04.12.1967

SCHRIFTSTELLER / THOREAUPflicht zum Ungehorsam

Mahatma Gandhi verteilte die Schrift wie ein Lehrbuch unter seine Schüler; Theoretiker der englischen Labour Party diskutierten sie einst ebenso eifrig wie französische Résistance-Kämpfer im Zweiten Weltkrieg; Anhänger der amerikanischen Bürgerrechts-Bewegung tragen sie heute im Marschgepäck, und Hippies loben sie als cool.
Die Schrift, die Oppositionelle in aller Welt fasziniert, erhebt den Ungehorsam gegen den Staat zur Pflicht. Verfaßt wurde sie von dem amerikanischen Schriftsteller-Philosophen Henry David Thoreau -- vor 119 Jahren.
In Deutschland blieb das Anarchisten-Brevier 118 Jahre unübersetzt. Es lehrt etwa: "Die beste Regierung ist die, welche gar nicht regiert." Oder: "Wir sollten erst Menschen sein, und danach Untertanen."
Erst im vorigen Jahr wurde Thoreaus Essay unter dein Titel "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat" zum erstenmal ins Deutsche übertragen und in Deutschland publiziert: von dem Frankfurter Chemiker und Schriftsteller W. E. Richartz, 40, im Frankfurter Mini-Verlag "Galerie Patio" -- als Handpressendruck in 150 numerierten Exemplaren.
Weiter verbreitet wird der Aufruf zur Aufmüpfigkeit jedoch erst in diesem Herbst. Der Schweizer Diogenes-Verlag, der schon Richartz-Eigenprosa ("Prüfungen eines braven Sohnes) veröffentlicht hatte, druckte auch seine Thoreau-Übersetzung*.
Henry David Thoreau (1817 bis 1862) schrieb seine Theorie der Unbotmäßig-
* Henry David Thoreau: "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat". Diogenes Verlag. Zürich: 120 Seiten; 9,80 Mark.
keit, nachdem er Auflehnung in der Praxis geprobt hatte.
Der Sohn eines verarmten Bleistiftfabrikanten unterrichtete nach dreijährigem Harvard-Studium am Gymnasium seiner Heimatstadt Concord, Massachusetts, in den Fächern Englisch, Griechisch, Latein und Mathematik. Als der Schuldirektor bemängelte, daß Thoreau keinen Gebrauch von der Prügelstrafe mache, ließ Thoreau sechs Schüler vortreten, gab jedem einen leichten Klaps mit dem Lineal, kündigte und gründete zusammen mit seinem Bruder John eine eigene Schule.
1842 starb John, und Henry erkrankte so schwer, daß er den Schuldienst aufgeben mußte. Amerikas damals bedeutendster Philosoph, der Transzendentalist Ralph Waldo Emerson (1803 bis 1881), nahm Thoreau in sein Concorder Haus auf und beschäftigte ihn als Sekretär, Gärtner und Hausfaktotum.
Als Emerson am Walden-See bei Concord ein Grundstück kaufte, erlaubte er Thoreau, sich darauf eine Blockhütte zu bauen. Zwei Jahre lebte Thoreau in der selbstgezimmerten Klause. Der radikale Individualist erprobte auf eigene Faust, was Gesinnungsgenossen in seiner Umgebung im Kollektiv herauszufinden suchten: Möglichkeiten, der sich formierenden amerikanischen Industriegesellschaft neue Lebensformen entgegenzusetzen.
"Wir sind hier alle besessen von zahllosen Reformprojekten", schrieb Emerson in einem Brief aus den "crazy forties", den "verrückten vierziger Jahren" des 19. Jahrhunderts. "Keiner, der lesen und schreiben kann und nicht den Entwurf einer neuen Gesellschaft in der Brusttasche trüge."
Die meisten dieser Gesellschaftsentwürfe basierten auf Ideen des französischen Sozialtheoretikers François Marie Charles Fourier (1772 bis 1837), der die alten Staaten auflösen und durch "Phalangen", autarke Genossenschaften ähnlich den heutigen israelischen Kibbuzim, ersetzen wollte.
