11.03.1964

Daheim wenn das Laub fällt

1. Ein Begräbnis**
Die neun Majestäten, die an dem Maimorgen des Jahres 1910 hoch zu Roß dem Sarge Eduards VII. von England folgten, boten ein so überwältigendes Bild, daß ein Seufzer der Bewunderung durch die schwarzgekleidete Menge ging, die sich in ehrfurchtsvollem Schweigen drängte. Scharlachfarben, blau, grün und purpurrot ritten die Herrscher jeweils zu dreien nebeneinander durch das Schloßtor, mit nickenden Helmbüschen, goldenen Tressen, karmesinroten Schärpen und juwelenbesetzten Orden, die in der Sonne aufblitzten. Ihnen folgten fünf Thronerben, dann weitere vierzig kaiserliche oder königliche Hoheiten, sieben Königinnen - davon drei Regierende und vier Königinwitwen - und eine Schar von Sondergesandten aus Ländern, deren Herren keine Krone trugen.
Insgesamt waren siebzig Nationen vertreten in dieser größten Versammlung von Königen und Würdenträgern, die sich je an einer Stelle zusammengefunden hat und die in ihrer Art die letzte sein sollte. Gedämpften Klanges verkündete Big Ben die neunte Stunde, als der Trauerzug den Palast verließ, die Uhr der Weltgeschichte aber zeigte auf Sonnenuntergang, und das Licht der alten Welt versank in einem Todesglanz ohnegleichen.
Vorn in der Mitte ritt der neue König, Georg V., zu seiner Linken der Herzog
von Connaught, der einzige noch lebende Brüder des verstorbenen Königs, zu seiner Rechten aber der Mann, dem nach den Worten der "Times" "der erste Platz unter allen nichtenglischen Leidtragenden gebührte" und der "selbst bei gespanntesten Beziehungen seine Volkstümlichkeit in England nie verlor" - Wilhelm II., Deutscher Kaiser.
Auf seinem Grauschimmel, in der scharlachroten Uniform eines britischen Feldmarschalls, den seinem Rang zukommenden Marschallstab in den Händen, hatte Wilhelm II. seinen Zügen hinter dem berühmten aufwärts gezwirbelten Schnurrbart einen Ausdruck "tiefen, ja strengen Ernstes" gegeben. Wie wenig ruhig es in seinem so leicht erregbaren Herzen aussah, verraten hier und dort seine Briefe. "Ich bin stolz, diesen Ort meine zweite Heimat zu nennen und ein Mitglied dieser königlichen Familie zu sein", schrieb er nach Hause, als er die Nacht in Schloß Windsor in den früheren Räumen seiner Mutter verbracht hatte.
Empfindsamkeit und Sehnsucht, die diese von Trauer überschattete Begegnung mit seinen englischen Verwandten in ihm auslöste, mischten sich mit dem Stolz auf seinen Vorrang vor den anderen anwesenden Herrschern und einer spürbaren Erleichterung darüber, daß sein Onkel nun die europäische Bühne verlassen hatte. Er war gekommen, um Eduard, den bösen Geist, zu begraben; Eduard, der in Wilhelms Augen Anstifter der Einkreisung Deutschlands war; Eduard, den Brüder seiner Mutter, dem er weder befehlen noch imponieren konnte und dessen dicke Gestalt ihren Schatten erkältend auf Deutschland warf. "Er ist ein Satan! Man glaubt gar nicht, was für ein Satan er ist."
Dieser Ausspruch des Kaisers fiel 1907 in Berlin bei einem Essen vor dreihundert Gästen; Eduard war nämlich wieder einmal auf dem Kontinent unterwegs, offensichtlich mit dem teuflischen Ziel, seine Einkreisungspläne zu fördern. Er hatte demonstrativ eine Woche in Paris verbracht, hatte dann ohne jeden Anlaß den König von Spanien besucht (der gerade Eduards Nichte Ena geheiratet hatte) und schließlich dem König von Italien eine Visite gemacht, augenscheinlich in der Absicht, ihn zum Austritt aus dem Dreibund mit Deutschland und Österreich zu verführen.
Der Kaiser, dem die Zunge leichter als sonst jemandem in Europa durchging, hatte sich so in Zorn gesteigert, daß schließlich wieder einmal einer jener Aussprüche fällig war, die während der dreißig Jahre seiner Regierung immer von neuem die Nerven seiner Diplomaten strapazierten.
Zum Glück war nun der Einkreiser tot, und an seiner Stelle stand Georg, der, wie der Kaiser ein paar Tage vor dem Begräbnis zu Theodore Roosevelt sagte, ein "sehr netter Junge" (von fünfundvierzig Jahren, sechs Jahre jünger als der Kaiser) war. "Er ist Engländer durch und durch und haßt alle Ausländer, aber das macht mir nichts aus, solange er die Deutschen nicht mehr haßt als andere Fremde."
So ritt nun Wilhelm zuversichtlich an der Seite Georgs und grüßte im Vorbeireiten die Regimentsfahne der I. Royal Dragoons, deren Ehrenoberst er war. Früher einmal hatte er. Photographien verteilt, auf denen er die Uniform dieses Regiments trug, mit den rätselhaften Worten über seinem Namenszug: "Meine Zeit wird kommen." Nun war seine Zeit gekommen; er war der erste Mann in Europa.
Hinter Wilhelm II. ritten die zwei Brüder der verwitweten Königin Alexandra, König Friedrich von Dänemark und König Georg von Griechenland; ihr Schwiegersohn, König Haakon von Norwegen, und drei Könige, die ihre Krone verlieren sollten: Alfons von Spanien, Manuel von Portugal und, mit einem seidenen Turban geschmückt, König Ferdinand von Bulgarien, der seine königlichen Vettern damit ärgerte, daß er sich Zar nannte und in einer Truhe die kompletten Krönungsinsignien eines byzantinischen Kaisers aufbewahrte. Sie stammten aus einem Theaterfundus, und wurden für den Tag bereitgehalten, an dem er die byzantinischen Herrschaftsgebiete unter seinem Zepter wieder vereinigen würde.
