04.12.1967

SCHMIDT

Roter Lack

(siehe Titelbild)

Privat nennt er den Kanzler "König Silberzunge". Er schilt ihn "einen Mann der Show ohne Entschlußkraft". Und er tadelt Kiesingers "Angst vor dem Regieren

Den "Schlendrian des Kabinetts" will er sich "auf die Dauer nicht gefallen lassen". Regierungs-Beschlüsse kommen ihm "immer vier Wochen zu spät". Die Bonner Politik ist ihm "viel zu zaghaft".

Vor einem Jahr war er der lauteste Fürsprecher der Großen Koalition. Heute ist er der keckste Kritiker des schwarz-roten Kabinettskollegiums. Helmut Schmidt, Parlamentschef der mitregierenden Sozialdemokraten, spielt mehr und mehr die Rolle eines Führers der Opposition.

Sein wachsender Widerstand gegen die Regierung wurzelt in sozialdemokratischem Urgrund: Schmidt sagt, was die Partei denkt; Schmidt denkt, was die Partei fühlt.

Die Partei der deutschen Sozialdemokraten aber fühlt sich nicht wohl.

Nach 17 Jahren Bonner Verfemung sitzt sie nun in einer Regierung mit eben jener CDU, deren erster Kanzler Konrad Adenauer es einst den "Untergang Deutschlands" genannt hat, wenn die SPD je-zur Macht käme.

Mit bangem Stolz vernehmen es die Genossen, wenn ihr wortgewaltiger Professor Carlo Schmid verkündet: "Wir sind aus Patriotismus in diese Regierung gegangen -- um das Vaterland zu retten. Doch Patriotismus ist dieser Partei noch nie gedankt worden."

In der Tat: 1914 stimmten die Sozialdemokraten im Reichstag für Kaiser Wilhelms Kriegskredite -- und konnten sich dennoch nicht vom Ruch der "vaterlandslosen Gesellen" befreien. 1918/19 retteten sie unter Ebert die bedrohte Reichseinheit -- und blieben dennoch, in Hitlers Propagandajargon, die "November-Verbrecher".

Argwohn hat die Partei ergriffen, daß der Dank des Vaterlandes auch diesmal ausbleiben werde. Mehr und mehr deutsche Sozialdemokraten beginnen daran zu zweifeln, daß ihnen die Wähler das jüngste Rettungsaufgebot für den von Wirtschaftswunder-Erhard und seiner CDU abgewirtschafteten Staat honorieren werden. Aus Furcht, bei den nächsten Wahlen wieder einmal die Zeche zahlen zu müssen, haben sich die Sozialdemokraten auf die Suche nach ihrem verlorenen Profil gemacht.

Dem SPD-Fußvolk paßt die ganze Marschrichtung nicht, in die Herbert Wehner es vor einem Jahr gelenkt hat. Denn die Genossen haben längst gemerkt, daß ihrer Partei

> der Bonner Pakt mit der Christenunion nicht guttut, weil die eben noch dahinsiechende CDU dank sozialdemokratischer Mund-zu-Mund-Beatmung wieder auf die Beine gekommen ist;

> Wähler davonlaufen, weil diese die SPD bisher stets gegen die CDU gewählt haben und nicht als deren Juniorpartner in einem Regierungskartell;

> die eigenen Genossen Ärger machen und widerspenstige Flügel bilden, weil trotz der Teilhabe der Partei an der Macht weder das Rentner-Paradies noch der blaue Himmel über der Ruhr Wirklichkeit geworden ist.

Helmut Schmidt setzt sich an die Spitze dieser Bewegung, indem er ihr zugleich eine andere Richtung zu geben versucht. Er bemüht sich, den Unmut der Genossen von dem schwarzroten Parteibund, den er für richtig hält, auf die Regierung abzulenken, der er nicht angehört.

Wie die Bundesregierung ihrerseits diesen Kritiker einschätzt, wurde deutlich, als der von der SPD nominierte Regierungssprecher Conrad Ahlers am letzten Freitag urteilte: "Der Vorsitzende der Fraktion der SPD äußert manchmal Gedanken, über deren Durchführbarkeit man sich nicht ohne weiteres im klaren ist."

In der Debatte über Kiesingers Regierungserklärung am 15. Dezember 1966 hatte Schmidt verlangt, daß die neue, von seiner Partei mitbegründete Regierung

> "nicht bloß personelle Auffrischung, nicht bloß Fortschleppen liebgewordener Gewohnheiten mit vertauschten Rollen" betreibe, sondern eine "Generalüberprüfung der Politik";

> schleunigst Vorschläge zur "parlamentarischen Kontrolle des Reptilienfonds" (des Bundeskanzlers) und gegen die "indirekte Propagandafinanzierung zugunsten einzelner Parteien oder Politiker" mache;

> dem deutschen Volk zum Thema Oder-Neiße-Linie sage, daß kein anderes europäisches Land "deutsche Hoffnungen auf eine Veränderung" der De-facto-Westgrenze Polens unterstütze;

> fortan "weder nationalen Besitz noch deutschen Mitbesitz an nuklearen Waffen" erstrebe;

> alsbald "Gedanken über die künftige Verteidigungsstrategie und den (Kampf-)Auftrag der Bundeswehr" entwickle;

> die seit Jahren überfälligen Pläne für den Umbau des bundesdeutschen Föderalismus auf dem Wege einer Staats- und Finanzreform "so rechtzeitig (vorlege), daß eine Verabschiedung noch in dieser Legislaturperiode wirklich möglich wird".

