26.02.1964

WIRTSCHAFTNöspl hilf

In das Wirtschaftsleben Mitteldeutschlands ist ein Gedanken-Zwitter aus Funktionärshirnen getreten, der abgekürzt Nöspl genannt wird. Zonenchef Walter Ulbricht und das Zentralkomitee (ZK) der SED bemühten sich auf einer fünf Tage währenden Plenarsitzung in Ostberlin, dem Täufling die fatale Ähnlichkeit mit westlichem Kapitalismus wegzudebattieren.
Dennoch trägt das "Neue ökonomische System der Planung und Leitung" (Nöspl), mit dem die DDR ihren ächzenden Wirtschaftsapparat ankurbeln will, unverkennbar marktwirtschaftliche Züge. Die vordem ausschließlich nach Plan gelenkte Wirtschaft unterliegt künftig einigen Wettbewerbsregeln, die bisher tabu waren:
- Die Maschinenparks der Grundstoff - Industrien müssen anstatt zum Stopp-Preis von 1936 zum heutigen Wiederbeschaffungswert in den Bilanzen eingesetzt werden;
- wie in westlichen Privatunternehmen sollen nicht staatliche Zuweisungen, sondern vorwiegend Betriebsgewinne die Finanzierungsquelle für neue Investitionen sein;
- in begrenztem Umfang dürfen die volkseigenen Betriebe selbst die Waren bestimmen, für deren Fertigung sie sich die größten Absatzchancen und Gewinne errechnen;
- Leistungsgehälter und Prämien, die an Umsätzen und Gewinnen orientiert sind, sollen die "materielle Interessiertheit" wecken.
Bis zum Herbst vergangenen Jahres, als das Zentralkomitee der SED 6000 Parteivertreter und Statistiker auf die Formulierung des neuen Programms ansetzte, galt die Ideologie als das wichtigste Schmiermittel für den Wirtschaftsapparat. Eine hohe sozialistische Arbeitsmoral, so hieß es, garantiere auch Qualitätsarbeit und rentable Betriebe.
Im Sitzungssaal des Zentralkomitees am Werderschen Markt in Ostberlin rang sich Ulbricht zu der späten Erkenntnis durch: "Man soll nicht glauben, daß es angängig wäre, die aus einer falschen Behandlung der materiellen Interessiertheit der Menschen entstehenden Mängel durch Appelle an die Moral und das ideologische Bewußtsein zu überbrücken."
Kaufmännische Regeln fielen bisher in Mitteldeutschland meist dem Zahlenrausch des Wirtschaftsplans zum Opfer. Durch eine sogenannte Produktionseinweisung wurden jedem Betrieb vom Planungskommissariat Menge und Art der Waren, die hergestellt werden sollten, zudiktiert.
Der Plan regelt auch gleich den Absatz: Er legte genau fest, zu welchen Preisen welche Handelsfirmen die Produktion abnahmen. Waren die Zahlen einmal bestimmt, so produzierten die volkseigenen Werkstätten wacker drauflos, um ihr Soll zu erfüllen.
Indes lassen sich auch in der sozialistischen Wirtschaft Bedarf und Geschmack nicht planen, solange die Käufer nicht zur Abnahme bestimmter Waren gesetzlich verpflichtet sind. Deshalb blieb der Handel in den staatlichen HO- und sonstigen Läden in Massen auf jenen Waren sitzen, die von mangelhafter Qualität oder am Bedarf vorbeiproduziert sind. Direkte Zuschüsse vom Finanzministerium in Ostberlin, ausgezahlt durch die Notenbank der DDR, deckten alle Verluste ab, die das starre System der Staatswirtschaft in Fabriken und Geschäften entstehen ließ.
Die DDR-Wirtschaft hinkt mithin aus zwei Gründen hinter der Wirtschaft Westdeutschlands und Westeuropas her: Einmal wird der sture Plan ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse und Veränderungen am Markt erfüllt; andererseits sind besondere Anstrengungen der Betriebsleiter und Arbeiter für ihr persönliches Einkommen so gut wie völlig nutzlos.
Jeweils vor Beginn eines neuen Plans bricht in den Betrieben der größte Eifer aus, um "einen möglichst bequemen Plan" (Ulbricht) zu ergattern. Gelingt es unter Hinweis auf schlechte Maschinenausstattung, fehlende Ersatzteile oder sonstige Schwierigkeiten, sich niedrige Plan-Zahlen zuweisen zu lassen, so ist die Hauptarbeit des Jahres getan.
Mißlingt es, tiefzustapeln, so kann man immer noch, wie die Zwickauer Ziegelwerke und die volkseigene Baustoff-Fabrik Grimmen, beispielsweise die Ziegel um zehn Prozent kleiner machen oder, wie die Firma Vogel in Hermsdorf, die Hosenbeine der Schlafanzüge um einige Zentimeter kürzen.
Im Maschinenbau werden die Preise nach Gewicht berechnet. DDR-Finanzminister Willy Rumpf, aus dessen Kasse die vielfältigen Verluste gedeckt werden müssen, berichtete über die Auswirkungen dieser Tonnen-Philosophie: "Die Werksleiter waren deshalb daran interessiert, statt moderner leistungsfähiger Maschinen mit geringem Materialeinsatz Aggregate von hohem Gewicht zu produzieren."
