04.03.1964

„DIE ITALIENER HABEN UNS DAS LAND GESTOHLEN“

Der 38jährige Südtiroler Landwirt Luis Amplatz zählt zu den 17 flüchtigen Angeklagten im Mailänder Sprengstoff-Prozeß, in dem seit dem 9. Dezember vergangenen Jahres gegen 95 Südtiroler und sechs Osterreicher verhandelt wird. Den Angeklagten werden Hochverrat, 77 Anschläge auf Hochspannungsmasten, 14 Anschläge auf Bahnstrecken, acht Anschläge auf private Wohnhäuser, ein Mord und zwei Mordversuche angelastet. Amplatz war von Anfang an einer der Führer der terroristischen Bewegung, die mit Bombenanschlägen das Selbstbestimmungsrecht für die Bewohner Südtirols erzwingen wollen. Er wurde von der italienischen Polizei dreimal verhaftet und dreißigmal verhört.
SPIEGEL: Herr Amplatz, auf Ihren Kopf haben die Italiener eine Prämie von acht Millionen Lire, also rund 50 000 Mark, ausgesetzt. Sie sind einer der führenden Leute der Südtiroler Freiheitskämpfer. Warum betreiben Sie dieses lebensgefährliche Spiel?
AMPLATZ: Das ist in wenigen Worten gesagt. Wir haben in der Faschistenzeit genug mitgemacht, um zu wissen, was Italiener können. Das sind ganz schmutzige Brüder ...
SPIEGEL: Sie verallgemeinern ebenso, wie es die Italiener oft tun ...
AMPLATZ: ... sie haben uns zuerst das Land gestohlen. Bald sind sie in der Mehrzahl. Unseren Kindern könnte es dann genauso gehen wie uns unter den Faschisten. Wenn wir das Land schon nicht zurückgewinnen können, so wollen wir wenigstens unsere Sprache und unsere Bräuche weiterbehalten und unser Land selber verwalten.
SPIEGEL: Was wollen Sie mit Ihren Sprengstoffanschlägen jetzt konkret erreichen?
AMPLATZ: Wir wollen die Welt darauf aufmerksam machen, wie es in Südtirol wirklich ist. Jährlich fahren Hunderttausende deutscher Urlauber durch Südtirol, trinken ein Glas Wein bei fröhlichen Wirten, wie Wirte, die ein Geschäft machen, immer fröhlich sind. So ist die Meinung aufgekommen, in Südtirol wäre alles beim besten. Die Italiener sind aber in der Nichteinhaltung des Pariser Vertrages immer weiter gegangen**.
SPIEGEL: Ihr Ziel ist also die Einhaltung des Pariser Abkommens durch die Italiener?
AMPLATZ: Wer, wie die Italiener, jetzt fast zwanzig Jahre lang einen Vertrag nicht eingehalten oder verfälscht hat, mit dem kann man keinen zweiseitigen Vertrag schließen. Daher muß man uns das Selbstbestimmungsrecht geben, damit das Volk endlich über seine Zukunft entscheiden kann. Man kann uns nicht das Selbstbestimmungsrecht verweigern, das man jedem Negerstamm in Afrika gewährt. In der UNO -Satzung ist es allen Völkern zugesichert.
SPIEGEL: Sie glauben, daß die Mehrheit des Südtiroler Volkes den "Anschluß" an Österreich will?
AMPLATZ: Ja, wenn man es wirklich nach seinem Willen fragt. 1945/46 haben 155 000 Südtiroler ihre Unterschrift für die Wiedervereinigung mit Nord- und Osttirol gegeben. 1960 hat das Demoskopische Institut von Allensbach, Sie kennen es sicher vom Hörensagen, eine Umfrage in Südtirol durchgeführt. 82 Prozent der Befragten sprachen sich für eine Rückgliederung an Österreich aus.
SPIEGEL: Sind Sie da ganz sicher?
AMPLATZ: Ja. Dazu kommt noch: Der Tiroler war seit Jahrhunderten die freie Selbstverwaltung gewöhnt. Seit wir bei Italien sind, behandeln sie uns wie eine Kolonie.
SPIEGEL: In der ausländischen Presse und speziell von den Italienern werden Sie und Ihre Freunde häufig als rechtsradikale Volksdeutsche bezeichnet. Stimmt das?
