29.01.1964

Adolf Hitler - Anatomie eines Diktators

Von Schramm, Professor Dr. Percy Ernst

Wir gehen von den Fakten aus:

Hitler faszinierte die Menschen durch seine "knallblauen", immer schon leicht hervorstechenden "strahlenden" Augen, denen viele Besucher nicht standzuhalten vermochten. Hitler war sich dieser Einwirkung bewußt und pflegte den Menschen lange in die Augen zu schauen; dabei schlug er die Lider nur langsam nieder. Im Kriege machte sich an den vorher sehr guten Augen zunehmende Weitsichtigkeit geltend. Hitler war deshalb gezwungen, beim Studium der Landkarten eine Brille zu benutzen - es wurde Fürsorge getroffen, daß diese Tatsache vertuscht wurde; doch gibt es Aufnahmen Hitlers mit Brille.

Um ihm das Lesen von Schriftstücken

zu erleichtern, wurden die, die er selbst zur Kenntnis nehmen mußte, auf besonderen Schreibmaschinen mit der sogenannten "Führertype" geschrieben, das heißt mit langgestreckten Buchstaben, die etwa doppelt so groß wie normale waren.

Hitler hatte seine Augen so in der Gewalt, daß er sie im Scherz zum Schielen zu bringen vermochte. Er besaß auch ein scharfes Gehör und konnte Menschen an ihrem Schritt erkennen. Hitlers Nase war häßlich; sie glich einer "Pyramide". Der unangenehme Eindruck, den die großen, breiten Nasenlöcher auslösten, wurde durch den kurzgeschnittenen Schnurrbart gemildert.

Der Mund war verhältnismäßig klein, der Kiefer nicht stark entwickelt. Die Lippen wirkten schmal und eingekniffen. Er hatte eine hohe Stirn, doch trat dies nicht hervor, da die Stirnlocke sie verdeckte. Die Augenlider zeigten schwachen Wimpernwuchs; dagegen waren die Augenbrauen stark entwikkelt, und über diesen formten sich Wulste. Die Jochpartie war großflächig, das Ohrenpaar gut gestaltet.

Hitlers Teint könnte als geradezu mädchenhaft bezeichnet werden; er war empfindlich gegen Sonne und Licht und hätte deshalb einer Sonnenbrille bedurft, trug sie aber nicht; belästigte ihn grelles Licht, hielt er die Hand vor die

Augen. Auch Wärme und Föhn störten ihn.

Hitler war schließlich gleichmäßig ergraut, - wies aber keinen Ansatz zur

Glatze auf. Sein Bartwuchs war nicht

stark; er rasierte sich selbst und schnitt sich selten. Er hatte sorgfältig gepflegte, aber schlechte Zähne, und eine große Zahl war durch "Brücken" ersetzt. Hitler war sich dessen wohl instinktiv bewußt: er hielt sich beim Lachen die Hand vor das Gesicht.

Der Kopf wirkte an der ganzen Gestalt als das Beherrschende; Rumpf, Arme und Beine hingen gleichsam an ihm. Die Arme ließ Hitler lässig herunterfallen, steckte sie aber nicht in die

Hosentaschen. Seine Beine waren nicht kräftig. Er trat mit den Hacken zuerst auf und machte - die Knie durchdrückend - ziemlich schnelle Schritte. Fesselte ihn irgend etwas, blieb er stehen. Als Hitler festgestellt hatte, daß er zur Dicklichkeit neigte, empfand er dies als peinlich und drosselte deshalb die Nahrungsaufnahme.

Hitler hielt sich sehr sauber und wusch sich viel die Hände. Er wechselte seine Wäsche oft und machte spöttische Bemerkungen über Gäste mit schmutziger Unterkleidung. Jeden Tag nahm er ein Bad, womöglich mehr als eines: Nach dem Essen spülte er sich den Mund; auch legte er Wert auf guten Haarschnitt und- benutzte im Freien Handschuhe. Doch brachte er es nie zu Eleganz: Seine Jacke umschloß ihn wie ein Sack, seine Hose saß nicht gut, und den Mantel, der ihn nicht beengen durfte, trug er formlos. Die Mütze zog er tief in die Stirn. Er hielt an der alten Form fest; aber heimlich beschaffte ihm seine Umgebung neue, höhere von "schmissiger" Form.

Wählte Hitler Zivil, so trug er zweireihige Anzüge von stets gleichem Schnitt. Seine Schlipse suchte ihm Eva Braun aus; sie mußten nicht auffallend, also von matter, gedämpfter Farbe sein. Legte er die Parteiuniform an, verzichtete er auf den Gürtel. Seine hohen Stiefel mit Doppelsohlen aus dickem, weichem Leder waren oben recht unelegant zusammengeschnallt. Die Breeches-Hosen waren so geschnitten, daß sie in den Knieen weich saßen. Selbst seine Verehrer werden empfunden haben, daß in bezug auf seine Uniform ihr "Führer" gegenüber vielen von ihnen beträchtlich abfiel.

Zugute kam Hitler ein minimales Schlafbedürfnis. Er führte dazu an, daß sich für ihn als Meldegänger im 1. Weltkrieg der Unterschied zwischen Tag und Nacht verschoben habe. In seiner Kampfzeit hatte er erst nach seinen Reden gegessen und daher spät das Bett aufgesucht, und im Kriege nahm er noch die erst um Mitternacht einlaufenden Meldungen zur Kenntnis, so daß er auch jetzt erst spät ins Bett kam. Andererseits war die neue Lage nicht

vor Mittag geklärt; vorher waren für ihn also normalerweise keine Entscheidungen zu fällen. Hitler schlief daher bis tief in den Morgen hinein. Ein Mittagsschlaf kam für ihn nicht in Frage.

Gefördert durch ein starkes Gedächtnis, verfügte Hitler über ein ungewöhnliches Vermögen, Menschen wiederzuerkennen. Seine geistigen Reaktionen erfolgten sehr schnell, und er vermochte sich daher geistesgegenwärtig auf unerwartete Situationen einzustellen. Er faßte sich selbst als einen Verstandesmenschen auf, der sich außerdem noch auf seinen Instinkt verlassen durfte.

Wichtige Entscheidungen wälzte Hitler gewöhnlich lange in seinem Verstand hin und her; bei der letzten Entscheidung verließ er sich dann aber auf das, was er "Instinkt" nannte - gemeint war: politische Hellsichtigkeit. In unwichtigen Angelegenheiten griff er, wenn der Verstand zu keiner Entscheidung führte, zu dem alten Mittel, eine Münze zu werfen und sich danach zu richten, ob "Kopf" oder "Wappen" oben lag. Doch war ihm Aberglauben völlig fremd.

Als seine besondere Stärke sah Hitler an, daß er komplizierte Probleme zu vereinfachen und folgerichtig zu denken vermochte ...

Hatte Hitler einmal einen Entschluß gefaßt, war er schwer dazu zu bringen, ihn wieder umzustoßen, da er dadurch eine Minderung seiner Autorität befürchtete. Doch konnte er gelegentlich

auch blitzschnell handeln, ohne zu besorgen, daß er sich dadurch in Gegensatz zu seiner, bisherigen Einstellung setzte.

An seiner Ausdrucksweise behielt Hitler, wenn er sich im privaten Kreise äußerte, überraschend viel Wörter bei, die ihm aus den Jahrzehnten seiner Jugend vertraut waren. Das schimmert noch deutlich durch die Nachschriften der "Tischgespräche" (im Führerhauptquartier 1941/42) durch: da spricht Hitler von Buben, Dirndln und Bazis, von Gigerln und Lackln und gebraucht Ausdrücke wie: krampfig, Wortgeblödel, einen Umgang haben.

Inmitten seiner militärischen Umgebung tritt dieses Sprachelement zurück hinter den saloppen Ausdrücken der Soldaten- und Parteigenossensprache (Pfundskerl, Würstchen, Gesocks und so weiter).

