12.02.1964

DIE SIEGER ERGRIFFEN DIE FLUCHT

Erst wurde der Schnee vorgefahren, dann auf dem Schnee ein Schlittengespann mit allem, was sich an Medaillenträgern hatte zusammenkratzen lassen. Die Zuschauer daheim sollten ihrer Fernsehtruhe nicht entnehmen müssen, dies sei ein Olympia-Ball ohne Weiß und ohne Olympia-Sieger.
Den zahlenden Augenzeugen allerdings, die in der vorgeschriebenen Abendkleidung auf der von Staubwolken umnebelten Bergstraße von Innsbruck in die Axamer Lizum emporbrausten, wurde es schwer, sich ihre Illusionen zu bewahren. Notgedrungen bemerkten sie den Bauschrott rings um das "Sporthotel Olympia" sowie den Unmut der drinnen nervös auf ihren Stühlen herumrutschenden Olympioniken Sjoukje Dijkstra, Regine Heitzer, Karl Schranz oder Egon Zimmermann denen es ihrerseits bald gedämmert hatte, daß sie hier nicht in einem Schi-, sondern in einem Schischi-Hotel gelandet und als sportlicher Vorwand, für eine gesellschaftliche Nabelschau gedacht wären.
Ulrich Grahlmann, der schöne Programmdirektor der Mainzer Tele-Anstalt, die bei dem Schweizer Produzenten Werner Schmid für eine Viertelmillion Mark das deutsche Monopol an dem olympischen Ballvergnügen mit Vico Torriani, Heidi Brühl, Lill Babs, Peter Kraus, Toni Sailer und Luis Trenker eingekauft hatte, betrachtete den abendlichen Auftrieb in der Lizum nicht ohne Mokanz: "Wir wollen hier möglichst ein bißchen Prominenz ins Bild bringen, das ist alles." Und Eddie Fisher, der für 900 Dollar in der Minute 25 Minuten lang Gesang zusteuern sollte, stopfte sich sein Pfeifchen mit dem goldenen Deckel und grinste mich an: "Was heißt hier Sport? Glaubst du, was ich da mache, ist kein Sport?"
Die Hälfte des Olympia-Balls, wie ihn die Fernsehkunden am vergangenen Freitag von Mainz gesendet bekamen, war schon Wochen vorher produziert worden, zum Teil im Schweizer Schneeort Arosa. Das große Fest im Hotel, bei dem nicht einmal Innsbrucks Bürgermeister Lugger einen anständigen Tisch bekam, hatte lediglich den Zweck, einer routiniert vorbereiteten Fernsehkonserve die olympische Würze zuzusetzen. Wie fast immer bei den olympischen Fernseh-Spielen von 1964, bekam der Teilnehmer am Gerät dabei eine Version frei Haus geliefert, die sich der Wirklichkeit überlegen zeigte.
Trotzdem: Auf die Verheißung hin, selbst ins Bild zu kommen und einen Abend lang privilegierte Gesellschaft zu mimen, hatte sich eine so starke Nachfrage - speziell aus der deutschen Lebewelt - ergeben, daß der schillernde Wiener Projektemacher und Kommerzialrat Erwin Klein als Hausherr des noch neubaufeuchten Olympia-Hotels nicht umhinkonnte, für mehr Gäste Eintrittskarten zu 500 Schilling auszugeben, als überhaupt Platz finden konnten.
Glänzend von Schweiß, Perlen und edlem Gestein, eingepfercht zwischen Säulen, Scheinwerfern und Kameras, herumkommandiert von überreizten Mainzelmännchen, durchlitten die Repräsentanten deutscher Lebensart vom Blatzheimchen Magda Schneider bis zur Berliner Müllabfuhrunternehmersgattin Barbara Lüder, geborene Valentin, vom Immobilien-Sprinter Armin Hary bis zum frischgeschiedenen Westentaschen-Playboy James Graser ("Man muß sich eben auch mal auf die olympische Bobbahn werfen") für ihr gutes Geld eine schwere Nacht.
Der Herr Kommerzialrat, dem die österreichische Nation das Sprudelwasser "Almdudler" dankt, nützte die Gelegenheit, dem Publikum für weitere 500 Schilling eine sensationelle Einheitsverpflegung aufzutischen, bestehend aus Sekt und kalter Platte.