Nichts davon hat die schwarz-rote Regierung Kiesinger/Brandt in ihren ersten zwölf Monaten getan. Wenig kann sie in den nächsten zwölf Monaten bis zum Beginn des Wahlkampfs 1969 noch vollbringen.

Vor einem Jahr, als die Große Koalition Ende November gegründet wurde, hatte Schmidt ihr zur Bedingung gemacht: "Nur wenn die Große Koalition etwas Großes zustande bringt, kann sie ihre Daseinsberechtigung nachweisen."

Damals drängte er, stramm auf Wehners Linie, seine Fraktion zum Bündnis mit den Christdemokraten, als Parteichef Willy Brandt und die Mehrheit der Genossen noch mit einer Mini-Koalition aus SPD und FDP liebäugelten.

Das SPD-Fraktionsvolk stemmte sich sogar auch dann noch gegen das Geschäft mit den Christdemokraten, als die SPD-Unterhändler mit dem CDU-Nachfolgekandidaten Kiesinger bereits handelseins waren. Und weder Wehners Wortschwall noch der gefühlsbetonte Appell Brandts vermochten die zögernden Parteifreunde umzustimmen.

Mitternacht war vorüber, das Debatten-Getümmel im SPD-Fraktionssaal des Bonner Bundeshauses ging in die achte Stunde, 58 Kollegen hatten schon gesprochen, als Helmut Schmidt nach dem Mikrophon griff. Er hielt die Rede, die das Blatt wendete.

Seine Argumente:

> Eine Verbindung der SPD mit den Freien Demokraten sei sozialpolitisch undenkbar, vor allem aber "arithmetisch dummes Zeug", weil eine Mehrheit von nur drei Stimmen bei der geheimen Kanzlerwahl zu unsicher sei und weil die Liberalen "nach allen Erfahrungen immer wieder auseinanderbröckeln".

> Lasse man "Erhard weiterwurstein", komme es spätestens nach einem halben Jahr "zu Massenarbeitslosigkeit" und damit zur Staatskrise.

> Im Interesse des Staates wie der Partei müsse die SPD die Chance des Kabinettseintritts wahrnehmen und sich so nach 37 Jahren Opposition* "endlich von dem Odium befreien, daß sie nicht regieren kann".

Von Schmidts Plädoyer beeindruckt, stimmte nun die Mehrheit der Fraktionsgenossen für den Eintritt in die Große Koalition mit der CDU/CSU.

Ihm selber brachte das keinen Lohn. Anderntags bei der Vergabe der Ministerstühle ging er leer aus.

Schmidt hatte wie Wehner darauf gedrängt, daß der Parteivorsitzende Brandt als Vizekanzler ins Kabinett eintreten müsse. Brandts Angebot, er wolle sich mit einem kleinen Ressort begnügen und Schmidt solle ins AA einziehen, wies dieser zurück: Natürlich müsse der Parteivorsitzende im neuen Kabinett das wichtigste Ressort übernehmen.

Damit freilich schlug sich Schmidt selber die Tür vor der Nase zu. Denn das Verteidigungsministerium, das er gern übernommen hätte, fiel als zweitwichtigstes Ressort nun an die CDU. Auch das Innenressort, das Schmidt -- als ehemaliger Hamburger Innensenator -- ersatzweise anpeilte, beanspruchten nach dem Kabinettsproporz die Christdemokraten.

Zwar offerierten die SPD-Ressorthändler ihrem ministrablen Genossen zur Auswahl zwei Ministerposten -- die für Gesamtdeutsche Fragen und Verkehr.

* Die letzte deutsche Regierung mit SPD-Beteiligung, das Kabinett des Sozialdemokraten Hermann Müller, stürzte 1930.

Der ambitionierte Schmidt aber lehnte beide ab und verzuckerte sich den Verzicht: "Ein Fraktionschef ist Einer, ein Minister nur ein Zwanzigstel."

Anstelle des kranken Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion, Fritz Erler, spannte sich Helmut Schmidt zusammen mit seinem christdemokratischen Stiefbruder Rainer Barzel -- vor den Karren der Koalitionskompromisse.

Als zum Beispiel Kiesingers Kabinett einschließlich der SPD-Minister im Februar das Arbeitslosengeld nur um zehn Prozent (ursprüngliche SPD-Forderung: 20 Prozent) erhöhen wollte, erhob Schmidt Einspruch. Barzel zog mit. Im Koalitionsgespräch beim Kanzler, das die beiden Fraktionsbosse erzwangen, kam es zum Kompromiß an der Mittelmarke -- 15 Prozent.

Schon bald aber mußte Schmidt sich von den Genossen vorhalten lassen, daß aller Eifer zu nichts führte.

Die Ergebnisse der Landtagswahlen im Frühjahr schockierten die Sozialdemokraten: Sowohl in Rheinland-Pfalz wie auch in Niedersachsen erlitt die Partei schwere Rückschläge.

Der Glaube an rien Aufwärtstrend der Oppositionszeit (Wehner damals: "In Rheinland-Pfalz werden wir den Durchbruch schaffen") wurde zuschanden.

