12.02.1964

PHOTO-PREISBINDUNG

Heiße Linsen

HANDEL

Die Kriminalpolizei leitete eine Großfahndung ein: In Frankfurt waren 402 fabrikneue Agfa-Kameras der Marke Optima, deren gebundener Verbraucherpreis 189 Mark beträgt, für rund 95 Mark feilgeboten worden. Kleinere Posten tauchten auch in Hamburg und an der Ruhr auf.

Bei der so preisgünstig offerierten Markenware, kombinierten Frankfurts Kriminalbeamte, müsse es sich um Diebesgut handeln. Und weil es in solchen Mengen nur im Agfa-Kamerawerk München erbeutet worden sein könnte, alarmierten sie die bayrische Kripo.

Die Kamerajagd endete in Nürnberg mit einer Überraschung: Versandhändler Photo-Porst hatte die Apparate bei der Agfa ordnungsgemäß gekauft, sie aus seinen Lagern gefegt und kurzerhand über Mittelsmänner zum halben Preis verramscht.

Damit hatte der Nürnberger gegen das Tabu der Preisbindung verstoßen und verfiel der Branchenfeme: Die Agfa AG, Tochter der Farbenfabriken Bayer. AG und Deutschlands größter Photokonzern, strich Hannsheinz Porst, "der Welt größtes Photohaus", aus seiner Kundenliste.

Der Beherrscherin des westdeutschen Photomarktes blieb keine andere Wahl. Mit dem augenfälligen Ausverkauf der Agfa-Geräte hatte der 41jährige Porst (Werbeslogan: "Wer ihn kennt, der schätzt ihn!") die Fragwürdigkeit der von der Photo-Industrie diktierten Preispolitik deutlich gemacht.

Der Handel erhält von den Lieferfirmen seit jeher für sämtliche Artikel einen Grundrabatt von 33,3 Prozent, der sich durch zusätzliche Mengenrabatte und Bonusstaffeln auf mehr als 50 Prozent erhöhen kann. Größere Händler sind dadurch in der Lage, Photoapparate oder Filme mit 30 Prozent Nachlaß zu verkaufen, ohne Not zu leiden.

Großabnehmer wie Hannsheinz Porst können im Einzelfall sogar mit der Hälfte des von den Herstellern vorgeschriebenen Endverbraucherpreises auskommen. Der durch heimliche Preissenkungen verursachte Mehrabsatz macht sich in jedem Fall bezahlt, zumal mit der Zahl der verkauften Geräte auch der Bonus steigt, den die Hersteller den Händlern am Jahresende kredenzen.

Mit dem reichen Rabattsegen wollen die Produzenten die Verkaufsbemühungen des Handels stimulieren. Sämtliche Hersteller leiden unter Produktions -Überdruck. Zwar drosselten sie die Kamerafertigung von über drei Millionen Stück im Jahre 1961 auf 2,6 Millionen 1962. Zugleich aber steigerte die japanische Konkurrenz ihren Ausstoß von 2,4 auf 3,1 Millionen Stück. Die Japaner exportieren bereits mehr Schmalfilmgeräte in die Bundesrepublik als im gesamten Bundesgebiet produziert werden.

So bleibt der Handel immer wieder auf seiner Rabattfracht sitzen. Die Fachhändler versuchen dem Übel mit versteckten Preissenkungen zu begegnen, oder sie schieben ihre überständigen Knipskästen in die Schweiz ab.

Zürich ist der große Umschlagplatz. Discounter und Duttweilers Migros-Genossenschaft bieten die stolzesten deutschen Marken in Originalverpackung mit Verzollungsausweis und Garantiekarte 20 bis 40 Prozent unter Festpreis an: die vollautomatische Kodak-Instamatic, die Agfa-Optima, die Zeiss-Contessa matic, die Leitz-Leica, die Rolleiflex, die Voigtländer-Ultramatic und die Minox. Der Züricher Photo-Discounter E. von Känel offeriert den Agfa-Umkehrfilm für Farbaufnahmen, der in der Bundesrepublik 13,50 Mark kostet, ab Lager oder im Postversand für 7,10 Mark.

