04.12.1967

BUNDESWEHR / TRUPPENBÜCHEREIENHelden im Spind

An der Heeresoffizierschule I zu Hannover können sich die Soldaten der Bonner Republik über Adolf Hitlers "göttertrotzenden Mut" und "das zerstörende madige Gerede jüdischer Menschen" informieren.
Rekruten des Fluganwärterregiments in Uetersen bei Hamburg dürfen sich davon überzeugen, daß Intellektuelle "Eiterbeulen" am Volkskörper sind.
An der Technischen Marineschule I in Kiel haben Bürger in Uniform Gelegenheit, die Gefahr "artfremder Vermasselung", die Notwendigkeit der NS-Euthanasie ("eine harte Pflicht für die Volksgesundheit") und das Gebot einer "Aufnordung" des deutschen Volkskörpers zu erkennen. Denn: "Mit Erbkranken, mit Entarteten, selbst mit dem, was der Landwirt Gebrauchszuchten nennt, ist eine Front des Abendlandes ... in keinem Falle zu halten."
Das Wissen um Maden und Vermasselung, Entartung und Eiterbeulen wird den Soldaten des demokratischen Staates aus Büchern vermittelt, die in den letzten elf Jahren für die mehr als 1000 Truppenbüchereien der Bundeswehr eingekauft worden sind. Bezahlt mit Steuergeldern aus dem Etat des Verteidigungsministeriums (Kapitel 1405, Titel 951 und 307), reiht sich in den Regalen militaristische und nazistische Literatur.
Von Spind zu Spind wandern Werke von
> Hans Grimm ("Volk ohne Raum"), der in Truppenbüchereien mit dem Buch "Warum, woher aber wohin?" vertreten ist, in dem er (zustimmend) den wallonischen Hitlerkämpfer Léon Degrelle zitiert: "Hitler war der größte Staatsmann, den Europa je gekannt hat";
> Hans Venatier, vor 1945 Gauschulungsleiter, der in dem Bücherei-Band "Der Major und die Stiere" Insassen von Konzentrationslagern verspottet;
> Heinrich Eisen, dessen 1943 im Münchner NSDAP-Zentralverlag Franz Eher verlegter Band "Die verlorene Kompanie" 1953 im rechtsgerichteten Dikreiter-Verlag wiedererschien -- mit einer Anzeige für die "National- und Soldaten-Zeitung" im Anhang;
> Erich Kernmayr, ein ehemaliger SS-Mann und Gaupresseamtsleiter, der heute als Erich Kern zu den populären Schreibern rechtsradikaler Blätter zählt;
> Edwin Erich Dwinger, einst SS-Obersturmführer, Erbhofbauer und Dietrich-Eckart-Preisträger, det heute in seinen Büchern militanten Antikommunismus predigt. In seinem 1958 erschienenen utopischen Roman "Es geschah im Jahre 1965" schildert Dwinger dem Bundeswehr-Nachwuchs aus der Flugzeug-Perspektive die Verhältnisse nach einem atomaren Ostlandritt:
Als erstes nach Moskau taucht Gorki auf, das alte Nischninowgarod der tausend Kirchen, jetzt auch nichts als ein gigantischer Trümmerhaufen. Es folgt das goldene Kasan ... Auch hier nur Wüste, Zerstörung, Tod ... Tschita, Blagowieschtschensk, Chabarawsk. Auch hier, im fernen Osten, nur Schutt ... Sowjetrußland ist in einer Weise niedergeworfen, wie es selbst bei optimistischer Berechnung nicht anzunehmen war ...
Freudig registrierte das NPD-Organ "Deutsche Nachrichten" Anfang November, daß in deutschen Truppenbüchereien Dwinger-Schriften zu finden seien. "Mit Dwinger", frohlockte das NPD-Blatt, "schießt sich's besser!"
Der Berliner Rundfunk-Journalist Bernd Juds, der für den WDR Soldaten-Bibliotheken untersuchte, entdeckte dort zwar neben Unterhaltungs-Klassikern -- von Karl May bis Hermann Löns -- "durchschnittlich drei bis vier Werke der Gegenwartsliteratur", darunter oft Graß und Böll, manchmal Käsiner und Uwe- "Johnson' selten Brecht, Walser, Andersch. Doch solche Bücher werden kaum entliehen.
Rege ist dagegen die Nachfrage nach Kriegserlebnis-Schmökern, die zwar nach einer Empfehlung des "Handbuchs des Büchereiwesens" nur zehn Prozent aller Leib-Bände ausmachen sollten, oft aber ein Drittel der Truppenliteratur, repräsentieren (Heeresoffizierschule I Hannover: 28 Prozent).
Kaum gefragt sind hingegen Bücher, die sich kritisch mit Krieg oder Kommiß beschäftigen "Die Grenze", meint Hannovers Presseoffizier Werner Tennstädt, "ist dort gesetzt, wo "08/15' beginnt. Der Soldat ... sollte sich nicht täglich einmal, wenn er solche Bücher von Kirst liest, ins Gesicht schlagen." Und in der Technischen Marineschule I in Kiel wurde zwar "08/15" von Soldaten als "Wunschbuch" vorgeschlagen, von der Schulleitung jedoch "nicht für geeignet befunden".
Der Existenzgrund für den Helden im Spind wurde einst vom Verteidigungsministerium gelegt. Denn von dort kam die Anordnung, wonach die "zuständigen Vorgesetzten ... verantwortlich über die Auswahl der zu beschaffenden Bücher" entscheiden.
Die Folge: Die meisten Kommandeure ernannten "Büchereioffiziere" -- für eine Arbeit, die im Zivilleben eine sorgfältige Ausbildung gebietet. Und so steht denn auch, wie der Bibliotheksleiter an der Koblenzer Bundeswehrschule für Innere Führung, Zivilist Guido Geyer, beklagt, "den nebenamtlichen Truppenbücherwarten eine genügende Literaturkenntnis nur ausnahmsweise zur Verfügung".