Um der Fiktion willen, daß es nur in der kapitalistischen Wirtschaft Preissteigerungen geben könne, mußte der Maschinenpark mitteldeutscher Betriebe in den Bilanzen zu Preisen von 1936 eingesetzt werden. Ebenso blieben die Lieferpreise für Kohle, Koks, elektrischen Strom, Gas und Dampf gestoppt. Da die Unterbilanz der Energielieferanten vorab direkt aus dem Staatshaushalt gedeckt wurde, wiesen viele Betriebe Gewinne aus, die sich bei echten Selbstkosten in Verluste umwandeln würden.
Die Stahl- und Walzwerke Hennigsdorf oder das Brandenburger Hüttenkombinat etwa hätten ohne die Vorzugspreise für Energie längst den Weg antreten müssen, den in Westdeutschland Borgward und Schlieker gegangen sind.
Nöspl soll jetzt als erstes in der Grundstoffindustrie für echte Selbstkosten sorgen. Schon seit dem 1. Januar werden in 2024 Bilanzen erstmals Preise für Anlagegüter in der Höhe eingetragen, wie sie heute für eine Ersatzbeschaffung bezahlt werden müßten.
Im gleichen Zuge werden die steuerlichen Abschreibungssätze verdoppelt, so daß die Betriebe künftig mehr erwirtschaften müssen, ehe sie Nettogewinne melden können. Vom 1. April an schließlich werden allen Verarbeitungsbetrieben der Zone sämtliche Arten Energie sowie Metalle und Grundchemikalien zu Preisen bis zu 75 Prozent über dem Niveau von 1936 berechnet.
Finanzminister Rumpfs Stellvertreter offenbarte dem ZK: "Die Umbewertung der Grundmittel (Maschinen, Anlagen) deckte auf, daß der effektive Verschleiß in den vergangenen Jahren höher war als er bei Berechnung der Abschreibungen in den Selbstkosten ausgewiesen wurde. Das hatte zur Folge, daß ... auch die Gewinne nicht die echte Rentabilität der Produktion zum Ausdruck brachten."
Auch nach der Preiserhöhung ihrer Grundstoffe und Vormaterialien darf jedoch die verarbeitende Industrie Mitteldeutschlands ihre Verkaufspreise vorerst nicht erhöhen. Die Betriebe sollen versuchen, die Teuerungswelle aufzufangen.
Nach Ansicht des ZK können an den Selbstkosten durch die neuen ökonomischen Hebel des Systems Nöspl bis zu 20 Prozent eingespart werden. Betriebe, denen dabei kein Erfolg beschieden ist, erhalten so lange Ausgleichszahlungen vom Finanzministerium, "bis ihre Verkaufspreise neu geregelt werden" (Rumpf).
Im Sitzungssaal des Zentralkomitees am Werderschen Markt erklärte Walter Ulbricht: "Nun könnten einige Genossen die Frage stellen: Wenn nun die ökonomischen Hebel etwas anderes bewirken als im Plan vorgesehen, wer hat dann Recht - der Plan oder der ökonomische Hebel?"'
Ulbrichts Antwort weckte bei den Betriebsleitern der Zone einige Hoffnungen. Der Erste Sekretär der SED sagte: "Das Kriterium ist die optimale Lösung, der volkswirtschaftliche Effekt."
Wie weit das ZK den 80 Generaldirektoren der volkseigenen Betriebe und anderen Werksleitern in der Praxis die Zügel für kaufmännische Initiative frei läßt, werden erst die noch ausstehenden Richtlinien offenbaren. Auch über ein System der Leistungsgehälter und Betriebsleiter-Tantiemen je nach der Höhe des Reingewinns wird unter den Wirtschaftsfunktionären der SED erst beraten.
Noch müssen die Manager der sozialistischen Wirtschaft für nahezu jede Entscheidung schriftliche Erlaubnis in Ostberlin einholen. Der Betriebsleiter der Farbenfabrik Wolfen zum Beispiel ist verantwortlich für einen Jahresumsatz von 500 Millionen Mark. Trotzdem kann er nicht von sich aus einem Angestellten das Gehalt auch nur um 100 Mark erhöhen.
Ebenso ist es in den kleinsten Kollektiven: In Rangwitz, Kreis Wolgast, zögerten die Genossenschaftsmitglieder mangels Weisung von oben vier Monate lang, einen Zuchteber abzuschlachten, von dem "Neues Deutschland" meldete, ihm sei schon längst "der Zwirn ausgegangen".
Die naheliegende Frage, warum Nöspl erst jetzt mit den althergebrachten Methoden aufräumen werde und warum nicht auf dem ureigensten Felde des Marxismus-Leninismus - der Ökonomie - schon früher größere Erfolge möglich gewesen seien, hat Walter Ulbricht gleich am ersten Tag der Sitzungen in Ostberlin beantwortet.
Der Zonenchef, der sich fünf Tage lang als Entdecker der marktwirtschaftlichen Spurenelemente feiern ließ und gleichzeitig jede Ähnlichkeit bestritt, sagte: "Weil auf dem Gebiet der Ökonomie Dogmatismus herrschte; und
- zwar der Stalinsche und der eigene, der
auf unserem Boden gewachsen ist."
Die Welt
Das ZK-Chamäleon
Zonen-Finanzminister Rumpf
Auf Marktwirtschaft geschaltet