AMPLATZ: Das ist immer eine bequeme Verleumdung. Darum reden die Italiener und die Kommunisten die ganze Zeit davon. Die Faschisten haben uns Südtiroler gepeinigt, und Hitler hat 1939 mit der Umsiedlung unsere Heimat an Mussolini verschachern wollen. Und da sollen wir dann Rechtsradikale sein? Ich bin es am allerwenigsten, denn meinen Vater haben schließlich die Nazis deportiert. Mich wundert grad, daß sie den Andreas Hofer nicht auch schon einen. Nazi genannt haben, weil auch er die Freiheit wollen hat.
SPIEGEL: Sie wollen also sagen, daß die Freiheitskämpfer im Grunde unpolitisch sind?
AMPLATZ: Ganz unpolitisch!
SPIEGEL: Aber in Ihrer Bewegung gibt es doch Angehörige der verschiedensten politischen Lager.
AMPLATZ: Ja, klar. Wo es um die Heimat geht, tun alle mit. Um rechtsradikale Helfer haben wir uns nie bemüht. Wenn es aber auch solche Leute gibt, die etwas für Südtirol tun, so können wir sie daran nicht hindern. Wir haben nur eines gemeinsam: Wir sind alle katholisch. Unsere Einstellung haben wir gleich am Anfang des Kampfes gezeigt, als wir das Reiterstandbild des Aluminium-Duce bei Waidbruck in die Luft gelassen haben. Das gibt es nur in Südtirol, daß faschistische Denkmäler erhalten geblieben sind und in der letzten Zeit sogar neue dazu gebaut wurden.
SPIEGEL: Sie haben an dem Anschlag auf das Duce-Denkmal teilgenommen?
AMPLATZ: Nein, das waren andere.
SPIEGEL: Wie sind Ihre Freunde dabei vorgegangen?
AMPLATZ: Ganz einfach. Man schaut sich das Denkmal zuerst einmal an, mißt die Durchmesser seiner faschistischen Pferdefüße, klopft das Material ab...
SPIEGEL: Was war das für Material?
AMPLATZ: Das konnte man nicht feststellen. Aber die Sprengstoffmenge haben sie so berechnet, daß es auch für Molybdänstahl gereicht hätte.
SPIEGEL: Welcher Sprengstoff wurde verwendet?
AMPLATZ: Gewöhnliches Donarit.
SPIEGEL: Wieviel Kilogramm?
AMPLATZ: Zehn für jeden Fuß. Meine Freunde sind in Begleitung von Mädchen vorgefahren ...
SPIEGEL: Was haben Mädchen mit Sprengstoffanschlägen zu tun?
AMPLATZ: Damals waren dauernd Fahrzeugkontrollen, und da wird zuerst immer der Fahrer kontrolliert. Das Mädchen kann also unter Umständen den Sprengstoff, der unter dem Rücksitz verborgen liegt, hinweglächeln.
SPIEGEL: Wurde der Sprengtrupp angehalten?
AMPLATZ: Nein, es war so schwierig genug. Das Denkmal wurde von Scheinwerfern angestrahlt, der Wächter war damals freilich grad auf Urlaub. Gegenüber steht eine Carabinieri-Kaserne.
SPIEGEL: Gab es keine Patrouillen?
AMPLATZ: Nein. Als die Unsrigen grade anhielten und aussteigen wollten, wurde das Kommando von einem vorbeifahrenden Auto angestrahlt, so daß sie weiterfahren und noch einmal aus der Gegenrichtung heranfahren mußten. Dadurch kam der ganze Fahrplan durcheinander. Aber sie haben es dann doch noch fertiggebracht.
SPIEGEL: Wie wurde der Sprengstoff befestigt?
AMPLATZ: Das ist eine Frage des gesunden Hausverstandes, die Sie auch lösen können, wenn Sie vor die Aufgabe gestellt werden, ein Säckchen an einem Mast anzubringen.
SPIEGEL: Hat Hausverstand etwas mit Sprengstoff zu tun?
AMPLATZ: Ja, und schließlich waren ja viele von uns beim Barras und haben Stoßtruppunternehmen ausgeführt. Der in Säckchen verpackte Sprengstoff muß möglichst eng am Objekt liegen, die Knallzündschnüre müssen die Ladung gleichzeitig auslösen, da sonst die zu spät gezündeten Ladungen weggeschleudert werden.