Vor der Verwendung von Fremdwörtern scheute er nicht zurück; denn sie hatten für ihn "Klangfarbe". Wenn er sie verwendete, trafen sie das Richtige. Gezwungene Verdeutschungen belegte er mit Spott; denn in dieser Hinsicht war

ihm Deutschtümelei fremd: "Man stelle

sich vor, wenn wir damit anfingen, Fremdworte auszumerzen, wo sollten wir dann aufhören!" (7. März 1942).

Als sprachliches Vorbild hat Hitler Schopenhauer angesehen; er erwähnt ihn noch in den "Tischigesprächen" als den einzigen Deutschen, der imstande gewesen sei, sprachliche Änderungen vorzunehmen (7. März 1942).

Aber von einem echten Sprachgefühl kann bei Hitler, der ja ... die sogenannte schöne Literatur links liegen ließ, nicht die Rede sein. In seinen öffentlichen Reden, in denen er die heimatlichen Ausdrücke und Wörter des Jargons nur als oratorischen Effekt benutzte, blieb er der Propagandist, der genau wußte, was die Menge hören wollte, und sie mit einprägsamen Wortformeln ("Slogans") zu packen verstand. Aber wohl nie ist es ihm - wie das Bismarck aufgrund seiner literarischen Bildung oft vergönnt war - gelungen, ein "geflügeltes Wort" zu schaffen, das den Sprachschatz bereicherte.

Nach dem Zeugnis des (Hitler-Arztes) Professor von Hasselbach ließ Hitler sich englische, amerikanische und französische Zeitschriften regelmäßig vorlegen: "Die zum Verständnis erforderlichen Sprachkenntnisse hatte er sich - von geringen französischen Schulkenntnissen abgesehen - im Laufe des Lebens allmählich angeeignet. Vorwiegend zu diesem Zweck ließ er sich vor dem Kriege häufig englische und französische Filme im Originaltext vorführen."

Um in Geist und Struktur der Fremdsprachen einzudringen, waren diese Kenntnisse natürlich zu gering. Das hinderte Hitler jedoch nicht, der englischen Sprache die Fähigkeit abzusprechen, Gedanken auszudrücken, die über allgemein erwiesene Tatsachen und Vorstellungen hinausgehen (7. März 1942) - das war ein altes Klischee, das die "Völkischen" gern benutzt hatten.

In seiner Jugend war Hitler, wie er in einem der Gespräche berichtet, ein für sich gehender Sonderling gewesen, dem nichts an Geselligkeit lag: "Jetzt kann ich gar nicht mehr allein sein ..." In München zog er es deshalb vor, in ein von ihm geschätztes Gasthaus zu gehen, statt allein zu Hause zu essen. Im Kriege brauchte er dieses Zusammensein erst recht als Entspannung, und er opferte daher für das Mittagessen normalerweise eine Stunde; am Abend zog er das Mahl gelegentlich über zwei Stunden hinaus.

Hitler liebte Witze und wußte selbst, da er über ein phänomenales Gedächtnis verfügte, viele zu erzählen, wobei er in bestechender Weise Tonfall, Mimik und Dialekt anderer nachzuahmen verstand; aber nie brachte er schlüpfrige Geschichten, geschweige denn Zoten vor. Daß der Photograph Hoffmann gelegentlich zweifelhafte Witze vortrug, fiel in Hitlers Kreis auf. Neben diesem Süddeutschen brillierte der Restaurateur Kannenberg, der aufgrund seiner organisatorischen Fähigkeiten in das Führerhauptquartier geholt worden war, mit Berliner Mutterwitz. Hitler hatte auch Freude an spaßhaftem Tort, den sich die Mitglieder der Tafelrunde gelegentlich spielten, und schlug sich dann lachend auf die Schenkel oder hielt die Hand vor die Augen oder den Mund.

Diese Tafelrunde war der einzige "Luxus", den sich Hitler in den Kriegsjahren zugestand; denn seine Lebensführung war geradezu spartanisch. In Friedenszeiten hatte es ihm Vergnügen bereitet, in Berlin die "Scala" und den "Wintergarten" zu besuchen (für den Zirkus hatte er nie etwas übrig), und Filme waren für ihn das wichtigste Mittel zur Entspannung gewesen.

Im Kriege besuchte er - von einer Aufführung der "Götterdämmerung" in Bayreuth abgesehen - nie mehr ein Theater, und von Filmen nahm er nur noch die "Wochenschauen" zur Kenntnis, da er sie als Propagandamittel für wichtig hielt und deshalb in ihre Endgestaltung mit Weisungen eingriff. Er verließ jedoch den Raum, wenn anschließend Spielfilme zur Unterhaltung seines Stabes abgespielt wurden: er wollte es nicht besser haben als der Soldat an der Front.

Da er nicht rauchte, Kaffee mied, alkoholische Getränke ablehnte und nur von rein vegetarischer Kost lebte, konnte er auch in dieser Hinsicht jedem Landser ins Auge sehen. Insofern übertraf Hitler selbst Wilhelm II., der sich in den Kriegsjahren in bezug auf das Essen eine strenge Beschränkung auferlegt und - was das Trinken anging - ja immer Maß gehalten hatte.

Bis zu seinem Ende blieb Hitler ein Binnendeutscher, der mit dem Meer wenig anzufangen wußte. Die rätselhafte Unheimlichkeit des Sturms, das Spiel der gleichmäßig heranrollenden Wellen mit Schaumrändern und Gischt, das sich auf ruhiger Fläche brechende Sonnenlicht, die in der Flut versinkende Sonne: er hat all das nur gelegentlich zu Gesicht bekommen, und man spürt keine Wirkung von solchen Eindrücken. Auch der Kampf des Menschen gegen das Urelement Wasser und die Kühnheit

der Seefahrer sind wohl nie, tiefer in seine Vorstellungswelt eingedrungen.

Hitler blieb nicht nur ein Binnendeutscher, sondern - noch eingegrenzter - ein Mensch innerhalb des alten Limes-Bereiches. Er hing an der Mittelmeerkultur und machte die groteske Germanenverherrlichung seiner Trabanten nicht mit. Er mochte keine Kiefernwälder, ja, er erklärte: "Lieber gehe ich zu Fuß nach Flandern als zu Rade nach dem Osten. Nur die Vernunft gebietet uns, nach dem Osten zu gehen" (4. Februar 1942).

Mit Berlin hatte er Großes vor; als Hauptstadt des "Großgermanischen Reiches deutscher Nation", das Hitler als letztes Ziel vorschwebte, sollte es den Namen "Germania" erhalten. Aber mit dem Herzen war er nicht dabei. Er hielt Berlin für nicht geeignet, eine Kunstmetropole zu sein: "Hierzu fehle ihm allein schon die Atmosphäre" (3. Mai 1942, abends) - ein groteskes Urteil, wenn man sich die Reichshauptstadt in den zwanziger Jahren vergegenwärtigt, in denen Berlin die erste Theater- und Musikstadt Europas war und in allen

Bereichen der Kunst für ganz Deutschland den Ton angegeben hatte.

Hitler hatte früher Ski gelaufen; er liebte die Berge weiter, aber den Reiz, sie zu besteigen und für die Mühe durch den Blick weit herum und hinunter in die Tiefe belohnt zu werden, hat er zumindest in seinen Mannesjahren nicht empfunden. Sport pflegte er gar nicht; Spazierengehen war seine einzige körperliche Tätigkeit.

Hiters Verhältnis

zu seinen Mitarbeitern

Der Kreis der Vertrauten stand unter dem Eindruck, wie sehr der "Chef" auf das Wohl seiner Umgebung bedacht war, wie er an ihrem Freud und Leid teilnahm, so überlegte er zum Beispiel vor den Geburtstagen, welches Geschenk dem Bedachten eine besondere Freude machen werde ... Ja, in seinem Kreise war Hitler, der Mensch ohne Familie und Freunde, ein guter "Kamerad" - was Kameradschaft bedeutet, hatte er ja im 1. Weltkrieg erlebt, und diese Erfahrung hielt er in seinem weiteren Leben fest.

