12.02.1964

„EHER JLOBE ICK AM TOTALEN SIEG“

Hitler liebte Witze. Beim Lachen schlug er sich auf die Schenkel oder hielt sich die Hand schräg vor Augen und Mund. Hitler war selbst ein guter Witze-Erzähler; Tonfall, Mimik und Dialekt anderer konnte er tauschend nachahmen. Für Hitlers Untertanen dagegen bedeuteten politische Witze weniger Frohsinn als Gefahr. Doch trotz
Volksgerichtshof und KZ waren die Scherze über das nationalsozialistische Regime und seinen Führer niemals auszurotten. Der Zeithistoriker und Pädagoge Professor Hans-Jochen Gamm hat in einem jetzt erschienenen Buch, dem nachfolgende Auszüge entnommen sind, als erster den "Flüsterwitz im Dritten Reich" gesammelt und untersucht*.
Hitler hat eine Audienz, bei Hindenburg. Als dieser wieder allein ist, ruft er seinen Adjutanten zu sich und fragt ihn: "Seit wann trägt denn Brünig einen Schnurrbart?"
Ein Engländer wird nach seinem Deutschlandbesuch gefragt, wie er die Deutschen gefunden habe. Er antwortet: "Oh, sie gefallen mir sehr gut, sie sind ehrlich, intelligent und nationalsozialistisch. Nur schade, daß diese drei Eigenschaften nie zusammentreffen. Ein Deutscher hat immer nur zwei davon. Entweder ist er ehrlich und intelligent, dann ist er nicht nationalsozialistisch, oder er ist intelligent und nationalsozialistisch, dann ist er nicht ehrlich, oder er ist ehrlich und nationalsozialistisch, aber dann ist er nicht intelligent."
Tünnes und Schäl gehen übers Feld, und der Tünnes gleitet plötzlich im Unflat aus, so daß er fast zu Fall kommt. Zackig reißt er die rechte Hand hoch und brüllt: "Heil Hitler!" "Biste jeck?" fragt der Schäl besorgt. "Wat machste denn für Kappes! Et es doch kein Mensch in der Näh'!" "Ich mach' et jenau nach de Vorschrift", antwortet der Tünnes bieder; "denn es heißt doch: Trittst du in ein Geschäft hinein, so soll dein Jruß 'Heil Hitler' sein."
Zehn kleine Meckerlein, die saßen einst beim Wein;
der eine machte Goebbels nach, da waren es nur noch neun!
Neun kleine Meckerlein, die hatten was gedacht; dem einen hat man's angemerkt, da waren es nur noch acht!
Acht kleine Meckerlein, die hatten was geschrieben; -
dem einen hat man's Haus durchsucht, da waren es nur noch sieben!
Sieben kleine Meckerlein, die fragten einmal "schmeckt's?"
der eine sagte "Schlangenfraß", da waren es nur noch sechs.
Sechs kleine Meckerlein, die schimpften auf die Pimpfe, der eine sagte "Lausepack", da waren es nur noch fünfe.
Fünf kleine Meckerlein, die saßen am Klavier; -
der eine spielte Mendelssohn, da waren es nur noch vier.
Vier kleine Meckerlein, die kannten Dr. Ley; der eine wußte was von ihm, da waren es nur noch drei.
Drei kleine Meckerlein, die nannten Mythos "Dreck"; -
da holte PG Rosenberg gleich zwei von ihnen weg.
Ein kleines Meckerlein ließ dies Gedicht mal sehn; man brachte es nach Dachau hin, da waren es wieder - zehn.
Göring sagt zu Goebbels: "Ich habe bemerkt, daß die Leute nicht mehr mit Heil Hitler grüßen. Wie wäre es, wenn Sie zur Abwechslung wieder mal Guten Tag propagierten?" Darauf antwortet Goebbels: "Ausgeschlossen, solange unser geliebter Führer lebt, wird es keinen guten Tag mehr geben!"
Heß ist Churchill vorgestellt worden, der ihn fragte: "Sie sind also der Verrückte?" Worauf Heß antwortete: "O nein, nur sein Stellvertreter."