Geblendet vom Glanz dieser "prachtvoll berittenen Fürsten", wie die "Times" sie nannte, hatten nur wenige Zuschauer Augen für den neunten König, der als einziger später wirkliches Format beweisen sollte. Trotz seines hohen Wuchses und seiner tadellosen Haltung im Sattel brachte es Albert, der König der Belgier, der dem Pomp höfischer Zeremonien gänzlich abhold war, zuwege, in dieser Umgebung verlegen und doch gleichzeitig unbeteiligt zu wirken. Er war fünfunddreißig Jahre alt und trug die Krone kaum ein Jahr. Selbst später, als sein Antlitz zum Symbol tragischen Heldentums wurde, zeigte es noch immer diesen zerstreuten Zug, als dächte der König an ganz andere Dinge.
Der Mann, von dem das Unglück seinen Ausgang nehmen sollte, Erzherzog
Ferdinand von Österreich, Thronfolger des alten Kaisers Franz Josef, mit wehendem grünem Federbusch am Helm an Alberts rechter Seite, hochgewachsen und wegen seiner Fülle stramm geschnürt; zu seiner Linken hatte der Belgier einen anderen Kronprinzen, der niemals seinen Thron besteigen sollte, Prinz Jussuf, den Erben des türkischen Sultans.
Den Königen folgten die königlichen Hoheiten: Prinz Fushimi, der Bruder des Kaisers von Japan; Großfürst Michael, der Bruder des Zaren von Rußland; der Herzog von Aosta, lichtblau mit grünen Federn, der Bruder des Königs von Italien; Prinz Karl, der Bruder des Königs von Schweden; Heinrich, Prinzgemahl der Königin von Holland, und die Kronprinzen von Serbien, Rumänien und Montenegro.
Der Letztgenannte, Prinz Danilo, "ein liebenswürdiger, außerordentlich hübscher junger Mann von höchst angenehmen Manieren", glich dem Liebhaber der Lustigen Witwe nicht nur dem Namen nach, denn er war zur Bestürzung des britischen Empfangskomitees am Vorabend in Begleitung einer "reizenden jungen Dame von großem persönlichem Charme" eingetroffen, die er als Hofdame seiner Frau vorstellte; sie sei nach London gekommen, um einige Einkäufe zu machen.
Ein ganzes Regiment kleinerer deutscher Fürstlichkeiten folgte: von Mecklenburg-Schwerin, von Mecklenburg -Strelitz, Waldeck-Pyrmont, von Coburg, Sachsen-Coburg und Sachsen-Coburg -Gotha, von Sachsen, Hessen, Württemberg und Baden. Aus Bayern war Kronprinz Rupprecht da, der bald eine deutsche Armee in die Schlacht führen sollte. Dann kamen ein Prinz von Siam, ein persischer. Prinz, fünf Prinzen des früheren französischen Königshauses der Orléans; ein Bruder des Khediven von Ägypten, der einen Fez mit goldener Quaste trug; in besticktem lichtblauem Gewand Prinz Tsia-tao von China, dessen altehrwürdige Dynastie zwei Jahre später stürzen sollte, und der Bruder des Kaisers, Prinz Heinrich von Preußen, als Repräsentant der deutschen Flotte, deren Oberbefehlshaber er war. In dieser glänzenden Gesellschaft befanden sich drei Herren in Zivil, Gaston -Charlim aus der Schweiz, Pichon, Außenminister von Frankreich, und der frühere Präsident Theodore Roosevelt als Sondergesandter der Vereinigten Staaten.
Man hatte Eduard, dem diese einmalige internationale Parade galt, oft den "Onkel Europas" genannt, und dieser Titel konnte, soweit es sich um die regierenden Häuser Europas handelte, ganz wörtlich genommen werden. Er war der Onkel nicht nur Kaiser Wilhelms, sondern durch die Schwester seiner Frau, die Kaiserinwitwe Marie von Rußland, auch des Zaren Nikolaus II. Seine Nichte Alix war die Zarin, seine Tochter Maud Königin von Norwegen; eine andere Nichte, Ena, war Königin von Spanien, eine dritte, Marie, sollte bald Königin von Rumänien werden.
Die Familie seiner Frau war nicht nur im Besitz des dänischen Thrones, sondern hatte auch Rußland die Zarinmutter und Griechenland und Norwegen ihre Könige geschenkt. Andere Verwandte, die ebenfalls irgendwie von den neun Söhnen und Töchtern der Königin Viktoria abstammten, waren allenthalben an den europäischen Höfen zu finden.
Doch es lag nicht nur am Familiensinn oder gar am Schrecken über den plötzlichen Tod Eduards - für die Öffentlichkeit sah es aus, als wäre er von einem Tag zum anderen erkrankt und gestorben -, daß Beileidsbezeigungen bei seinem Hingang in so unerwarteter Menge eintrafen. Das galt vielmehr der außerordentlichen Kontaktfähigkeit dieses Herrschers, die sich für sein Land als von unschätzbarem Wert erwiesen hatte.
In den neun kurzen Jahren seiner Regierung hatte England notgedrungen seine splendid isolation aufgegeben; an ihrer Stelle war, da die englische Politik seit je weniger zu regelrechten Bündnissen neigte, eine Reihe von "Abkommen" und Vereinbarungen mit zwei alten Feinden getreten, nämlich Frankreich und Rußland, und mit einer vielversprechenden neuen Macht: Japan. Die daraus resultierende Veränderung des Gleichgewichts war in der ganzen Welt zu spüren und wirkte sich in den wechselseitigen Beziehungen aller Staaten aus. Obwohl Eduard den politischen Kurs seines Landes weder bestimmte noch beeinflußte, gab sein persönliches diplomatisches Geschick bei dieser Umstellung doch den Ausschlag.
Als Kind hatte er während eines Besuches in Frankreich zu Napoleon III. gesagt: "Sie haben ein schönes Land. Ich wäre gern Ihr Sohn." Diese Vorliebe für alles Französische, die im Gegensatz oder vielleicht auch im Widerspruch zu den deutschen Neigungen seiner Mutter stand, hielt an und wurde nach ihrem Tode nutzbar gemacht.