Hitlers Umgebung wußte auch, wie stark Hitler auf schöne und gepflegte Frauen reagierte. Sie kannte seine Zuneigung zu Kindern; sie beobachtete, wie stark er an seinen Schäferhündinnen hing, der "Blondi" und der "Bella", und welche Entspannung es für ihn bedeutete, das Gebaren seiner Tiere zu studieren. In der "Wolfsschanze" hatte er eine Eskaladierbahn herrichten lassen, ähnlich den bei der Ausbildung der Infanteristen üblichen, in der die Hündinnen durch die glatte Überwindung der Hindernisse beweisen mußten, ob sie sowohl Verstand als auch Mut besaßen ...

Das war das eine Gesicht Hitlers, nicht gespielt, keine Tarnung, sondern echt. Aber dieser furchtbare Mann hatte noch ein zweites Gesicht, und dies hat er seiner Tafelrunde nicht gezeigt: es war gleichfalls echt.

In seinen Unterhaltungen sprach Hitler wohl davon, daß er den, der dies oder das verbrechen werde, selbst über den Haufen schießen wolle. Aber die Runde wußte, daß Hitler nie persönlich einen Schuß auf einen politischen Gegner abgegeben hatte, und nahm dies wohl als "Rodomontade", als Aufschneiderei - ins Bayerische übersetzt, wäre zu sagen: "er mache Sprüche" ...

Nie geht die Rechnung auf, wenn man den Menschen Hitler zu fassen versucht: Sein Kontakt mit Kindern und mit Hunden, seine Freude an Blumen und kultivierten Dingen, seine Bewunderung für schöne Frauen, sein Verhältnis zur Musik (von alldem wird noch die Rede sein) waren echt; ebenso echt war aber die mitleidlose, die "eiskalte" - ein Lieblingswort Hitlers -, die alle moralischen Bedenken überspringende Konsequenz, mit der er die Gegner seiner Herrschaft und die, die er als virtuelle Gegner ansah, vernichtete.

Diese beiden Gesichter waren die Ursache, weshalb Hitler so verschieden

- die einen begeisternd, die anderen abstoßend - wirkte. Er konnte sie von einem zum anderen Augenblick auswechseln, so daß die eben noch Angezogenen, die eben noch Abgestoßenen sich nicht mehr zurechtfanden. Hitler, abwechselnd geleitet durch Verstand, durch Gemüt, durch dunkle Triebe, war

hintergründiger als je ein Mensch war, der in die deutsche Geschichte einging.

Aber er, der andere in seinen Bannkreis zu ziehen und dann zu beherrschen wußte wie wenige, verstand auch, sich selbst zu beherrschen - so peinlich die Auftritte gewesen sein mögen, zu denen es bei den Lagebesprechungen gekommen ist ... kaum je verlor Hitler völlig die "Contenance", obwohl mit der Zeit seine Nerven in einer Weise strapaziert waren, daß die meisten in ähnlicher Lage schon physisch solcher Spannung nicht gewachsen gewesen wären.

Deshalb ist es so schwer, an das heranzukommen, was Hitler wirklich dachte und empfand, so schwer zu klären, wie weit er sich durch Logik, wie weit durch Triebe leiten ließ ...

Schon in den Jahren vor dem Kriege waren über Hitlers engere Vertraute so viele Informationen in die breite Öffentlichkeit durchgesickert, daß selbst Verehrer des "Führers" kopfscheu wurden: Wie war es nur möglich, daß er Männer um sich duldete, die entweder dem ihnen übertragenen Amt fachlich nicht gewachsen waren oder moralische Bedenken auslösten, womöglich in beiderlei Hinsicht Anstoß erregten?

Die Antwort, die sich Hitlers Arzt, der Professor Dr. med. von Hasselbach, auf diese Frage einige Monate nach der Katastrophe zurechtlegte, sei - von solchen Ausführungen entlastet, die heute nicht mehr von Bedeutung sind - hier eingefügt, da ihr Autor einerseits genauen Einblick gewonnen hatte, andererseits aufgrund seiner psychologischen Erfahrungen das Vermögen besaß; mit seinem Blick hinter die Oberfläche zu dringen:

"Hitler behauptete wiederholt, eine seiner wesentlichen Fähigkeiten sei seine gute Menschenkenntnis, auf die er sich unbedingt verlassen könne. Ein kurzer Eindruck sei bereits ausreichend, um ihm sagen zu können, wes Geistes Kind ein Mensch sei und wie er ihn am besten verwenden könne.

Die Auswahl seiner Mitarbeiter läßt die Richtigkeit dieser seiner Überzeugung von vornherein zweifelhaft erscheinen. Man möchte annehmen, daß ein Mann in der Stellung Hitlers bestrebt sein müßte, sich mit besonders intelligenten, erfahrenen und charakterlich einwandfreien Mitarbeitern zu umgeben. Hitler jedoch machte, um einige Beispiele herauszugreifen, einen Martin Bormann zu seinem engsten politischen Vertrauensmann, einen Schaub zu seinem Chefadjutanten und einen Morell zu seinem Leibarzt und duldete Menschen wie Heinrich Hoffmann, Hermann Esser* oder Adolf Wagner** als häufige und gern gesehene Gäste in seinem Privathaushalt - alles Männer, die das deutsche Volk, soweit es sie kannte, lieber nicht in der Umgebung seines Führers gewußt hätte.

Oft genug hat Hitler voller Stolz und Genugtuung auf die "Garde" seiner Reichsleiter und Gauleiter hingewiesen, die hinsichtlich ihrer Charaktereigenschaften und ihrer überragenden Fähigkeiten kaum ein Gegenstück in der Geschichte hätten, und zwar (tat er das) noch zu einer Zeit, als das Versagen eines großen Teils dieser Männer auf den verschiedensten Gebieten und besonders in bezug auf ihre persönliche Lebensführung dem deutschen Volk bereits sattsam bekannt war. Wichtigste Posten des Reiches wurden mit so ungeeigneten Männern wie Ribbentrop, Heß, Frick, Rust, Axmann und so weiter besetzt, während Hitler andererseits seine Gegner zum Teil in folgenschwerer Weise unterschätzte***.

Fragt man sich, wie derartige Mißgriffe und Fehlurteile möglich waren, so wird man kaum eine einheitliche Antwort darauf finden. Zunächst muß festgestellt werden, daß Hitler zwar von der Zuverlässigkeit und Eignung seines politischen Führerkorps überzeugt war, daß er aber die Zusammensetzung seiner nächsten Umgebung selbst keineswegs als sehr glücklich empfand. Er konnte sich jedoch nicht zu dem Entschluß durchringen, hier einen grundlegenden Wandel eintreten zu lassen.

Sein ganzes Leben lang und besonders seit dem 1. Weltkrieg war Hitler beherrscht von einem sehr ausgeprägten Gefühl der Kameradschaft, Treue und Dankbarkeit gegenüber Männern, die ihm in den Zeiten seines Kampfes und seiner Verfolgung treuergebene Kampfgenossen gewesen waren und dafür zum Teil schwere körperliche und wirtschaftliche Opfer auf sich genommen hatten. Er hatte deshalb auch keinerlei Verständnis für Mussolinis Methode des häufigen und von ihm als treulos empfundenen Wechsels seiner Mitarbeiter, sondern fühlte sich verpflichtet, sein Verhältnis zu alten Mitkämpfern erheblichen Belastungsproben auszusetzen, bevor er einmal einen endgültigen Trennungsstrich zog, und das kam nur höchst selten vor.