In diese Bildungslücke der Bibliotheks-Offiziere aber stießen entschlossen Organisationen wie die "Scharnhorst-Buchkameradschaft", die sich inzwischen ihrer "Erfahrung in der Belieferung von ... Büchereien der Bundeswehr" rühmen kann.
Bei den 2000 Büchern, die von den Scharnhorst-Kameraden in einem "Wegweiser für Soldaten und ihre Büchereien" empfohlen werden, ist "soldatische Haltung ... garantiert". Und "bei aller Weltoffenheit stehen Werke deutscher Autoren und Probleme des Deutschtums im Vordergrund".
Den Bücherei-Verwaltern rät der "Wegweiser": "Sittlich anfechtbare und unsoldatische Bücher sind auszuschließen." Was bleibt, ist, wie die "Frankfurter Allgemeine" meint, "eine Stammriege der ehemaligen Reichsschrifttumskammer ... und gewiß nicht die harmloseste".
Auch private Buchhändler dienen sich gern als kundige Berater an. So der Flensburger Hans Johann Hansen, der als "Oberleutnant z. S. a. D." reist und "mindestens einmal jährlich" (Hansen) von Kaserne zu Kaserne fährt. Er bietet in einem Prospekt ("Bücher für die Bundeswehr") Schriften des britischen Faschistenführers Sir Oswald Mosley und des deutschen Blut-und-Boden-Barden Hans Grimm an.
Den Rest gibt das Verteidigungsministerium seinen Soldatenbibliotheken. Denn sogar unter den 83 Buchtiteln zur "Kriegsliteratur", die sich nach Bonner Ansicht "für die Beschaffung für Truppenbüchereien eignen", befindet sich mancher "außerordentlich bedenkliche" Band (Westdeutscher Rundfunk); etwa von
> Werner Beumelburg (und einer blieb am Leben"), nach 1933 Senator und Schriftführer der Deutschen Akademie der Dichtung;
> Cornelius van der Horst, früher Redakteur der Zeitschrift "Der Freiwillige", dem Mitteilungsblatt der "Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit ehemaliger Angehöriger der Waffen-SS" (Hiag);
> Kurt Ziesel, Geschäftsführer der um ein deutscheres Deutschland bemühten "Deutschlandstiftung e. V.";
> Walter Flex, der den Krieg als "eine der heiligsten und größten Offenbarungen Gottes" empfand und dessen "Wanderer zwischen beiden Welten" Landsers Lieblings-Lektüre in beiden Weltkriegen war. So lernt Westdeutschlands junges Militär wie die Väter und Großväter bei der Flex-Lektüre, daß "der Gedanke an den Heldentod eines Volkes ... nicht schrecklicher als der an den Schwerttod eines Menschen" ist, lesen Bundeswehr-Rekruten über "von Heldenblut durchtränkte Höhen", erfahren von "Russenhorden" und studieren Zeitgeschichte an markigen Versen:
Wir stoßen unsre Schwerter noch Polen fiel hinein. Die Hand wird hart und härter, das Herz wird hart wie Stein.
Thing-Stätte der Flex-Fans und Flex-Epigonen ist Lippoldsberg an der Weser, Standort des Klosterhaus-Verlags, den der 1959 gestorbene "Volk ohne Raum"-Schreiber Hans Grimm gegründet hat, den heute die Grimm-Tochter Holle leitet und dessen Produkte in allen vom WDR untersuchten Bundeswehr-Büchereien offeriert werden.
Auf Grimmschem Grund sammeln sich in jedem Sommer versprengte Volksgenossen zum "Lippoldsberger Dichtertag", um Proben einer Reimkunst zu genießen, die -- so das NPD-Blatt "Deutsche Nachrichten" -- "hoch über den Zerrbildern und Verstümmlungen der Graß und Enzensberger, schwebt.
Einer dieser Hoch-Begabten ist der Autor Wolfdietrich Kopelke, 53, einst Unterabteilungsleiter im Zentralbüro der Deutschen Arbeitsfront und Autor pathetischer Kriegsbücher. Er hat bei Nationalen einen guten Namen, weil er sich, wie die "Deutschen Nachrichten, lobten, "zur deutschen Vergangenheit bekennt, wo der Krieg das Maß aller Dinge war".
Kopelkes Rußlandkrieg-Buch "Zeitspur", 1964 bei Grimm erschienen wurde von der "Deutschen National- und Soldaten-Zeitung als "Roman einer Generation" gepriesen. Der Schriftsteller verwirft darin die Reue ("Zum Teufel mit diesem Wort!") und prägt Aphorismen wie "Sagt ihr, ich predige den Krieg? Nicht den Krieg, aber die Tapferkeit, die die Fäulnis vertilgt."
Dieser Kopelke, der seine Wehr-Werke nach Feierabend verfaßt, bekämpft tagsüber Fäulnis in Bonn. Er ist Hilfsreferent im Bundesministerium für Verteidigung, Abteilung Streitkräfte, Unterabteilung Innere Führung, Referat Truppenbetreuung -- zuständig für die Kasernen-Büchereien der Bundeswehr.

DER SPIEGEL 50/1967
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 50/1967
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BUNDESWEHR / TRUPPENBÜCHEREIEN:
Helden im Spind

  • Feuerwehreinsätze in Berlin: Alarm rund um die Uhr
  • Twitter-Beef zwischen Kevin Kühnert und Herrn Wang: "Arroganter Politikerschnösel!"
  • Wladimir Putin: Malheur beim Judo
  • Amateurvideo: Kreuzfahrtschiff rammt Anleger