Als England über die Herausforderung, die im deutschen Flottenprogramm vom Jahre 1900 lag, verstimmt war und sich entschloß, seine alten Differenzen mit Frankreich zu bereinigen, ebnete Eduards Talent als roi charmeur den Weg. Im Jahre 1903 ging er nach Paris, ohne sich um die Warnung zu kümmern, daß er bei einem offiziellen Staatsbesuch mit einer kühlen Aufnahme rechnen müsse. Bei seiner Ankunft verhielten sich die Massen abweisend und schweigsam, nur vereinzelte herausfordernde Rufe wurden laut - "Vivent les Boers!" "Vive Fashoda!" -, die der König unbeachtet ließ. Einem Adjutanten, der ihm bestürzt zuflüsterte: "Die Franzosen mögen uns nicht", erwiderte er: "Warum sollten sie auch?" und fuhr fort, sich zu verneigen und aus seinem Wagen zu lächeln.
Vier Tage zeigte er sich immer wieder, bei einer Parade in Vincennes, beim Rennen in Longchamps; er besuchte eine-Galavorstellung in der Oper, erschien zu einem Staatsbankett im Elysée und einem Frühstück am Qual d'Orsay; im Theater verwandelte er eine frostige Stimmung in Lächeln, indem er sich während der Pause unter die Besucher mischte und einer berühmten Schauspielerin im Foyer Liebenswürdigkeiten in französischer Sprache sagte.
Er hielt überall taktvolle Ansprachen, in denen von seiner Freundschaft und Bewunderung für die Franzosen die Rede war, von ihren "ruhmreichen Traditionen", ihrer "wunderschönen Hauptstadt", für die er "wegen so vieler glücklicher Erinnerungen" eine besondere Schwäche habe, von seiner "aufrichtigen Freude" über den Besuch und seiner Zuversicht, daß alte Mißverständnisse "nun glücklich vorbei und vergessen" seien, daß das Wohlergehen Frankreichs und Englands eng miteinander verknüpft und die Freundschaft beider Länder ihm "beständiges Anliegen" sei. Als er dann abreiste, schrie die Menge: "Vive notre Roi!"
Ein belgischer Diplomat berichtete: "Man hat selten einen so völligen Wandel der Einstellung gesehen, wie jetzt hier in Frankreich. Eduard hat die Herzen aller Franzosen gewonnen." Der deutsche Gesandte hielt den Besuch des Königs für eine "höchst seltsame Angelegenheit" und vermutete, daß die englisch-französische Annäherung die Folge einer "allgemeinen Abneigung gegen Deutschland" sei. Und nachdem die Staatsmänner in harter Arbeit die strittigen Punkte beseitigt hatten, wurde innerhalb eines Jahres aus der "Annäherung" die im April 1904 unterzeichnete englisch-französische Entente.
Deutschland hätte selbst vielleicht schon ein Bündnis mit England haben können, wenn nicht seine Führung aus Mißtrauen gegen die englischen Motive die Vorschläge des Kolonialministers Joseph Chamberlain im Jahre 1899 und dann wieder im Jahre 1901 zurückgewiesen hätte. Weder der undurchsichtige Holstein, der die Außenpolitik leitete, noch Fürst Bülow, der elegante und gebildete Kanzler, oder gar der Kaiser selbst wußten genau, was sie von England eigentlich befürchteten, aber daß da Heimtücke im Spiel war, dessen waren sie gewiß.
Der Kaiser wünschte von jeher ein Abkommen mit England, sofern er es erreichen könnte, ohne diesen Wunsch eingestehen zu müssen. Einmal, beim Begräbnis der Königin Viktoria, hatte er unter dem Einfluß der englischen Umgebung und der Familiengefühle Eduard gegenüber diesen Wunsch zugegeben. "Nicht einmal eine Maus könnte sich in Europa ohne unsere Erlaubnis rühren" - so sah er ein englisch-deutsches Bündnis.
Doch sowie die Engländer ihre Bereitwilligkeit erkennen ließen, zuckten er und seine Minister zurück, weil sie irgendeinen Trick argwöhnten. Aus Furcht, daß sie am Konferenztisch ins Hintertreffen geraten könnten, zogen sie es vor, sich gänzlich fernzuhalten und sich darauf zu verlassen, daß man mit Hilfe einer stets wachsenden Flotte den Engländern schließlich die Bedingungen werde diktieren können ...
Als die Entente zwischen England und Frankreich Wirklichkeit wurde, war Wilhelms Zorn furchtbar. Aber noch mehr erbitterte ihn Eduards Triumph in Paris. Für den Reisekaiser - so nannte man ihn seiner häufigen Reisen wegen - war es ein Genuß, mit allem Zeremoniell seinen Einzug in die Hauptstädte anderer Länder halten zu können, und gerade die Stadt, die er am liebsten besucht hätte, Paris, war für ihn unerreichbar. Überall war er gewesen, sogar in Jerusalem, wo das Jaffa-Tor hatte erweitert werden müssen, damit er hoch zu Roß einziehen konnte; nur Paris, der Inbegriff alles Schönen und Begehrenswerten, alles dessen, was Berlin fehlte - Paris blieb ihm verschlossen. Er wollte von den Parisern umjubelt werden, und er hatte die Franzosen zweimal diesen kaiserlichen Wunsch wissen lassen.
Doch die Einladung blieb aus. Er konnte ins Elsaß gehen und Reden halten, in denen er den Sieg von 1870 feierte; er konnte in Lothringen Paraden durch Metz führen; aber es ist vielleicht eine der tragischsten Episoden im Leben eines gekrönten Hauptes, daß der Kaiser zweiundachtzig Jahre alt wurde und starb, ohne Paris gesehen zu haben.
Neid auf die älteren Nationen ließ ihn nicht ruhen. Theodore Roosevelt gegenüber beklagte er sich, daß der englische Adel auf seinen Reisen durch den Kontinent niemals Berlin besucht, dagegen stets nach Paris gehe. Er fühlte sich nicht genügend beachtet. Reichskanzler von Bülow berichtet über ein Gespräch des Kaisers mit dem König von Italien: "Während seiner langen Regierung habe er die Erfahrung machen müssen, daß seine Kollegen, die anderen Souveräne, seine Reden und Worte zuwenig beachteten. Eine möglichst starke deutsche Flotte werde in Zukunft dazu beitragen, daß man den Worten des deutschen Kaisers mehr Gehör schenke."
Ebenso fühlte die ganze Nation, die wie der Kaiser ein enormes Bedürfnis nach Anerkennung empfand. Mit Energie und Ehrgeiz geladen, ihrer Stärke bewußt, fühlte sie sich zur Herrschaft berufen und glaubte sich betrogen, weil die Welt dieses Recht nicht anerkannte.