Dabei spielte freilich auch der Umstand eine Rolle, daß Hitler in seinen Lebensgewohnheiten äußerst konservativ war. Wie er in seinem Tagesablauf möglichst keine Änderungen wünschte, wie er täglich den gleichen Spaziergang machte, immer wieder Mützen in der gleichen unmodernen Form trug, immer wieder die gleichen Gaststätten aufsuchte und trotz großer Mängel an seiner alten Münchener Etagenwohnung festhielt, so vermied er es aus diesem Grunde auch nach Möglichkeit, sich von Menschen zu trennen, an die er sich gewöhnt hatte.

Trotzdem hätte er sich aber sicherlich öfter zu einer derartigen Maßnahme entschlossen, wenn er die Fähigkeit gehabt hätte, die unfähigen oder charakterlich nicht einwandfreien Männer unter seinen Mitarbeitern so zu sehen, wie sie wirklich waren.

Wohl äußerte er gelegentlich, er sei sich klar darüber, daß seine alten Kampfgefährten nicht alle Engel wären, wie das bei Kämpfernaturen verständlich sei. Aber wo Hitler Schwächen sah, die er glaubte in Kauf nehmen zu dürfen, um mit altgewohnten, ergebenen oder ihm bequemen Männern weiter verbunden bleiben zu können, führten doch in Wirklichkeit allzuoft grobe Charakterfehler infolge der Stellung dieser Männer zu verhängnisvollen Auswirkungen.

Er muß also auch seine Mitmenschen falsch beurteilt haben, und gerade Beispiele wie Ribbentrop und Morell, bei denen die Verpflichtung zu Dankbarkeit und Treue wegen ihres Werdegangs nicht in Betracht kam, sind schlagende Beweise für seine schlechte Menschenkenntnis. Sonst wären Aussprüche wie die, daß Ribbentrop ein zweiter Bismarck und Morell ein ungewöhnlich fähiger Arzt und Wissenschaftler sei, unmöglich gewesen.

In manchen Fällen muß man allerdings annehmen, daß Hitler es verstand, eine ihm unbequeme richtige Erkenntnis gewissermaßen zu verdrängen, um Menschen, die ihm nützlich und ergeben schienen, vor sich selbst zu rechtfertigen. Auch war seine Einstellung zu anderen durch die Tatsache beeinflußt, daß er seine eigenen Fähigkeiten ungeheuer hoch einschätzte und deshalb bei seinen Mitmenschen einen geringeren Maßstab anlegte - so groß die Anforderungen manchmal auch wieder sein konnten. Und wenn er den Standpunkt vertrat, daß ein großer Mann eine unbedeutende Frau haben müsse, weil er sich ihr nicht ausreichend widmen könne, so hat er vielleicht ähnliche Gedankengänge auch hinsichtlich seiner nächsten Umgebung gehabt."

Hinzuzufügen ist nur dies: Insofern hatte Hitler tatsächlich eine verblüffende "Menschenkenntnis", als er sofort spürte, ob der vor ihm Stehende für ihn war, sich gewinnen ließ oder für die von ihm ausstrahlende Wirkung unempfindlich blieb. In dieser Beziehung hatte er etwas wie einen "sechsten Sinn".

Nur einen hat es wohl gegeben, der es vermochte, sich der Hitlerschen "Durchleuchtung" zu entziehen, nämlich den Admiral Canaris: Dieser war ein so vollkommener Abwehrmann, daß er bei Verhandlungen mit Hitler sich so zu tarnen verstand, daß Hitlers "sechster Sinn" bei ihm versagte und er den Chef der Abwehr erst 1944 verhaften ließ, als

keine Maske, die er der Photographen wegen aufsetzte. Er liebte Kinder wirklich und hatte zu ihnen, wenn sie ihn umschwärmten, ein ungekünsteltes Verhältnis.

Die Fürsorge für das Kind, insbesondere für das uneheliche, beschäftigte Hitler auch in seinem Denken. Das Problem, die Familie als die natürliche Zelle des sozialen Daseins zu sichern und neue Ehen zu erleichtern, war ihm gleichfalls ein echtes Anliegen, über das er sich nicht nur in seinen öffentlichen Reden, sondern auch in seinen "Tischgesprächen" oft geäußert hat. Manche Formulierungen, die er vorbrachte, haben geradezu etwas Hausbackenes, und viele könnten selbst von denen, die sonst nichts von ihm wissen wollten, hingenommen worden sein.

Hitlers Überzeugung, daß der voreheliche Verkehr nicht zu beanstanden sei, vielmehr gewährleiste, daß der Mann und sein "Mädel" wirklich zueinander paßten, forderte 1941 nicht mehr zu scharfer Opposition heraus, zumal sich Hitler hierfür auf das bäuerliche Herkommen seiner Heimat berufen konnte und manches, was er über die doppelbödige Moral der "oberen Zehntausend" anzuführen wußte, nicht abzustreiten war. Hitler erscheint hier als ein Mann, der das Leben nimmt, wie es nun einmal ist, und an die Stelle einer brüchigen Fassade eine von der Vernunft kontrollierte, "natürliche" Ethik setzen will.

Darunter lag jedoch noch eine Gedankenschicht, die Hitler öffentlich nicht zur Sprache brachte, nicht zur Sprache bringen durfte, wenn er sein Ansehen in der breiten Masse erhalten wollte. Hier vermitteln die "Tischgespräche" tieferen Einblick. Denn in ihnen tritt unverhüllt die Konsequenz heraus, die sich für Hitler durch die Verbindung seiner Grundanschauungen mit seinem biologisch orientierten Züchtungsgedanken ergab.

Er fand gar nichts dabei, ja begrüßte es sogar, wenn "rassisch" Höherstehende illegitime Kinder in die Welt setzten. Hitler glaubte zum Beispiel nach dem Westfeldzug in den 1914-1918 heimgesuchten Gebieten unter der Jugend ein viel besseres "Menschenmaterial" als das ihm aus dem I. Weltkrieg bekannte vorgefunden zu haben; er meinte: "Deutsche und englische Soldaten hätten hier demnach ein Aufnordungswerk vollbracht, dessen Ergebnisse heute unbestreitbar seien" (20. Juli 1942).

Das war in Hitlers Augen nicht nur in "Feindesland" berechtigt, sondern das hielt er auch in Deutschland für erwünscht. Er habe, so führte er am 23. April 1942 aus, als er sich in Berchtesgaden angekauft hatte, einen Bevölkerungsmischmasch vorgefunden, dessen Auffrischung ihm dringend am Herzen gelegen habe: "Es sei ein Verdienst der Leibstandarte, wenn heute in der Gegend wieder eine Fülle kräftiger und gesunder Kinder herumlaufe. Man müsse deshalb überhaupt überall dorthin, wo die Zusammensetzung der Bevölkerung schlecht sei, Elitetruppen zur Auffrischung hinbringen ... Auch das Masurenland und der Bayerische Wald sollten deshalb ruhig einmal mit Elitetruppen belegt werden."

Wenn man ihm entgegenhalte, ein derartiges Vorgehen bringe die Moral des deutschen Volkes ins Wanken, dann könne ihn solche Argumentation zum Rasen bringen. Mit Seitenhieben auf die Mätressenwirtschaft preußischer Prinzen und die Ablehnung des unehelichen Kindes in der Oberschicht glaubte er sie als verlogen abtun zu dürfen. Er ließ nur das Faktum gelten, daß durch ein Kind zwei Menschen in Liebe aneinander gebunden würden.

Das war einer der vielen Fälle, in denen Hitlers logische Gedankengänge abbogen, wenn sie - gerade weitergedacht - zu seinen sonstigen Thesen nicht paßten: Schutz der Familie und Duldung der "Aufnordung" durch Elitetruppen waren nun einmal völlig unvereinbar.

