleien der Zigaretten-Werber ... widerstehen können, so sind sie zähe Burschen ... und sollten eigentlich wenig Schwierigkeiten haben, auch Tuberkulose oder sogar den Krebs abzuwehren."
Derart erstaunliche Hypothesen fußten unter anderem auf einer Studie von Harvard-Wissenschaftlern, die 922 ehemalige Studenten gemessen und gewogen hatten. Sie fanden dabei heraus, daß im Durchschnitt die Zigarettenraucher um dreieinhalb Pfund, die Pfeifenraucher um sechs Pfund und die Zigarrenraucher um neun Pfund schwerer waren als die Nichtraucher.
Sie folgerten daraus: "Die Rauchgepflogenheiten scheinen teilweise die biologische und genetische Struktur des Individuums widerzuspiegeln." mit anderen Worten: Raucher würden demnach über eine typische Eigenschaft oder Disposition verfügen - einen Faktor X.
Die Mehrheit der Wissenschaftler mochte diese unergiebige Interpretation nicht akzeptieren. Und der amerikanische Experte Dr. Ernest L. Wynder führte sie ad absurdum. Er durchforschte die Krankenberichte von Patienten, die in den Hospitälern der "Siebenten-Tags-Adventisten" gelegen hatten, einer religiösen Sekte, die ihren Anhängern das Rauchen verbietet.
Diese Krankenhäuser nehmen sowohl Sektenmitglieder als auch Andersgläubige auf. An Lungenkrebs litten, wie Wynder in seiner Untersuchung feststellte, Protestanten und Katholiken, Juden und Atheisten, aber keine Adventisten - mit Ausnahme von zwei Sektenmitgliedern, die erst kurz zuvor konvertiert waren und bis zu ihrem Glaubenswechsel stark geraucht hatten.
In einer sarkastischen Schlußfolgerung formulierte Wynder: "Der 'konstitutionelle Faktor X' muß einen Menschen nicht nur zum Rauchen veranlassen und Lungenkrebs verursachen, er scheint außerdem den Menschen davon abzuhalten, Siebenten-Tags-Adventist zu werden."
Dennoch: Der absolut unanfechtbare statistische Beweis für die Schuld des Tabakrauches stand noch aus. Und er steht noch immer aus: Das statistische Ideal-Experiment, das den Tabak zweifelsfrei überführen könnte, ist unausführbar.
Es hätte darin zu bestehen, daß einige tausend Paare eineiiger - also erbgleicher - Zwillinge ein Leben lang unter strenge Aufsicht gestellt würden. Die Partner jedes Zwillingspaares müßten unter genau den gleichen Bedingungen leben - mit einem Unterschied: Jeweils ein Zwilling müßte täglich mindestens zwei Päckchen Zigaretten rauchen, der andere dürfte in seinem ganzen Leben keine Zigarette anrühren.
Da war es wiederum der Krebsforscher Dr. Cuyler Hammond, der - wie Anfang der fünfziger Jahre - die Amerikaner schockte. In erstaunlicher Annäherung an das ideale, aber nicht ausführbare Zwillingsexperiment stellte Hammond 36 975 Pseudo-Zwillingspaare zusammen.
In seinen Statistiken waren jeweils zwei Amerikaner männlichen Geschlechts nebeneinander aufgeführt, die sich in 17 Punkten ähnelten - etwa in Hautfarbe, Alter, Größe, Religion, Ausbildung, Beruf und Lebensgewohnheiten. Nur in einem Punkt unterschieden sie sich deutlich: Jeweils einer der statistischen Zwillinge rauchte, der andere nicht.
34 Monate lang verfolgten Harnmond und seine Mitarbeiter das Schicksal ihrer Kartei-Zwillinge. In dieser Zeit starben 2047 der Testpersonen: 1385 davon waren Raucher, 662 waren Nichtraucher. Hammond: "Es ist schwierig, sich der Folgerung zu entziehen, daß der Unterschied in der Zahl der Todesfälle auf den Unterschied in den Rauchsitten zurückzuführen war." Es starben
- an Lungenkrebs: 110 Raucher und zwölf Nichtraucher;
- an Krebs der Mundhöhle, des Kehlkopfes und der Speiseröhre: zwölf Raucher und ein Nichtraucher;
- an Emphysemen: 15 Raucher und ein Nichtraucher;
- an Herzinfarkt: 654 Raucher und 304 Nichtraucher.
An keiner einzigen Krankheit starben mehr Nichtraucher als Raucher.
