19.02.1964

AUS MENSCHLICHKEIT TÖTEN?

SPIEGEL: Herr Professor, Sie wurden vor einigen Jahren im Zusammenhang mit den nationalsozialistischen Euthanasie-Aktionen öffentlich angegriffen. Sie räumten daraufhin Ihren Lehrstuhl in Kiel. Nun haben Sie in einem Buch vorgeschlagen, der Gesetzgeber sollte dem Arzt in gewissem, genau definiertem Umfang die Tötung vollidiotischer Kinder freigeben.
CATEL: Der Meinung bin ich allerdings. Freilich trifft auf die Maßnahmen, die ich für richtig halte, der Begriff "Euthanasie" eigentlich gar nicht zu. Und das, was ich fordere, hat auch mit dem, was die Verantwortlichen im Dritten Reich als Euthanasie ausgaben, nichts zu schaffen.
SPIEGEL: Wie sollte dieses Gesetz, an das Sie denken, die Euthanasie-Grenze für die Kinder ziehen?
CATEL: Zunächst muß ärztlich festgestellt sein, daß bei dem betreffenden Kinde keine seelische Regung vorhanden ist. Solche Feststellungen sind bei der Geburt häufig noch nicht möglich. Oft wird man also monatelang warten müssen, wieder und wieder untersuchen ...
SPIEGEL: Wie untersuchen Sie denn sechs oder acht Monate alte Kinder auf seelische Regungen?
CATEL: Es gibt da viele Indizien, die Auskunft geben können, nicht müssen. Ob das Kind nach der Flasche greift, ob es lächelt, wie sein Reflexverhalten ist.
SPIEGEL: Manche Kinder sind Früh-, andere sind Spätentwickler. Wie stellt man fest, ob das Kind im untermenschlichen Stadium verharren wird?
CATEL: Glauben Sie mir, es ist in jedem Fall möglich, diese seelenlosen Wesen von werdenden Menschen zu unterscheiden. Solange noch geringste Zweifel bestehen, müssen die Untersuchungen eben fortgesetzt werden. Irgendwann aber steht absolut fest, daß keine Entwicklung in Gang kommt: nichts als Lallen, keine sinnvoll gesteuerte Bewegung.
SPIEGEL: Das Fehlen des Außenweltkontaktes ist also entscheidend. Körperliche Fehler, wie etwa ein Wasserkopf, sind allenfalls Indiz für die fehlende Entwicklung zur Person.
CATEL: Indizien, ja, aber keine notwendige Voraussetzung für die begrenzte Euthanasie, wie ich sie mir vorstelle. Ich habe Kreaturen gesehen, die fraglos Vollidioten waren und dennoch äußerlich hübschen Kindern glichen. Auch aus diesen Wesen kann trotz intensivster ärztlicher und pflegerischer Bemühungen nichts herausgeholt werden. Sie bleiben auf der Stufe des Neugeborenen stehen. Für immer ...
SPIEGEL: Wirklich? Laien, aber auch Mediziner weisen in der Euthanasie -Diskussion regelmäßig darauf hin, daß niemand mit letzter Sicherheit vorhersagen könne, ob sich nicht doch im Zustand solcher Kinder eines Tages mit Hilfe neuer Therapien, neuer chemischer oder technischer Mittel eine Besserung herbeiführen lasse.
CATEL: Bisweilen gelingt es, der Entstehung einer Idiotie vorzubeugen. Ist die Idiotie vorhanden, so muß die ärztliche Kunst versagen.
SPIEGEL: Ist die Medizin hier schon auf gesichertem Grund?
CATEL: In 40 Jahren habe ich keinen Fall erlebt, in dem eine Besserung eintrat.
SPIEGEL: Ist Ihnen aus der Literatur ein Fall von Besserung bei einem von
der Medizin als unheilbar angesprochenen vollidiotischen Kinde bekanntgeworden?
CATEL: Keiner.
SPIEGEL: Gesetzt, es gäbe eine gesetzliche Ermächtigung zur Euthanasie an Kindern, wie sollte sich nach Ihrer Vorstellung der Vorgang von der medizinischen Diagnose bis zur faktischen Tötung abspielen?
