12.02.1964

DIE HÄSSLICHEN DEUTSCHEN

Dr. Ulrich Sonnemann, 52, Schriftsteller und Psychologe, kehrte 1955 aus der amerikanischen Emigration nach München zurück und veröffentlichte 1963 kritische "deutsche Reflexionen" unter dem Titel "Das Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten", im letzten Herbst den Roman "Die Dickichte und die Zeichen".
Siebenundzwanzig Tage arbeitet sich die "Vera" des Norddeutschen Lloyd durch die Wasser des Atlantik; zwanzig Jahre lang sich Katherine Anne Porter durch das Geschehen an Bord. Das in Amerika längst sagenhafte Produkt, der Roman von 1962 drüben, liegt jetzt deutsch vor. Der Ruf, der ihm vorauseilt, ist noch anspruchsvoller als das Buch dick.
Seine Dicke ist aber außerordentlich, und es entspricht dem der Ehrgeiz des Werkes: in der zusammengewürfelten, dreisprachigen Reisekumpanei, einem isolierten menschlichen Beobachtungsfeld, das 1931 von Veracruz, Mexiko, nach Bremerhaven schwimmt, die menschliche Gesellschaft überhaupt in den Griff zu bekommen, das Närrische an ihren Hoffnungen, die Hoffnungslosigkeit in ihrer Narretei. Gerade das Wimmeln und Warten, die Suspendierung der Alltagsexistenz, dieser leicht etwas leere Schwebezustand auf einem den Ozean langsam querenden Frachter, begünstigt ein so olympisches Vorhaben, und das dürfte sich Miß Porter auch gesagt haben.
Bescheidener aber als die Götter, die von Jigsawpuzzle-Mosaiken nichts wußten, überhaupt weder Moral noch Methode hatten, würfelt sie nicht; sondern fügt, bedächtig und scheibchenweise, ihre eigene Welterfahrung mit den zuverlässigen Ansichten der "New York Times" (Jahrgang 1942) zu etwas wirklich Munterem zusammen, worin nur die Trennlinien zwischen den beiden Scheibchensorten nicht so schwinden, daß man sie nicht ausmachen kann. Wie, wenn sie auf die zweite ganz verzichtet hätte? Ihr Buch wäre munterer noch, aber eben lange nicht so monumental geworden, und der Kriegsaffekt von 1942 hätte 1962 das Nachsehen gehabt. Das konnte sie ihm nicht antun.
Was zustande kam, hat herrliche Seiten; nur ein Roman ist es nicht. Es hat keine wie immer geartete Klammer, das Einheitliche des Zustandes an Bord, das in der Abwesenheit wirklicher Hauptfiguren diese Rolle übernehmen müßte, der Konzeption nach deutlich übernehmen soll, kann sie nicht übernehmen, da es mangels eines kontrastierenden Hintergrundes selbst nicht wirklich wird: erst die Erscheinung eines Vorher und Nachher, der Erinnerungen und Hoffnungen in den Existenzen der Passagiere könnte ihn hergeben, und Miß Porters Versuche dazu gelingen ihr weit weniger als das je gegenwärtige Detail, das Schlaglicht, die Episode; sie ist eine Meisterin des Querschnitts, nicht des Längsschnitts, der Situation, nicht des Prozesses, sie kennt sich im Raum, nicht in der Zeit aus, ihr Fabulieren ist zeichnerisch; es ist nicht musikalisch.
Wo immer sie ihre Augen gebraucht, statt eine ihrer unerschütterlichen Überzeugungen, ist sie so großartig, kann es wenigstens sein, daß man sich in eine ihrer vorzüglichen Kurzgeschichten, die hinreißende psychologische Miniaturen sind, versetzt glaubt und recht daran tut, denn tatsächlich handelt es sich um eine Sammlung lose verknüpfter Kurzgeschichten, die zur gleichen Zeit am gleichen Ort spielen, anders als andere solche Sammlungen aber miteinander vermengt, gleichsam durcheinandergedruckt sind. Mit Erfolg bedient der Bericht sich denn auch gar keiner Mittel als solcher der Kurzgeschichte; die Reise währt weniger als einen Monat, sogar innerhalb dieses Zeitraums aber erweist sich die Kontinuität mehrerer Charaktere als brüchig. Manche der Figuren sind zu Zeiten wirklich da; zu andern wird ihr Dasein bloß behauptet.