Die Demoskopen bereiteten der SPD noch einen Schrecken: Umfragen ergaben, daß Kanzler Kiesingers Popularität stieg und stieg, die SPD-Stars dagegen nicht vom Fleck kamen.

Hatten bis dahin nur Provinz-Funktionäre wider die Bonner Koalition aufbegehrt, so änderte nun auch Helmut Schmidt Taktik und Tonart. Von Anfang Juni an zog er mit Pauken und Trompeten durchs Land.

Schmidt: "Wir haben uns verabredet, daß wir der Regierung nun Zunder geben, wenn sie es verdient."

Zunder zu geben, und zwar mit Worten, ist Helmut Schmidts eigentliche Stärke. Ihr verdankt er den Spitznamen "Schmidt-Schnauze", den er sich schon als parlamentarischer Anfänger erwarb -- mit Reden wie jener gegen den heutigen Kanzleramts-Staatssekretär Baron Guttenberg, die das Parlament in einen Schauplatz tumultuarischer Erregungszustände verwandelte: "Es fällt schwer ... nicht zu beklagen, daß die Deutschen niemals eine Revolution zustande gebracht haben, die dieser Art von Großgrundbesitzern die materielle Grundlage entzogen hätte."

Am nötigen Selbstbewußtsein hat es Helmut Schmidt nie gemangelt -- auch nicht an dem Bestreben, anderen so perfekt zu erscheinen, wie er selber sich sieht. Zu seiner Image-Pflege gehört, peinliche Sorgfalt auf sein Äußeres zu verwenden. Dem verdankt er seinen zweiten Spitznamen: "Schmidt-Schnieke".

Bei jeder Gelegenheit, auch im Café, in Gegenwart von Damen und am Vorstandstisch seiner Fraktion zieht er den Kamm aus der Hosentasche und fährt damit durch den schwarzen Haarschopf à la John F. Dutschke. Selbst vor der Fernsehkamera kann er den ordnenden Griff nach der Frisur nur mühsam unterdrücken.

Seiner Unterschrift fügt er einen schwungvoll-dekorativen Abstrich an, seiner Paraphe einen ebensolchen Aufstrich. Als Krawattenhalter benutzt er gelegentlich eine ehemalige Serviettenklammer aus der Ersten Klasse der Lufthansa mit der Aufschrift "Senator".

Ein Anflug von Reklame umgibt ihn, ein Hauch von Werbung für herbe Herrenartikel. Immer ist seine forsche Pose schmaläugig kontrolliert, seine Wirkung womöglich vorbedacht.

Schmidt raucht "Reyno" an der Kette, aber er trinkt kaum. Ein altes russisches Trinkhorn, Geschenk eines mit Schmidt "ein bißchen befreundeten" russischen Botschaftsrats aus der Sowjetmission in Rolandseck, das er am Bücherregal seines Amtszimmers aufgehängt hat, ist eigentlich deplaciert. Denn wenn Schmidt einen Gast zum Bier bittet, bestellt er für sich selber meist nur Ochsenschwanzsuppe. Dafür konsumiert er zwanzig Tassen Tee am Tag.

Richtiger reflektieren den Schmidt-Geschmack die übrigen Dekorationen seines Bonner Arbeitszimmers: Außer einem farbigen Druck des Franzosen Bernard Buffet hängen dort Photos des sozialdemokratischen Widerständlers Julius Leber und des amerikanischen Präsidenten Kennedy.

Geistige Erquickung findet Schmidt, der im Durchschnitt 15 Bücher pro Monat liest, bei den Altersweisheiten des spätrömischen Kaisers Marc Aurel. Derzeit liest der Synodale der Hamburgischen (evangelischen) Landeskirche "Die Sache mit Gott" von Dr. Heinz Zahrnt.

Seine Leitheiligen sind der Amerikaner Thomas Jefferson, der die Unabhängigkeitserklärung formulierte, Papst Johannes XXIII., der "allen Menschen auf der Welt die Notwendigkeit der Toleranz vor Augen führte" (Schmidt), und der Amerikaner John F. Kennedy, dem Schmidt das Verdienst zuspricht, "daß er der Jugend Europas den Mut zu Idealen zurückgegeben hat".

Helmut Schmidt beflügelt -- nach dem Urteil des mit der SPD sympathisierenden Schriftstellers Peter Härtling, der ihn für den "Monat" porträtiert hat -- "ein parteifreier Fortschrittsglaube, der den Großbürger Kennedy ebenso trieb wie den vermögenden Adeligen Giscard d"Estaing. Mit Noblesse trennt man sich von den geschundenen Vätern, unbeirrbar einer klaren, vernünftigen, satten Zukunft zugewandt, Ideologien abwehrend, allenfalls noch unverbindlichen Programmen trauend".

Solche Zweifel an seiner sozialistischen Rassenreinheit hört Schmidt nicht gern: "Warum habe ich mich wohl nach dem Krieg jahrelang in der SPD als ehemaliger Offizier beschimpfen lassen, wenn ich in einem bürgerlichen Hafen viel besser hätte fahren können?"