Und konsequent bis zu Ende weiter überlegend, wäre Hitler ja auch zu der Überlegung gezwungen gewesen, ob in den auf diese Weise "aufgenordeten" Gebieten - von dem Schmerz und dem Entsetzen der Eltern und Brüder ganz abgesehen - nicht eine solche Empörung gegen die Elitetruppen und damit gegen das Regime um sich greifen mußte, daß dem Gewinn von soundso viel Tausend nordischer" Kinder schließlich die Ablehnung durch Hunderttausende gegenüberstand.

Daß Hitler diese Wirklichkeit gleichsam nur mit einem Auge ansah, ist wohl zu einem Teil dadurch erklärt, daß er selbst keine Familie besaß und viele Jahre seines Lebens in Milieus

verbracht hatte, in denen das Familiengefüge bereits mehr oder weniger auseinandergebrochen war ...

Wie intensiv Hitler als ein Augenmensch auf schöne Frauen reagierte, hat er seiner Runde gelegentlich selbst geschildert. Vor dem Kriege hatte es für ihn auch Genuß und Entspannung zugleich bedeutet, beim Tee ein vornehmes Mädchen als Gesprächspartnerin zu haben oder bei seinen Empfängen elegante Damen durch seine Konversation zu fesseln - wenn das Auge ihn leitete, waren seine Ressentiments gegen Adel und Bourgeoisie plötzlich wie weggeblasen.

Stets ... gab sich Hitler Frauen gegenüber liebenswürdig und korrekt; schimpfte er auf die Mätressenwirtschaft früherer Zeiten, durfte er das mit

gutem Gewissen tun. Im Kriege sah Hitler außer Eva Braun, die - von der Öffentlichkeit völlig unbeobachtet - auf dem Berghof die Rolle der Hausfrau übernommen hatte, dort noch die eine oder andere Gattin, die ein Gast mitgebracht hatte.

Im ostpreußischen Hauptquartier, der "Wolfsschanze", hatte nicht einmal Eva Braun Zutritt. Dort gab es außer Sekretärinnen und einer Köchin, die Hitlers vegetarische Kost zubereitete, kein weiteres weibliches Wesen, und wenn Hitler sie nach der Preisgabe der allgemeinen Tafelrunde an seinen Gesprächen teilnehmen ließ, diente auch dies nur seiner Entspannung und Ablenkung.

Daß Hitler schließlich im allerletzten Augenblick - das Ende seines "Tausendjährigen Reiches" vor Augen, aus seinem völligen Scheitern die Konsequenz ziehend, zum Selbstmord bereit - seine Gedanken auf Eva Braun zu konzentrieren vermochte und sie noch in aller Form standesamtlich heiratete, bildet in dem Inferno des letzten Aktes die einzige "menschliche" Szene. Sie ist einerseits grotesk (einen "zuständigen" Beamten aufzutreiben, war begreiflicherweise schwierig geworden); sie hat andererseits einen kleinbürgerlichen

Zug (denn wenn nun die Welt unterging, war es ja gleichgültig, was die Nachwelt über Eva Braun dachte) - aber es war doch eine menschliche Szene.

So stellt sich Hitlers persönliches Verhalten gegenüber der Frau dar. Zu fragen bleibt, welche Rolle er ihr in seinem Gedankengebäude angewiesen hatte.

In den "Tischgesprächen" wird ersichtlich, daß sie für ihn noch das Wesen ist, das geborgen sein will und zum Manne aufschaut: "Die Welt der Frau ist der Mann. An anderes denkt sie nur ab und zu" (10. März 1942). Für die Politik eigne sie sich nicht, da sie Verstand und Gefühl nicht auseinanderzuhalten vermöge (27. März 1942). Sie solle sich schönmachen, dürfe auch eifersüchtig sein, aber solle nicht mit "metaphysischen Sachen" anfangen. Zu ihrem Wesen gehöre, daß sie gebären

wolle: "Kriegt ein Mädel kein Kind, so wird es hysterisch oder krank."

Zugrunde liegt das Frauenideal des Mittelstandes in der Vorkriegszeit, als die geistige Gleichwertigkeit der Frau in der Bildungsschicht bereits zu einer allgemein anerkannten Tatsache geworden war und sich dementsprechend das Verhältnis von Mann und Frau kompliziert hatte.

Verblüffend rückständig wirkt, was Hitler am 25./26. Januar 1942 ausführte: "Einem Mann muß es möglich sein, jedem Mädchen seinen Stempel aufzudrücken. Die Frau will auch gar nichts anderes!" Das, was in den letzten Jahrzehnten vor sich gegangen war, hatte Hitler also nicht "mitbekommen": ein seltsamer Vorgang, der - wie sich noch ergeben wird - nicht für sich steht.

Hitlers soziale und

weltanschauliche Ressentiments

Für jeden, dessen Aufstieg ähnlich schwer war wie der Hitlers, hätten sich aus den in den Anfangsjahren gemachten Erfahrungen bestimmte Vorlieben und scharfe Abneigungen ergeben müssen. Die "Tischgespräche" lassen erkennen, wie ungebrochen solche Einstellungen Hitler noch beherrschten, als er bereits fast ein Jahrzehnt an der Macht

war und von den überwundenen Gegnern keinen Widerstand zu gewärtigen brauchte.

Es erübrigt sich hier, die Urteile zusammenzustellen, die Hitler an seiner Tafel über die Könige und Fürstlichkeiten fällte. Er hielt die gekrönten Häupter und ihre Sippen für vertrottelt, für "maßlos dumm" und betrachtete sie deshalb als nicht ernst zu nehmende Faktoren. Er sprach von der "Hohenzollern-Brut" und machte seinem Ärger Luft, den der Staatsempfang durch den König von Italien im Mai 1938 bei ihm ausgelöst hatte.

Ebensowenig brauchen die Ausfälle gegen die "oberen Zehntausend" (eine des öfteren wiederkehrende Wendung) und gegen das Bürgertum angeführt zu werden. Hitler sprach im Hinblick auf das sächsische von "Geschmeiß" mit "blödsinniger Borniertheit" (2. August 1941). "Keine Bevölkerungsschicht", so erklärte er am 15. Mai 1942, "sei in politischen Dingen blöder als dieses sogenannte Bürgertum"; es sehne sich ausschließlich nach Ruhe und Ordnung und sei in seiner politischen Haltung feige (8. April 1942). Nur die Hanseaten bekamen gelegentlich eine gute Zensur.

Sachlich ist gar nicht einzusehen, weshalb Hitler noch immer so stark gegen

diese Schichten eingenommen war; denn ohne ihre Wirksamkeit in Fabrik und Kontor hätte sich Deutschland nicht so schnell von dem Elend der Jahre vor 1933 erholt. Auch war es ihm als nunmehrigem "Führer und Reichskanzler" ja gelungen, große Teile des Bürgertums zu sich herüberzuziehen; mit wichtigen Vertretern der "oberen Zehntausend" pflegte er jetzt gesellschaftlichen Verkehr.

Sicherlich spürte er, daß viele Bürgerliche und Intellektuelle ihn ablehnten oder doch Reserven machten, aber für seine Ablehnung gibt es doch keine andere Erklärung als die, daß die Ressentiments, die sich in ihm während seiner Jugendzeit festgesetzt und in der Kampfzeit noch verschärft hatten, in ihm fortwirkten - mit jener Starrheit im Festhalten seiner Grundkonzeptionen, auf die wir auch noch sonst stoßen werden.

Nicht so einfach ist die Frage zu beantworten, weshalb Hitler eigentlich so gegen die Professoren eingenommen war. Sie hatten seit dem 19. Jahrhundert Wesentliches zum Ansehen Deutschlands in der Welt beigetragen, und die Ergebnisse ihrer Forschungen - auch die Leistungen von Gelehrten, die gar nichts mit der Partei zu tun hatten - bedeuteten für ihn und sein "Drittes Reich" eine große Hilfe; am Beginn des Krieges war das vollends deutlich geworden.