SPIEGEL: Woher haben Sie Ihre Kenntnisse im Umgang mit Sprengstoff? Oft hat doch Ihr Wissen nicht ausgereicht.
AMPLATZ: Über Sabotagesprengung ist nicht viel geschrieben worden, aber es gibt Bücher über das Sprengen, die billig zu kaufen sind. Und dann haben wir das Lehrbuch für Schweizer Unteroffiziere: "Der totale Widerstand"; sehr lehrreich, sag' ich Ihnen!
SPIEGEL: Haben Sie daraus gelernt, wieviel Kilo Sprengstoff Sie für einen Mast brauchen?
AMPLATZ: Wir haben daraus viel gelernt, viel aus eigener Erfahrung ist dazugekommen. Der eine Mast braucht nur vier Kilo, ein anderer vielleicht 20 Kilo Sprengstoff. Trotzdem klappte es nicht immer, wir müssen ja sehr viel improvisieren.
SPIEGEL: Der Staatsanwalt im Mailänder Prozeß behauptet, daß einige der 95 angeklagten Südtiroler an diesem Anschlag beteiligt gewesen sind.
AMPLATZ: Sind sie aber nicht. Es ließe sich beweisen, wenn wir...
SPIEGEL: ... freies Geleit ...
AMPLATZ: ... ja, freies Geleit nach Mailand bekämen, daß diese Angeklagten an der Liquidation des Duce-Denkmals nicht beteiligt waren. Genauso war keiner der Angeklagten in Mailand an dem Anschlag beteiligt, bei dem der italienische Straßenarbeiter Giovanni Postal unglücklicherweise ums Leben kam.
SPIEGEL: Bei Salurn ...
AMPLATZ: Ja, dort sollte ein Baum so über die Straße gesprengt werden, daß er genau die Sprach- und eigentliche Landesgrenze bei Salurn markiert.
SPIEGEL: Das gefährdete - entgegen den wiederholten Beteuerungen Ihrer Leute - Menschenleben.
AMPLATZ: Nein, die drei Leute, die für die Ladung verantwortlich waren,
haben den ursprünglichen Plan abgeändert und den Sprengstoff so angebracht, daß der Baum nicht über die Straße, sondern in den Wald stürzen sollte. Ihnen war klargeworden, es könnte ja ein Auto vorbeifahren und ein Unglück passieren. Postal entdeckte die Ladung, bei der wohl der Zünder versagt hatte, und brachte sie durch Berühren zur Detonation.
SPIEGEL: Inzwischen ist Ihre Arbeit aber wesentlich schwieriger geworden, die Kontrollen der italienischen Behörden sind gründlicher. Wie arbeiten Sie jetzt? Befördern Sie Ihren Sprengstoff weiterhin mit Autos und Mädchen nach Südtirol?
AMPLATZ: Ja. Aber ich möchte sagen, daß dies nur zu einem geringen Teil geschieht. Das meiste an Waffen, Munition und Sprengstoff erwerben wir in Italien.
SPIEGEL: Im Nato-Nachschubhafen Livorno?
AMPLATZ: Na ja, das möchte ich nicht so genau sagen. Sie wissen, daß es im Zweiten Weltkrieg oft italienische Waffenmeister waren, die italienische und auch jugoslawische Partisanen gegen gutes Geld versorgt haben. Gott sei Dank sind sie auch heute noch nicht ausgestorben.
SPIEGEL: Wieviel bezahlen Sie für ein Kilo Donarit?
AMPLATZ: Ungefähr 800 Lire, also in deutschem Geld etwa 5 Mark. Genau wie mit den Waffen und dem Sprengstoff ist es auch mit den Leuten, die Anschläge machen. Die Führung und der Großteil der Leute sind Südtiroler. Von außen wird nur mitgeholfen.
SPIEGEL: Wie viele Einsätze haben Sie bis jetzt durchgeführt? Sie verzeichnen sie ja genau in einem Taschenbuch.
AMPLATZ: Es waren so an die zweihundert, davon ist viel danebengegangen. Oft mußten wir den Sprengstoff vom Objekt wieder herunterholen. Aber wir können den Italienern versichern, daß wir besser geworden sind. Bis jetzt kamen auf fünfzig gesprengte Hochspannungsmasten fast hundert Einsätze. Das nächste Mal werden wesentlich weniger nötig sein.
