04.03.1964

USA / FORRESTALEnde bei Nachtigall

Kein Wort durfte die Nation erfahren, keine Anspielung die Presse erreichen. Das Staatsgeheimnis mußte gewahrt bleiben: Amerikas Verteidigungsminister, Herr über- den größten Militärapparat der westlichen Welt, war geistesgestört.
Im Herbst 1948 sickerte ins Weiße Haus das Gerücht, der 56jährige Verteidigungsminister James Vincent Forrestal leide an Verfolgungswahn. Forrestal damals zu Freunden: "Sie sind hinter mir her!" Er wußte auch, wer "sie" waren: Kommunisten, Zionisten und Liberale.
Präsident Truman wies seinen Geheimdienst an, dem Forrestal-Gerücht auf den Grund zu gehen. Secret-Service-Chef Urbanus E. Baughman machte sich auf, den Verteidigungsminister zu beschatten.
Forrestals Butler berichtete, sein Herr schrecke bei jedem Klingelzeichen zusammen und renne an die Haustür, behalte zu Hause oft den Hut auf dem Kopf und frage seinen Diener: "Wo ist mein Butler?" Darauf der Butler: "Ich bin hier, Sir."
Dann stöberte Trumans Leibdetektiv ein Testament des Ministers auf: Auf dem Papier lagen zahlreiche Schlaftabletten. Weitere Tabletten fand er in Schlafzimmer und Bad.
"Hatte Forrestal", spekulierte Baughman, "die Rezepte seines Arztes in der Absicht aufbewahrt, genügend Tabletten für eine tödliche Dosis zu sammeln, um sie dann alle auf einmal zu nehmen? Ich hatte den Verdacht, daß dies seine Absicht war."
Doch Staatschef Truman zögerte, den geisteskranken Verteidigungsminister, der als stärkster Mann und enragiertester Antikommunist des Kabinetts galt, sofort zu entlassen. Erst nachdem er sich mit dem Minister politisch überworfen hatte, entfernte er Forrestal von den Schalthebeln des Pentagon.
Mit "tiefstem Bedauern" akzeptierte Truman im März 1949 das Entlassungsgesuch seines Wehrministers und trug dafür Sorge, daß Forrestal hohe Ehrungen zuteil wurden. Der Wehrausschuß des Senats trat zu einer Sondersitzung
-zusammen, der Präsident überreichte
dem Exminister die "Distinguished Service Medal", und Kabinett wie Öffentlichkeit feierten ihn als einen der größten US-Kriegsminister.
Aber auch nach Forrestals Entlassung durfte die Nation nicht wissen, daß die Krankheit des Ministers schon Mitte 1948 begonnen hatte, zu einer Zeit also, da Stalin die Blockadeschlacht gegen Berlin inszenierte und der Kalte Krieg zwischen West und Ost seinem gefährlichsten Höhepunkt zustrebte.
Die Ärzte diagnostizierten Forrestals Geisteszustand im April 1949 als Involutionsmelancholie (Alterungspsychose), aber die Öffentlichkeit erfuhr nur, der inzwischen in das Marinehospital von Bethesda bei Washington eingelieferte Patient leide an "Einsatzermattung", einer Ermüdungserscheinung, die jeden Frontsoldaten befalle, der längere Zeit keinen Urlaub gehabt habe.
Zudem sorgte ein eiserner Kordon im 16. Stockwerk des Marinehospitals dafür, daß kein Besucher an Forrestal herankam. Ein besonders ausgesuchter Marinesanitäter hatte Order, in regelmäßigen Zeitabständen nach dem selbstmordverdächtigen Exminister zu sehen.
Als der Wächter in den frühen Morgenstunden des 22. Mai 1949 den Patienten aufsuchte, saß Forrestal an einem Tisch und schrieb den Chorgesang aus der Tragödie "Ajax" des griechischen Dichters Sophokles ab:
Alternd reib' ich mich auf,
Ahnend seh' Ich das Leid,
Daß ich hinab muß ziehn
In den entsetzlichen, finsteren Hades...