Man müsse, schrieb Friedrich von Bernhardi, der Wortführer des Militarismus, "deutschem Wesen und deutschem Geist überall auf dem Erdenrund die Beachtung wahren ... die ihm seinem inneren Wert nach zukommt" und die ihm bisher vorenthalten worden sei. Er gab ganz offen zu, daß er nur eine einzige Methode zur Erreichung dieses Zieles kenne andere - und dazu gehörte auch der Kaiser - suchten sich die erwünschte Achtung ... durch Drohungen und durch Demonstration der Macht zu sichern. Sie schüttelten die "eiserne Faust", forderten ihren "Platz an der Sonne" und verherrlichten die Schwerttugenden in Hymnen auf "Blut und Eisen" und die "schimmernde Wehr".
Theodore Roosevelts bekanntes Rezept für ein freundnachbarliches Verhältnis wurde abgewandelt in: "Sprich laut und schwinge ein großes Gewehr". Als die Deutschen es schwangen, als der Kaiser seinen Truppen, die zum Boxeraufstand nach China entsandt wurden, in einer Rede empfahl, sie sollten fechten "wie die Hunnen unter König Etzel" (die Wahl dieses Vorbildes für die Deutschen stammte von ihm selbst), als alldeutsche Bünde und Flottenvereine immer zahlreicher wurden und auf Kongressen die Anerkennung ihres "rechtmäßigen Dranges" nach Expansion durch die anderen Nationen forderten, da antworteten diese mit Bündnissen, und daraufhin schrie wiederum Deutschland "Einkreisung!". "Deutschland gänzlich einzukreisen", wurde der mißtönende Kehrreim des Jahrzehnts.
Eduard setzte seine Auslandsreisen fort und besuchte in Rom, Wien, Lissabon und Madrid keineswegs nur gekrönte Häupter. Jedes Jahr machte er seine Kur in Marienbad, wo er einen Meinungsaustausch mit dem Tiger von Frankreich hatte, der ebenso alt war wie er und während der Regierungszeit Eduards vier Jahre lang das Amt des Ministerpräsidenten innehatte. Eduard, der zweierlei vor allem liebte: korrekte Kleidung und unkonventionelle Gesellschaft, drückte hier in bezug auf Kleidung ein Auge zu und bewunderte Clemenceau.
Der Tiger teilte Napoleons Meinung, daß Preußen "aus einer Kanonenkugel ausgebrütet" sei, und sah diese Kanonenkugel auf sich zukommen. Er arbeitete, plante und lavierte im Schatten der einen beherrschenden Idee: "Die deutsche Machtgier ... hat sich die Vernichturig Frankreichs zum Ziel gesetzt." Wenn die Zeit komme, da Frankreich Hilfe brauche, erklärte er Eduard, werde Englands Seemacht nicht ausreichen, und er erinnerte ihn daran, daß Napoleon nicht bei Trafalgar, sondern bei Waterloo geschlagen worden sei.
Im Jahre 1908 stattete Eduard zum Mißvergnügen der englischen Öffentlichkeit dem Zaren an Bord der kaiserlichen Jacht zu Reval einen Staatsbesuch ab. Die englischen Imperialisten sahen in Rußland den alten Feind aus dem Krimkrieg und neuerdings eine Gefahr, die Indien bedrohte, während die Liberalen und die Labour-Abgeordneten es als das Land der Knute, des Pogroms und der dahingeschlachteten Revolutionäre von 1905 betrachteten und den Zaren mit Ramsay MacDonald einen "gemeinen Mörder" nannten.
Die Abneigung war gegenseitig. Rußland verabscheute Englands Bündnis mit Japan und haßte Großbritannien als die Macht, die Rußlands historisches Streben nach Konstantinopel und der Straße von Malakka nicht zum Ziele kommen ließ. Nikolaus II. verband einst zwei beliebte Vorurteile in der einfachen Feststellung: "Ein Engländer ist ein zhid (Jude)."
Aber die alte Feindschaft war nicht so stark wie die neue Gefahr, und auf Drängen der Franzosen, denen daran lag, daß ihre beiden Verbündeten sich arrangierten, wurde im Jahre 1907 die anglo-russische Verständigung unterzeichnet. Man hatte den Eindruck, daß eine freundschaftliche Geste des Königs selbst notwendig sei, um auch den letzten Rest eines etwa noch vorhandenen Mißtrauens zu beseitigen, und so schiffte sich Eduard nach Reval ein. Er führte lange Gespräche mit dem russischen Außenminister Iswolski und tanzte mit der Zarin den Walzer aus der "Lustigen Witwe" mit dem Erfolg, daß er sie zum Lachen brachte - er war der erste, dem das gelang, seit die unglückliche Frau die Krone der Romanows trug.
Und das bedeutete mehr, als es scheinen mochte, denn wenn man schon nicht sagen konnte, daß der Zar Rußland im eigentlichen Sinn "regiert" hätte, so herrschte er doch als Autokrat und wurde seinerseits wieder von seiner Frau beherrscht, die mit ihrem starken Willen allerdings nur einen schwachen Verstand verband. Schön, hysterisch und krankhaft mißtrauisch, haßte sie jedermann außer ihrer engsten Familie und einer Reihe fanatischer oder wahnsinniger Scharlatane, die ihrer verzweifelten Seele Trost boten. Der Zar, der weder mit Geistesgaben gesegnet war noch eine besonders gute Bildung besaß, konnte nach Meinung des deutschen Kaisers "nichts anderes als auf dem Lande leben und Zwiebeln bauen".
Der Kaiser rechnete Rußland zu seiner Einflußsphäre und versuchte, den Zaren durch raffinierte Schachzüge aus dem französischen Bündnis herauszulocken, das er durch eigene Ungeschicklichkeit verschuldet hatte. Mit Bismarck selbst hatte Wilhelm auch dessen Grundsatz "Freundschaft mit Rußland" und den daraus resultierenden Rückversicherungsvertrag fallen gelassen - der erste und schlimmste Fehler, den er nach seinem Regierungsantritt beging.