Aber Hitler mochte die Professoren trotzdem nicht: "Würde die Welt" - so führte er am 17. Februar 1942 aus - "auf einige Jahrhunderte dem deutschen Professor überantwortet, so würden nach einer Million Jahren lauter Kretins bei uns herumlaufen: Riesenköpfe auf einem Nichts von Körper."

Er warf der professoralen Wissenschaft in diesem Zusammenhang vor, sie führe vom Instinkt weg, von jenem "Instinkt", dem ... Hitler in seiner Vorstellungswelt einen so wichtigen Platz eingeräumt hatte. Aber dahinter war wohl der Argwohn rege, daß seine Lehre bei der Prüfung durch Professoren sich als nicht hieb- und stichfest erweisen könne.

Es hätte ja nahegelegen, daß Hitler führende Fachmänner, echte Experten, zu sich bestellt hätte, um sich von ihnen über den Fortgang der Wissenschaft berichten zu lassen. Das ist wohl höchstens bei Medizinern und Naturwissenschaftlern der Fall gewesen, aber meines Wissens nie bei Archäologen, Kunsthistorikern, Vertretern der Geschichtswissenschaft und so weiter; und wenn es dazu gekommen wäre, müßte wohl angenommen werden, daß Hitler und nicht sie das Wort geführt hätten.

Wie leicht hätte er es zum Beispiel gehabt, sich in der "Wolfsschanze" dadurch Entspannung und Belehrung zugleich zu verschaffen, indem er von Zeit zu Zeit gelehrte Fachleute einlud und an seiner Tafel teilnehmen ließ. Warum das nicht der Fall war, hat der Leibarzt Hitlers, Professor Dr. med. Karl Brandt, nach der Katastrophe so gedeutet: "Möglicherweise brauchte er geradezu ein anspruchsloses und unkritisches Milieu als Resonanzboden für seine Gespräche, bei denen er sich seine Gedanken gleichsam 'ins Unreine' vom Herzen sprach, um so zu der erstrebten Klarheit zu kommen."

Hitler wünschte deshalb keinen Vertreter des gebildeten Bürgertums und

der Intelligenzschicht um sich, sondern Menschen, "die vom Leben irgendwie aus der Bahn geworfen oder als Selfmademan eine ähnliche Entwicklung durchgemacht hatten wie er selbst".

Den Schulmännern warf Hitler vor, daß sie im Geschichtsunterricht "über dem Lebenslauf einzelner Monarchen und belanglosen Zahlen" es verabsäumten, ihren Schülern die großen Zusammenhänge gebührend zu verdeutlichen

- er sah also an allen Reformen vorbei,

die zum mindesten von 1919 an mit Erfolg den Geschichtsunterricht verbessert hatten.

Eine besondere Abneigung hegte Hitler gegen die Volksschullehrer. Von ihnen hatte er sich ein schablonenhaftes Bild zurechtgemacht (12. April 1942): schmutzig, von der Sozialdemokratie eingefangen, ein "dummes und unselbständiges geistiges Proletariat".

Hitler wollte die Lehrer durch Frauen ersetzen und auf diese Weise deren biologischen Überschuß nutzbar machen. Im übrigen sollten ausgediente Unteroffiziere, die ja nach ihrer Entlassung einen Anspruch auf Verwendung im Zivildienst hatten (die sogenannten "Kapitulanten"), in den Lehrerberuf gebracht werden, da sie auf Sauberkeit und Menschenführung gedrillt seien. Denn "eine übertriebene Ausbildung" mache die Kinder durch Gehirnmassage blödsinnig.

Die Volksschullehrer sollten deshalb nur den Wissensstoff lernen, der für den Elementarunterricht erforderlich sei. Deshalb brauche ein Lehrer, der sein ganzes Leben in einem Bauerndorf bleibe, auch keine akademische Vorbildung (8. Juni 1942).

Er könne sich, so führte Hitler drei Wochen später aus, "immer wieder darüber ärgern, daß man auf den Lehrerbildungsanstalten den künftigen Volksschullehrern eine Unmenge Zeugs einzutrichtern suche, obwohl sie den Kindern hernach doch nur die Anfangsgründe des Rechnens, Lesens und Schreibens beizubringen hätten. Was müsse man denn schon aus allen möglichen Wissensgebieten kennen, um sechsjährigen Kindern die richtige Aussprache des a, a, a, ... b, b, b vorzumachen!

Es sei auch ein wahrer Unsinn, den Kindern in der Schule alles mögliche einpauken zu wollen. Wenn man sie ein oder zwei Jahre nach Verlassen der Schule nach all diesen Dingen frage, wüßten sie ja doch kaum mehr etwas davon. Es sei daher Aufgabe der Schulleitung, die Unterrichtspläne so aufzustellen, daß den Kindern nur das Wissen vermittelt werde, was sie tatsächlich brauchten, um später im Leben ihren Mann zu stehen. Im übrigen sei es viel gescheiter, sie möglichst viel Zeit in der frischen Luft verbringen zu lassen. Denn so bekämen wir einen gesunden Nachwuchs, der auch einmal körperliche Strapazen aushalte, ohne gleich auf der Nase zu liegen" (30. Juni 1942, abends).

Wären diese Absichten Hitlers noch verwirklicht worden, hätte er nicht nur die Lehrerbildungsreform des preußischen Kultusministers Dr. Carl Heinrich Becker, die für den Beruf des Volksschullehrers das Abitur gefordert und die alte "Präparanden-Anstalt" durch die "Pädagogische Hochschule" ersetzt hatte, ausgelöscht, sondern die Entwicklung des Volksschulwesens wäre gleich um Generationen zurückgeworfen worden; denn die Verwendung ausgedienter Unteroffiziere im Volksschuldienst war ein altes preußisches Rezept gewesen.

Solcher Überzeugung konnte Hitler sich hingeben, weil er die von der modernen Pädagogik vertretene These, daß nur eine möglichst umfassende Ausbildung den Menschen dazu bringe, seine Gaben voll und ganz zu entfalten, nicht zur Kenntnis nahm: "Was braucht der Junge, der Musik üben will, Geometrie, Physik, Chemie? Was weiß er davon später noch? Nichts!" (3. März 1942)

Daß Hitler die Juristen haßte, versteht sich von selbst. Denn sie hatten es ihm in der Kampfzeit schwergemacht, und auch nach der Machtübernahme stieß er überall auf "Schwierigkeiten", die sie ihm durch das Festhalten am geschriebenen Recht verursachten. So überrascht höchstens die Schärfe, mit der sich Hitler gegen die Juristen wandte. Die von ihm dabei verwandten

Ausdrücke, die die Runde willig hinnahm, müssen heute selbst auf die, die noch etwas an ihm gelten lassen möchten, peinlich wirken: Für Hitler war jeder Jurist von Natur defekt oder mußte es mit der Zeit werden (29. März 1942, abends). Es sei kein anständiger Beruf und verführe bei den Plädoyers zur Schauspielerei.

Hitler verstieg sich dazu, eine Verwandtschaft zwischen Juristen und Verbrechern zu behaupten; "auch in ihrer Internationalität gebe es zwischen den beiden keinen Unterschied" (22. Juli 1942). Gegen die geltende Rechtslehre hatte er einzuwenden, daß sie systematisch die Verantwortung abwälze; sie passe nicht für das Leben. Hitler wollte deshalb dem "Schwindel" der Schöffen ein Ende bereiten (29. März 1942, abends).

Finanzsachverständige war Hitler von vornherein geneigt, als "Spitzbuben" anzusehen (22. April 1942) das ist verständlich, da sie (falls er sie zu Worte kommen ließ) ihm ja nur unbequeme Wahrheiten vorzulegen hatten. Ebenso ist leicht zu begreifen, daß er von vornherein gegen die Verwaltungsbeamten eingenommen war. In seinen Augen waren sie kleinlich und egoistisch, bar des gesunden Menschenverstandes und ohne Kenntnis des praktischen Lebens, weil sie abstrakt dachten.