SPIEGEL: Als Sie im Juni 1961 in der Herz-Jesu-Nacht als spektakulären Beginn Ihrer Anschläge 42 Leitungsmaste in die Luft jagten, wunderten sich die Italiener über Ihre genaue Kenntnis des Südtiroler Elektrizitäts-Systems. Denn Sie verfolgten doch den Plan, die Industrie-Zone Bozen lahmzulegen. Haben Sie Spitzel in den italienischen Reihen?
AMPLATZ: Ja, wir bekommen auch von dort Informationen. Aber das war viel einfacher, als man glaubt. Gewöhnliche Bauern wie ich sind einfach allen Leitungen nachgegangen und schauten, zu welcher Industrieanlage sie führten. Nach unseren Skizzen suchten wir dann die Masten aus ...
SPIEGEL: ... deren Sprengung die Aluminium- und Stahlhochöfen des italienischen Industriegebietes in Bozen außer Betrieb setzen und damit ruinieren sollten?
AMPLATZ: Ja, wenn die Ofen plötzlich außer Betrieb gesetzt werden, erstarrt die Schmelzmasse, und die Ofen sind schwer beschädigt oder kaputt.
SPIEGEL: Ganz ist Ihnen dieser Plan nicht gelungen.
AMPLATZ: Nein, einige wichtige Masten flogen nicht in die Luft, meist war technisches Versagen der Auslösevorrichtungen schuld.
SPIEGEL: Wieviel Leute sind in der Regel an einem Einsatz beteiligt?
AMPLATZ: So ein bis vier Mann; wieviel für den Feuerschutz mitgehen, das wechselt, wie wir's grad brauchen.
SPIEGEL: Sie sprechen von Feuerschutz. Ursprünglich machten Sie Ihre Einsätze doch unbewaffnet?
AMPLATZ: Ja, aber seit wir wissen, daß im angeblich europäischen Italien der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gefoltert wird, und uns viele der Gefolterten erzählt haben, daß es leichter ist zu sterben, als diese Prozedur zu überstehen, sind wir bereit, uns bis aufs Messer, bis auf die Haut zu verteidigen.. Besser selber schießen, als von den Carabinieri langsam umgebracht zu werden.
SPIEGEL: Welche Waffen stehen Ihnen für einen Feuerschutz zur Verfügung?
AMPLATZ: Alle alpin tragbaren Waffen.
SPIEGEL: Tragbar wären noch Maschinengewehre und Panzerfäuste, nicht mehr tragbar wären ...
AMPLATZ: ... Kanonen.
SPIEGEL: Wir haben erfahren, daß Sie in der Ruhepause während des Winters nicht nur Ihre Bewaffnung, sondern auch die Ausbildung und die Absicherung Ihrer Bewegung verbessert haben?
AMPLATZ: Nachdem es früher genügte, einen Mann zu erwischen, um mit Foltermethoden die Namen von vielen anderen zu erfahren, sind die Gruppen jetzt fast ohne Verbindung untereinander. Durch die bessere Absicherung haben die Italiener letztes Jahr, in dem wir 42 Masten gesprengt haben, nur einen Mann erwischt, den Kofler Rudl.
SPIEGEL: Es gibt jeweils nur einen Verbindungsmann zur Führung?
AMPLATZ: Mehr nicht. Die einzelnen Gruppen arbeiten oft ganz selbständig und schlagen zu, wie es sich am besten ergibt, ohne voneinander zu wissen.
SPIEGEL: Überschneiden sich da die Aktionen nicht?
AMPLATZ: Nein, das wird schon vorher festgelegt.
SPIEGEL: Die Führung der Freiheitskämpfer hat also Südtirol in Operationsgebiete aufgeteilt?
AMPLATZ: Ja, das kann man sagen. Unter Führung stellen Sie sich vielleicht nicht das Richtige vor. Es gibt bei uns keine Strategen am grünen Tisch. Je mehr Einsätze einer erfolgreich durchführt, desto mehr hat er zu reden.
SPIEGEL: Bilden Sie den Attentäter -Nachwuchs in Lehrgängen aus?