CATEL: Am Anfang stehen die Untersuchungen, wie ich sie vorhin andeutete.
SPIEGEL: Und dann?
CATEL: Dann muß der Arzt, der die Diagnose gestellt hat, die Situation mit den Eltern durchsprechen. Er muß ihnen die Wahrheit sagen, nämlich, daß diesem Wesen nicht mehr zu helfen ist, daß es nie ein Mensch werden wird. Die Eltern haben zu entscheiden.
SPIEGEL: So oder so?
CATEL: Ja.
SPIEGEL: Wie geht es weiter, wenn die Eltern für die Euthanasie votieren?
CATEL: Der Arzt hat seine Diagnose gestellt, die Eltern haben ihre Zustimmung gegeben. Die letzte Verantwortung sollte nun bei einem Gremium von Ärzten und Laien liegen. Dieses Gremium ist für eine gewisse Dauer bestellt und tritt regelmäßig zusammen.
SPIEGEL: Eine Art Geschworene?
CATEL: So etwa. Doch dürfte die Euthanasie-Entscheidung leichter zu fällen sein als manches Urteil.
SPIEGEL: In der Bundesrepublik ist die Todesstrafe abgeschafft.
CATEL: Sehen Sie denn nicht, daß die Geschworenen stets über Menschen urteilen, wenn auch vielleicht über Verbrecher. Hier ist die Rede nicht von Menschen, sondern von Wesen, die lediglich von Menschen gezeugt wurden, die aber selber keine mit Vernunft oder Seele begabten Menschen sind oder je werden können.
SPIEGEL: Das ist Ihre Auffassung. Die Öffentlichkeit indes hat sich zwar an Indizien-Urteile gewöhnt...
CATEL: ... das ist noch ein wichtiger Punkt. Wenn Geschworene ihr "Schuldig" sprechen, so müssen sie doch stets damit rechnen, geirrt zu haben. Im Falle der idiotischen Kinder ist das Irrtumsrisiko auf den Nullpunkt heruntergesetzt. Verstehen Sie mich recht, die Vollidiotie, und nur die kommt ja in Frage, ist organisch bedingt und schlechterdings irreparabel. Da gibt es keine Therapien.
SPIEGEL: Wie möchten Sie Ihr Gremium zusammengesetzt wissen?
CATEL: Der zuständige Amtsarzt, mindestens zwei ärztliche Spezialisten, jedoch nicht der behandelnde Hausarzt ...
SPIEGEL: ... der den Ablauf in Gang gesetzt hat ...
CATEL: ... der scheidet aus. Ferner sollten ein Jurist und ein Theologe dabeisein. Schließlich muß eine Frau, eine Mutter, dazugehören.
SPIEGEL: Glauben Sie denn, Herr Professor, daß sich nach den nationalsozialistischen Exzessen, durch die jede Euthanasie auf offenbar lange Zeit diskreditiert wurde, überhaupt noch Personen finden lassen, die zur Mitwirkung bereit sind?
CATEL: Für die Gegenwart gebe ich mich wenig Illusionen hin. Im Augenblick bestehen ja auch noch keine Aussichten auf eine gesetzliche Regelung.
SPIEGEL: Und in der Zukunft?
CATEL: Ich bin wirklich überzeugt, daß sich eines Tages die Humanitas
auch hier durchsetzen wird. Man wird erkennen müssen, daß es menschlicher ist, die idiotischen Kinder von ihrem Unglück zu erlösen als sie zur Qual für ihre Angehörigen vegetieren zu lassen.
SPIEGEL: Sie sagen "menschlicher". Ihre Kollegen, die es grundsätzlich ablehnen, in fremdes Leben einzugreifen, berufen sich ebenfalls auf die Gebote der Menschlichkeit.