Aber wie der Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Schütz, der Wirtschaftsminister Karl Schiller und der Justiz-Staatssekretär Horst Ehmke in der SPD oder auch wie Rainer Barzel in der CDU gehört Helmut Schmidt zur Generation jener Nachkriegs-Politiker, die -- kaum erwachsen, doch völlig desillusioniert aus dem Krieg zurückgekehrt -- in der angelsächsisch-pragmatischen Vorstellung von Demokratie aufgewachsen sind, sich zur Mitte hin entwickelt und schließlich dort getroffen haben: als überdurchschnittlich intelligente, ideologisch enthärtete Manager des Bonner Polit-Geschäftes.

Typisch dafür ist die Parallelität der politischen Entwicklung von Helmut Schmidt und Rainer Barzel. Beide kommen aus Lehrerhäusern, beide waren sie Hitler-Jungen, dann Kriegs-Offiziere, dann Nachkriegs-Studenten. Der eine, Helmut Schmidt, engagierte sich zunächst links ("Kampf dem Atomtod"), der andere rechts ("Rettet die Freiheit"); beide gaben sie diese Engagements wieder auf.

Beide sind in ihrem schwarz-roten Traumkabinett nicht Minister geworden (Barzel: "Das wird denen noch leid tun, daß sie uns nicht ins Kabinett gelassen haben"). Und nun sind sie beide Traumkontrahenten: Der eine weiß vom anderen, daß er nur dann Kanzler-Kandidat werden kann, wenn der jeweils andere als sein Rivale antritt. Denn weder wird die CDU ihren Barzel aufstellen, solange Brandt kandidiert, noch die SPD ihren Schmidt, solange Kiesinger da ist.

Einstweilen haben Schmidt und Barzel sich im täglichen Koalitionsgeschäft nahezu perfekt arrangiert. Schmidt ruft häufig schon am frühen Morgen unter Geheimnummer in Barzels Reihen-Bungalow an oder fährt selber dorthin, um das parlamentarische Pensum abzusprechen. Öffentlich lobt er die Verläßlichkeit seines christdemokratischen Gegenübers; Barzel verspreche nur, was er auch erfüllen, also in seiner Fraktion durchsetzen könne.

In der SPD-Fraktion geht manchen Parteifreunden diese Poussage ihres Vorsitzenden mit dem CDU-Freund längst zu weit. Sie monieren, daß man Schmidt von Barzel schon gar nicht mehr unterscheiden könne.

Bei der Partei-Minderheit traditionsbezogener Genossen, denen die SPD noch immer als Partei der Arbeiterbewegung gilt und die nun aus Protest gegen die Öffnung der SPD nach rechts rote Kader bilden, hat Helmut Schmidt kaum Freunde. Genossen wie der schleswig-holsteinische SPD-Vorsitzende Joachim Steffen oder der rheinland-pfälzische DGB-Vorsitzende Julius Lehlbach oder die Sozialisten um den IG-Metall-Funktionär Olaf Radke aus Hessen-Süd werfen ihm vor, daß er überhaupt keine einigermaßen fest umgrenzbare politische Überzeugung habe -- jedenfalls keine sozialistische.

In der Tat hat die Generation, der Schmidt, Schiller und Schütz angehören, zur Vergangenheit der SPD, zu Marx und Engels so gut wie keine Beziehung mehr. Auch Helmut Schmidt stammt nicht von den Verdammten dieser Erde ab, sondern kommt aus dem Kleinbürgertum.

Der "helle Junge" Schmidt (so qualifiziert ihn Willy Brandt) stammt, am 23. Dezember 1918 geboren, aus einem evangelischen Lehrerhaus im Hamburger Arbeiterviertel Barmbek. Schmidt ist "ein fast weltanschaulich fixierter Hanseat".

Mit 14 Jahren war er Kapitän der Ruderriege seiner Schule und kam so, Ende 1933, als Kameradschaftsführer in die Marine-HJ. Dort avancierte er bis zum Scharführer mit grüner "Affenschaukel", ehe er -- klassenbester Abiturient -- 1937 zur Flak nach Vegesack bei Bremen geholt wurde.

Schon bald nach Kriegsbeginn war er Leutnant der Reserve und half als solcher mit 3,7-Zentimeter-Maschinenkanonen den hanseatischen Heimathimmel hüten. 1942 rückte er zum Oberleutnant auf und

* Mit Tochter Susanne und Frau Hannelore in seinem Bungalow in Hamburg-Langenhorn.

ging als Referent für Maschinen-Flak-Waffen in Hermann Görings Reichsluftfahrtministerium nach Berlin.

Zwei Kriegsjahre lang hielt er dort die Bürostellung, was ihm zu mancherlei Freizeitbetätigung Muße ließ: Er heiratete seine Klassenkameradin Hannelore ("Loki") Glaser, Arbeitertochter aus kommunistischem Hause, und erlernte bei Professor Scharwenka das Orgelspiel; zugleich las er Architektur-Bücher und arbeitete über Statik, denn er wollte Städtebauer werden.

Ende 1943 ging der Oberleutnant Schmidt an die Front. Am Südabschnitt in Rußland stand er als Flak-Batterie-Chef gegen die einbrechenden Russen im Erdkampf. Das Kriegsende erlebte er, nach Hitlers gescheiterter Ardennen-Offensive, im Westen, dekoriert mit dem EK II.

Wie viele seiner Generationsgenossen entschloß er sich 1945 zum Studium. In dem taubengrauen, wadenlangen Offiziersiedermantel der untergegangenen Luftwaffe suchte er nun Anschluß nach links.