Alexander, der hochgewachsene, unnachgiebige Zar jener Tage, hatte im Jahre 1892 prompt eine Kehrtwendung vollzogen und war ein Bündnis mit dem republikanischen Frankreich eingegangen, selbst um den Preis, der Marseillaise seine Ehrenbezeigung leisten zu müssen. Außerdem wollte er von Wilhelm, den er für einen "garcon mal élevé" hielt, nicht viel wissen und ließ sich in kein Gespräch mit ihm ein.
Seit Nikolaus den Thron bestiegen hatte, versuchte Wilhelm unentwegt, seinen Fehler wiedergutzumachen, indem er dem Zaren lange (englische) Briefe schrieb mit Ratschlägen, Klatsch und politischen Auslassungen. Er redete ihn "Dearest Nicky" an und unterzeichnete "Your affectionate friend, Willy". Eine gottlose Republik, die sich mit dem Blut ihrer Monarchen befleckt habe, sei nicht die passende Gesellschaft für ihn, meinte er. "Nicky, ich sage Dir, der Fluch Gottes liegt für immer auf diesem Volke." Nikolaus' wahre Interessen lägen, so behauptete Wilhelm, in einem Drei-Kaiser-Bund zwischen Rußland, Österreich und Deutschland.
Dennoch konnte er es im Gedenken an die Unfreundlichkeiten des alten Zaren nicht unterlassen, dessen Sohn zu begönnern. So pflegte er etwa Nikolaus auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: "Mein Rat ist: mehr Ansprachen und mehr Paraden, mehr Ansprachen, mehr Paraden", und er erbot sich, deutsche Truppen zu senden, die Nikolaus vor seinen rebellischen Untertanen beschützen sollten - ein Vorschlag, der die Zarin wütend machte ...
Als es dem Kaiser unter den gegebenen Umständen nicht gelang, Rußland von Frankreich zu trennen, setzte er einen kunstvollen Vertrag auf, der Rußland und Deutschland zur gegenseitigen Hilfeleistung verpflichtete, wenn sie angegriffen würden. Der Zar sollte nach der Unterzeichnung die Franzosen davon verständigen und sie zum Beitritt auffordern. Nach Rußlands Niederlage im Krieg mit Japan ... und den inneren Unruhen, die darauf gefolgt waren, also in einer äußerst prekären Situation des Regimes, lud er den Zaren im Juli 1905 zu einem Geheimtreffen ohne Minister nach Björkö im Finnischen Meerbusen ein.
Wilhelm wußte recht gut, daß Rußland diesem Vertrag nicht beitreten konnte, ohne den Franzosen die Treue zu brechen, aber er glaubte, die Unterschriften der Herrscher genügten, um diese Schwierigkeiten zu beheben. Nikolaus unterzeichnete.
Wilhelm war begeistert. Er hatte den verhängnisvollen Mißgriff wieder gutgemacht, hatte Deutschlands Hintertür gesichert und die Einkreisung durchbrochen. "Die hellen Tränen standen mir in den Augen", schrieb er an Reichskanzler Bülow, und er glaubte fest, daß sein Großvater (Wilhelm I., der in der Furcht vor einem Zweifrontenkrieg gestorben war) auf ihn herabblicke. Er hielt seinen Vertrag für das Meisterstück der deutschen Diplomatie, was er tatsächlich auch war oder gewesen wäre, wenn die Sache nicht einen Haken gehabt hätte.
Als der Zar den Vertrag heimbrachte, warfen seine Minister einen einzigen erschrockenen Blick darauf und erklärten dann, er habe durch die Verpflichtung, Deutschland in einem eventuellen Krieg beizustehen, sein Bündnis mit Frankreich verleugnet - "diese Details sind seiner Majestät bei all dem Geschwätz Kaiser Wilhelms entfallen". So lebte der Vertrag von Björkö nur einen kurzen, glänzenden Tag ...
Nun kam Eduard nach Reval und war mit dem Zaren ein Herz und eine Seele. Als der Kaiser den Bericht des deutschen Botschafters über diese Begegnung las, worin die Vermutung ausgesprochen war, daß Eduard wirklich den Frieden wünsche, kritzelte er wütend an den Rand: "Lügen. Er will Krieg. Aber ich soll ihn anfangen, damit das Odium nicht auf ihn kommt."
Das Jahr schloß mit dem schlimmsten Fauxpas seiner kaiserlichen Laufbahn, einem Interview, das er dem "Daily Telegraph" am 28. Oktober 1908 gewährte und in dem er seine derzeitigen Vorstellungen darüber kundtat, wer gegen wen kämpfen solle. Damit brachte er diesmal nicht nur seine Nachbarn, sondern auch seine Landsleute auf. Die öffentliche Mißbilligung war so unüberhörbar, daß der Kaiser sich ins Bett legte, drei Wochen lang krank war und noch eine ganze Weile verhältnismäßig schweigsam blieb.
Seit damals hatte es keine neuen Aufregungen gegeben. Die zwei letzten Jahre des Dezenniums, das Europa wie einen gesegneten Sommernachmittag genoß, waren die ruhigsten. Neunzehnhundertzehn blieb friedlich und glücklich, die zweite Runde der Marokkokrise und der Balkankrise stand noch bevor.
Ein neues Buch, "Die große Illusion" von Norman Angell, war eben erschienen, in dem bewiesen wurde, daß ein Krieg unmöglich sei. Angell zeigte an eindrucksvollen Beispielen und mit unwiderlegbaren Beweisen, daß bei der herrschenden finanziellen und wirtschaftlichen Verflechtung der Nationen der Sieger nicht weniger als der Besiegte leiden würde; Krieg sei daher unrentabel geworden, und keine Nation würde so töricht sein, einen zu beginnen.
Bereits in elf Sprachen übersetzt, war "Die große Illusion" ein regelrechter Kult geworden. An den Universitäten in Manchester, Glasgow und anderen Industriestädten fanden sich mehr als vierzig Studiengruppen aufrichtiger Anhänger, die sich das Ziel gesetzt hatten, dieses Dogma zu verbreiten. Angells ernsthaftester Jünger war ein Mann, der großen Einfluß auf die Militärpolitik ausübte: der Freund und Berater des Königs, Viscount Esher, Präsident des War Committee, das die Aufgabe hatte, die britische Armee nach dem Schock des Burenkriegs zu reorganisieren.