Man muß sich vergegenwärtigen, daß in solcher Abneigung Verschiedenes zusammentraf. Bis 1914 war Hitler ja nur in passiver Form mit der Verwaltung zusammengestoßen, weil sie ihm Gestellungsbefehle geschickt oder sonstwie in sein Leben eingegriffen hatte; nach 1918 war er beim Aufbau seiner Partei und den von ihr veranstalteten Massenversammlungen wiederholt mit der "Bürokratie" kollidiert, und nach 1933 hatte sie ihm - so sah sich das mit seinen Augen an - bei der Durchführung seiner Pläne ständig Hemmnisse in den Weg geschoben, indem sie vorbrachte, dort stehe ein Gesetz, hier eine Verordnung im Wege.

Gegen die "Bürokratie" hatten auch der Reichsfreiherr vom Stein und Otto von Bismarck gewettert, aber ihr Zorn stammte aus lebenslanger Erfahrung in Verwaltungsfragen - Hitler hat nie einen einzigen Tag auf einer Behörde verbracht und stand daher der Verwaltung letzthin fremd gegenüber.

Von den Freimaurern ist hier und da die Rede, und für Hitler blieb es eine ausgemachte Tatsache, daß sie in der Welt hinter den politischen Kulissen eine große Rolle spielten. Daß zum Beispiel Franco bei der Begegnung in Hendaye (23. Oktober 1940) nicht auf seine Angebote einging, lag für ihn letztlich darin begründet, daß der Caudillo Freimaurer war. Nachdem dann die SS die Freimaurerakten beschlagnahmt und in Berlin vereinigt hatte, ergab sich die für die Partei überraschende Tatsache, daß es in Deutschland nur 60 000 Logenbrüder gab und ihre Wirksamkeit als politisch völlig harmlos angesehen werden mußte.

Hier hatte Hitler also gegen ein Phantom angekämpft, das'von der Polemik des 19. Jahrhunderts aufgebaut und von ihm kritiklos übernommen worden war - in geistiger Nachbarschaft zum Hause Ludendorff.

Komplizierter liegen die Dinge bei Hitlers Widerwillen gegen die Kirche. Er hat selbst darauf hingewiesen, wie nachhaltig in ihm Eindrücke haften

blieben, die er schon in früher Jugend - zu solchem Dienst kommandiert - als Meßknabe und Chorsänger davongetragen hatte. Bereits im Schulunterricht fiel ihm auf, daß Kirchenlehre und Naturwissenschaft auseinanderklafften, und in dem Maße, in dem er sich - wie noch zur Sprache kommen wird - in deren Ergebnisse weiter hineinarbeitete, sah er sich immer weiter von der katholischen Kirche, ja vom Christentum überhaupt entfernt.

In einer geheimgehaltenen Rede, die er im Oktober 1937 hielt, erklärte Hitler, er habe sich nun "nach schweren inneren Kämpfen von noch vorhandenen religiösen Kindheitsvorstellungen frei gemacht" - er fügte hinzu: "Ich fühle mich jetzt frisch wie ein Füllen

auf der Weide." Was bei dem Aufbau einer eigenen Weltanschauung an religiösem Gehalt noch übrigblieb, war auch das muß noch genauer ausgeführt werden - der in der Vorkriegszeit gängige Monismus.

Von ihm aus machte Hitler nun entschieden Front gegen alles, was mit der Kirche zusammenhing; er sprach davon, daß sie den religiösen Wahn fördere und die Christen geistig verkrüppele. Geleitet vom Fortschrittsgedanken, wies er ihr in seiner Weltsicht die Rolle der zurückgebliebenen, geistig bereits überholten Gegnerin zu, deren Lehre eine Kulturschande darstelle, die wie der Hexenwahn beseitigt werden müsse.

"Heute kann", so sagte er am 11. November 1941, "niemand mehr die

Lehre der Kirche ernst nehmen, der mit der Naturforschung vertraut ist." Er habe jedoch eingesehen, daß man die Lösung nicht über das Knie brechen könne; das Kirchliche müsse "abfaulen wie ein brandiges Glied" (13. Dezember 1941).

So weit ist seine Entwicklung zu verstehen; viele andere haben sie in ähnlicher Weise durchgemacht. Verblüffend ist aber, mit welcher gehässigen Geringschätzung Hitler auf die "Pfaffen", die Päpste eingeschlossen, herabsah und wie er das, was sie erreicht hatten, ausschließlich auf niedrige Motive zurückführte.

Er unterstellte ihnen eine "schlaue Mischung von Heuchelei und Geschäft" sprach von "satanischem Aberglauben" und "Heuchelei" der Liebe - dieser Haß saß so tief, daß ihm immer neue Formulierungen der Herabsetzung einfielen. Seine Grundansicht stammte bereits aus der Popularpolemik des 19. Jahrhunderts, die ihrerseits über den Vulgärliberalismus auf die Aufklärung zurückging.

Die modernen kirchlichen Auseinandersetzungen sind offensichtlich gar nicht in Hitlers Gesichtskreis getreten, und daß sein Vorgehen gegen beide Konfessionen in diesen Gegenkräfte wachrief, hat er nur als politisches, durch neue Gesetze, polizeiliche Maßnahmen und Verhaftungen niederzuhaltendes Faktum registriert, nicht aber als geistigen und moralischen Vorgang.

Hier geht die psychologische Rechnung nicht mehr glatt auf; denn Hitler, der sich für einen Kenner und Beherrscher der Massenpsyche hielt und sich ja auch zu einem guten Teil dafür halten durfte, ist hier ein Gefangener seiner Voreingenommenheit geworden: er griff daher zu ganz verfehlten Mitteln, um der erst durch ihn selbst heraufbeschworenen Opposition Herr zu werden. Hier zeigten sich wiederum seine Grenzen; der Kirche gegenüber war er "borniert" = "begrenzt", das heißt: "beschränkt".

Die evangelische Kirche trat in Hitlers Gesichtskreis erst in der Zeit des Kirchenkampfes. Von ihr hielt er noch weniger als von der katholischen: "Ein gewisses evangelisches Muckertum ist da noch schlimmer als die katholische Kirche" (1. Dezember 1941); denn diese sei großzügiger, allerdings auch raffinierter bei der Vergebung der Sünden (1. Dezember 1941).

Von der einzigen Aussprache, die er je mit Führern der evangelischen Kirche hatte, entwarf er seinen Zuhörern ein peinlich verzerrtes Erinnerungsbild,

in dem abgetragene Röcke und unsaubere Wäsche eine Rolle spielten (7. April 1942, abends) - ein Mediziner wird hier vermutlich von der Auswirkung einer geistigen Allergie sprechen.

Letzthin waren sich in Hitlers Vorstellung die Katholiken und die Protestanten in ihrer Staats- und Kulturgefährlichkeit gleich. Was er mit ihnen vorhatte, hat er einmal unverhohlen ausgesprochen: "Der größte Volksschaden sind unsere Pfarrer beider Konfessionen. Ich kann ihnen jetzt die

Antwort nicht geben, aber alles kommt in mein großes Notizbuch. Es wird der Augenblick kommen, da ich mit ihnen abrechne ohne langes Federlesen. Ich werde über juristische Zwirnsfäden in solchen Zeiten nicht stolpern. Da entscheiden nur Zweckmäßigkeitsvorstellungen. Ich bin überzeugt, in zehn Jahren wird das ganz anders aussehen. Denn um die grundsätzliche Lösung kommen wir nicht herum" (8. Februar 1942).

Das ist ein klarer, stenographisch festgehaltener, also wörtlich vorliegender Ausspruch, der allen Erörterungen, ob Papst Pius XII. und die katholische sowie die "Bekennende" Kirche richtig gehandelt haben, zugrunde gelegt werden sollte: So brutal gesonnen, so zum Letzten entschlossen war ihr Feind.