Frau Loki, seit Kriegsanfang Lehrerin, finanzierte das Studium und Tochter Susanne. Mit dem Erlös aus dem Verkauf der Raucherkarten wurden Lücken im Familien-Etat geschlossen.

Im Jahre 1946 wurde Schmidt Gruppenvorsitzender des damals noch SPD-treuen Sozialistischen Deutschen Studentenbundes in Hamburg. Sein politischer Rivale: der heutige stellvertretende Regierungssprecher Conrad Ahlers, damals Vorsitzender der Hamburger Gruppe des Ringes Christlich Demokratischer Studenten.

Das Examen als Diplom-Volkswirt bestand Schmidt, inzwischen Bundesvorsitzender des SDS, Anfang 1949 mit gut. Thema der Diplomschrift: "Die japanische Währungsreform im Vergleich mit der deutschen".

Über vaterstädtische Jobs in Hamburg -- als Referent des Wirtschaftssenators Karl Schiller, dann als Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung des Senators, schließlich als Chef des Amtes für Verkehr -- hangelte sich Helmut Schmidt nach oben, stets als Regierender, nicht als Oppositioneller.

Im September 1953 bewarb er sich um den Hamburger Bundestags-Wahlkreis IV, unterlag jedoch seinem freidemokratischen Gegenkandidaten und konnte nur über die Landesliste in den Bundestag einrücken.

In Adenauers Erdrutschwahl September 1957 brachte Schmidt es schließlich fertig, der FDP den Wahlkreis Hamburg VIII abzunehmen.

Seine Bundeskarriere begann der junge Abgeordnete in der Verkehrspolitik. Der damalige Verkehrsminister Hans-Christoph Seebohm von der DP wurde die erste Zielscheibe seines rhetorischen Schnellfeuers. Schmidt reimte:

Wem Gott gibt ein Amt, dem gibt er endlich auch Verstand. So hoffen wir zum Himmelszelte, daß dieses auch von Seebohm gelte. Anfang 1955 wandte sich der ausgediente Flak-Oberleutnant, der als SDS-Vorsitzender acht Jahre zuvor der Wehr und den Waffen ein für allemal abgeschworen hatte ("Nie wieder Soldat"), ungestüm der Militärpolitik zu. Er gehörte zu dem halben Dutzend Bonner Volksvertreter, die des Bundes Wehrverfassung formulieren halfen.

Als einer der ersten Abgeordneten nahm er im Oktober 1958 an einer Reserveübung der Bundeswehr teil. Schmidt: "Im Kasino müssen auch Sozialdemokraten sitzen."

Damals war Herbert Wehner darüber noch entsetzt: "Man sollte es nicht für möglich halten. Wie kann nur ein Sozialdemokrat Uniform anziehen wollen?"

Und die Bonner SPD-Fraktion, die noch "Kampf dem Atomtod" exerzierte, wählte den Genossen Schmidt, während er noch im schleswig-holsteinischen Rendsburg wehrübte, aus dem Fraktionsvorstand ab. Oberleutnant Schmidt las es in der Zeitung.

Franz-Josef Strauß, gleichfalls ehemaliger Flak-Oberleutnant, und Schmidt pflegten trotz parteipolitischer Gegensätze anstößige Waffenkameraderie und attestierten sich gegenseitig Expertenweisheit.

Zu diesem Zeitpunkt schon war Helmut Schmidt der machtlosen Oppositionsexistenz in Bonn überdrüssig. Zu Freunden sagte er: "Das ist hier wie beim Kommiß: ein allgemeiner Mief, aber niemand kann seinen eigenen Anteil daran noch unterscheiden."

Er retirierte in die geliebte Seeluft der Freien und Hansestadt Hamburg, um "endlich etwas zu gestalten". Sein Werk war die neue hamburgische Mammutbehörde für Inneres, die er als Senator dirigierte.

Höhere Gewalt verhalf dem Herrn über Hamburgs Polizei und Feuerwehr zu seiner großen Stunde. In der Nacht vom 16. zum 17. Februar 1962 setzte ein Nordwestorkan Hamburgs Innenstadt und Elbviertel unter Wasser.

Als Schmidt am frühen Morgen von einer Innenministerkonferenz verspätet aus Berlin nach Hause kam, fand er die Alarmmeldung vor. Ungewaschen und unrasiert raste er am Steuer seines Dienstwagens ins Polizeipräsidium und ergriff die Macht. Schmidt: "Da habe ich die Sache in die Hand genommen."

Schmidt kommandierte Bundeswehr-Bataillone, Hubschrauberstaffeln, Schutz- und Bereitschaftspolizei, Technisches Hilfswerk, das Deutsche Rote Kreuz und den Arbeiter-Samariterbund. Neben ihm am Kartentisch saß Konteradmiral Bernhard Rogge, damals Befehlshaber im Wehrbereich I, der zu jedem Schmidt-Befehl beifällig nickte.

Dem Hamburger Polizeikommandeur riet Oberbefehlshaber Schmidt: "Gehen Sie mal lieber nach Hause. Sie halten hier nur den Betrieb auf."

Hamburgs Erster Bürgermeister, Dr. Paul Nevermann, reiste eilends aus dem Urlaub von Österreich an. Doch den kommandierenden Senator in der Katastrophenzentrale störte das.

Schmidt: "Herr Bürgermeister, Sie stehen mir hier im Weg."