Lord Esher hielt in Cambridge und an der Sorbonne Vorträge über die
These der großen Illusion, in denen er darlegte, wie unwiderleglich "neue Wirtschaftsfaktoren die Sinnlosigkeit von Angriffskriegen beweisen". Nach seiner Auffassung mußte ein Krieg im zwanzigsten Jahrhundert solche Ausmaße annehmen, daß die "wirtschaftlichen Katastrophen, die finanziellen Zusammenbrüche und das individuelle Leid" als seine unvermeidlichen Folgen genügend retardierende Elemente in sich trügen, um einen Krieg undenkbar zu machen. Er erklärte einem Auditorium von Offizieren im United Service Club, dem Sir John French, der Chef des Generalstabes, präsidierte, daß ein Krieg infolge der Verflochtenheit der Nationen "von Tag zu Tag schwieriger und unwahrscheinlicher" werde.
Lord Esher zweifelte nicht daran, daß "Deutschland der Doktrin Norman Angells ebenso aufgeschlossen gegenübersteht wie Großbritannien". Wieweit das auf den Kaiser und den Kronprinzen zutraf, denen er Exemplare seines Buches überreichte oder überreichen ließ, ist nicht überliefert.
Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, daß General von Bernhardi eines erhalten hätte, der im Jahre 1910 an seinem Buch "Deutschland und der nächste Krieg" arbeitete. Es erschien im folgenden Jahr und sollte nicht weniger Einfluß ausüben als das Buch Angells - allerdings vom entgegengesetzten Gesichtspunkt her. Drei seiner Kapitelüberschriften zeigen, wohin es zielte: "Das Recht Krieg zu führen", "Die Pflicht Krieg zu führen" und "Weltmacht oder Untergang".
Als einundzwanzigjähriger Kavallerieoffizier war Bernhardi im Jahre 1871 als erster Deutscher durch den Arc de Triomphe geritten, als die Deutschen in Paris einzogen. Später hatte sich dann sein Interesse vom Glanz des Soldatenlebens abgewandt, und er beschäftigte sich mit der Theorie, Philosophie und Wissenschaft des Krieges, soweit diese sich auf "Deutschlands historische Mission" bezogen, wie er ein weiteres Kapitel überschrieb. Er hatte als Chef der militärgeschichtlichen Abteilung des Generalstabs gedient, gehörte zur intellektuellen Elite dieser scharf denkenden und hart arbeitenden Gruppe und hatte ein klassisches Werk über die Kavallerie verfaßt, ehe er seine eingehenden Studien über Clausewitz, Treitschke und Darwin zusammenfaßte und in das Buch einschmolz, das seinem Namen einen martialischen Klang verleihen sollte.
Der Krieg bedeutete nach Bernhardi eine biologische Notwendigkeit; er stellt die Verwirklichung des obersten Naturgesetzes innerhalb der Menschheit dar, nämlich des Gesetzes vom Kampf ums Dasein. Für die Nationen gibt es nur Fortschritt, oder Verfall, niemals aber Stillstand, und so muß Deutschland Weltmacht oder Untergang wählen. Unter den Nationen steht Deutschland für Bernhardi in sozialpolitischer Hinsicht an der Spitze allen kulturellen Fortschritts, doch sieht er es in enge unnatürliche Grenzen eingezwängt. Es kann seine großen moralischen Ziele ohne Vermehrung seiner politischen Macht, ohne die Ausdehnung seiner Einflußsphäre und ohne neue Gebiete nicht erreichen.
Ein Machtzuwachs, wie er Deutschlands Bedeutung entspricht und wie es ihn zu Recht fordern darf, galt Bernhardi als politische Notwendigkeit und erste und oberste Pflicht des Staates. Durch Kursivschrift ließ er hervorheben, daß "erkämpft" werden müsse, was erreicht werden soll, und so kam er rasch zu der abschließenden Folgerung, daß Eroberung also zum Gesetz der Notwendigkeit wird.
Nachdem er so die Notwendigkeit" (das Lieblingswort deutscher Militärtheoretiker) bewiesen hatte, wandte sich Bernhardi der Methode zu. Hat man erst einmal die Pflicht zum Kriegführen erkannt, so folgt daraus die weitere Pflicht, ihn erfolgreich zu führen. Um aber Erfolg zu haben, muß ein Staat den Krieg im günstigsten Augenblick beginnen und diesen selbst bestimmen.
Bernhardi spricht von dem unbestrittenen Recht des Staates, sich das stolze Privileg einer solchen Initiative zu sichern. Der Angriffskrieg wird also zur weiteren Notwendigkeit, zur weiteren unausweichlich logischen Folge: Deutschland müsse die Offensive ergreifen und den ersten Schlag führen. Bernhardi teilte des Kaisers Bedenken wegen des Odiums nicht, das dem Aggressor anhafte. Ebensowenig ließ er einen Zweifel darüber, wo der Schlag fallen würde. Es sei undenkbar, schrieb er, daß Deutschland und Frankreich je ihre Schwierigkeiten durch Verhandlungen bereinigen könnten. Frankreich müsse so vollkommen zerschmettert werden, daß es niemals wieder Deutschlands Weg kreuzen könne; es sei ein für allemal als Großmacht zu vernichten.
König Eduard erlebte das Buch Bernhardis nicht mehr. Im Januar 1910 schickte er dem deutschen Kaiser die üblichen Geburtstagsgrüße und als Geschenk einen Spazierstock, ehe er nach Marienbad und Biarritz abreiste. Ein paar Monate später war er tot.
"Wir haben die Hauptstütze unserer Außenpolitik verloren", sagte der russische Außenminister Iswolski, als er die Todesnachricht erhielt. Das war eine Übertreibung, denn Eduard war nur ein Handlanger, nicht der Initiator der neuen Richtung. In Frankreich rief der Tod des Königs - laut "Figaro" - "tiefe Bewegung" und "echte Bestürzung" hervor. Paris empfinde den Verlust seines "großen Freundes" nicht weniger schmerzlich als London, hieß es in dieser Zeitung.
Laternenpfähle und Schaufenster in der Rue de la Paix trugen schwarzen Flor genau wie Piccadilly; Droschkenkutscher banden Kreppschleifen an ihre Peitschen, schwarzdrapierte Porträts des verstorbenen Königs erschienen sogar in den Provinzstädten, als wäre ein berühmter Franzose gestorben. In Tokio zeigten die Häuser im Gedenken an das englisch-japanische Bündnis die gekreuzten Flaggen Englands und Japans mit schwarzverhüllten Schäften.