Nicht weniger als 41 dieser Reformprojekte wurden damals verwirklicht. Ihre Lebensdauer war stets kurz, ihre Resultate waren hauptsächlich Bücher.
Auch Thoreaus Ein-Mann-Experiment am Walden-See zeitigte ein Buch: "Walden -- Ein Leben in den Wäldern", ein philosophisch-schwärmerischer Erfahrungsbericht von der Selbstverwirklichung in Wildnis und Freiheit, der Thoreau über Amerika hinaus bekannt machte. Das Wald-Werk wurde mehrfach ins Deutsche übersetzt.
Allerdings befürchtet Thoreau-Übersetzer Richartz im Nachwort zum "Ungehorsam"-Buch, daß "Walden" von vielen deutschen Lesern "als eine Art 'Taugenichts'-Idylle mißverstanden wird". Thoreaus Experiment mit der Waldeinsamkeit entstand aber aus einem primär politischen Impuls.
Vier Jahre hindurch weigerte sich der Einsiedler am Walden-See, Steuern zu zahlen. 1846 wurde er auf dem Weg von seiner Blockhütte zum Schuster in Concord verhaftet. Der Polizist Sam Staples, der Thoreau festnahm, war mit dem Schriftsteller befreundet und wollte ihm die Steuersumme vorstrecken -- Thoreau lehnte das Angebot ab und wurde von Staples ins Concorder Gefängnis verbracht.
Schon am nächsten Morgen wurde er jedoch wieder entlassen. Eine unbekannte Person -- wahrscheinlich war es Thoreaus Tante Maria -- hatte die Steuerschuld inzwischen beglichen, sehr zum Ärger des renitenten Klausners, der für seine Überzeugung gern sichtbarer gelitten hätte.
Um seinen Musterprozeß gebracht, verfaßte der unfreiwillig in Freiheit gesetzte Thoreau statt dessen nun die Schrift "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat". Seinen Gefängnisaufenthalt rechnete er sich darin zur Ehre an: "Unter einer Regierung, die irgend jemanden unrechtmäßig einsperrt ... ist das Gefängnis der angemessene Platz für einen gerechten Menschen. Es ist das einzige Haus in einem Sklavenstaat, das ein freier Mann in Ehren bewohnen kann."
Sklaven waren für Thoreau nicht nur Amerikas Neger, sondern schlechthin alle, die in einem modernen Industriestaat leben und Steuern zahlen müssen. Wie einst Thoreau, so verweigern auch heute noch manche Amerikaner dem Staat die Steuer, beispielsweise die Protestsängerin Joan Baez und der prominente Literaturkritiker Edmund Wilson.
Dem radikalen Nonkonformisten Thoreau war jede Form der Herrschaft von Menschen über Menschen verhaßt. Von der Massendemokratie hielt er wenig, von Bürokratie und Militär nichts. Thoreau: "Die meisten Gesetzgeber, Politiker, Advokaten, Pfarrer und Würdenträger dienen dem Staat vor allem mit ihren Köpfen; jedoch weil sie selten moralische Unterschiede machen, könnten sie -- ohne es zu wollen -- ebensowohl dem Teufel dienen wie Gott."
Er verstehe nicht, schrieb der eloquente Chaotiker, wie "sich jemand nur damit zufriedengeben kann, daß er eine Meinung hat", ohne zur Aktion zu schreiten. Andererseits aber befand er: "Was die Auswege angeht, welche der Staat angeblich bietet, um das Übel zu heilen, so kenne ich sie nicht. Sie sind zu langwierig, und ein Menschenleben ginge darüber hin. Ich bin in diese Welt gekommen, um darin zu leben, ob nun schlecht oder recht, aber nicht unbedingt, um sie so zu verbessern, daß man gut darin lebt."
Für die politische Praxis -- auch das zeigt seine Schrift über die staatsbürgerliche Pflicht zum Ungehorsam -- wußte Henry David Thoreau keinen Rat.
* Gemälde des Amerikaners Henry V. Poor.

DER SPIEGEL 50/1967
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Pflicht zum Ungehorsam

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