Nevermann: "Aber die Hamburger Verfassung gilt doch noch?"

Schmidt wurde ungeduldig: "Paul, nun halt endlich den Mund. Siehst du denn nicht, daß ich dringende Anweisungen zu diktieren habe?"

Fortan genoß Helmut Schmidt den Ruhm des Flutbezwingers. Aber biederen Genossen blieb unheimlich, daß ein einzelner einfach befohlen hatte, ohne vorher eine Kommission einzuberufen und abstimmen zu lassen. Freunde warnten ihn: "Auf die Dauer kannst du in der Partei von der Flut nicht leben."

Das hatte der Hamburger Innensenator schon begriffen. Er engagierte sich einen Arbeitsstab von emsigen Assessoren und Räten, die ihm für alle möglichen Probleme der Stadt Lösungsvorschläge anfertigten. So brillierte Schmidt in den Senatskonferenzen als Fachmann zum Beispiel für Finanz-, Bau- und Hafenfragen.

Kapitän Brandt gliederte diesen Alleskönner in seine Regierungsmannschaft für den Wahlkampf 1965 als Schatten-Wehrminister ein. Doch die SPD erreichte, summa summarum" nicht einmal 40 Prozent der Wählerstimmen.

Willy Brandt blieb in Berlin. Helmut Schmidt wollte aus Hamburg nicht weg -- wollte auch den Anspruch auf die Senatorenpension nicht verlieren: "Wenn mich der Schlag trifft, bekomme ich keinen Pfennig."

Aber Partei-Stabschef Wehner holte Schmidt dennoch nach Bonn zurück. Begründung: "Wenn schon frischer Wind, dann nicht in Hamburg, sondern hier."

Reservehauptmann Schmidt: "Ich fühlte mich am Portepee gefaßt."

Damit es auch im Portemonnaie stimmte, dotierte die SPD Schmidts neuen Job eines Stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden mit einem Monatsgehalt von 3200 Mark, zusätzlich zu den steuerfreien MdB-Diäten von 3900 Mark.

Im Gegensatz zur Hamburger Behördenchef-Zeit gebot Schmidt in Bonn fortan nur noch über zwei Sekretärinnen, einen persönlichen Referenten, einen wissenschaftlichen Assistenten und einen Mercedes 220 mit Fahrer.

Jedenfalls blieb der Wunsch rege, die Hamburger Basis nicht gänzlich aufzugeben. Der nach Bonn versetzte Hanseat gab zu verstehen, daß er außer seiner Bundestätigkeit gern den Hamburger Parteivorsitz übernehmen würde.

Doch dieser Wunsch blieb unerfüllt. Die hanseatischen Genossen, vor allem Funktionäre aus Schmidts eigenem SPD-Kreis Hamburg-Nord, präsentierten ihm einen Gegenkandidaten: den ehemaligen Bürgermeister Dr. Paul Nevermann, der privater Probleme wegen aus dem Rathaus in die Zurückgezogenheit der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Wohnungsbauunternehmen ausgewichen war. Ihn zogen die Genossen dem nach Bonn abgewanderten Helmut Schmidt vor.

Den Ausschlag gab auf dem hamburgischen Landesparteitag der SPD im Mai 1966 Herbert Wehner: "Ich glaube nicht, daß Helmut Schmidt es sich bei aller Vitalität zutrauen sollte, auch noch in Hamburg Politik zu machen."

Schmidt konzentrierte seine Vitalität also auf die Bonner Politik. Der stellvertretende Fraktionschef amtierte, da Fritz Erler nicht genas, von Anfang an als der eigentliche Boß. Die sozialdemokratische Bundestagsfraktion bekam bald zu spüren, was Schmidt darunter verstand. Da es ihm versagt geblieben war, die Bundeswehr zu führen, stellte er nun die Fraktion unter sein Kommando. Debatten über Fragen, die er für unwichtig hielt, brach der Schnelldenker in rascher Rede rigoros ab. Traditionalisten. Gewerkschaftsflügel und Notstandsgegner fanden in ihm einen Widerpart, der keine Rücksicht auf sozialistische Solidarität mehr kannte. Er fuhr ihnen über den Mund und ließ sie nicht ausreden. Manche Genossen meldeten sich gar nicht erst zu Wort, weil sie sich den oft verletzenden Blitz-Repliken des Fraktionskommandeurs nicht aussetzen wollten.

Nur mit der Regierung ging Helmut Schmidt noch unsanfter um. Spätestens nach der niedersächsischen Landtagswahl im Juni begann er die Minister des schwarz-roten Bundes zur Eile zu treiben.

Die Vorbereitungen zur Mittelfristigen Finanzplanung (Mifrifi) im Kabinett, die durch Ordnung der Staatsfinanzen, verbunden mit gezielten Konjunkturspritzen, die Wirtschafts-Talfahrt beenden sollten, dauerten ihm zu lange. Schmidt Anfang Juni: "Das kommt alles zu spät. Es wäre mindestens vier Wochen früher nötig und möglich gewesen."

Im voraus ließ Schmidt wissen, daß er und seine Fraktion nicht alles widerspruchslos zu schlucken gedächten, was die schwarz-roten Kabinettsherren unter sich ausmachen würden: "Die Regierung hat zu tun, was das Parlament beschließt."

