04.03.1964

ALARMSIGNALE AN DER RUHR

SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, das Ruhrrevier, seit hundert Jahren als das "industrielle Herz Deutschlands" gerühmt, zeigt Krankheitssymptome. Die Landesregierung sah sich veranlaßt, eine umfangreiche Untersuchung darüber anzustellen. Was ist passiert?
MEYERS: Es hat sich gezeigt, daß das Ruhrgebiet auf alten, sagen wir geschichtlichen, Wirtschaftsformen aufgebaut ist: Kohle und Eisen und auch in einem großen Teil noch Textil.
SPIEGEL: In dem Regierungsbericht liest sich das so: "Infolge der vielfach ungünstigen Struktur besteht die Gefahr, daß das Ruhrgebiet auf die Dauer den Anschluß an die allgemeine Wohlstandsentwicklung verliert und damit ein Schrumpfungsprozeß eingeleitet wird, der für das gesamte Land Nordrhein-Westfalen bedrohlich werden kann."
MEYERS: Einmal ist es so, daß die Kohle Konkurrenten bekommen hat, die billiger sind. Als ich 1958, Ende Juli, Ministerpräsident wurde, da lagen an der Ruhr über acht Millionen Tonnen Steinkohle auf Halde, und es zeigte sich, daß die Absatzkrise nicht lediglich eine Krise der Preise, sondern eine Strukturkrise war; die Steinkohlenhalden erhöhten sich ja später auf über 16 Millionen Tonnen.
SPIEGEL: Diese Kohlenkrise hat unter anderem dazu geführt, daß die Menschen abwandern. Im Ruhrgebiet stagniert seit einiger Zeit die Bevölkerungszahl im Gegensatz zu anderen Industriegebieten etwa in Bayern oder Baden-Württemberg.
MEYERS: Das ist richtig. Das hat auch unsere Strukturuntersuchung ergeben.
SPIEGEL: Seit 1957 haben 160 000 Bergleute die Gruben verlassen, das heißt also, daß jeder dritte Kumpel weggegangen ist. Die Stadt Duisburg hat zum Beispiel von 1959 bis 1962 rund 6000 Einwohner verloren, Gelsenkirchen in der gleichen Zeit sogar 12 000.
MEYERS: Diese Zahlen sind im Einzelfall zu untersuchen. Duisburg hat kein Baugelände mehr, und viele Duisburger sind darum zum Beispiel in den linksrheinischen Landkreis Moers gegangen. Das finden Sie bei vielen Städten des Ruhrgebiets, daß die Bewohner heute lieber im Landkreis oder in der benachbarten Stadt, in schönen Gegenden also, wohnen und morgens zur Arbeit fahren. Das ist also nicht einmal ein Verlust der Stadt.
SPIEGEL: Vom Einzelfall abgesehen, sind 1963 aus den Handelskammerbezirken Dortmund, Duisburg, Bochum und Essen, also aus dem eigentlichen Kern des Ruhrgebiets, 11 000 Menschen mehr abgewandert als zugewandert. Die Zahl der Industriebeschäftigten im ganzen Ruhrgebiet ging von 1957 bis 1962 um 66 000 zurück.
MEYERS: In den von Ihnen genannten Zahlen kann zum Beispiel auch ein Gewinn durch Rationalisierung enthalten sein. Der typische Fall ist da der
Steinkohlenbergbau. Wenn Sie hören, daß trotz des Abfalls der Belegschaften heute pro Schicht und Mann mehr gefördert wird als je zuvor und die gesamte Fördermenge fast gleichgeblieben ist, dann sehen Sie, daß die Abwanderung durch die Rationalisierung im Effekt aufgehoben ist.
SPIEGEL: Rationalisiert wird ja überall, und trotzdem steigen anderswo auch die Beschäftigtenzahlen, weil eben - der Umsatz steigt. Er ist 1963 im Bundesdurchschnitt um vier Prozent gewachsen, dagegen hatte die Duisburger Industrie 2,6 Prozent weniger Umsatz. Und sogar fünf Prozent weniger Beschäftigte.
MEYERS: Ich muß mich auf Ihre Zahlen verlassen - haben Sie sie von der Industrie- und Handelskammer?
SPIEGEL: Von Dr. Schackmann, dem Duisburger Kammerpräsidenten.
