26.02.1964

ENGLAND / BEATLESVier Liverpudel

Vergessen scheinen John Bull und der
britische Löwe: Englands aktuelles Wahrzeichen sind vier kleine Struwwelpeter, die in den letzten Wochen das selig aufkreischende Amerika eroberten.
Seit britische Truppen Anno 1814 das Weiße Haus in Washington angezündet haben, wurde von Dienern Ihrer Majestät nicht mehr solche Aufregung in den Vereinigten Staaten verursacht wie durch die trommel- und gitarrenschlagende Vier-Mann-Verbindung aus Liverpool, genannt "Beatles" (von Beat Rhythmus oder Beetles = Käfer).
Wo sie niedergehen, fallen Massen minderjähriger Weiblichkeit über sie her und in eine Art von Trance, wie sie, nach Meinung von Kritikern, seit Franz Liszt nicht mehr dagewesen ist.
Ein Aufgebot von 120 Leibwächtern war erforderlich, den mopköpfigen Musikanten ihren Weg in New Yorks noble Carnegie Hall zu bahnen. Ohnmächtige Teenager, zertrampelte Handtaschen und Regenschirme, erschöpfte Polizisten und heißgelaufene Registrierkassen kennzeichneten den Weg der vier Liverpudel in den USA. Beim Abschied hatten sie den Erlös von 2,5 Millionen Platten mit ihren Hits "I want to hold your hand" - "Please, please me" - "She loves you" - in der Tasche.
Beatles-Tand überschwemmt wie eine Springflut den amerikanischen und britischen Teenagermarkt: Hemden und Höschen mit dem geliebten Namenszug, Hüte, Eierbecher, Schlafanzüge, "offizielle Beatles-Pullover", Beatles-Eiscreme, schließlich Puppen in allen Größen, aus Zucker, um sie in den Mund, aus Plastik, um sie ins Bett zu stecken.
Nach einer Schätzung im amerikanischen Nachrichtenmagazin "Newsweek", das den Beatles eine Titelgeschichte widmete, wird das Beatles-Business in den USA allein in diesem Jahr 50 Millionen Dollar einbringen, während der Verkauf von Beatles-Platten in der übrigen Welt sich 1963 auf 18 Millionen Dollar summierte. "Sie sind meine Geheimwaffe! Sie haben es geschafft, daß wir dieses Jahr keine Dollarkrise haben werden", scherzte dünnlippig Premierminister Sir Alec Douglas-Home vor 1200 Jungkonservativen über den Export der britischen Käfer.
Ein Scherz, den sich eine Gruppe volljähriger Gäste beim Beatles-Empfang in der Britischen Botschaft von Washington erlaubt hatte, führte zu einer Verstimmung der Teenager-Evangelisten.
Verzückung mimend hatten die Spaßvögel aus der britischen Kolonie von Washington im Ballsaal der Botschaft das blasse Quartett in die Ecke gedrängt, ihm Autogramme abgenötigt und ihm schließlich sogar gewaltsam Haare aus dem Pelz geschnippelt. Beatle-Trommler Ringo Star: "Ich bin sauer! Die waren schlimmer als unsere Fans!"
Lady Ormsby-Gore, die Frau des Botschafters, fand den Angriff auf die Idole der Nation peinlich genug, sich öffentlich bei ihnen zu entschuldigen.
Der Trommelbube Starr alias Starkey ist 23 und ebenso wie seine drei Mitheuler - Paul McCartney, 21, George Harrison, 22, und der verheiratete John Lennon, 23 - Sohn kleiner Leute aus Liverpool. Doch ist er, infolge einer Reihe von Magenoperationen, womöglich noch blasser als sie und liebt es, seine Hände reichlich mit Ringen zu bepflastern, was ihm seinen Spitznamen "Ringo" eintrug.
In einem riesigen Popmusik-Keller der an arbeits- und brotlosen Saitenspielern reichen Hafenstadt Liverpool, in der heute mehr als 1000 junge Instrumentalisten aus der lederhäutigen Familie der Beatniks auf eine Karriere warten, musizierten die vier noch 1958 unbekannt und ungewaschen für weniger als ein Abendessen.