In Deutschland wurde, was immer man auch empfinden mochte, die Form durchaus gewahrt. Allen Offizieren des Heeres und der Flotte wurde befohlen, acht Tage lang Trauer zu tragen, und die Flotte in den heimischen Gewässern feuerte Salutschüsse ab und setzte die Flagge auf halbmast. Der Reichstag hörte stehend eine vom Präsidenten verlesene Trauerbotschaft an, und der Kaiser stattete dem britischen Botschafter einen persönlichen Besuch ab, der anderthalb Stunden dauerte.
In London hatte die königliche Familie in der folgenden Woche genug damit zu tun, königliche Gäste am Viktoria-Bahnhof zu empfangen. Der Kaiser kam auf seiner von vier britischen Zerstörern geleiteten Jacht "Hohenzollern". Er ging in der Themsemündung vor Anker und legte den restlichen Weg nach London per Eisenbahn zurück, wo er dann wie die anderen Fürstlichkeiten am Viktoria -Bahnhof eintraf. Auf dem Bahnsteig wurde ein Purpurteppich ausgelegt, und dort, wo sein Wagen halten mußte, stellte man mit roten Läufern belegte Stufen auf.
Als der Zug Schlag zwölf Uhr mittags. einlief, stieg die bekannte Gestalt des deutschen Kaisers diese Stufen hinab und wurde von dem Vetter, König Georg, begrüßt, den er auf beide Wangen küßte. Nach dem Essen begaben sie sich gemeinsam nach Westminster Hall, wo die Leiche Eduards aufgebahrt lag. Weder ein Gewitter, das in der Nacht niedergegangen war, noch der Regen, der während des ganzen Vormittags strömte, hatte die in tiefem Schweigen geduldig wartende Menge vertreiben können, die gekommen war, um am Sarg vorbeizudefilieren.
An diesem 19. Mai, einem Donnerstag,
war der Zug fast acht Kilometer lang. Es war der Tag, an dem die Erde den Schweif des Halleyschen Kometen passieren mußte, ein Umstand, der die Erinnerung wachrief, daß dieser Komet immer ein Unglücksbote gewesen war
- hatte er nicht einst die normannische Eroberung angekündigt? -, und Zeitungen mit literarisch gebildeten Herausgebern dazu anregte, die Verse aus "Julius Cäsar" zu zitieren:
Kometen sieht man nicht, wenn Bettler sterben;
Der Himmel selbst flammt Fürstentod herab.
In der großen Halle stand die Bahre in ernster Majestät, mit Krone, Reichsapfel, und Zepter darauf, an den vier Ecken von Offizieren bewacht, deren jeder einem anderen Regiment des Empire angehörte. Sie standen in der traditionellen Trauerhaltung mit gesenktem Haupt, die Hände in weißen Handschuhen über dem Degengriff gekreuzt. Der Kaiser musterte alle die Bräuche einer königlichen Aufbahrung mit fachmännischem Interesse. Sie machte ihm tiefen Eindruck, und noch nach Jahren konnte er sich an jede Einzelheit dieses "in seinem wunderbaren mittelalterlichen Rahmen tief ergreifenden Bildes" erinnern.
Er sah, wie die Sonnenstrahlen durch die schmalen gotischen Fenster fielen und die Kronjuwelen aufleuchten ließen; er beobachtete die Ablösung der Wachen an der Bahre, wie die vier neuen Posten mit gezogenem. Degen heranmarschierten und sie abwärts kehrten, sobald sie ihre Plätze erreicht hatten, während die abgelösten Wachen sich mit gemessenem Schritt zurückzogen und durch einen unsichtbaren Ausgang im Schatten verschwanden. Er legte seinen Kranz aus roten und weißen Blumen auf den Sarg und kniete mit König Georg in stillem Gebet, und als er sich erhob, faßte er die Hand des Vetters in einem männlichen und teilnahmsvollen Händedruck. Diese Geste wurde weithin berichtet und rief viele freundliche Kommentare hervor.
Nach außen war die Haltung des Kaisers ohne Tadel; privatim aber konnte er es sich nicht versagen, diese Gelegenheit für neue Pläne auszunützen. Bei einem Essen, das der König an jenem Abend im Buckingham-Palast für die siebzig fürstlichen Leidtragenden und Sondergesandten gab, nahm er den Vertreter Frankreichs, Pichon, beiseite und schlug ihm vor, Frankreich solle sich auf die Seite Deutschlands stellen, falls dieses in einen Konflikt mit England verwickelt werde.
Im Hinblick auf Ort und Anlaß des Zusammentreffens verursachte dieser neueste Lapsus des Kaisers die gleiche Verwirrung, die einst Sir Edward Grey, Englands geplagtem Außenminister, den kummervollen Seufzer entlockt hatte: "Die anderen Herrscher sind so viel stiller." Der Kaiser leugnete später, derartiges gesagt zu haben; er habe nur über Marokko und "einige andere politische Fragen" gesprochen. Pichon äußerte sich zurückhaltend: des Kaisers Sprache sei "liebenswürdig und friedlich" gewesen.
Am nächsten Morgen, im Trauerzug, wo der Kaiser keine Gelegenheit zu
irgendwelchen Äußerungen hatte, war sein Verhalten vorbildlich. Er hielt sein Pferd fest an der Kandare, immer eine Kopflänge hinter König Georg, und machte auf den Sonderberichterstatter Conan Doyle, den Erfinder des Sherlock Holmes, einen so guten Eindruck, daß dieser schrieb: "England muß etwas von seiner alten Güte verloren haben, wenn es ihn heute nicht von neuem in sein Herz schließt."
Vor Westminster Hall war Wilhelm der erste, der vom Pferd sprang und, als der Wagen der Königin Alexandra vorfuhr, "so behend an den Schlag eilte, daß er vor den königlichen Dienern dort stand", allerdings nur um festzustellen, daß die Königin gerade auf der anderen Seite auszusteigen im Begriff war. Wilhelm lief gewandt um den Wagen herum, immer noch rascher als die Dienerschaft, erreichte als erster den Schlag, half der Witwe heraus und küßte sie mit der Zärtlichkeit des trauernden Neffen.