MEYERS: Dann kann man sich darauf verlassen. Die Zahlen für das ganze Ruhrgebiet kenne ich natürlich, und dieses Gesamtbild hat uns in der Tat beunruhigt. Nach dem Bergbau kamen die Klagen der Stahlindustrie, die aber aus ganz anderen Gründen nun notleidend geworden ist. Einmal, weil da in Europa Wettbewerbsverzerrungen sind, die wir noch nicht ausgebügelt haben, und zum anderen, weil vielleicht die Stahlkapazität der ganzen Welt zu groß geworden ist.
SPIEGEL: Ist wirklich nur die Krise der Montanindustrie daran schuld, daß die Leute aus dem Ruhrgebiet abwandern? Schließlich werden doch hier immer noch Spitzenlöhne verdient. Wandern die Ruhr-Arbeiter vielleicht einfach zu Industrien mit angenehmeren Arbeitsbedingungen und in schönere Gegenden?
MEYERS: Das kann natürlich hier und da einmal so sein. Ich habe selbst so einen Fall erlebt: Ein junges Paar saß mit mir im Zug in einem Abteil, und wir kamen ins Gespräch, und der Mann sagte, er sei Arbeiter an der Ruhr gewesen und habe sich jetzt so viel Geld erspart, daß er sich eine Gaststätte irgendwo in den bayrischen Bergen habe erwerben können, und er wolle dort seinen Lebensabend verbringen - das heißt, "Lebensabend" ist nicht richtig gesagt, der Mann war noch sehr jung, er war so zehn, zwanzig Jahre jünger als ich.
SPIEGEL: Das ist sicher ein Sonderfall. Aber auch generell läßt sich feststellen, daß die Zahl der Beschäftigten an der Ruhr abnimmt, hingegen im Bundesgebiet und sogar in anderen Teilen des Landes Nordrhein-Westfalen zunimmt.
MEYERS: Das läßt sich nicht bestreiten.
SPIEGEL: Der Index der Industriebeschäftigten ist in den Jahren 1950 bis 1962 an der Ruhr von 100 auf 126 gestiegen, im Bundesdurchschnitt aber auf 165. Andere Gebiete sind also attraktiver geworden, sind stärker vorangekommen als das Ruhrgebiet.
MEYERS: Ich glaube, es ist nicht ganz korrekt, es so auszudrücken. Man müßte sagen: Die Ruhr hat nach dem Krieg einen unerhörten Vorsprung vor allen anderen gehabt, und jetzt sind die anderen dabei, diesen Vorsprung, mit anderen Industrien allerdings, aufzuholen. Dabei haben sie noch Arbeitskraftreserven gehabt, auch Flächenreserven.
Daß darüber hinaus auch noch, die landschaftliche Attraktivität eines Gebietes wie zum Beispiel Baden-Württemberg Arbeitskräfte anziehen mag, soll unbestritten sein.
SPIEGEL: Sie nannten Baden-Württemberg. In Ihrem Strukturbericht. steht, daß unter anderem die schlechten lufthygienischen Verhältnisse an der Ruhr ein Grund für die Abwanderung seien, für die Abwanderung etwa nach Baden-Württemberg, Bayern oder Hessen.
MEYERS: Das ist zweifellos...
SPIEGEL: ... eine Art von Selbsthilfe. Solange der blaue Himmel über der Ruhr ein Wahlversprechen bleibt, wandern die Leute ab.
MEYERS: Damit wir nicht falsche Vokabeln 'verwenden: Sie können meine sämtlichen Reden und Schriften lesen, ich habe noch nie vom blauen Himmel über der Ruhr gesprochen, sondern immer von sauberer Luft. Ich habe sogar manchmal gesagt: Den weiß blauen Himmel der Bayern werde ich euch an der Ruhr nie zeigen können, da müßt ihr schon nach Bayern in Erholung fahren.
SPIEGEL: Aber Ihre Regierung ist doch damals sehr aktiv geworden, als der SPD-Schattenkarzler Brandt die Parole vom blauen Himmel
MEYERS: ... die hat er mir nach empfunden...
SPIEGEL: ... in sein Wahlprogramm aufnahm.
MEYERS: Ich hatte über die Lufthygiene gesprochen auf dem Parteitag der Bundes-CDU in Karlsruhe 1960. Wir wollen die schädlichen Stoffe aus der Luft des Ruhrgebiets beseitigen, und das tun wir auch mit Macht. Wir haben gerade in Essen das Institut für Lufthygiene gegründet und haben den bekannten Lufthygieniker Professor Hettche von Hamburg dorthingeholt. Wir haben jetzt ein paar tausend Meßstellen im Ruhrgebiet, wo die Luft gemessen wird. Wir haben einige Erfolge, aber das Ganze ist natürlich eine Frage des Geldes.