CATEL: Was soll ich dazu sagen. Ich kann nicht sonderlich viel Achtung für Kollegen aufbringen, die mit großer Lautstärke von Humanität und Lebenserhaltung sprechen und die gleichzeitig die Verzweiflung in den Familien mit einem idiotischen Kinde nicht sehen oder nicht sehen wollen. Wissen Sie, was es heißt, eine Mutter, die mit ihrem vollidiotischen, absolut unheilbaren Kind wieder und wieder in die Sprechstunde kommt, mit Phrasen zu trösten, die Untersuchungen zu liquidieren - und weiter keinen Finger zu krümmen?
SPIEGEL: Was sollten die Kollegen sonst tun?
CATEL: Wenn sie wenigstens darauf verzichteten, in Vorträgen emotionale, pseudo-moralische Ausführungen zu machen: Prufungen durch Leid, Schicksalsfügung und dergleichen Füllworte mehr. Jeder Arzt, der sich in der Praxis mit unheilbaren Idioten befassen muß, weiß von den bis zur Zerstörung reichenden Konfliktsituationen in den Ehen. Er kennt das immer neue Grauen beim Anblick der Monstren, die Auflösung sozialer Bindungen, das Ausbleiben weiterer, mit großer Wahrscheinlichkeit gesunder Kinder. Aber von alledem ist nicht die Rede.
SPIEGEL: Die Redner gehen wohl davon aus, daß vollidiotische Kinder aus den Familien genommen und vom Staat betreut werden, in Anstalten ...
CATEL: Aber nein. Die meisten vegetieren, dazu oft noch unzulänglich versorgt, in den Familien. Die Demoralisierung der Umgebung ist unvermeidlich - wenn es sich nicht um seelisch besonders stabile Angehörige handelt. Hier könnten jene Ärzte Menschlichkeit beweisen, indem sie so ein idiotisches Kind in ihre Familie aufnehmen, zu ihren eigenen gesunden Kindern. Um die verzweifelten Eltern zu entlasten, die vielleicht auch gesunde Kinder haben; es ist nicht einmal einer bereit, in die Anstalten für idiotische Kinder zu gehen, denen es an Pflegepersonal mangelt. Ich will es Ihnen sagen, warum: Der Anblick ist zu entsetzlich.
SPIEGEL: Sie sagten vorhin, es gebe auch Vollidioten, die äußerlich keine Schäden aufweisen.
CATEL: Die Monstren überwiegen bei weitem Idioten, denen äußerlich nichts anzumerken ist, sind selten. Da gibt es Wasserköpfe, fast größer als der übrige Körper, Kleinstköpfe, wie eine Faust, offene Schädel, in denen das Großhirn fehlt, Augen, die disloziert sind ...
SPIEGEL: Nicht einmal für diese krassen Fälle bieten die Anstalten Raum?
CATEL: Wir haben leider keine exakten Zahlen. Meiner Erfahrung nach vegetiert mehr als die Hälfte der vollidiotischen Mißbildungen in den Familien.
SPIEGEL: Wäre denn die Euthanasie an vollidiotischen Kindern nach Ihrer Auffassung überflüssig, wenn der Staat bereit wäre, genügend Anstalten zur Verfügung zu stellen?
CATEL: Jedenfalls wäre dann die Legitimation meiner Gegner, die behaupten, aus Menschlichkeit die Euthanasie abzulehnen, etwas besser als sie es heute ist. Die gesetzliche Regelung der Euthanasie in dem Umfange, wie ich es beschrieben habe, hielte ich aber dennoch für notwendig.
SPIEGEL: Warum?
CATEL: Auch der Anstaltsaufenthalt löst das Problem ja nicht. Die seelische Belastung der Eltern bleibt. Das Monstrum vegetiert weiter, sich selbst zur Qual.
SPIEGEL: Unterstellen wir einmal, daß ein Euthanasie-Gesetz in Ihrem Sinne beschlossen wäre, und auch, daß sich Gremien finden ließen, die bereit sind, die Verantwortung zu tragen. Wer soll denn die Exekutive übernehmen?.
CATEL: Daß wir uns nicht mißverstehen. Das Kollegium gibt keinen Tötungsauftrag, wie etwa ein Gericht. Es fällt lediglich einen Spruch, der in einer Tötungsberechtigung gipfelt.
SPIEGEL: Wem wird die Berechtigung übermittelt?