Frau Rittersdorf, deren Aufgabe sich über 400 Seiten darin erschöpft, vermittels einer so verwickelten wie lächerlichen, nur leider gar nicht glaubwürdigen Tagebuchführung (ach, wie hätte das doch treffen können!) das strikt vorgesehene Dasein eines abstoßenden deutschen Gespenstes zu führen, muß erst auf Teneriffa spazierengehen, um ein (wie immer unangenehmer) Mensch zu werden: ein urinierender Eingeborenenknabe, der sie auch nicht ganz trifft, aber schockiert, bringt das zuwege. Ihrer Autorin entgeht dabei, daß sie Frau Rittersdorf in eine Bostonerin verwandelt hat, und diesem Umstand muß es zuzuschreiben sein, daß Frau Rittersdorf das selbst gar nicht merkt. Was ist es mit dem berühmten Deutschenhaß des Monumentalwerkes? Von Brant, Sebastian, bis Brahms, Johannes, verharrt es von dem Land, das es verabscheut, in ausdrücklicher motivischer Abhängigkeit, und ebenso unstimmig ist das Verhältnis des Hasses zu den Darstellungsmitteln: er bringt sie in Unordnung. Es gibt Haß, der die Beobachtung schärft, und andern, der sie abstumpft, gar ersetzen soll - hier gibt es beides.
Je nach der Scheibchensorte, die die Porter gerade verwendet.
Aber daß, in der englischsprechenden Welt, die bissigen hits und die bloß massiven und massierten Invektiven so gewissenhaft unterschieden werden, ist wenig wahrscheinlich, und inzwischen hat das Buch dort eine Breitenwirkung, vor der den Kopf in den Sand zu stecken am allerwenigsten sich empfiehlt. Vor fünfzehn Jahren wäre diese Wirkung auch möglich gewesen; vor zehn nicht, denn damals erwartete man mit Spannung den Auftritt eines völlig anderen Typus von Deutschen, erwartete ihn in der hiesigen Politik und Gesellschaft, nicht bloß als begabten Einzelgänger, der von deutschen Hochschulen Inzwischen an amerikanische abwandert. Das Maß, wonach der fulminante Erfolg des Romans seit fast zwei Jahren sich bestimmt, ist die Tiefe der Enttäuschung über die fortdauernde menschliche Häßlichkeit unserer Zustände.
Und er ist großenteils gerechtfertigt, denn es gibt in dem Buch vieles Geglückte. Wie es einem amerikanischen Paar nicht gelingen will, auf diesem deutschen Schiff sein Deutsch zu üben, weil alle Deutschen es für höflich halten, französisch oder englisch zu sprechen. Und großartig getroffen das selbstgefällige deutsche Professorenpaar, dessen Hund, von Kindern über Bord geworfen, von einem Basken aus dem Zwischendeck, der dabei ums Leben kommt, gerettet wird: der Kontrast zwischen pedantischer Theorie und verkommenster Praxis, der Würdepose eines äußersten Anspruches auf sittlich humane Erhabenheit und der äußersten Schäbigkeit des Versagens vor der praktischen Herausforderung des simplen Anstands. Diesen Professor, welcher listigerweise Hutten heißt, ach, man erkennt ihn sofort; wie sollte es ihn damals nicht gegeben haben, da es eben diese seine Feigheit so erinnerlich in den Jahren darauf gab, und wie gäbe es ihn, nur hat er es seither vielleicht irgendwo zum Kultusminister gebracht, nicht noch heute?
Aber immer greift die Porter daneben, wo es Bewußtseinszustände, die nicht am Augenblick haften, zu zeichnen gilt - vorausgesetzt, in der Regel, daß es keine amerikanischen sind. Sie stoppelt dann Leitartikel, Spruchbänder, klebt sie den Verhaßten, emotionell und motorisch oft so überzeugend Skizzierten, völlig willkürlich an den Mund, ein wenig nach der Comic-Strip-Manier; selbst die Huttens bleiben davon nicht frei. Von irgendwelcher Konsistenz und Konsequenz der Optik, wie sie an ihr gerühmt worden ist, kann dabei keine Rede sein, sie typisiert von außen, wo sie haßt, und individualisiert von innen, wo sie an Landsleute gerät; im Fall zweier Deutscher (Freytag, Dr. Schumann), die dann auch mitten auf dem Ozean abrupt ihre Charaktere verbessern, tut sie erst das erste, dann das zweite. Die Konzeptionen selbst scheinen zu wechseln - vielleicht störte sie ihre Einseitigkeit.