SPIEGEL: Über die schlechte Luft des Ruhrgebiets wurde immer geklagt, aber eine spürbare Besserung hat es nie gegeben.
MEYERS: Es ist auch im Grunde genommen nichts Entscheidendes dagegen getan worden.
SPIEGEL: Zu der schmutzigen Luft kommt das unschöne Bild der Städte. Für die Raumordner ist das Ruhrgebiet ein "überlasteter Verdichtungsraum" mit einer "schädlichen Ballung"; ihr Ziel ist aber eine "sinnvolle Entballung".
MEYERS: Ich kenne diese Tendenzen. Ich halte sie für romantisch und zeitfremd. Selbst wenn Sie vom Ruhrgebiet einmal absehen, so läßt sich doch nicht leugnen, daß inzwischen neue Ballungsräume entstanden sind: im Rhein -Main-Dreieck, in Hessen, in Baden -Württemberg und in Bayern. Man muß diese Ballungsräume sinnvoll ordnen
- das ist der Zweck der ganzen Raumordnungspolitik - und nicht etwa sie entballen.
SPIEGEL: In Ihrem Bericht stehen die schönen Vokabeln "entmischen" und "durchgrünen".
MEYERS: Entballen können Sie einen solchen Raum nur dadurch, daß Sie große Industrien wegsetzen - und da werden die Menschen nicht folgen.
SPIEGEL: Wir glauben, daß die Menschen gerade von der geballten Schwerindustrie des Ruhrgebiets, von seiner Häßlichkeit und drangvollen Enge mehr und mehr abgestoßen werden. Die Industrie- und Handelskammer Dortmund hat einmal Zeitungsanzeigen von Ruhrfirmen in Süddeutschland und Zeitungsanzeigen von süddeutschen Firmen im Ruhrgebiet verglichen: Die süddeutschen Firmen hatten großen Erfolg, die Ruhrfirmen hatten meist ihre Annoncengelder umsonst ausgegeben.
MEYERS: Ja, das glaube ich. Es kommt ja hinzu, daß die Vorstellung vom Ruhrgebiet weitgehend mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt; viele stellen sich das viel finsterer...
SPIEGEL: ... noch finsterer ...?
MEYERS: ... und viel schlechter vor, als es ist. In Wirklichkeit muß man ja sagen, daß im Ruhrgebiet doch sehr viel geschehen ist, seit der Ruhr-Siedlungsverband Anfang der zwanziger Jahre gegründet wurde.
SPIEGEL: In Ihrem Strukturbericht wird das Revier als "harte Industrielandschaft" bezeichnet. Auch Führungskräfte stört diese Härte. Firmen im
Schwarzwald können Direktoren von der Ruhr anwerben, die bereit sind, für ein niedrigeres Gehalt zu arbeiten.
MEYERS: Das ist der gleiche Fall wie unser Arbeiter, der sich in Bayern ansiedeln wollte. Die Herren haben inzwischen an der Ruhr so viel Geld verdient, daß sie sich die Annehmlichkeiten einer guten Natur, einer schönen Witterung und ähnliches leisten können.
SPIEGEL: Nun ist die Härte der Landschaft nicht das einzige und auch nicht das größte Problem der Ruhr. Das Hauptproblem ...
MEYERS: ... ist die Tatsache, daß wir an der Ruhr eben die alten Industrien und die anfälligen Industrien haben, die auch in ihrer Zuwachsrate zeigen, daß sie mit modernen Industrien - ich will hier keine nennen, um nicht Schleichwerbung zu betreiben - gar nicht konkurrieren können.
SPIEGEL: Sagen wir es doch ruhig: Elektrotechnik, Automobilbau, Kunststoff.
MEYERS: Sehen Sie, wir haben hier Gebiete, die sind reine
Textilgebiete und deshalb außerordentlich krisenanfällig. Ich komme selbst aus einem solchen Gebiet, aus Mönchengladbach, und habe in den zwanziger Jahren ja erlebt, wie die ganze Industrie darniederlag, weil es um die Textilindustrie in Deutschland damals schlecht bestellt war. Wir müssen doch anstreben, solche einseitige Struktur im Ruhrgebiet zu vermeiden.