Um größere Rückwirkungen des Schleudergeschäfts auf den deutschen Markt zu verhindern, verstärkte die Photo-Industrie die Kontrolle über den Einzelhandel. Er ist verpflichtet, den beim Kartellamt registrierten Festpreis einzuhalten. Einige Hersteller, wie zum Beispiel die Zubehörfirma Carl Schneider KG bei Darmstadt, verlangen sogar, daß der Handel auch die - völlig unverbindlichen - Richtpreise nicht unterschreitet.

Wer billiger verkauft und dabei erwischt wird, riskiert Vertragsstrafen oder gar Liefersperren. Trotzdem sind in Frankfurter und Kölner Einzelhandelsgeschäften gegenüber verläßlichen Kunden 20 Prozent Preisnachlaß die Regel.

Bezeichnend für die Absatzkämpfe am Photomarkt ist, daß sogar alte Markenfirmen die eigenen Festpreise unterlaufen. So verkauft die Firma Gevaert in Braunschweig ihre Filme, die unter dem Markennamen "Gevapan 27" sonst 3,40 Mark kosten, über das Versandhaus Quelle als "Revue 17" für 2,25 Mark.

Neckermann macht sogar 45 Prozent Rabatt möglich: Seine Hausmarke "Panfilm" zu 1,85 Mark, an der auch noch ein Zwischenhändler verdient, kostet unter dem offiziellen Markennamen - den das Versandhaus diskret verschweigt - 3,40 Mark.

Mit der Markt-Überwachung und dem Aufspüren abtrünniger Händler hat die Industrie die Deutsche Revisions- und Treuhand-AG (Treuarbeit) beauftragt. Sie unterhält auf Provisionsbasis arbeitende Testkäufer. Firmen wie Agfa, Kodak oder Leitz zahlen der Treuarbeit die Spesen und obendrein jeweils 10 000 Mark Pauschalhonorar im Jahr.

Die bundeseigene Treuarbeit freilich geriet bei ihrem Kampf gegen die Photo -Preisbrecher unlängst selbst mit dem Gesetz in Konflikt. Wegen Verstoßes gegen das Rechtsberatungs-Mißbrauchsgesetz erwirkte der deutsche Anwaltverein in Hamburg gegen das Fahndungsinstitut eine Einstweilige Verfügung und erhob zugleich Unterlassungsklage.

Da die Preisbindung in der bisherigen Form längst nicht mehr marktgerecht ist und lediglich bequemen Händlern und unbeweglichen Fabrikanten als Kalkulationsersatz dient, drängt neuerdings sogar die Agfa auf realistische Händlerrabatte. Das Vorhaben scheiterte bisher am Widerstand der Konkurrenz.

So war Hannsheinz Porst über die gegen ihn ausgesprochene Liefersperre verblüfft, zumal er jährlich für rund 20 Millionen Mark bei den Agfa-Werken einkaufte. Porst: "Ich bewundere die Härte der Agfa."

Im übrigen hat die Aktion der Agfa -Werke Porst in seinem Bemühen bestärkt, sich eigene Photoläden zuzulegen. Seine industriefrommen Katalogpreise, so erkannte der Nürnberger, wurden vom Fachhandel immer wieder durch heimliche Kundenrabatte unterboten. In Hamburg, Bremen, Hannover, Dortmund, Mannheim und Krefeld installiert er zur Zeit eine Kette von zunächst 50 Photo-Porst-Läden.

Als Einzelhändler kann auch Porst das unrealistische, von der Industrie diktierte Festpreissystem unterlaufen, ohne Liefersperren der Hersteller riskieren zu müssen.

Porst-Laden in Homburg

Luft in den Preisen

Photohändler Porst

Kripo auf der Fährte


DER SPIEGEL 7/1964
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