18.03.1964

SPIRITUALSKiesewetters Halleluja

Als "deutsche Negermusik" empfand die "Fränkische Tagespost" das Vokal-Werk. Und der Münchner Geistliche und Schlagerkenner ("Schnulzenpfarrer") Günter Hegele forderte vom Textdichter gar "Ekel" vor dem eigenen Machwerk.
"Schwarze Gesänge zur Ehre Gottes" hingegen nannte die Hamburger "Deutsche Grammophon Gesellschaft" ("Polydor"), was sie seit Ende Februar an den Käufer zu bringen sucht: Unter dem Titel "Halleluja"* unternahm Polydor -Plattenproduzent Udo Bowien "den ersten ernst zu nehmenden Versuch", die christlichen Gesänge nordamerikanischer Neger auch mit ihrem geistlichen Inhalt deutschem Ohr zugänglich zu machen: Polydor präsentiert Negro -Spirituals mit deutschsprachigem Text**.
Zwei Jahre brauchte Schallplattenproduzent Bowien, 31, um die zwölf bekanntesten amerikanischen Spirituals, darunter "Joshua Fit de Battle of Jericho", "Go Down Moses" und "Down by the Riverside", für den deutschen Plattenmarkt herzurichten. Das Team, das ihn bei dem gewagten Unternehmen unterstützte, ist erfolggewohnt:
- Texter Ernst Bader, Pastorensohn und Erfolgsschlager-Dichter ("Tiritomba"), besorgte die Eindeutschung der Texte;
- Arrangeur Horst Wende, Komponist des "Mexiko Mambo", bearbeitete die Melodien;
- Sänger und Amateur-Posaunist Knut Kiesewetter, zweimal als bester deutscher Jazz-Vokalist ausgezeichnet, intonierte zusammen mit seiner Spiritual-Group die Polydor-Version der amerikanischen Gesänge.
Nahezu ausnahmslos blieben bisher deutsche Jazzaufnahmen für die Schallplattenfirmen geschäftliche Mißerfolge. Mitschnitte von Jazz-Festivals in Düsseldorf
und Frankfurt beispielsweise endeten fast immer auf den Ramschtischen der Warenhäuser. Aber "Halleluja"-Produzent Bowien hat dreifachen Grund, auf die Gunst des deutschen Schallplattenpublikums zu hoffen:
Ein Teil der Aufnahmen ist dem Kiesewetter-Team so gut gelungen, daß sie auch den Erwartungen anspruchsvoller Spiritual-Fans genügen können. Ein anderer Teil hingegen ist so kommerziell geblieben - der Chor liefert perfekten Schlager-Sound -, daß auch Schnulzenfreunde sich von dem Gesangswerk angesprochen fühlen können.
Zudem zählen neuerdings Bibel, Katechismus, Apostelbriefe und Gebetbücher zum handelsüblichen Text -Reservoir der Schlagerbranche - eine Entwicklung, für die sich in der Bundesrepublik besonders Studenten-Pfarrer Günter Hegele eingesetzt hat.
Der musikfreudige Kirchenmann startete bereits während der vergangenen Jahre - heftig befehdet von vielen geistlichen Kollegen-eine Jazz-Gottesdienst-Bewegung in bundesdeutschen Kirchen. Weihnachts-Blues und Hirten -Kalypsos, Tangos wie "Jesus, du bist mein Lebensziel" und geistliche Slowfox-Melodien ("Wie ein Vöglein, wenn's gefangen, so war ich in Satans Hand") hielten Einzug in Kirchen und Musikboxen.
Für die Evangelische Akademie in Tutzing veranstaltete Hegele sogar einen Wettbewerb religiöser Schlager, an dem sich 350 Autoren mit rund 700 Einsendungen beteiligten. Sieger wurde Pfarrer Martin G. Schneider mit seinen im Viervierteltakt vertonten Versen:
Danke, für meine Arbeitsstelle,
Danke, für Jedes kleine Glück,
Danke, für alles Frohe, Helle und für die Musik.
Kohlenpott-Troubadour Ralf Bendix ("Mama, hol' den Hammer, denn das Biest ist wieder da") errang mit "Danke" einen unerwarteten Erfolg: Bisher sind rund 250 000 Platten verkauft worden.
Kirchenmusiker und Theologen aber dankten dem bayrischen Schnulzenpfarrer seinen Eifer mit dem Vorwurf, er sinke auf das Niveau der Heilsarmee. Hegele: "Einer verglich das Lied 'Danke' mit einem Campingpfarrer, der am Strand keine Predigt hält, sondern... aufgeblasene Gummischwimmtierchen mit der Aufschrift Jesus lebt' verteilt."