CATEL: Dem Hausarzt, der das Vertrauen der Eltern genießt, und von dem die Anregung ausgegangen ist.
SPIEGEL: Wie ist es nun, wenn dieser, Hausarzt zwar die Voraussetzung einer Euthanasie für gegeben erachtet, aber für seine Person die Exekutive ablehnt?
CATEL: Dann, so würde ich meinen, käme der Amtsarzt in Frage, von der Berechtigung Gebrauch zu machen.
SPIEGEL: Und wenn auch der Amtsarzt sagt: Ich mag diese Tötung nicht auf mein Gewissen nehmen.
CATEL: Wenn er es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann, dann braucht er auch nichts zu tun. Den Eltern bleibt dann nichts anderes übrig, als einen neuen Arzt heranzuziehen ...
SPIEGEL: ... der sich dann mit dem ersten Hausarzt und mit dem Kollegium erneut in Verbindung setzen muß.
CATEL: Ja.
SPIEGEL: Ist schon zweifelhaft, ob sich Ärzte finden, die bereit sind, die Nach-Richter-Funktion zu übernehmen, so erscheint fast noch fraglicher, ob Theologen in den Entscheidungs-Gremien mitarbeiten werden. Die Stellung beider Konfessionen zur Lebensvernichtung ist ja wohl eindeutig - vom Falle des Krieges einmal abgesehen.
CATEL: Lassen Sie mich zuerst auf die Protestanten eingehen. Vor der nationalsozialistischen Zeit, also im ersten Drittel des Jahrhunderts, gab es eine Reihe namhafter Theologen, die der Auffassung waren, es widerspreche der christlichen Ethik nicht, einem untermenschlichen Vegetieren - und jetzt zitiere ich wörtlich -, "das lediglich sich selbst zur Last fällt, abgesehen von der Belastung anderer, ein Ende zu bereiten".
SPIEGEL: Von wem stammt dieses Zitat?
CATEL: Von Ludwig Lemme. Lemme war Ordinarius in Bonn. Ähnliche Auffassungen vertraten übrigens Arthur Titius, ein sehr berühmter Mann, und Heinrich Weidel, der eine Ordinarius in Kiel, der andere in Jena. In Wesen, deren Seelenleben sich nicht über das Niveau pflanzlichen oder tierischen Lebens erhebt, könne keine Religiosität aufkommen. Solche Wesen hätten daher auch keinen Ewigkeitswert.
SPIEGEL: Gibt es einen zeitgenössischen Protestanten, der ähnlich denkt?
CATEL: Sie wissen, daß das Thema gegenwärtig bestenfalls in Studierzimmern erörtert wird. Immerhin, kürzlich sprach ich mit dem Kieler Theologen Meinhold. Professor Meinhold versicherte mir, daß die Frage der Euthanasie an vollidiotischen Kindern dogmatisch noch keineswegs entschieden sei. Unbestritten sei jene Kinder-Euthanasie, die mir vorschwebt, "als Handlung zu verstehen, die von einem unter der Bindung an Gott stehenden Gewissen ausgeht".
SPIEGEL: Gibt es positive katholische Stimmen?
CATEL: Auch die sind, wenn ich mich nicht täusche, vorhanden. So hat sich der Münchner Theologe Professor Walter insofern zustimmend geäußert...
SPIEGEL: ... zu der von Ihnen vorgeschlagenen begrenzten Kinder-Euthanasie?
CATEL: Nein, nicht so speziell. Er hält aber "die Erhaltung des Menschenlebens für Pflicht, wo nicht Gott aus höheren Gründen davon entbindet". Diese Einschränkung erscheint mir entscheidend: Wo nicht Gott aus höheren Gründen davon entbindet.
SPIEGEL: Walter dürfte bei dieser Formulierung von Regel und Ausnahme eher an den Einsatz von Massenvernichtungsmitteln im Kriege gedacht haben. Solche oder ähnliche Äußerungen können doch nicht ohne weiteres auf die hier zur Diskussion stehende Frage der Euthanasie übertragen werden. Der Angriff auf das Einzelleben wird von katholischer Seite nun einmal anders beurteilt als die Tötung im großen Stil, die sich politisch legitimiert hat.