Dafür wurden sie an ideellen Werten reich entschädigt: Der Verflossene der göttlichen Liz, noch immer ungeschieden, stand leibhaftig vor ihnen, winzig, witzig, natürlich auch ein bißchen Taylormade, und füllte sich vor ihren Augen mit doppelten Whiskys. In einer Ecke konnten sie den Stuttgarter Starjuwelier Werner Schilling sprungbereit sitzen sehen, der einigen gelernten Après -Ski-Hasen für fünf Millionen Mark unversicherten Schmuck angeheftet hatte, um das gute Fernsehlicht zu nützen. Und schließlich: Der Schah schlief unter dem gleichen Dach. Oder vielmehr, nach dem, was man über seine Hellhörigkeit und die des Hauses gehört hatte, schlief wohl nicht.
Nur durch die islamische Fastenperiode Ramadan war er abgehalten, unter ihnen zu weilen, und - wie es seine Art ist - mit der Fußspitze den Takt der Schlager zu klopfen. Statt dessen gab es immerhin Hotelgäste, die mit dem schlichten, vornehmen Kaiser das winzige Schwimmbecken des Olympia-Hotels geteilt hatten; nur der Juwelier mußte einschränken, ihn habe man doch aus der Sauna getrieben, als der entblößte Schahinschah hineinwollte.
Dabei habe ihn der persische Hofstaat andererseits für würdig erachtet, der Kaiserin Farah einen 20karätigen Rubin für eine Million Dollar zu besorgen, eine Sache, die selbst ein Mann mit den internationalen Verbindungen eines Schilling "nicht ohne weiteres darstellt". Die Kaiserin hat ja, muß man wissen, seit einiger Zeit diese Schwäche für blutrote Steine; einen von elf Karat (550 000 Dollar) trägt sie bereits am Finger, doch ist das eben noch nicht das Äußerste, wenn man so sagen darf.
Eine Aura des Unwirklichen umgibt dieses Olympia-Hotel, das, im Goldgräbertempo aufgemörtelt, schon nach wenigen Wochen wie eine abgenutzte Filmkulisse anmutet, mit deren Abbau jeden Augenblick zu rechnen ist. "Geh' weiter, jetzt geh'n mir", sagt der rotbackige Abfahrtsläufer Karl Schranz in kurzen Abständen zu seinem Arlberger Freund Egon Zimmermann und den anderen Tischgenossen aus dem Olympischen Dorf.
Alle blicken sie unbehaglich auf die verschwenderisch mit künstlichen Blumen geschmückten Wände, auf das Gedränge der eitlen Leute, die Kabelstränge am Boden, über die fortwährend die Kellner stolpern, die Bar, an der die Smoking -Männer in Trauben hängen.
Für die Eislaufsiegerin Dijkstra ist es der erste Ball ihres Lebens, und sie versichert, sich wie in Atemnot an die Kehle fassend, so befremdlich habe sie sich das nicht vorgestellt. Nur Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler, gefolgt von ihren unentbehrlichen Müttern, tauchen ohne langes Zögern in der vertrauten Umgebung unter.
Man hatte den Sportlern versprochen, um 23 Uhr sei für sie alles vorbei, ihrer Abfahrt ins Olympische Dorf stehe dann nichts mehr im Wege. "Heraufgelockt", schimpfte Egon Zimmermann, seien sie worden, "wie Marionetten" wolle man sie hier auftreten lassen.
Kurz vor Mitternacht waren die Mainzelmänner nämlich noch nicht soweit. Erst als Zimmermann und Schranz mit roten Schädeln davonwollten und auch Heinz Maegerleins Anwesenheit die olympische Jugend nicht mehr bei der Stange hielt, versuchte man - "Achtung, Ampex ist gestartet, bitte zehn Sekunden Ruhe!"
- überstürzt doch noch eine für das Gesamtbild wünschenswerte Szene mit den bitte recht freundlichen Olympiasiegern einzufangen.
Die schwedische Schallplattenschönheit Lill Babs setzte zur Verfolgung an, nötigte, ihr Olympialiedchen trällernd, dem wegstrebenden Schranz allerlei Zärtlichkeiten auf, zog ihn an seiner roten Olympia-Krawatte und konnte so den gewaltsamen Auszug der Sportler noch bis fünfzehn nach zwölf hinauszögern.
Gekümmert hatte sich kaum jemand um sie. Nun, nachdem sie ihre Funktion erfüllt hatten, schienen sie auch von niemandem vermißt zu werden. "Der Sporthotel-Kommerzialrat", so wütete tags darauf der Münchner Sport-Kolumnist Rolf Gonther (Revisor), "spazierte durch den überfüllten Mahlzeiten-Raum, als sei er König ... Ich kann mir nicht vorstellen, daß dieser Mann ein Herz für die Sportler hat."