DER SPIEGEL 9/1964
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 9/1964
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

WIRTSCHAFT:
Nöspl hilf

Video 00:56

55 Kilometer lang Längste Seebrücke der Welt eröffnet

  • Video "Rassistische Tiraden: Fluggast bepöbelt Sitznachbarin" Video 01:44
    Rassistische Tiraden: Fluggast bepöbelt Sitznachbarin
  • Video "Obama im US-Wahlkampf: Es war fast wie früher" Video 03:00
    Obama im US-Wahlkampf: "Es war fast wie früher"
  • Video "Unterwasser-Freundschaft: Der mit der Robbe kuschelt" Video 01:16
    Unterwasser-Freundschaft: Der mit der Robbe kuschelt
  • Video "Migration in die USA: Tausende Menschen überqueren Grenze zu Mexiko" Video 01:29
    Migration in die USA: Tausende Menschen überqueren Grenze zu Mexiko
  • Video "NBA-Basketball: Wilde Prügelei bei Heimdebüt von LeBron James" Video 00:45
    NBA-Basketball: Wilde Prügelei bei Heimdebüt von LeBron James
  • Video "Sturm fordert Pilotin: Boeing 757 landet fast seitwärts" Video 01:08
    Sturm fordert Pilotin: Boeing 757 landet fast seitwärts
  • Video "Fall Khashoggi: Kein Versehen, sondern ein brutaler Mord" Video 01:31
    Fall Khashoggi: "Kein Versehen, sondern ein brutaler Mord"
  • Video "Homecoming-Party: Tanzfläche bricht ein, 30 Verletzte" Video 00:34
    Homecoming-Party: Tanzfläche bricht ein, 30 Verletzte
  • Video "3D-Technologie: Wiederaufbau von Aleppo und Palmyra" Video 02:03
    3D-Technologie: Wiederaufbau von Aleppo und Palmyra
  • Video "Webvideos der Woche: Jetzt bloß keine Panik!" Video 03:28
    Webvideos der Woche: Jetzt bloß keine Panik!
  • Video "Wal vs. Taucher: Die Natur schlägt zurück - mit der Schwanzflosse" Video 01:40
    Wal vs. Taucher: Die Natur schlägt zurück - mit der Schwanzflosse
  • Video "Respektlose Berichterstattung: Die Bayern-PK der anderen Art" Video 02:27
    "Respektlose Berichterstattung": Die Bayern-PK der anderen Art
  • Video "Kanye Wests bizarre Flugzeugidee für Trump: iPlane 1 statt Air Force One" Video 01:40
    Kanye Wests bizarre Flugzeugidee für Trump: "iPlane 1" statt Air Force One
  • Video "Trump und Pence zu Gewalt gegen Journalisten: Inkonsequenter Body-Slam" Video 01:08
    Trump und Pence zu Gewalt gegen Journalisten: Inkonsequenter Body-Slam
  • Video "55 Kilometer lang: Längste Seebrücke der Welt eröffnet" Video 00:56
    55 Kilometer lang: Längste Seebrücke der Welt eröffnet