AMPLATZ: Die Leute werden ausgebildet, aber jeder einzeln. Wenn ein Bauer das erstemal mit Sprengstoff zu tun hat, muß man ihn genau unterweisen, um Fehler zu vermeiden.
SPIEGEL: Also jeder Südtiroler Bauer ein Sprengstoff-Spezialist?
AMPLATZ: Das ist ein bißchen übertrieben.
SPIEGEL: Wurden Sie bei Ihrer Tätigkeit oft von Italienern gestört?
AMPLATZ: Nein, nicht oft. Die Italiener trauen sich, zumindest bei Nacht, nicht weit von ihren Kasernen weg, und wenn sie es tun, dann kommen sie in großen Gruppen, und man hört sie schon einen Kilometer vorher. Als der Aluminium-Duce gesprengt wurde, wagten sie sich erst bei Tagesanbruch aus der Kaserne. Es ist schon passiert, daß am Abend ein Mast flog und die Polizei sofort alarmiert wurde, jedoch erst bei Tagesanbruch ausrückte.
SPIEGEL: Aber, Herr Amplatz, Sie selbst sind doch bei Ihrer Flucht den Italienern mehrmals nur mit Mühe entgangen.
AMPLATZ: Ja, das schon. Am 20. Mai 1961 kam, wie schon so oft vorher, ein Beamter der staatspolizeilichen Abteilung in Bozen auf meinen Hof und wollte mich auf die Quästur holen. Ich sagte ihm, daß ich doch nicht in Hemd und Gummistiefeln kommen könne, und ging ins Haus zurück, mich umzuziehen. Meiner Frau sagte ich: "Du, der hat so süß geredet, wenn ich da mitgehe, sehe ich lange keine Sonne mehr." Dann sprang ich aus dem Schlafzimmerfenster...
SPIEGEL: Ihr Haus war doch umstellt?
AMPLATZ: Das habe ich erst gemerkt, als ich einem Staatspolizisten fast in die Hände lief. Fünf Meter vorher habe ich ihn gesehen, und da bin ich in den Eisack-Fluß hinuntergesprungen. Meine Frau ging eine halbe Stunde später aus dem Haus und fragte den Polizisten, auf wen er wohl warte. Da merkten die Italiener, was los war. Und die Jagd begann.
SPIEGEL: Dabei haben Sie sich schwer verletzt?
AMPLATZ: Nein, das war erst später ...
SPIEGEL: ... als Sie - wie auch im Juni 1961 - zu einem Einsatz von Österreich nach Italien kamen?
AMPLATZ: Nach Südtirol. Ich ging mit meinem Freund Kofler. Wir hatten nur Pistolen bei uns, mit Maschinenpistolen kann man am Tag nicht gehen. Da stießen wir auf vier Carabinieri, die uns den Weg abschneiden wollten. Einer erwischte uns, hob die Maschinenpistole und schrie: "-Halt!" Ich sagte ihm auf italienisch, daß wir friedliche Leute wären, die nichts anderes im Sinn hätten, als Pilze zu suchen. Im nächsten Moment ließen wir uns einen Abhang hinunterfallen.
SPIEGEL: Wurde Ihnen nachgeschossen?
AMPLATZ: Nein, nur ein paar andere Male, aber das ging immer weit daneben. Wir verkrochen uns dann unter Rosenbüschen, um die Nacht abzuwarten.
SPIEGEL: Und die Carabinieri...
AMPLATZ: ... haben uns nicht gefunden. Aber als ich aufstehen wollte, merkte ich, daß ich nicht mehr gehen konnte. Mein rechtes Knie war sehr geschwollen. Es war eine Meniskusverletzung. Für den sonst dreiviertel Stunden langen Weg zum Stützpunkt...
SPIEGEL: ... eine Ihrer ausgebauten Höhlen, in denen Sie seit Ihrer Flucht leben ...
AMPLATZ: ... brauchte ich siebeneinhalb Stunden. Ich mußte auf allen vieren kriechen. Dort lag ich drei Tage lang mit Fieber und nahm Morphiumtabletten. Dann wurde ich verliefert.
SPIEGEL: Mit verliefert meinen Sie, Sie wurden in ein Krankenhaus nach Österreich gebracht.
AMPLATZ: Nein, ich wurde zu befreundeten Südtirolern in Privatpflege gebracht.