Die Mutter im Silberhaar,
In der Jahre Fülle,
Gebeugt vom Alter,
Wenn jetzt sie die Botschaft hort
Von seines Wahnsinns Verhängnis,
Dann ruft sie Jammer, o Jammer,
Die Arme, nicht wie im Trauerlied
Die klagende Nachtigall ...
Der Sanitäter sah nicht mehr, daß Forrestal bei dem Wort "Nachtigall" abbrach. Der Exminister erhob sich und ging in die nebenan gelegene Diätküche hinüber. Wenige Minuten später stand er auf dem Fensterbrett und stürzte sich in die Tiefe.
Der erste und einzige Selbstmord eines US-Ministers wühlte die amerikanische Öffentlichkeit so auf, wie es der Tod eines Politikers nie zuvor vermocht hatte. Da man den Zustand Forrestals lange Zeit verschwiegen hatte, entstand die Legende, über dem Ende des Ministers liege ein düsteres Geheimnis.
15 Jahre nach dem Todessprung
Forrestals hat jetzt Arnold A. Rogow, außerordentlicher Professor für Politologie an der Universität von Stanford, überzeugend geklärt, was den Exminister in Wahnsinn und Tod trieb: In seiner soeben erschienenen Forrestal-Biographie weist er nach, daß der Verteidigungsminister an seinem eigenen Unfrieden zugrunde ging*.
Urteilt der Polit-Professor: "Forrestal bezahlte mit Psychose und Selbstmord, also praktisch mit seinem Leben, für die aufgestauten Schuldgefühle, Spannungen, Enttäuschungen und Konflikte, deren er nicht mehr Herr werden konnte."
Eine stärkere Persönlichkeit - so argumentiert Rogow - hätte diese inneren Spannungen bewältigen können, aber in der boxerhaften Gestalt des James Vincent Forrestal habe ein zerrissener, selbstquälerischer Geist gewohnt.
Dabei hatten Millionen von Amerikanern in dem Minister, dem bei einem Boxkampf das Nasenbein gebrochen worden war, die Idealfigur des "tough guy", des harten, Burschen, gesehen. Sein Auftreten, fand Publizist Jonathan Daniels, sei von jener Art, "die Filmleute den besseren Gangstern vorbehalten".
In Wirklichkeit war Forrestal, wie sein Biograph Rogow belegen kann, keineswegs ein tough guy. Der 1892 als Sohn eines irisch-katholischen Bauunternehmers in der Nähe New Yorks geborene Forrestal galt als kränkelndes Kind, das sich mit gnadenloser Strenge in den härtesten Sportarten übte.
Die allesbeherrschende Mutter verlangte gebieterisch, "Jimmy" solle Priester werden, und schürte damit in ihrem Sohn eine Rebellion gegen das Elternhaus, die Forrestal innerlich niemals überwand. Noch wenige Wochen vor seinem Tode klagte er, Gott habe ihn gestraft, weil er ein "schlechter Katholik" gewesen sei.
Forrestal brach derart radikal mit seinen Eltern, daß selbst enge Freunde später annahmen, der Pentagon-Chef sei als Waise aufgewachsen. Er trat in New Yorks berühmteste Investmentbank, "Dillon, Read and Company", ein und stieg 22 Jahre später zum Präsidenten der Firma auf; aber innerlich blieb er ein einsamer, scheuer Mann, der kein rechtes Verhältnis zu seiner Umwelt gewann.
Auch die Ehe mit der kühlen "Vogue" -Redakteurin Josephine Ogden konnte ihm keinen inneren Halt geben. Die Eheleute verbrachten nie einen gemeinsamen Urlaub, die zwei Söhne bekamen ihren Vater kaum zu Gesicht. Forrestal: "Ich bin ein Versager."
Aus diesen Minderwertigkeitsgefühlen erklärt sich Biograph Rogow den wunderlichen Umstand, daß sich just ein so selbstzweiflerischer Mann wie James Forrestal 1940 nach seinem Eintritt in die Politik dem Kult der Macht verschrieb. Wie kein zweiter US-Politiker forderte Forrestal, in der Politik und im Völkerleben dürften nur Macht und Kraft zählen.