Und völlig falsch ist das deutschjüdische Verhältnis 1931 gesehen. Einerseits verzerrt, andererseits verharmlost: sie betätigt sich als retrospektive Prophetin, weiß weder etwas vom Ausmaß der biologischen und gesellschaftlichen Verschmelzung, die nur und gerade in Deutschland damals in Wirklichkeit schon erreicht worden war, noch versteht sie, wo, im deutschen Bewußtsein von damals, im Unterschied zum impulsiven Negerhaß ihrer südstaatlichen Landsleute, der Antisemitismus eigentlich saß, der rein theoretisch, in einem Theoretikervolk eben darum dann praktisch viel gefährlicher war - wie er alles mit einer verlogenen Mythologie, nur mit persönlichem Rassenstolz gar nichts zu tun hatte; aber kann man erwarten, daß das Unverständliche verstanden wird? So projiziert sie, was für den Ku -Klux-Klan gilt, in einen deutschen Schiffskapitän, der in seiner krassen, aber gestückelten Charakterschwärze eine 600 Seiten lange Behauptung bleibt, und macht überdies (1931!) alle Deutschen außer einem, der mit einer Jüdin verheiratet ist, zu Antisemiten, der eine muß den Tisch des Kapitäns verlassen, als es aufkommt
- wahr daran ist nichts: so primitiv
und so einförmig war die deutsche Gesellschaft 1931 noch nicht. Sie ist es, auf etwas andere Facon, heute: noch das Tabu, mit dem man den Antisemitismus, statt ihn auszuwachsen, inzwischen belegt hat, hat was Eingepauktes von der Art der Porterschen Comic-Strip-Spruchbänder.
Die Klischees des Narrenschiffs stimmen jetzt, weil inzwischen die Menschen selber Klischees wurden: Verfälschungen für 1931, tragen sie, 1964 Fleisch und Blut geworden, den Staat. Wenn man ihrer Wirkung in der Welt entgegenarbeiten will, wird man folgerichtig, schon um der eigenen Glaubwürdigkeit willen, zunächst diejenige auslöschen müssen, die ihre zweibeinigen Versionen auf die bundesdeutsche Wirklichkeit ausüben.
Aber um sie wiederzuerkennen: in euch und um euch herum, solltet ihr das Narrenschiff lesen. Noch wo es falsch, ja von jener Plumpheit wird, die es euch ankreidet, bringt euch die Lektüre Gewinn. Das ganz unvermeidlich Verdummende in allem Rassismus - die Porter ist eine Rassistin. Sie denkt, außer wo sie hinsieht, in zoologischen Kategorien von den Menschen, den Gruppen, den Völkern, aber gefährlich könnte ihre Anthropologie schließlich am meisten für Amerika sein: wie der Fall der deutschen Feldwebelsfrau, die in Washingtoner Betten so viel Unruhe stiftete, kürzlich wieder gezeigt hat. Nach der Porterschen Lehre hätte es eine Spanierin sein sollen, denn so will es ein System von pokergesichtig zähen Klischees - und die skeptische, argwöhnische, ironische Katherine schluckt's ... Aber wo die Satirikerin in ihr, die nuancenbegabte Beobachterin, vor der Rassistin kapituliert, leidet Kalliope selbst. Sie erscheint dann auf dem Narrenschiff, ihr könnt sie erblicken, sie beugt sich über die Reling, das Antlitz blaß ... Sie leidet viel mehr als ihr.
Denn die Ironie ist alles oder ist
nichts; sie widersetzt sich ihrem Gebrauch als bloßes Stilmittel. Und sie mißtraut dem Apodiktischen, welches, widersinnig, diese puritanische Autorin so liebt. Etwa wenn sie, seltsam pedantisch, Herrn Löwenthal, den jüdischen Passagier auf der Vera, für seinen Glauben, auserwählt zu sein, streitbar tadelt - mit statistischen Argumenten. Oder, gleich ernsthaft, in den Marginalien, die der Verlag mit dem Riesenwerk selber herausbrachte, feierlich beteuert, auch bloß Narrenschiff-Passagierin zu sein. "Neuigkeiten weiß sie ..."
hörten wir Herrn Löwenthal vergnügt zu der frappierenden Eröffnung bemerken. Nein, die Sunday School ist sie nicht losgeworden. Nur einen begründeten Groll.
Rowohlt
Verlag
Reinbek
600 Seiten
26 Mark
Sonnemann
Katherine Anne Porter

DER SPIEGEL 7/1964
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