SPIEGEL: Sie waren dann längere Zeit außer Gefecht?
AMPLATZ: Nach acht Tagen bin ich über einen Gletscher nach Österreich gegangen. Statt eines Eispickels hatte ich einen Spatenstiel, zum Essen nur noch ein Stück Brot. Es ging ein fürchterlicher Sturm. Vor den Gletscherspalten habe ich mich mehr gefürchtet als vor zehn Carabinieri.
SPIEGEL: Das war Ihr aufregendstes Abenteuer?
AMPLATZ: Mich regt jetzt nichts mehr auf.
SPIEGEL: Und al es Sie noch aufregte?
AMPLATZ: Im September 1961 ging ich über den Brenner.
SPIEGEL: Von Österreich nach Italien?
AMPLATZ: Sagen wir von Nordtirol nach Südtirol.
SPIEGEL: Mit oder ohne Sprengstoff?
AMPLATZ: Ohne. Am Damm der Brennerbahn sah ich plötzlich mehrere Uniformierte stehen. Sie sahen mich auch. Ich rannte - es war fünf Uhr früh - durch eine Bahnunterführung, da kamen auf der anderen Seite drei Carabinieri mit aufgezogener MP auf mich zu. Ich rannte zurück, auf eine Wiese hinaus, auf der nicht ein einziger Strauch Deckung bot. Da versuchten drei Carabinieri, mir von der anderen Seite den Weg abzuriegeln. Ich sprang in einen Wasserschacht und kletterte durch das eiskalte Wasser zum Waldrand hinauf. Dort legte ich mich in ein Gebüsch. Bis auf fünf Meter kamen die Carabinieri heran und zielten mit ihren MPs auf die Unterführung. Leise bin ich dann über die Grenze zurückgeschlichen.
SPIEGEL: Sprengstoff und Waffen kosten viel Geld. Wie finanzieren Sie Ihre Bewegung?
AMPLATZ: Das ist nicht immer leicht. Denn nirgends dürfen wir uns offen zeigen. Manchmal haben wir uns mit lächerlich kleinen Mitteln durchschlagen und fast von der Hand in den Mund leben müssen.
SPIEGEL: Wieviel bekommen Sie im Jahr zusammen?
AMPLATZ: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Wir bekommen hauptsächlich privates Geld aus Südtirol, aber auch einiges aus Deutschland, der Schweiz, Österreich und den USA, von ausgewanderten Südtirolern.
SPIEGEL: Sie machen so etwas wie gemeinnützige Haussammlungen für Sprengstoff?
AMPLATZ: Ja, sozusagen. Die kleinen Leute geben oft mehr als die reichen. Das meiste Geld kommt aus dem Land selbst. Und wer sonst für unsere Sache etwas geben will, der findet schon einen Weg zu uns.
SPIEGEL: Wann wollen Sie Ihre Aktion fortsetzen? .
AMPLATZ: Das hängt ganz von Italien ab. Wir wissen, daß wieder Untersuchungshäftlinge mißhandelt wurden. Wir wollen jedoch weder sagen, daß wir diesen Monat nichts unternehmen, noch, daß unsere Aktionen vom Ausgang des Mailänder Prozesses abhängig sind.
SPIEGEL: Es steht jedoch fest, daß Sie Ihre Anschläge nicht aufgeben werden?
AMPLATZ: Beim gegenwärtigen Stand der Dinge bleibt uns nichts anderes übrig, als für unser Land weiterzukämpfen.
** Am 5. September 1946 schlossen der italienische Ministerpräsident Alcide de Gasperi und der österreichische Außenminister. Dt. Karl Gruber in Paris einen Vertrag, in dem Österreich auf die Rückgliederung des vor 1919 österreichischen Südtirols verzichtete, Italien dagegen Südtirol eine Provinzialautonomie versprach.
Bombenwerfer Amplatz (M.), SPIEGEL-Redakteure*: "Sprengen ist eine Frage...
... des gesunden Hausverstandes": Südtiroler Partisanen im Versteck
Duce-Denkmal bei Waidbruck
Faschistische Pferdefüße gemessen
* Beim SPIEGEL-Interview in Tirol. Links: SPIEGEL-Redakteur Peter Neuhauser, rechts: SPIEGEL-Redakteur Dr. Jochen Becher.

DER SPIEGEL 10/1964
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