Niemand wird überrascht sein, daß durch die Gespräche antisemitische Äußerungen wie ein roter Faden hindurchlaufen. Zur Sache bringen sie nichts Neues, da sich Hitler ja zu dieser Frage unzählige Male geäußert hat. Aber sie lassen doch die beiden Seiten des Hitlerschen Antisemitismus deutlicher als andere Zeugnisse erkennen.

Einerseits stützte sich Hitler auf angebliche Erfahrungstatsachen und einen pseudowissenschaftlichen Biologismus (zum Beispiel 10. Mai 1942 über Mischlinge: "Denn die Erfahrung beweise, daß aus diesen Judennachkommen nach vier, fünf, sechs Generationen immer wieder reine Juden ausmendelten"); andererseits ließ er sich durch eine sachlich groteske und in ihren Auswirkungen geradezu furchtbare Semitophobie

leiten: Hinter Stalin stehe der Jude, in Schweden habe die dünne Judenschicht "kolossalen Einfluß"; klar sei, "daß es sich bei dem Roosevelt-Regime in den USA um eine einwandfrei jüdische Organisation handele" - so geht es in ermüdender Weise weiter.

Man wird schließlich nur noch dadurch frappiert, wie sich an eine sachliche Darlegung plötzlich in der Art eines geistigen Kurzschlusses ein Ausfall gegen die "internationale jüdische Händlerbrut", gegen die von den Juden gesteuerte Weltpresse mit ihrem unwahren Geschwafel oder eine andere herabsetzende Charakterisierung anhängt. Was auch in der Welt vorgeht - kaum ein Land wird ausgenommen -, der Jude sitzt dahinter, und, soweit es sich um etwas für Deutschland Ungünstiges handelt, trägt er die Schuld.

Man muß geradezu von einer Manie, einem "Tick" sprechen, der es Hitler verwehrte, eine Situation exakt bis auf den Grund zu analysieren, um festzustellen, was sich als Gegenmaßnahme empfahl. Insofern ähnelt Hitler geradezu einem mittelalterlichen Menschen, der überall den Teufel witterte; aber Während dieser sich bekreuzigte oder

- wenn er so mutig wie Luther war -

mit einem Tintenfaß nach ihm warf; wurde das für Hitler nur Anlaß, sich an den Juden, die ihm in Deutschland und in den besetzten Gebieten ausgeliefert waren, zu rächen.

Dieser Antisemitismus wird gleichfalls seinen Ursprung bereits in frühen Jugendeindrücken haben und verstärkte sich natürlich in den Jahren, die Hitler in Wien verbrachte. Denn sie fielen ja

- in seinem Buche "Mein Kampf" hat

er das selbst geschildert - in die Zeit, in der das Wiener Kleinbürgertum von dem Bürgermeister - Karl Lueger unter einem demokratisch - antisemitischen

Programm zu einer politischen Stoßtruppe zusammengefaßt wurde und die deutschnationalen Kreise um den Ritter von Schönerer gleichfalls antisemitische Parolen ausgaben*.

Daß die "Kampfzeit" Hitler noch stärker gegen die Juden einnahm, versteht sich von selbst; denn auf ihren Widerstand stieß er in vielfacher Form. Daneben machten die "Protokolle der Weisen von Zion", von, denen seit 1903 Drucke vorlagen und die Hitler im Frühjahr 1920 kennenlernte, tiefen Eindruck auf ihn; hier stand es ja schwarz auf weiß, daß die Juden die bestehenden Staaten zerstören wollten, um ihre Weltherrschaft aufrichten zu können!

Daß es sich um plumpe Fälschung handelte, deren Entstehung die seriöse Forschung völlig aufklären konnte, hat Hitler nie zur Kenntnis genommen.

So läßt sich manches anführen, was seinen Antisemitismus motiviert; aber es bleibt ein unerklärlicher dunkler Rest. Menschen, die die Juden nicht mochten, die sie haßten oder verachteten, hat es vor und neben ihm viele gegeben, aber wo ist einer; bei dem diese Abneigung zu einer so intensiven, die Logik immer wieder durchstoßenden Manie geworden ist? Wo ist einer, der sich von seiner Abneigung zu so gigantischen Verbrechen antreiben ließ?

Man hat versucht, diesen "Tick" bei Hitler dadurch zu erklären, daß seine Stammtafel, wie sie sich aus den Kirchenbüchern ergibt, nicht "stimme", daß vielmehr ein jüdischer Dienstherr, der die bei ihm als Magd eingestellte Vorfahrin mißbrauchte, unter den nächsten Vorfahren anzunehmen sei. Die Erklärung, Hitler habe aus Wut gegen den illegitimen Einschlag in ihm seinen Haß nach außen gekehrt und an den Juden

als Stellvertreter für den nicht mehr erreichbaren Vorfahren Rache genommen, mag plausibel klingen; sie ist jedoch bei der Nachprüfung wieder fraglich geworden, da die Chronologie zweifelhaft ist.

Wir müssen uns damit Genüge sein lassen, daß bei der Analyse von Hitlers alle sonstigen Maße übersteigendem Antisemitismus ein dunkler Rest bleibt, für den sich keine verständliche Erklärung anführen läßt - der Mensch ist nun einmal so kompliziert, daß Psychologie und Psychiatrie trotz aller Verfeinerung in vielen Fällen eingestehen müssen, daß auch sie vor einem "X" stehen.

IM NÄCHSTEN HEFT:

Hitler und das Ausland - Hitlers Vorstellungen von Verwaltung und Wirtschaft - Hitlers Geschmack, sein Verhältnis zu Kunst und Literatur

* Von 1939 bis 1943 Staatssekretär im Reichspropagandaministerium.

** Bis 1944 Gauleiter in Bayern.

*** Joachim von Ribbentrop, von 1938 bis 1945 Reichsaußenminister; Rudolf Heß, bis 1941 Reichsminister und Stellvertreter Hitlers; Dr. Wilhelm Frick, von 1933 bis 1943 Reichsinnenminister, danach bis 1945 Reichsprotektor in Böhmen und Mähren; Bernhard Rust, von 1934 bis 1945 Reichsminister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung; Arthur Axmann, von 1940 bis 1945 Reichsjugendführer.

* Ritter Georg von Schönerer, österreichischer Antisemit (1842 bis 1921).

Die Augen: "Hitler war sich der Wirkung bewußt"

In Führer-Pose (1935)

"Eiskalt' war sein Lieblingswort"

Mütze 1934

Mütze 1941

Mund

Stirnlocke

Nase und Bart

Hände

Mit Brille

Mit Lupe

Im Zweireiher

In Stiefeln

Im Braunen Rock

Hitler-Merkmale: "Für Psychologen ein X"

Hitler-Vorbild Schopenhauer

"Ja, mein Gott, einer hat es ...

Hitler-Vorbild Wallenstein

... und der andere nicht"

Hitler, Eva Braun*: "Ein großer Mann muß eine unbedeutende Frau haben"

Schüler Hitler 1899 (o. M.)

"Geschichte habe ich kapiert"

Tierfreund Hitler

"Dieser furchtbare Mann ...

Kinderfreund Hitler

... hatte noch ein zweites Gesicht".

Hitler, Arzt Morell*: "Ich bin mir klar ...

Hitler-Mitarbeiter Bormann

... daß die alten Kämpfer ...

Hitler-Mitarbeiter von Ribbentrop

... nicht alle Engel sind"

Führerhauptquartier "Wolfsschanze": "Überall den Teufel gewittert"

* Am Hitler-Geburtstag auf dem Obersalzberg vor dem Geschenktisch.

* Mitte: Dr. Heinrich Lammers, von 1933 bis 1945 Chef der Reichskanzlei.


DER SPIEGEL 5/1964
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Adolf Hitler - Anatomie eines Diktators