In diesem Augenblick erschien glücklicherweise König Georg zur Rettung und zum Geleit seiner Mutter, die den Kaiser - nicht nur Schleswig-Holsteins wegen - keineswegs schätzte. Obwohl Wilhelm erst acht Jahre alt gewesen war, als die Deutschen dem Dänen die Herzogtümer wegnahmen, hatte sie, die dänische Prinzessin, ihm und seinem Lande nie verziehen. Als ihr Sohn bei einem Besuch in Berlin 1890 zum Ehrenoberst eines preußischen Regiments ernannt wurde, schrieb sie ihm: "So ist also mein Georgie boy tatsächlich ein leibhaftiger schmutziger deutscher Pickelhaubensoldat im blauen Rock geworden!!! Daß ich das noch mal erleben würde, hätte ich auch nicht gedacht! Aber laß gut sein - es war Dein Pech und nicht Deine Schuld."
Bei gedämpftem Trommelschlag und unter klagenden Dudelsackklängen wurde der mit der Königsstandarte bedeckte Sarg von zwanzig Blaujacken mit Strohhüten aus dem Kirchenschiff getragen. Säbel blitzten in der Sonne auf, als die Kavallerie salutierte. Auf ein Signal von vier scharfen Pfiffen hoben die Matrosen den Sarg auf die purpurn, rot und weiß drapierte Lafette. Der Leichenzug bewegte sich zwischen reglosen Reihen von Grenadieren dahin, die wie rote Mauern die schweigsamen, dichtgedrängten schwarzen Menschenmassen einsäumten.
Nie hatte man London so voller Menschen gesehen und nie so still. Neben und hinter der von der königlichen Berittenen Artillerie gezogenen Lafette schritten die dreiundsechzig Adjutanten der verstorbenen Majestät, sämtlich Oberst oder Flottenkapitän mit Peers -Rang, darunter fünf Herzöge, vier Marquis und vierzehn Grafen. Englands drei Feldmarschälle, Lord Kitchener Lord Roberts und Sir Evelyn Wood, ritten nebeneinander. Zwei Admiräle folgten, und hinter ihnen schritt ganz allein Eduards großer Freund, Sir John Fisher, der impulsive, exzentrische ehemalige Erste Seelord mit seinem seltsam unenglischen Mandarinengesicht.
Dann kamen Abordnungen aller berühmten Regimenter, die Coldstreams, die Gordon Highlanders, Gardekavallerie und Linienkavallerie, die Horse Guard, Lancers und Royal Fusiliers, strahlende Husaren aus deutschen, russischen, österreichischen und anderen ausländischen Kavallerieregimentern, in denen Eduard Ehrenoffizier gewesen war, Admirale der deutschen Flotte - fast war es, für einen kritischen Betrachter, zu viel militärischer Prunk bei dem Begräbnis eines Mannes, den man den "Friedensmacher" genannt hatte.
Sein Pferd mit leerem Sattel und den in den Bügeln umgekehrten Stiefeln, das von zwei Reitknechten geführt wurde, und dahinter Caesar, der Drahthaarterrier Eduards, fügten eine zu Herzen gehende persönliche Note bei. Dann kam der ganze Pomp von England: Wappenherolde in gesticktem mittelalterlichem Wams, Kapitäne der königlichen Schloßgarde, Stallmeister, schottische Bogenschützen, Richter in Perücken und schwarzen Roben, der Lordoberrichter im scharlachfarbenen Talar, Bischöfe im Kirchenpurpur, königliche Leibgardisten in schwarzen Samthüten und elisabethanischen Halskrausen, ein Trompeterkorps und dann die Parade der Könige, gefolgt von einer Glaskutsche, in der die verwitwete Königin saß mit ihrer Schwester, der Kaiserinwitwe von Rußland, und zwölf weitere Kutschen mit Königinnen, adeligen Damen und orientalischen Potentaten.
Die Prozession bewegte sich an Whitehall vorüber, die Mall, Piccadilly und den Park entlang zum Bahnhof Paddington, von wo der Tote mit dem Zug nach Windsor zum Begräbnis gebracht werden sollte. Die Kapelle der Royal Horse Guards spielte den Totenmarsch aus "Saul". In dem getragenen Tempo des Zuges und in der feierlichen Musik empfanden die Menschen etwas Endgültiges.
Lord Esher schrieb nach dem Begräbnis in sein Tagebuch: "So ist noch nie eine Epoche zugrunde gegangen. Alle Wegmarken, die uns den Kurs im Leben wiesen, scheinen weggeschwemmt zu sein."
IM NÄCHSTEN HEFT
Schlieffen-Plan: Der rechte Flügelmann streift den Kanal mit seinem Ärmel
** Deutsche Rechte im Scherz Verlag; Bern, Stuttgart.
Trauergefolge bei der Beisetzung Eduards VII. (1910)* "So ist noch nie eine Epoche zugrunde gegangen"
Kaiser Wilhelm II., König Eduard VII.*: "Er ist ein Satan"
Belgiens König Albert, Königin Elisabeth: "Einziger Monarch von Format"
Kolonialminister Chamberlain
"Nicht einmal eine Maus ...
Reichskanzler von Bülow
... könnte sich in Europa rühren ...
Geheimrat von Holstein
... ohne unsere Erlaubnis"
Wilhelm II. in Jerusalem (1898): "Paris war unerreichbar"
Kaiser-Rede vor deutschem China-Kontingent (1900)*: "Ihr sollt fechten wie die Hunnen"
Nikolaus II., Wilhelm II. in Björkö (1905)
"Mehr Paraden, Nicky"
Kaiser-Interview im "Daily Telegraph" (1908)
"Der größte Fauxpas seines Lebens"
Deutscher Militärtheoretiker von Bernhardi
"Krieg ist notwendig"
Englischer Militärtheoretiker Angell
"Krieg ist unsinnig"
Beisetzung Eduards VII. in Windsor: "Die Uhr der Weltgeschichte zeigte auf Sonnenuntergang"
* Mitte rechts: König Georg V., Mitte links, auf Schimmel: Kaiser Wilhelm II.; hinter Georg V.: Herzog von Connaught; Reiter vorn: Eskorte.
* In Homburg 1908.
* Vor der Einschiffung in Bremerhaven.
Von Barbara W. Tuchman

DER SPIEGEL 11/1964
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