Kanzler Kiesinger regte sich über diese forsche Tonart so auf, daß er in einer Rede in Bremen Ende Juni mit Rücktritt drohte: "Dann muß man sich einen Regierungschef suchen, der willfähriger ist als ich."

Während Kiesingers Kabinett Anfang Juli bei Bonner Sommerhitze

* Mit Bundeswehr-General Hans Rottiger bei einer Reserve-Übung (links oben); mit Bürgermeister Paul Nevermann während der Hamburger Flutkatastrophe (Mitte).

unter der Platane im Schaumburg-Park endlich die Mifrifi zusammenbastelte, machte das Parlament schon Ferien.

Chef-Genosse Schmidt überwachte, zusammen mit den Führungskollegen seiner Fraktion, von der Parteibaracke aus das Verhalten der SPD-Minister unter Kiesingers "schönstem Baum". Mitten in der Nacht mußte Wirtschaftsminister Schiller im Ollenhauer-Haus noch zum Rapport antreten.

Mit seinen Baracken-Gehilfen zerhieb Schmidt den trauten Pakt von Plisch und Plum: Was Schiller und Strauß zum Ausgleich der Mifrifi-Bilanz ausgeheckt hatten, die Anhebung der Mehrwertsteuer von zehn auf elf Prozent, das komme ja gar nicht in Frage.

Schmidts Rezept: nicht höhere Mehrwertsteuer, die alle Bürger belastet, sondern eine Ergänzungsabgabe zur Einkommen- und Körperschaftsteuer, die nur Besserverdienende zwackt: "Erst müssen die Leistungsfähigen, dann die Leistungsschwachen zur Kasse gebeten werden."

Wider besseres Wissen boxte der von Schmidt angetriebene Schiller die SPD-Sonderwünsche im Ministerrat durch. Kiesingers Kabinetts-Einheit geriet erstmals ernstlich in Gefahr, die Mifrifi wackelte.

In letzter Minute rettete Verkehrsminister Leber, Allround-Talent der SPD, durch einen Kompromiß-Salat mit Zutaten aus allen Partei- und Ressortküchen die bedrängte Regierung.

Aber Schmidt war nicht zufrieden. Auf seinem Feriensitz am holsteinischen Brahmsee rüstete sich der oppositionelle Regierungs-Fraktionsführer mit einer kompletten Zielplanung für

* Mit dem CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Rainer Barzel im Bonner Bundeshaus. den Bonner Nahkampf der nächsten Monate aus. Er entwarf

> ein Alternativprogramm zur Mifrifi-Regierungsvorlage;

> einen neuen Kurs der SPD-Fraktion in der Notstandsfrage, der -- trotz des von den SPD-Ministern mitbeschlossenen Kabinettspapiers -- den Gegenentwurf der FDP-Opposition nun doch noch berücksichtigen soll;

> einen Protest gegen Mißachtung des Parlaments durch die Regierung, die zehn Große Anfragen seit Monaten unerledigt liegen ließ;

> einen Plan für den Steinkohlenbergbau, der -- im Gegensatz zu den harten Absichten des Liberal-Wirtschaftlers Schiller -- die Ruhrkrise nicht schon bis Anfang 1969 bereinigen, sondern im Verlauf von vier bis sechs Jahren sanft lösen soll.

Zwischendurch übte der Urlauber Kugelstoßen, Speerwerfen, Weitsprung aus dem Stand sowie Dingi-Segeln und strich die grauen Fensterläden seines Ferien-Fertighauses eigenhändig in sozialdemokratischer Traditionsfarbe an -- mit knallrotem englischem Kutschenlack.

In der Nachmittagssonne auf dem gemeinsamen Bootssteg klönte er lange mit dem Hausnachbarn Karl Wilhelm Berkhan, seinem alten Hamburger Parteikumpel, der heute stellvertretender Vorsitzender des Verteidigungsausschusses im Bundestag ist, über seine alte Liebe, die Wehrpolitik: "Wenn Schröder nun nicht bald sein neues Wehrkonzept auf den Tisch legt, dann ziehe ich mein Messer. Dazu bin ich extra stellvertretendes Mitglied im Verteidigungsausschuß geblieben."

Vier Wochen vor Mifrifi oder spätestens zusammen mit der Finanzplanung hätte, so Schmidt, die neue Verteidigungsplanung dasein müssen. "Da haben Kiesinger und Schröder eindeutig versagt,"

Der Grund für Schmidts harte Rüge: "Die Bonner Sicherheitspolitik, die auf die gesamte Außenpolitik ausstrahlt, ist nicht mit wünschenswerter Eindeutigkeit in die finanzielle Beschlußfassung einbezogen worden."

Am Behelfs-Schreibtisch im Urlaubs-Holzhaus brachte der Amateur-Stratege bei Lampenschein auf zwanzig Seiten zu Papier, wie er glaubt, Westdeutschlands Streitkräfte billiger und zugleich schlagkräftiger organisieren zu können. Dieses "Arbeitspapier", das Nato-Pflichten und Sicherheitsbedürfnisse mit Entspannungspolitik und Abrüstung harmonisieren soll, verschickte er an Minister und Parteiführung.