SPIEGEL: Über die Hälfte aller Industrie-Beschäftigten des Ruhrgebiets war 1962 in den Grundstoffindustrien tätig, also vor allem bei Kohle und Stahl. Da muß man natürlich von einer einseitigen Struktur sprechen, und außerdem sind diese Branchen krisenanfällig.
MEYERS: Sie dürfen aber nicht verkennen, daß die Montanindustrie im Augenblick auch in einem Gesundungsprozeß ist. Sie kennen die Bestrebungen, über den Rationalisierungsverband für den Bergbau Verbesserungen herbeizuführen.
SPIEGEL: Die Stützen des Ruhrgebiets - Bergbau, Stahl und teilweise auch Weiterverarbeitung - stehen nun einmal im Schatten der Konjunktur. Nur Bier wird an der Ruhr immer mehr gebraut. Das erklärt der Generaldirektor von Hoesch, Herr Ochel, so: "Wir trinken soviel Bier, um unseren Kummer über die miese Lage bei Kohle und Stahl zu ertränken."
MEYERS: Ich habe den Eindruck, daß das ein sehr gutes Bonmot meines sehr guten Bekannten Ochel ist, daß aber das Biertrinken viel mehr auf Wohlstand und Fernsehen zurückzuführen ist.
SPIEGEL: Immerhin, der Aufstieg der Brauereien hilft Ihnen auch schon ein bißchen, die einseitige Struktur zu verbessern.
MEYERS: Natürlich, das gehört mit dazu, vor allem, wenn man es von der Steuerseite aus betrachtet.
SPIEGEL: Eine Industrie mit hohen Erträgen zahlt hohe Steuern. Das ist ja auch eine bedrohliche Entwicklung, daß die Steuerkraft der meisten Ruhrstädte wegen der Montan-Krise weit unter dem Landesdurchschnitt liegt.
MEYERS: Ja, und auch das Land bekommt weniger Steuern und hat deshalb weniger Mittel, mit denen es dem Ruhrgebiet helfen kann.
SPIEGEL: Wie wollen Sie nun helfen?
MEYERS: Wir müssen jetzt eine Entwicklung unterstützen, die uns in eine sichere wirtschaftliche Zukunft bringt. Das ist nicht ein Programm für ein, zwei, drei Jahre oder für einen Zeitraum, den man festsetzen kann, sondern das ist mindestens eine Arbeit für eine Generation. Wir wollen aber jetzt die Grundlagen dafür schaffen, das heißt: Zunächst einmal fängt die Raumordnung und Planung an. Dann müssen andere Hilfskräfte eingesetzt werden, angefangen beim Verkehr über billige Energie - das ist die augenblickliche Auseinandersetzung, die ich...
SPIEGEL: ... mit dem Rheinisch -Westfälischen Elektrizitätswerk ...
MEYERS: ... ja, überhaupt mit allen Stromerzeugern im Lande habe. Dann kulturelle Einrichtungen. Wir sind im großen vorgegangen mit der Entscheidung für die Ruhr-Universität und die Technische Hochschule Dortmund. Wir haben eine Reihe von Ingenieurschulen gegründet. Wir müssen aber allgemein vom Kulturellen her das Gebiet wieder attraktiv machen. Ich kann heute ein Gebiet einfach wirtschaftlich nicht mehr besiedeln, wenn es nicht auch die nötige kulturelle Struktur hat. Das sind nicht nur Theater und Kinos und Konzerte, sondern das heißt auch Ausbildungsstätten. Der Beamte oder der Angestellte verlangt einfach, wenn er in eine bestimmte Gegend gehen soll, daß für seine Kinder die notwendigen Ausbildungsstätten da sind. Sonst geht er eben nicht hin.
SPIEGEL: Es ist ja auch ein Unding, daß das Ruhrgebiet mit fast sechs Millionen Menschen weder eine Universität noch eine Technische Hochschule besitzt.
MEYERS: Ja. Das ist eine Entwicklung, die der ganze westfälische Landesteil unter Preußen erlitten hat. Es gab ja in der Preußenzeit nur die Universität Münster, weiter nichts.
SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, Sie haben uns nun gesagt, was kulturell geschehen muß. Was muß wirtschaftlich geschehen, welche Industrien sollen, ganz pauschal gesagt, an der Ruhr angesiedelt werden, um die einseitige Struktur zu verbessern?