Trotz solcher Kritik entschlossen sich die Programmplaner fast aller großen Schallplattenfirmen, auf Hegeles frommer . Schlagerwelle mitzuschwimmen. Die "Fellows" sangen für die Plattenfirma Decca "Die Zeit kommt wieder", John Paris für Bella Musica "Einer weiß alles". Polydor-Haussänger Freddy Quinn nannte den Gott der Christen schlicht "Boss" ("Tritt ein, mein Sohn, und bleibe hier"), und Lys Assia versicherte: "Gottes Kinder brauchen keine Schuhe."
Gerade weil Polydor-Produzent Bowien, wie er erläuterte, nicht mit derart "leichter Hand, sondern mit Ernst" ans Werk ging, stieß er auf Widerstand, noch bevor ein Ton der ins Deutsche übertragenen Spirituals in Platten geritzt war. Der Frankfurter Graphiker Hans Hillmann lehnte mit Rücksicht auf seine anderen Auftraggeber ab, für Polydor die "Halleluja"-Tasche zu entwerfen. Und der Jazz-Kritiker Werner Burkhardt, Mitarbeiter der Hamburger "Welt" und der Plattenfirma Teldec, weigerte sich - ebenso wie der Jazz -Programmgestalter von Radio Bremen, Siegfried Schmidt-Joos -, für die Kiesewetter-Platte einen Einführungstext zu verfassen: Er wolle seinen Ruf als Kritiker nicht aufs Spiel setzen.
Als Ende vergangenen Monats - ohne erläuternden Text und in einer Tasche, die der Hannoveraner Graphiker Fredi Niemüller entworfen hatte - das Kiesewetter-"Halleluja" aus den Plattenpressen kam, meldete sich als erster der Münchner Schlager-Pfarrer Hegele zur Kritik. Die gottesfürchtigen Texte des Spiritual-Übersetzers Bader erregten sein Mißfallen: "Besonders schlimm", schrieb er, "wird es... bei der Aussage: "... über den Wolken ganz nahe schon bei dir'. Will der Texter hier auf die sentimental-religiöse Tube drücken? Ich nehme an, daß er sich angeekelt abwenden würde, wenn ihm gegenüber jemand in solcher Terminologie vom Himmel reden würde."
Bowiens Rechtfertigung: "Die Bilder des Himmels, von der Kirche geprägt, sind oft weit 'sentimentaler'."
Auch ohne den Beistand der Jazz -Journalisten und des evangelischen Musik-Pfarrers glaubt der Polydor -Vertrieb fest an den Erfolg der Kiesewetter-Platte. Polydor-Pressechef Reimann: "Wir trommeln mit allen Mitteln für 'Halleluja'."
Aufwendige Zeitungsinserate sind bereits erschienen, die Funkhäuser wurden auf die Polydor-Neuerscheinung hingewiesen, und mit einer Viertelmillion Sonderprospekte soll in den Schallplattenläden für Kiesewetters Gesänge geworben werden. Die Polydor -Geschäftsleitung erklärte "Halleluja", einem Firmenbrauch folgend, für den Februar zum "Motto des Monats".
Bundesdeutsche Schallplatten-Einzelhändler sind für den "Halleluja"-Verkaufserfolg freilich noch aus einem anderen Grund zuversichtlich. Sie haben in guter Erinnerung, daß Spiritual -Sänger Knut Kiesewetter mit dem gleichen Thema bereits vor Jahren Seller-Erfolge erringen konnte. Unter dem Schnulzen-Pseudonym "The Tramps" besang das Kiesewetter-Team schon im Herbst 1961 eine 45er Platte mit einer anderen deutschsprachigen Version des "Halleluja"-Spiritual.
Damals lautete die erste Textzeile: "Rote Rosen werden blühen am Missouri." In der neuen Version singt Knut: "In der Welt bin ich allein, Halleluja."
* "Halleluja -berühmte Spirituals", deutsch gesungen von Knut's Spiritual Group; Polydor; 18 Mark.
** Spirituals Religiöse Lieder nordamerikanischer Neger, deren Texte meist auf biblische Psalmen zurückgehen.
Sänger Quinn
Christliche Schlager...
Sänger Kiesewetter
... von Josua und Jericho ...
Sängerin Lys Assia
.. für Kirchen und Musik-Automaten

DER SPIEGEL 12/1964
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