Vom Brahmsee nach Bonn zurückgekehrt, gefiel sich Schmidt in der Rolle des Hechts im Bundeskarpfenteich. Nicht einmal mehr die eigenen Genossen Minister waren vor ihm sicher. Hartnäckig wiederholte er den Vorschlag, das schwarz-rote Kabinett müsse von jetzt 20 auf nur zwölf Ministersitze gesundschrumpfen: "Es bleibt der Vorwurf, die Große Koalition habe das auch nicht beherzigt. Das ist richtig. Aber die Große Koalition ist auf Zeit verabredet. Sie ist nicht aller Tage Abend."

Das trug ihm im Kreise des Kanzlers das Urteil ein, er handle "demagogisch und aus übersteigerter Egozentrik". Kiesinger: "Das macht er doch nur, um sich selbst in Positur zu setzen."

Schmidt schoß zurück. Auch in die gedämpfte Stimmlage der internen Konversation Bonner Prominenz feuerte er ohne Ansehen der Person seine Bemerkungen ab.

Dem allzeit auf seine Amtswürde bedachten Kanzler mißfiel besonders, daß Schmidt ihn hartnäckig mit "Herr Kiesinger" anredete. Dazu Schmidt: "Das ist der Ausdruck meiner Unabhängigkeit als Fraktionsvorsitzender."

Als der Kanzler die Kritiker seiner Deutschlandpolitik als "Anerkennungspartei" abqualifizierte, schnauzte Schmidt: "Mit solchem Quatsch darf der Kiesinger mir nicht kommen."

Gelegentlich schlug das rhetorische Schnellfeuer aber auch in den eigenen Parteireihen ein. "Ich habe den Schiller auf Trab gebracht", renommierte Schmidt, nachdem er seinen Ruhr-Plan entworfen hatte. Und: "Den Brandt machen wir 1969 am besten zum Bundespräsidenten."

Genossen, die seinem Tempo im Begreifen, Denken und Reden nicht gewachsen waren, überschüttete er mit Verbalinjurien: "Flaschen", "Nichtskönner", "Ignoranten", "keine Ahnung, was in der Welt vor sich geht", "Dummköpfe".

Das wurde dem Partei-Maschinisten Wehner, der immer noch auf Ruhe als erste Koalitionspflicht bedacht war, schließlich zuviel. Und er verwies Schmidts schnieker Schnauze die rüden Redensarten: "Du kennst ja nur die Kameradschaft der Soldaten, nicht aber die Solidarität der Genossen."

Der verärgerte Konstrukteur des schwarz-roten Bundes hielt dem SPD-Profilitiker Schmidt eine Standpauke: er solle "profilieren, aber nicht verrückt spielen" und vor allem nicht "als Amokläufer gegen die eigenen Minister" anrennen. "Du sollst schon sagen, was unsere Minister nicht sagen können -- aber doch nicht gegen sie."

Freunden gegenüber beschwerte sich Wehner über die von seinem Fraktionsvorsitzenden immer wieder erzeugte Mißstimmung: "Ich muß jetzt beinahe jeden Tag 'rumlaufen und die Häufchen wegmachen, die der Pinscher Schmidt vor alle Türen gesetzt hat."

Der "Pinscher Schmidt" hingegen verfaßte am Vorstandstisch der Godesberger SPD-Bundeskonferenz, auf der die Partei Mitte November ihre innere Unruhe tapfer niederkämpfte, ein Spottgedicht auf "Onkel Herbert" Wehner -- unter der Überschrift "Wie es wirklich ist"*:

Wehner sagt, wie es Ist. Bild sagt, wie es ist. Bild sagt, wie Wehner ist. Wehner sagt, wie Bild ist. Und so ist es. eben.

Wie es wirklich ist, glaubt Helmut Schmidt zu wissen: Wider alle Hoffnung und Erwartung hat die Große Koalition im ersten Jahr ihres Bestehens etwas Großes nicht geleistet. Und die Chance, das nachzuholen, ist auf ein knappes Jahr befristet.

Um dann -- im Wahlkampf -- dem schönen Kopf des CDU-Kanzlers ein Erfolgsprofil der SPD entgegenhalten zu können, muß sich die sozialdemokratische Kabinettsmannschaft, wenn es nach Schmidt geht, auf zwei Punkte konzentrieren:

> SPD-Außenminister Brandt soll den relativ weit gediehenen Kontakt mit den Russen so vorantreiben, daß im nächsten Jahr eine spektakuläre Reise des SPD-Vizekanzlers nach Moskau zustande kommt.

> SPD-Wirtschaftsminister Schiller soll mit allen Mitteln seiner Reklametechnik klarmachen, daß die wohlstandsgewohnten Bundesdeutschen es sozialdemokratischen Einfällen und Eingriffen verdanken, wenn die Wirtschaft aus der Talsohle der Erhard-Krise wieder heraussteigt und die Angst um den Arbeitsplatz gebannt ist.

"Bis spätestens zum nächsten Frühjahr", warnt Schmidt den SPD-Ministerflügel, "muß der deutsche Wähler gemerkt haben, was er der SPD in der Großen Koalition verdankt."

* Das Gedicht bezieht sich auf folgenden Satz aus einer Rede Herbert Wehners vor der SPD-Bundeskonferenz in Godesberg: "wenn Ich Bundeskanzler wäre -- ich will es nicht -, würde ich am 1. Dezember vor den Bundestag treten und offen und ungeschminkt sagen, wie es wirklich ist."


DER SPIEGEL 50/1967
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SCHMIDT:
Roter Lack