CATEL: Lassen wir einmal die Kirchen beiseite. Im Mittelpunkt echten Arzttums steht die Liebe. Und das kann meines Erachtens nichts anderes bedeuten, als daß der Arzt heilen und helfen soll, solange Hilfe möglich ist. Wenn direkte Hilfe ausgeschlossen ist, dann ist seine Aufgabe aber noch nicht zu Ende, dann muß er Schmerzen lindern, soweit es in seinen Kräften steht.
SPIEGEL: Leiden vollidiotische Kinder unter Schmerzen...
CATEL: Nachweisbar ist das nicht. Schmerzempfindung setzt Bewußtsein voraus, das idiotischen Kindern fehlt.
SPIEGEL: ... oder soll der Arzt in diesen Fällen die Schmerzen der Angehörigen lindern?
CATEL: Ich sagte doch, der Arzt steht unter dem Gebot der Liebe. Es sind in der Tat die Eltern und die Geschwister
der idiotischen Mißgeburten, an die er denken muß, nachdem den Idioten selbst keine Hilfe gebracht werden kann. Auch das gehört zu seinen rechtverstandenen Pflichten.
SPIEGEL: Zu seinen Pflichten?
CATEL: Ein Beispiel aus meiner Praxis. Ich wurde in eine Familie gerufen. Beide Eltern berufstätig. Das jüngere Kind lallte nur tierisch, erkannte weder Vater noch Mutter, verbrachte sein Leben auf einem Stühlchen mit untergesetztem Topf für die Entleerungen. Bestenfalls schleppte es sich um den Tisch, wobei es seine Zähne in die Tischkante bohrte. Das ältere Kind, ein etwa achtjähriger, blühender, völlig gesunder Junge, hatte die Aufgabe, tagein, tagaus seine idiotische Schwester zu betreuen. Dieses Kind ist das Opfer. Es wird seelisch ruiniert.
SPIEGEL: Gab es keine Möglichkeit, das kranke Wesen in eine Anstalt zu geben?
CATEL: Entweder wurde die Aufnahme aus Bettmangel abgelehnt, oder die Anstalten erklärten, daß sie nur Kranke, aber keine Idioten aufnehmen.
SPIEGEL: Wie viele Idioten werden jährlich in Westdeutschland geboren, Wesen, bei denen Sie eine Euthanasie erwägen würden?
CATEL: Im humangenetischen Institut Münster erschien 1958 eine Arbeit, aus der hervorgeht, daß unter 820 000 im Vorjahr geborenen Kindern 25 000 waren, die nicht die Intelligenz eines Zwölfjährigen erreichen oder überschreiten werden, und 2000 Kinder, die Vollidioten sind, Wasserköpfe, gespaltene Köpfe, Mißbildungen jeder erdenklichen Art.
SPIEGEL: Und wie viele solcher vollidiotischen Kinder gibt es gegenwärtig in der Bundesrepublik?
CATEL: Ich habe die eben genannte jährliche Geburtsquote mit acht multipliziert und komme dann auf die Zahl von 16 000.
SPIEGEL: Kann man mithin bei Vollidioten eine durchschnittliche Lebenserwartung von acht Jahren annehmen?
CATEL: Nein. Für eine fundierte Annahme wäre weiteres statistisches Material notwendig, das es auf diesem Gebiet nicht gibt. Aber natürlich habe ich mich mit der Lebenserwartung der Idioten beschäftigt. Sie ist herabgesetzt.
SPIEGEL: Läßt sich das denn gar nicht präzisieren?
CATEL: Es gibt eine verhältnismäßig neue amerikanische Statistik. Das Material stammt aus einem einzigen, freilich sehr großen Krankenhaus. Von den während des Berichtsjahres geborenen 775 Anenzephalen, das sind Kinder mit fehlendem Großhirn, starben am ersten Lebenstag 647. Aber 14 überlebten das vierte Lebensjahr. Wie alt diese 14 wurden, geht aus der Untersuchung nicht hervor. Von 886 Wasserköpfen starben am ersten Lebenstag 278. Die Zeit von vier Jahren überlebten 129. Von 590 anderen Hirnmißbildungen - und nur auf solche bezieht sich diese Untersuchung - starben am ersten Lebenstag 100. Aber 165 wurden älter als vier Jahre. Fasse ich zusammen, so war es so, daß von insgesamt 2351 lebend geborenen Kindern mit Mißbildungen des Zentral-Nervensystems nicht weniger als 308 das vierte Jahr überlebten.