MEYERS: Nach Möglichkeit moderne Industrien.
SPIEGEL: Also sogenannte Wachstumsindustrien?
MEYERS: Industrien, die eine Gewähr dafür bieten, daß sie für die Zukunft wachstumsträchtig sind.
SPIEGEL: Sie haben ja schon einige davon an der Ruhr: Die Chemischen Werke Hüls, Opel in Bochum, die Radiofabrik Graetz in Dortmund.
MEYERS: Ja, aber es können auch andere sein. Wenn wir - ich nehme jetzt einmal ein nicht im Ruhrgebiet liegendes Beispiel - etwa ein Atomzentrum gründen, dann haben wir auf die Dauer die Chance, daß sich Zuliefer -Industrien dort niederlassen.
SPIEGEL: Also eine ganz neue Industrie als Kern für künftige größere Komplexe.
MEYERS: Darum bemühen wir uns natürlich. Aber wir sind in hartem Wettbewerb nicht nur mit allen deutschen Bundesländern, sondern mit dem gesamten Raum der EWG.
SPIEGEL: Es ist also im Grunde jede Industrie willkommen, die die Struktur auflockert und größere Wachstumschancen hat als die Montanindustrie.
MEYERS: Ja, und die nach Möglichkeit nicht die Luft noch mehr schwarz macht.
SPIEGEL: Da gibt es ein Schlagwort: Die schornsteinlose Leichtindustrie. Eine Expansion der Montanindustrie selbst ist bei Ihnen also nicht sehr gefragt?
MEYERS: Nein, denn damit würden wir ja die Monostruktur des Ruhrgebiets, die sein Nachteil ist, noch ausbauen. Ich bin der Ansicht, daß das, was an Montanindustrie im Ruhrgebiet ist, durchaus für diesen Bereich genügt. Das heißt natürlich nicht, daß diese Industrien sich nicht auch immer wieder modernisieren und etwa anstelle eines alten Werkes oder von drei alten Werken ein modernes Werk schaffen sollen.
SPIEGEL: Wenn nun aber neue Firmen hinzukommen, müssen die auf Kosten der Montanindustrie Platz und Arbeitskräfte beanspruchen.
MEYERS: Das sind die beiden großen Schwierigkeiten, die wir haben. Nun muß ich Ihnen sagen: Mit dem Platz wäre es noch nicht so schlimm. Denn die Bergwerksunternehmer haben oft im vergangenen Jahrhundert schon, teilweise auch in diesem Jahrhundert, eine sehr großzügige-Grundstückspolitik betrieben, weil sie die Haftung für Bergschäden, die sie nach dem preußischen Berggesetz tragen, soweit wie möglich ausschalten wollten.
SPIEGEL: Die Zechen haben also Land gekauft, unter dem sie Kohle abbauten, und es ungenutzt liegen lassen. Wenn sich jetzt der Boden senkt, können keine Bauten beschädigt und keine Ansprüche an die Zechen gestellt werden.
MEYERS: Richtig. Da ist die Platzreserve.
SPIEGEL: In Bottrop zum Beispiel gehören 50 Prozent des gesamten Grundbesitzes den Zechen, der Gemeinde nur 15,5 Prozent. Im Ruhrdurchschnitt
sind 22 Prozent der Gesamtfläche im Besitz der Industrie und nur 15 Prozent im Besitz der Gemeinden. Aber wird der Bergbau das Land herausrücken?
MEYERS: Die Bergwerksunternehmen sind im allgemeinen einsichtig und würden diese Grundstücke veräußern. Sie möchten natürlich, daß ihnen dann die Haftung abgenommen wird. Außer der Haftung gibt es auch noch ein steuerliches Problem: Die Bergwerksgesellschaften haben diese Grundstücke meist bis auf einen Erinnerungswert steuerlich abgeschrieben.
SPIEGEL: Das sind mit anderen Worten stille Reserven.
MEYERS: Ja. Wenn sie die nun veräußern, müssen sie den ganzen Erlös versteuern, und daran sind sie natürlich nicht interessiert. Darum werden sie, wenn diese Hemmnisse bleiben, sich meist auf den Standpunkt stellen: Wir tun es nicht.
SPIEGEL: Die Bergbauunternehmen geben auch aus anderen Gründen nicht gern Gelände ab, zum Beispiel deshalb, weil natürlich jeder neue Betrieb mit vielen Arbeitsplätzen und guter Zukunft ihnen die Arbeiter wegnimmt.
