26.02.1964

SHAKESPEAREKönig Jedermann

Akustisch darf der Sturm, der im dritten Akt von William Shakespeares "König Lear" über die Heide rasen soll, noch vorkommen, aber optisch ist Heide nicht mehr vorhanden, und das Sturmgeräusch wird auch nur verfremdet dargeboten: Es wird von rostigen Metallplatten erzeugt, die als Teile der Dekoration auf die Bühne herabhängen und von einem Elektromotor in Schwingung versetzt werden.
Die Donnerbleche, in mehrwöchiger Werkstattarbeit kunstvoll zum Rosten gebracht, gehören zu den wenigen und wesentlichen Requisiten der ungewöhnlichen "King Lear"-Inszenierung des englischen Regie-Neuerers Peter Brook, die zum Haupt-Exportartikel der britibritischen Shakespeare-Produktion im Shakespeare-Jahr 1964 geworden ist:
Anfang letzter Woche begann die "Royal Shakespeare Company" mit Brooks "Lear" im Westberliner Schiller-Theater eine Welttournee, die das berühmte Ensemble unter anderem nach Prag, Budapest, Warschau, Helsinki, Moskau, Tokio, Washington, Toronto und New York führen wird.
Brooks "Lear"-Inszenierung, Ende 1962 in Stratford-on-Avon erstaufgeführt und im vergangenen Jahr beim Pariser Festival "Theater der Nationen" preisgekrönt, spielt - vier Stunden lang - auf einer fast leeren Bühne, vor der kein Vorhang fällt, und läßt Shakespeares Tragödie des verblendeten, verstoßenen, mißhandelten und wahnsinnigen Königsgreises Lear, die viele moderne Regisseure für schwer spielbar und nicht wenige Theaterbesucher für ungenießbar hielten, wie das Werk eines Vorläufers von Samuel Beckett ("Endspiel") und Eugène Ionesco ("Der König stirbt") erscheinen: als Parabel des Zerfalls, als ein Endspiel ohne Sinn und Trost.
Bei Brook wirkt Lear nicht mehr - wie häufig in konventionell naturalistischen, historisierenden oder romantisierenden Aufführungen - als ein absonderlicher Greis, der, ganz unverständlich, die Liebe seiner jüngsten Tochter nicht zu erkennen und die Heuchelei seiner beiden anderen Töchter nicht zu durchschauen vermag und schaurig dafür büßen muß.
Brook zeigt ihn vielmehr ohne jedes Schicksalspathos als eine Art zeitlosmodernen Jedermann, als ein Beispiel für den Menschen in einer absurden Welt ohne Größe und Glanz.
Auf die Idee, den "Lear" so zu interpretieren, war der Engländer Brook nicht allein verfallen. Anregung kam aus Polen: Der Warschauer Literaturprofessor und Theaterkritiker Jan Kott, der vor dem Krieg surrealistische Lyrik schrieb und nach 1945 Dramen von Sartre, Ionesco und Camus ins Polnische übersetzte, hatte 1962 ein Buch über Shakespeare veröffentlicht und darin Parallelen zwischen "Lear" und dem absurden Theater Becketts und Ionescos aufgezeigt.
"König Lear", schrieb Kott, "ist ein tragischer Spott über jegliche Eschatologie, über den Himmel, der auf Erden verheißen wird, und über den Himmel, der nach dem Tode anheben soll... Am Schluß dieser gewaltigen Pantomime bleibt nur die blutige und leere Erde zurück. Auf dieser Erde, über die ein Sturm gegangen ist, der nichts als Steine hinterlassen hat, führen ein König, ein Narr, ein Blinder und ein Verrückter ihren rasenden Dialog."
Und: "Hier wurde ein philosophisches Narrenspiel ausgetragen. Es ist dasselbe Narrenspiel, dem wir im modernen Theater begegnen."
Unter dem Eindruck des Kott-Buches, zu dessen englischer Ausgabe er ein Vorwort schrieb - eine deutsche Übersetzung erscheint in diesem Frühjahr unter dem Titel "Shakespeare heute" im Verlag Langen-Müller -, erarbeitete Peter Brook 1952 in Stratford seinen neuen "Lear", für den er auch das karge Bühnenbild entwarf. Die Aufführung machte Sensation und wurde von Kritikern innerhalb und außerhalb Englands als vorbildlich für eine zeitgemäße "Lear"- und Shakespeare-Deutung auf dem Theater gepriesen.
In Berlin wiederholte sich jetzt der Erfolg der Brook-Inszenierung, die mit Shakespeares Welt der Könige, Schurken und Narren ähnlich abstrahierend verfährt, wie Wieland Wagner - Gast der Berliner Aufführung - mit den Nibelungen-Helden seines Großvaters im neuen Bayreuth zu verfahren pflegt.
Das Publikum im Schiller-Theater, das zu Beginn die englische und die deutsche Nationalhymne angehört hatte, dankte für den modernisierten Shakespeare laut und lange. Friedrich Luft über Brooks "Lear" nach Beckett-Muster: "Man sieht das alte Gewitterstück wie zum erstenmal."
Die Grenzen der Beckettisierung waren freilich immer dann aufgefallen, wenn König Lear um seiner Ehre willen etwas verlangte oder tat, wenn von seiner Autorität die Rede war, wenn seine Worte und die Handlungen seiner Partner nicht verbergen konnten, daß Shakespeare im "Lear" eine ständische Gesellschaftsordnung und nicht ein absurdes Niemandsland gezeichnet hat.
Shakespeares "Lear", so hatte Professor Kott geschrieben, sei "wie ein riesiger Berg, der zwar von allen bewundert, seltener aber bestiegen wird".
Auf dem Weg zum Gipfel, so sagte Peter Brook, sehe man "überall verstreut die zerschmetterten Leichen anderer Bergsteiger herumliegen. Hier Olivier, dort Laughton; es ist erschreckend".
Offenbar war es diesen Kollegen von Peter Brook nicht vergönnt, auf dem "Lear"-Berg Samuel Beckett zu entdecken.

DER SPIEGEL 9/1964
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