Im KZ treffen sich zwei alte Bekannte. "Warum bist du denn hier?" "Ich habe am 5. Mai gesagt: 'Heß ist verrückt'. Und du?" "Ich habe am 15. Mai gesagt: 'Heß ist nicht verrückt'."**
1935 schickt Hitler von Papen nach Rom, den Papst für den Nationalsozialismus zu gewinnen. Doch von Papen hat keinen Erfolg. Auch Goebbels ist nicht sehr erfolgreich, er bringt nur einen kleinen Beitrag für die NSV mit. Da wird Göring auf den Weg geschickt. Drei Tage später empfängt Hitler ein Telegramm von Göring aus Rom: "Auftrag ausgeführt. Papst tot. Vatikan brennt. Tiara paßt. Dein Heiliger Vater."
Adolf Hitler besucht die Staatskrankenanstalt Friedrichsberg, die früher die Bezeichnung Irrenanstalt trug. Die Patienten sind im geschlossenen Block aufgestellt und begrüßen ihr Staatsoberhaupt infolge langer Instruktion sehr hübsch mit dem Deutschen Gruß. Adolf sieht jedoch, daß sich einige Arme nicht zum Gruß erheben. Befremdet fragt er: "Warum grüßen Sie denn nicht?" Worauf ihm geantwortet wird: "Mein Führer, wir sind doch nicht verrückt; wir sind die Wärter!"
Volksstimmung 1942. Hitler möchte direkt erfahren, wie das Volk über ihn denkt. Er verschafft sich eine Perücke, schneidet sich den Bart ab
und begibt sich auf die Straße. Den ersten, den er trifft, fragt er: "Wie denken Sie über den Führer?" Der Mann flüstert: "Das kann ich Ihnen hier auf der Straße nicht sagen" und führt Hitler in eine Seitengasse, betritt mit ihm ein Hotel, geht mit ihm in ein Zimmer, sieht dort unters Bett, verschließt die Tür, kontrolliert die Schränke und deckt das Telephon mit einem Kissen zu. Dann nähert er sich Hitler und flüstert ihm ins Ohr: "Ich sympathisiere mit dem Führer."
Im vollgestopften Luftschutzkeller sagt ein Luftschutzwart: "Wenn wir den uns aufgezwungenen Krieg bloß nicht angefangen hätten!"
Eines Tages ließ sich Hitler in einem Boot von Hermann Göring insgeheim aufs Meer hinausrudern. "Reichsmarschall", sagte er, als sie ein Stück weit draußen waren, "kann man uns vom Lande aus noch sehen?" "Nein, mein Führer", meldete Göring, nachdem er sich vergewissert hatte, worauf Hitler über den Bootsrand kletterte und nach biblischem Muster auf dem Wasser zu wandeln versuchte. Natürlich versank er, und Göring konnte ihn grad noch am Kragen wieder ins Boot ziehen. Nachdem Hitler tüchtig Wasser ausgespien hatte, klopfte er mit dem Knöchel schulmeisterlich auf die Bootsbank und stellte fest: "Dann hat es der andere auch nicht gekonnt!"
Hitler zu Mussolini: "Italien ist zu beneiden. Über Italien lacht immer der blaue Himmel." Darauf antwortet Mussolini: "Was heißt das schon? Über Deutschland lacht doch die ganze Welt!"
Als es schon gefährlich war, ein Wort des Bedenkens zu äußern, sagte der Berliner: "Eher det ick mir meine Riebe abhacken lasse, eher jlobe ick am totalen Sieg!"
Die Naziherrschaft ist zu Ende. Das Urteil ist gesprochen. Hitler, Göring und Goebbels hängen am Galgen.
Da wendet sich Göring noch einmal rechthaberisch zu Goebbels und röchelt ihm zu: "Ich habe es dir ja immer gesagt: Die Sache wird in der Luft entschieden!"
* Hans-Jochen Gamm: Der Flüsterwitz im Dritten Reich". List Verlag, München; 224 Seiten; 14,80 Mark.
** Rudolf Heß flog am 10. Mai 1941 nach England.

DER SPIEGEL 7/1964
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