MEYERS: Trotzdem muß ich sagen, daß ich in den einzelnen Fällen, in
denen wir mit Bergwerken verhandelt haben, sehr viel Verständnis gefunden habe; denn sie wissen auch: Wenn das ganze Gebiet attraktiv ist, dann fällt auch für sie mehr ab.
SPIEGEL: Sicher, denn jedes neue Unternehmen ist unter anderem ja auch ein Stromverbraucher. Trotzdem überrascht es uns ein wenig, von Ihnen zu hören, daß die Zechen doch eigentlich ganz vernünftig seien.
MEYERS: In einzelnen Fällen, mit denen wir zu tun haben.
SPIEGEL: Wenn wir einmal einen solchen Einzelfall besprechen dürfen: die Versuche von Ford, sich in Hamm niederzulassen. Dort brauchte die Autofirma Gelände der Zeche "Heinrich Robert", und die Zechenleitung hat alles unternommen, um Ford nicht zum Zuge kommen zu lassen. Ford ist schließlich nach Genk in Belgien gegangen. Warum hat das Land einem so großen Werk nicht geholfen, sich an der Ruhr niederzulassen?
MEYERS: Die Herren von Ford sind hier bei der Landesregierung gewesen, und wir haben ihnen eine Reihe von Vorschlägen gemacht. Diese Vorschläge paßten den Herren nicht. Umgekehrt hatten wir keinerlei Möglichkeiten, in Hamm einzugreifen. Wenn ein Grundstückseigentümer einmal sagt, ich verkaufe nicht, dann werden wir ihn nicht enteignen können.
SPIEGEL: Die Möglichkeit von Bergschäden ist ja ohnehin nicht so überwältigend groß. Man kann sich mit Bauvorkehrungen dagegen sichern, und außerdem lehrt die Erfahrung, daß sich fünf Jahre nach Auskohlung der Berg im allgemeinen gesetzt hat und sich nicht mehr bewegt.
MEYERS: Das wissen Sie und das weiß ich, aber viele wissen das nicht. Ehe zum Beispiel die Opelwerke den Standort Bochum akzeptierten, haben sie sich, soviel ich weiß, mehrere Gutachten erstellen lassen, nicht nur eins. Diese Gesellschaft ist mit solchen Fragen eben nicht so vertraut wie wir, die wir hier groß geworden sind.
SPIEGEL: Der Fall Opel ist ein klassisches Exempel für eine gute Lösung all dieser Schwierigkeiten. Als damals die Gelsenkirchener Bergwerks-AG ihre Zechen "Dannenbaum" und "Bruchstraße" an die Stadt Bochum verkauft hat und Bochum sie an Opel weiterverkaufte, hat sich die GBAG bereit erklärt, für die baulichen Sicherungen gegen Bergschäden ihr Scherflein in die Kasse von Opel zu entrichten.
MEYERS: Sie wissen, mein damaliger Innenminister Dufhues wohnte in Bochum, hatte dort eine Notarpraxis und war also mit allen Beteiligten sehr gut bekannt. Er hat sich eingeschaltet, und wir haben da eine sehr
interessante Vermittlertätigkeit des Landes anbieten und auch praktizieren können.
SPIEGEL: Ihr Strukturbericht spricht viel von finanziellen Hilfen des Landes. Gilt das auch für die Sicherung gegen Bergschäden?
MEYERS: Das ist zunächst nicht eine Sache, für die eine finanzielle Hilfe des Landes in Betracht kommt. Ich glaube, daß man zunächst einmal untersuchen sollte, ob es nicht möglich ist, das auf genossenschaftlicher Basis zu finanzieren.
SPIEGEL: Eine Genossenschaft von Zechen, Gemeinden, Land?
MEYERS: Ja. Oder auch mehrere Städte gemeinsam mit Zechen. Wir dürfen ja eins nicht vergessen: Das Risiko ist sehr hoch. Die Risse und Senkungen der Häuser, die immer als die typischen Bergschäden angesehen werden, sind nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist der Produktionsausfall. Wenn ein Werk einige Wochen lang stilliegt, weil Bergschäden ausgebessert werden müssen, kann der Produktionsausfall in die Millionen gehen.