Der Ex-Olympionike Armin Hary, seit einer Weile schon bemüht, auf dem Münchner Immobilienmarkt Anteile an der Olympischen Hotel-AG des Kommerzialrats loszuschlagen, gab an der Bar zu verstehen, die Nachfrage gebe zu königlichem Selbstbewußtsein keinen Anlaß.
"Was hier los ist, reicht für dreimal Tim Frazer", stöhnte Heidi Brühl, die erst ziemlich spät entdeckt hatte, daß außer ihr noch drei der engagierten Kollegen auf dem Olympia-Ball das Lied vom Mackie Messer vorzutragen beabsichtigten. Sie und Peter Kraus ließen sich zu einem freiwilligen Verzicht auf das Stück bewegen.
Zwischen Vico Torriani und Eddie Fisher jedoch kam es unter abgefeimten Höflichkeiten zu einem toten Rennen. "Was ischt jetzt nachher?" bohrte der Troubadour aus Graubünden, als der lederhäutige Eddie einmal außer Hörweite war, "wer macht es jetzt, er oder ich?" Der Produzent beruhigte ihn: "Laß ihn doch, Vico! Soll er's ruhig singen. Wir schneiden's 'raus."
Aber so sicher war Torriani da doch noch nicht: "Ihr schneidet das meine 'raus, gelt?" Sein Produzent, die Sanftmut in Person: "Das Gegenteil, Vico, das Gegenteil ischt der Fall." Endlich nickte der Sänger zufrieden: "Das könnten Sie sich mit mir ja auch nicht leisten."
Bis zum Beginn seiner 22 000-Dollar -Nummer war Eddie Fisher dann so mit Alkohol getränkt, daß man an ihm ein kleines olympisches Feuer hätte entzünden können. Er warf zum Entsetzen vieler wohlangezogener, wohlanständiger Wohlstandsbürger Jackett und Selbstbinder hinter sich und zog, schweißnaß, statt der vereinbarten 25 Minuten eine imposante Ein-Stunden-Schau ab, bis man ihn mit sanfter Gewalt vom Mikrophon entfernte.
Als im weiteren Verlauf der olympischen Ballnacht plötzlich die Ampex -Technik der Mainzer und bald darauf die um ihren Auftritt betrogene Heidi Brühl zusammenbrachen, machte sich im Publikum ein rapider Stimmungsumschwung bemerkbar. Bis zum letzten Ampex-Moment Haltung bewahrend, teilweise synchron mit jedem Kameraschwung hierhin und dorthin laufend und lächelnd, erkannte es schlagartig die Aussichtslosigkeit seines Bemühens, und ein Brausen des Unmuts erhob sich im glühheißen Saal.
Eilfertig pflückte der Juwelier Schilling seine fünf Millionen von den Ohrläppchen und Dekolletés der Mannequins: "Ich mache Schluß, ich haue ab, mir reicht's." Auf den Gedanken, daß man das Programm auch ohne Fernsehen weiterlaufen lasten könnte, kam kein Mensch. Lieber sollte Heidi Brühl für ihre Gage die Kissen naß weinen als der geschlossenen Gesellschaft etwas singen.
Toni Sailer war mit unfreundlichen Worten abgezogen, und die Ansagerin Maria Perschy, die laut Text vom Sport zu reden gehabt hätte, der samt Sportlern "im Mittelpunkt des Festes" stehe, klagte verbittert jeden an, der ihr in die Nähe kam: "Nicht einmal einen Stuhl habe ich, nein, nicht mal das."
Almdudler-Klein ging auf Fernseh -Schmid los, rüttelte an dessen schmalen Schultern und machte ihn für die Pleite verantwortlich, worauf sich der andere, mit einem olympischen Glühen in den Augen, seiner erwehrte: "Du bist schuld, du hast mir ja statt 250 Leut' 500 hereingelassen."
Selbst die Müllionärin Barbara, geborene Valentin, die einst für Augenblicke vor der Kamera viel gegeben hatte, machte über ihrem unermeßlichen Ausschnitt ein erzürntes Gesicht. "Unerhört", sagte sie zu so viel ergebnislosem Wirbel, "hier wird man ja behandelt wie in einem Filmatelier!"
Hinter einer Kamera hervor wankte unrasiert der Olympia-Ball-Regisseur Ulrich, ein erschöpfter Mensch mit einem Rollkragen, umarmte Vico Torriani und flüsterte ihm ins Ohr: "Wir machen alles noch mal, Vico. Morgen machen wir alles noch mal!"
Ballsänger Fisher: Schischi ohne Schah
Ballgäste Kilius/Bäumler
Morgen alle noch mal

DER SPIEGEL 7/1964
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