Als Cuyler Hammond diese beklemmenden Ziffern Anfang Dezember letzten Jahres auf der Jahrestagung der amerikanischen Ärztevereinigung ("American Medical Association") bekanntgab, lief der Report des von Präsident Kennedy eingesetzten Zehnerkomitees über "Rauchen und Gesundheit" schon durch die Pressen der Regierungsdruckerei. Sie war durch Sicherheitsbeamte abgeschirmt, die Drucker hatten "top secret"-Order.
Für die meisten Wissenschaftler in Amerika und Europa bestand dennoch kein Zweifel, wie der Report ausfallen würde. Einige US-Forscher hatten das Zehnerkomitee ohnedies spöttisch das "Komitee der flachen Erde" ("fiat earth committee") tituliert. "Sie untersuchen", erläuterte einer von ihnen, "alle Indizien dafür, daß die Erde rund ist. Dann studieren sie alle Hinweise, daß die Erde flach ist. Am Ende kommen sie zu dem Ergebnis, daß die Erde doch rund ist."
Die Erde blieb rund. Die Zigarette wurde gebrandmarkt. Aber rund blieb auch sie.
George V. Allen, Präsident des Forschungsinstituts der US-Tabakindustrie: "Dieser Bericht ist nicht das letzte Kapitel." Prompt suchte die Industrie die Raucher bei den Stangen zu halten.
Wenige Tage nach der Veröffentlichung des Reports, der sich mit einer täglichen Verkaufsrate von 10 000 Exemplaren als Bestseller erwies, wurden in ganzseitigen Anzeigen angepriesen
- die neue Carlton-Zigarette: ... eine Zigarette, die echten Rauchgenuß verspricht, mit so geringem 'Teer' - und Nikotingehalt, daß die Testergebnisse auf jeder Packung stehen";
- die Lark-Zigarette mit dreiteiligern Filter: Prüft einmal, wie gut der Rauch ist, der durch Holzkohle gefiltert wurde."
Ob sich für die weitere Zukunft bewahrheiten wird, was der Generalsekretär der Australischen Ärztegesellschaft, Dr. Ross-Smith, verkündete - "Der amerikanische Report wird mehr als jeder andere voraufgegangene Bericht die Leute vom Rauchen abbringen" -, war zweifelhaft.
Auch das "Royal College of Physicians" in London hatte schon vor einem Jahr das Rauchen für die Zunahme der Lungenkrebserkrankungen verantwortlich gemacht und die britische Regierung damit zu einer Anti-Rauch -Kampagne beflügelt. Resultat: Die Raucher ließen sich nicht beeindrucken.
Wohl schrumpfte der Zigarettenkonsum in Großbritannien anfänglich (um zwölf Prozent). Doch bald kehrten die Raucher zu ihren alten Gewohnheiten zurück. Ein Sprecher der drittgrößten britischen Zigarettenfirma, Carreras Ltd., konnte erst unlängst verkünden: Offen gesagt, wir haben wieder ganz schön Auftrieb." Heute werden in Großbritannien rund fünf Prozent mehr Zigaretten geraucht als vor der Krebswarnung.
Wie jetzt der amerikanische, hatte bereits der englische Report deutlich gemacht, welche grundsätzliche Entscheidung der Raucher künftig zu treffen hat: "Heute muß das Vergnügen am Rauchen gegen dessen Gefahren abgewogen werden."
Das taten auch die rauchenden Professoren des amerikanischen Zehnerkomitees: Sie rauchten weiter.
* Probac und Antibac: zusammengezogen aus pro-tobacco" und "anti-tobacco".
Zigarillo-Raucher Kennedy
Raucher-Report bestellt
Pfeifen-Raucher Terry
Raucher-Report herausgegeben
US-Wissenschaftler bei der Arbeit am Raucher-Report*: Tod und Tabak
Deutscher Kippensammler 1945: Hugos für Besiegte
Tabak-Flugblatt 1650: "Tabak gesoffen, gefressen, geschnupft"
Russische Zigaretten
"Warum nicht in die Ohren gesteckt?"
Englische Schnupferin 1715
Französische Raucherin 1868
"Die deutsche Frau raucht nicht"
Goethe
Hitler
Adenauer
Prominente Nichtraucher: Haben Tabak-Verächter...
De Gaulle
Eisenhower
Schweitzer
... eine größere Lebenserwartung?
Schiller
Churchill
von Brentano
Prominente Raucher: Spiegelt die Rauchgepflogenheit...
Erhard
Wehner
Wilhelm II.
... die biologische Struktur des Menschen?
Daily Mirror
"Wenn man das alles lassen soll, wozu sollen wir dann noch groß werden?"
* Im fünften Kellergeschoß der Medizinischen Nationalbibliothek zu Bethesda.

DER SPIEGEL 4/1964
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