1959 waren John, Paul und George bei einem Gastspiel in einem Hamburger St.-Pauli-Lokal mit 20 Mark pro Kopf und Abend zufrieden. Die junge
Photographin Astrid Kirchherr aus Hamburg-Altona brachte sie auf den Gedanken, die Haare über Stirn und Ohren zu kämmen, womit der Welt der Beatle-Look geschenkt war.
Als die Gruppe im Januar 1963 in ihren mittlerweile zur Beatles-Masche gehörenden Edwardian-Style-Anzügen das letzte Mal im Star-Club an der Großen Freiheit Hamburgs gastierte, war sie bereits einem jungen Manager namens Brian Epstein in die gepflegten Hände gefallen und kostete pro Woche 3000 Mark.
Im Kulturkreis von Peter Kraus und Conny Froboess hielt sich die Begeisterung des Publikums jedoch in Grenzen. Weder das Fernsehen noch ein Disc-Jockey achtete der monoton singenden, hopsenden Seelen-Heuler, die jetzt nur noch für 100 000 Mark pro Abend gewonnen werden könnten.
Manager Epstein, 29, Sohn eines reichen Möbelhändlers aus Liverpool, Bentley-Fahrer, Liebhaber seidener Wäsche und klassischer Musik, machte die vier Kellerkinder in wenigen Monaten zur großen Zugnummer im englischen Schallplattengeschäft und verstand es, neben der Beatlemanie britischer Minderjähriger so etwas wie nationale Leidenschaft zu entfachen.
In Glasgow drückten 3500 entfesselte, "Yeah, yeah, yeah" kreischende Fans in der Konzerthalle Mauern ein und zertrümmerten Sitze; in London besuchte die königliche Familie eine prallvolle Beatles-Vorstellung in der Royal Albert Hall und fand sich von Beatle Paul Mc-Cartney ungeniert angepflaumt: "Die auf den hinteren Plätzen sollen mitsingen, die Herrschaften vorn können mit den Juwelen rasseln."
Ungeachtet der selbst für amerikanische Begriffe außerordentlichen Epstein-Reklame - fünf Millionen Plakate kündeten allein an den Telephonmasten und Bedürfnisanstalten Amerikas das Nahen der Beatles - ist der Erfolg der vier Sing-Sang-Knaben als Triumph einer Verkaufsmasche allein nicht zu erklären. Ebensowenig gilt er als Beweis für überragende musikalische Qualitäten. "Wir können nicht singen", gesteht Paul McCartney, "wir können auch sonst nichts." Und Ringo, der Trommler, gibt lässig an: "Uns interessiert nur das Geld. "
Den weitaus wichtigsten Part übernimmt ohnehin das Publikum, das sich, mitsingend, in eine zunehmende Kreischlust hineinsteigert. 70 Prozent der Beatles-Fans sind Mädchen, obwohl Psychologen behaupten, in dem nahezu geschlechtslosen Exterieur der vier Sänger mit den Cherubimköpfen liege das wahre Geheimnis der Seelenentlüftung.
"Sicher ist jedenfalls, daß sie sich auf der Höhe nicht lange halten können", weissagt der Hamburger Star-Club-Besitzer Weissleder, der sie in zwei Jahren dreimal auf seiner Bühne erlebte.
Für diesen Fall ist Epstein bereits gerüstet. Er hat jetzt drei weitere Nachwuchs-Gruppen in seinen Händen, von denen eine ("Gerry and the Pacemakers") im letzten Jahr bereits dreimal unter den ersten zehn des englischen Schlagergeschäfts rangierte.
"Leute zu entdecken", seufzt Epstein selbstzufrieden, "ist meine Schwäche." Bealle-Frisur-Erfinderin Astrid Kirchherr
... wir können auch sonst nichts ...
Beatles (ohne Ringo, 1959) in Hamburg
... uns interessiert nur das Geld"
Beatles als "Newsweek"-Titel
"Wir können nicht singen...
* von oben nach unten: George Harrison,
Paul McCartney, John Lennon, Ringo Starr.

DER SPIEGEL 9/1964
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