SPIEGEL: Wie wollen Sie sonst Industrie-Ansiedler finanziell fördern? Wollen Sie Industriegrundstücke erwerben, damit Sie Interessenten einen großen Katalog zur Auswahl überreichen können?
MEYERS: Das wird das Land sicherlich niemals tun. Ob allerdings die Industrieförderungsgesellschaft des Landes das tun wird - das ist eine private Gesellschaft, bei der das Land alle Anteile hat -, das muß überlegt werden. Dabei muß auch auf andere Gemeinden, die nicht zum Ruhrgebiet gehören, Rücksicht genommen werden. Sie befürchten jetzt schon, daß das Ruhrgebiet zu einem besonders bevorzugten Lieblingskind des Landes werden könnte, dem in Zukunft alle verfügbaren Mittel zugesteckt werden.
SPIEGEL: Kann die Landesregierung nicht wenigstens eine Bestandsaufnahme der für die Industrie nutzbaren Grundstücke machen?
MEYERS: Diese Bestandsaufnahme wird gemacht, und weil sie nicht von der Landesregierung selbst veranstaltet
werden kann, habe ich den Gedanken geäußert, ob das nicht eine Aufgabe des Ruhrsiedlungsverbandes ist. Der hat ja die gesamten Planungsunterlagen dieses Gebietes seit Jahrzehnten bearbeitet. Dann könnte man eines Tages eine solche Tabelle den Interessenten übergeben.
SPIEGEL: Was kann das Land tun, damit industrielle Interessenten auch Arbeitskräfte bekommen?
MEYERS: Zur Zeit nicht viel. Die Arbeitsämter können jetzt allenfalls noch weibliche Arbeitskräfte vermitteln. Im übrigen bin ich überzeugt, daß im Ruhrgebiet immer mehr Arbeitskräfte frei werden. Sie kennen ja das Beispiel von Opel.
SPIEGEL: Wo heute schon 10 000 Leute beschäftigt sind.
MEYERS: 10 000 können sie schon beschäftigen, ja.
SPIEGEL: Man hat den Eindruck, daß der Landesregierung die Hände doch ziemlich gebunden sind. Sie, Herr Ministerpräsident, können zwar Alarm schlagen, aber es liegt, wie im Fall Opel, letzten Endes bei den Gemeinden und den alteingesessenen Unternehmen, ob sich wirklich neue Industrien hier ansiedeln können.
MEYERS: Ganz so einseitig sehe ich das nicht.
SPIEGEL: Sie haben nicht die eigentlich notwendige Vollmacht zu bestimmen: Hier muß ein Standort für ein neues Werk frei gemacht werden. Der Chef der Duisburger Kupferhütte, Dr. Schackmann, hat als Präsident der Industrie- und Handelskammer Duisburg wörtlich gesagt: "Forderungen dieser Art gehören in den Bereich der Planwirtschaft, sie sind mit der Konzeption der Marktwirtschaft unvereinbar."
MEYERS: Wir haben nie behauptet, daß wir bestimmte Industrien zu bestimmten Standorten zwängen. Das können wir nun tatsächlich nicht, dafür haben wir weder eine gesetzliche noch sonst eine Möglichkeit. Wir haben nur gesagt: Wir werden mit der Planung feststellen, welche Standorte für Industrie geeignet sind und welche nicht.
SPIEGEL: Dr. Schackmann war der Meinung, Aufgabe des Staates sei es ausschließlich, "zur Sicherung der Lebensgrundlagen des Reviers die Infrastruktur
zu verbessern und die Attraktivität dieses Raumes für Menschen
und Wirtschaft zu erhöhen". Das hieße also lediglich, Bahnlinien, Straßen und Kanäle auszubauen, Luft und Wasser sauber zu machen und dergleichen.
MEYERS: Das ist sicherlich die Hauptaufgabe, aber das Wort "ausschließlich" möchte ich dabei ausschließen. Denn es ist auch Aufgabe des Staates, im einzelnen die Entwicklung zu verfolgen und demjenigen Hilfe zu gewähren, der es nicht aus eigenen Mitteln kann.
SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Meyers (M.) beim SPIEGEL-Gespräch in seinem Düsseldorfer Amtszimmers*
Verblaßter Glanz
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"Hoffentlich kein Schornstein . . . "
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Urahn, Großvater, Vater, Sohn
* Mit SPIEGEL-Redakteuren Ferdinand Simoneit (l.) und Gerd Brüggemann.

DER SPIEGEL 10/1964
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