18.03.1964

DOPINGZur Halbzeit Gift

Professor Pietro Niccolini versiegelte fünf Reagenzgläser. Inhalt: Urinproben von fünf Fußballspielern des italienischen Berufsspieler-Klubs AC Bologna.
Niccolini, Chef einer vom italienischen Fußballverband eingesetzten Kommission zur Bekämpfung des Dopings, hatte die Proben unmittelbar nach dem Meisterschaftsspiel des AC Bologna gegen den FC Turin entnehmen lassen. Die Analyse sollte klären, ob die Bologneser ihren 4:1-Sieg gegen Turin unter Einfluß von Doping-Mitteln - verbotenen Drogen zur Leistungssteigerung - errungen hatten.
Viermal schon waren Spieler der im Kampf um Italiens Fußball-Championat führenden Bologneser Mannschaft während dieser Saison unverhofft einer Doping-Kontrolle unterzogen worden. Das Ergebnis war jedesmal negativ gewesen. Beim fünften Anlauf, nach dem Sieg gegen Turin, fand Drogen -Fahnder Niccolini den Verdacht der Verbandsoberen bestätigt: Aus dem Urin der fünf Bologneser Spieler destillierte er Spuren des Doping-Mittels Sympamin.
Der Fußballverband erhob daraufhin gegen den AC Bologna Anklage wegen Dopings. Zwar wiesen die beschuldigten Klubmanager den gegen sie erhobenen Verdacht entrüstet zurück. "Wir sind eine saubere Mannschaft", erklärte letzte Woche auch Bolognas aus Augsburg importierter Fußball-Heros Helmut Haller, einst Star-Stürmer der deutschen Nationalelf. Doch räumte Haller in vertrautem Kreis ein, den Spielern würden bei jedem Spiel Injektionen verabfolgt - er wisse nur nicht, was gespritzt werde.
In Italien hat sich tatsächlich erwiesen, daß die fragwürdigen Künste des
Dopens auch im Mannschafts- und Massensport Fußball praktiziert werden. Bisher schien das Doping im wesentlichen auf Sportarten für Einzelkämpfer beschränkt. Im Pferderennsport zum Beispiel gehört es quasi zur Tradition. Auf allen großen Rennbahnen sind Spezialboxen installiert, in denen ein Veterinär den Tieren bei Verdacht Urin - oder Speichelproben entnimmt. Turfexperten unterscheiden zwei Spielarten: künstliches Beschleunigen (Doping) und künstliches Verlangsamen (Stopping) der Pferde. Ziel ist in jedem Fall, einen Wettcoup zu ermöglichen.
Auch bei Radrennen spielt trotz aller Kontrollen und Strafen die als "Schnelle Pulle" bezeichnete künstliche Aufputschung eine Rolle.
Und seit langem haben auch andere Hochleistungssportler, wie Tennisspieler, Leichtathleten, Boxer, Schwimmer und Gewichtheber, Geschmack daran gefunden, durch aufputschende Mittel ihre Leistungen zu steigern oder leistungshemmende Faktoren auszuschalten.
Sie feuerten sich mit Hormonen, Kreislaufpräparaten, Pflanzengiften (Atropin, Strychnin) oder mit Rauschgiften (Morphium, Kokain) zu hohen Dauerleistungen oder relativ kurzzeitigen Höchstleistungen an.
Fußballer bevorzugen nach bisherigen Erfahrungen sogenannte Weckamine (auch als Amphetamine bezeichnet), wie Pervitin, Benzedrin oder Sympamin. Zur Halbzeit injiziert oder - sogar ohne Wissen der Spieler - in unverfänglicher Form, etwa in Zitronensprudel, verabreicht, vertreiben die Weckamine das natürliche Ermüdungsgefühl, beeinflussen die Stimmung positiv und steigern die Aktivität.
"So können ohne inneren Krampf alle Reserven bis zur totalen Erschöpfung verausgabt werden", erläuterte das Ärzte-Magazin "Selecta".
Übertriebener Weckamin-Genuß kann allerdings Süchtigkeit und plötzlich auftretende hochgradige Erregungszustände zur Folge haben. So wurde auf Doping zurückgeführt, daß der italienische Star-Fußballer Omar Sivori, 1961 "Europas Fußballspieler des Jahres", im vorvergangenen Jahr bei mehreren Wettspielen unvermittelt zu Amokläufen ansetzte. Er stieß Schreie aus und ging ohne Grund Mitspieler und den Schiedsrichter an.
Inzwischen war auch den Fußball -Oberen klargeworden, was ein Verbandsfunktionär so formulierte: "Überall im italienischen Fußball wird gespritzt." Der Verband leitete Gegenmaßnahmen ein. Er setzte 18 Doping -Mittel auf den Index und bildete die Untersuchungs-Kommission unter Leitung des Professors Niccolini.
20 Sportmediziner wurden insgeheim mobilisiert, um als fliegende Kommandos unverhofft Doping-Kontrollen vorzunehmen. Die Ärzte erhielten ihre Einsatzbefehle erst einen Tag vor dem Spiel, und bald konnten die Verbandsfunktionäre anhand der Analysen entnommener Harnproben die ersten Beweise vorlegen und Strafen verhängen:
- Im April 1962 fielen sieben Spieler der Vereine Internazionale Mailand, AC Bologna und AC Mantua mit Doping-Symptomen auf. Sie wurden für je zwei Spieltage gesperrt, der Spieler Zaglio (Mailand) aus dem Aufgebot für die Weltmeisterschaft getilgt.
- Im Mai 1962 wurde Nationalspieler Radice (AC Mailand) wegen Dopings zu einer Geldstrafe verurteilt.
- Im Februar 1963 wurden sieben neapolitanische Doping-Sünder gefaßt und mit einer Spielsperre bestraft.
- Im Juli 1963 schaßte die Kommission vier Spieler des FC Genua wegen Gebrauchs verbotener Drogen. Die Spieler erhielten befristetes Spielverbot, der Verein mußte neun Millionen Lire Geldstrafe zahlen.
Um potentielle Doping-Sünder stärker abzuschrecken, verschärfte der Verband die Strafen, indem er zusätzlich Punktabzüge aus bereits gewonnenen Spielen androhte. Zwar blieben den Doping-Detektiven weitere Erfolge zunächst auch versagt. Doch fanden die Sportärzte bald den Grund heraus: Die Vereine hatten augenscheinlich mit Hilfe von Spitzeln ein Warnsystem eingerichtet. Sobald sie sich auf dein Marschbefehl der Kontrolleure wußten, ließen sie ihre Spieler ohne Aufputschung in die Arena.
Beim fünften Angriff der Mediziner auf die Spielerkabinen des AC Bologna hatten jedoch die Spitzel offenbar versagt. Daß sämtliche fünf getesteten Spieler auch überführt werden konnten, nahm der Verband zum Anlaß, noch schärfere Maßnahmen anzukündigen: In Zukunft sollen nach jedem Spiel der Staatsliga Urinkontrollen stattfinden.
Gegen diese Drohung, so meldete vorletzte Woche die Pariser Sportzeitung "L'Equipe", hätten sich Italiens Doping -Manager allerdings bereits abgesichert. Sie würden demnächst eine neue Pille ins Spiel bringen, die alle Anzeichen aufputschender Drogen neutralisiere und Harn-Analysen wertlos mache.
Fußballspieler Haller (r.) in Italien
Fußballspieler Sivori (r.) in Italien
Nach dem Schlußpfiff eine Harnprobe

DER SPIEGEL 12/1964
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