"Die Realität von Forrestals Persönlichkeit", analysiert der Professor, "war nicht Härte, sondern Schwäche. Ein stärkerer Mann hätte sich weniger an der Macht orientiert, ein selbstbewußterer Mann wäre in Fragen der Außenpolitik flexibler gewesen."
Mit einer Besessenheit ohnegleichen stürzte sich Forrestal - zunächst Unterstaatssekretär, von 1944 an Chef des Marineministeriums - auf das, was er "die russische Frage" nannte.
"Mein Gott, George", vertraute er einem Freund an, "du und ich und (der ehemalige US-Botschafter in Moskau) Bill Bullitt sind die einzigen Leute um den Präsidenten, die die Russen durchschauen."
Marineminister Forrestal "befand sich persönlich im Krieg mit dem Kommunismus, lange bevor der Kalte Krieg begann" (Rogow). Er rüttelte die amerikanische Öffentlichkeit gegen Stalins weltpolitische Offensive auf, opferte 12 000 Dollar des eigenen Bankkontos für die Bestechung westeuropäischer KP-Gewerkschaftler und führte einen harten Kampf gegen die naiven Rußland-Romantiker des Kabinetts.
Er wies zwar jeden Gedanken an einen Präventivkrieg gegen Moskau zurück, dennoch glaubte er an die Unvermeidlichkeit eines dritten Weltkrieges. Bis dahin galt für den Gegner der friedlichen Koexistenz: "Die stärkste Armee und die stärkste Marine gehören in die Hände der mächtigsten Nation" - Amerikas.
Ein solcher Mann, dein auch der Ruf eines genialen Organisators vorausging, schien der geeignete Kandidat, die Leitung der im neugeschaffenen Verteidigungsministerium- zentralisierten US -Wehrmacht zu übernehmen. 1947 wurde Forrestal Verteidigungsminister und avancierte schnell zur Schlüsselfigur der amerikanischen Außenpolitik.
Je maßloser aber Forrestal forderte, daß allein militärische Gesichtspunkte den außenpolitischen US-Kurs bestimmen müßten, desto heftiger stieß er mit Präsident Truman zusammen, der Berufspolitiker genug war, um die Außenpolitik zuweilen innen- und wahlpolitischen Überlegungen unterzuordnen.
Als Truman 1948 aus Rücksicht auf jüdische Wählerstimmen die Bildung des Staates Israel förderte, von der Forrestal eine Gefährdung der westlichen Ölzufuhr aus Arabien befürchtete, kam es zu einem Zusammenstoß.
Von nun an war Truman entschlossen, den von der "russischen Frage" hypnotisierten Verteidigungsminister abzulösen. Schon früher hatte Truman, gegen Forrestals Widerstand, den ihm ergebenen Stuart Symington zum Luftwaffenminister ernannt, der nun den Pentagon-Chef öffentlich kritisierte und der insgeheim "hinter ihm herspionierte" (Rogow).
Von Symington dürfte Truman auch Mitte 1948 erfahren haben, daß Forrestal den Anspannungen seines Amtes nicht mehr gewachsen war. Immer deutlicher wurden die Anzeichen der Krankheit Forrestals, immer bedrückender die Wahnideen des Wehrministers.
Das Pentagon, so hatte er schon 1947 dunkel-prophetisch geschrieben, sei "wahrscheinlich der Geschichte größter Friedhof für toteKatzen. Ende nächsten Jahres werde ich sicher der gemeinsamen Aufmerksamkeit (Pater) Fulton Sheens und der Psychiatrie bedürfen".
Pater und Psychiatrie kamen zu spät.
* Arnold A. Rogow: "James Forrestal". The Macmillan Company, New York; 396 Seiten; 6,95 Dollar.
Selbstmörder Forrestal
"Ich werde des Paters ...
Bethesda-Hospital, Absturzbahn
... und der Psychiatrie bedürfen"

DER SPIEGEL 10/1964
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