SPIEGEL: Herr Professor, diese drei Gruppen - fehlendes Großhirn, Wasserköpfe, andere Hirnmißbildungen - sind es wohl auch, auf die sich im wesentlichen die Euthanasie beziehen würde, die Ihnen vorschwebt?
CATEL: Ja.
SPIEGEL: Was hat man sich unter "andere Hirnmißbildungen" vorzustellen?
CATEL: Gehirnbrüche beispielsweise. Oder es können bestimmte Gehirnteile nicht angelegt sein, ohne daß schon von fehlendem Großhirn gesprochen werden könnte.
SPIEGEL: Und an eine Euthanasie ist nach Ihrer Auffassung nur zu denken, wenn das Gehirn falsch gebildet oder weitgehend zerstört ist. Körperliche Mißbildungen, etwa am Rückenmark, genügen für sich allein niemals?
CATEL: Nein. Die völlige Idiotie ist Voraussetzung, also die Stufe des Neugeborenen. Zeigt sich irgendein, wenn auch noch so geringer Kontakt zur Außenwelt, eine noch so bescheidene Entwicklung zum Menschen hin, dann ist die Euthanasie ausgeschlossen. So darf man auch nicht sagen, daß nun etwa jeder Wasserkopf unter die Euthanasie fallen würde. Ich habe Wasserköpfe zu behandeln versucht, indem ich den Entstehungsort der Hirnflüssigkeit röntgenbestrahlte. Ich habe dabei, in einigen Fällen wenigstens, einen Stillstand der Wasserkopfzunahme und dann auch gewisse Fortschritte in der geistigen Entwicklung erzielen können.
SPIEGEL. Gibt es noch eine andere Gruppe, bei der die Unterscheidung so schwierig ist, eine Grenzgruppe, wenn wir so sagen dürfen, die zum Teil behandelt werden kann?
CATEL: Ich wurde die Mongoloiden nennen. Mongoloide Kinder sind in der Regel nur schwachsinnig, erreichen also, je nachdem, die Stufe von Vier- oder gar von Zwölfjährigen. Immerhin gibt es unter den Mongoloiden auch einzelne Vollidioten.
SPIEGEL: Und die Schwachsinnigen unter den Mongoloiden kann man zu behandeln versuchen?
CATEL: Ja. Wir wissen, daß der Mongolismus auf einer Fehlbildung der Chromosomen beruht. Es würde zu weit führen, die verschiedenen Behandlungsmethoden zu diskutieren, über die das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Ich habe beispielsweise an Mongoloiden Versuche mit Frischzellen angestellt und glaube, daß ich in einigen Fällen gewisse Erfolge festgestellt habe. Das alles ist noch im Fluß...
SPIEGEL: Die Grenzziehungen sind offenbar ungeheuer diffizil. Die Gefahr ist doch, daß sich eine Euthanasie, sollte sie erst einmal eingeführt sein, nicht in den engen Grenzen festhalten läßt, die Sie ihr ziehen möchten.
CATEL: Dasselbe könnten Sie meines Erachtens mit mehr Recht gegenüber jeder Vollmacht einwenden, die von der Gesellschaft an bestimmte Menschen übertragen ist. Das Verfahren müßte selbstverständlich öffentlich sein. Mehr als eine Kontrolle durch die Öffentlichkeit haben Sie der Justiz oder, wenn Sie so wollen, der ganzen Medizin gegenüber auch nicht.
SPIEGEL: Herr Professor, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Catel beim SPIEGEL-Gespräch in seinem Haus in Kiel*
* Mit SPIEGEL-Redakteur Hermann Renner.

DER SPIEGEL 8/1964
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