04.12.1967

ARCHÄOLOGIE / RÖMERGRABFaun nach Feierabend

Allnächtlich dröhnte durch die Mauern des Wäschegeschäfts Gens am Chlodwigplatz zu Köln Motorengebrumm und Karrengerumpel -- zwei Jahre lang. Manchmal schollen dumpf Kommandorufe und Kettengerassel aus der Tiefe, übertönt von Beatmusik.
Ein Mädchen und sechs Jungen in abgerissenem Arbeitszeug schleppten nach dem Dunkelwerden Backsteine und Bauholz in das Haus. Jeden Morgen war in dem Garten hinter dem Gens-Gebäude wieder eine Schicht feingesiebten Lehms aufgehäuft.
Dann, als Beat und Gebrumm verstummten, sah sich die archäologische Wissenschaft vor einer Sensation: In mehr als 13 000 Feierabendstunden hatten die Brüder Heinrich, 26, und Josef Gens, 23, mit fünf Freunden insgeheim eines der wertvollsten Erbstücke aus der römischen Epoche Kölns freigelegt -- das Grabmal des Lucius Poblicius, Veteran der Fünften Legion und Wahlbürger Ur-Kölns.
Ein Drittel des Monuments, das zwischen 40 und 45 nach Christus errichtet und offenbar wenige Jahrzehnte später wieder zerstört wurde, haben die jugendlichen Amateur-Archäologen schon geborgen: Zwei Dutzend tonnenschwere Steinquader fügen sich zu einem vier Meter hohen, mit zwei lüsternen Faunen gezierten Fassadenstück des Mausoleums (das insgesamt viermal so hoch war). Jetzt möchten rheinische Museen das Römer-Relikt erwerben: Es ist das größte nördlich der Alpen aufgefundene Grabmal.
Beim Ausschachten für eine private Party-Kellerbar im elterlichen Haus waren die Gens-Brüder 1965 auf einen Steinquader gestoßen. Als sie das Hin-
* Von links: Josef Gens, Wolfgang Hermann, Heinrich Gens, Tont Hermann, Elisabeth Hermann.
dernis freigeschaufelt und hochgekantet hatten, entdeckten sie darauf einen nackten männlichen Torso mit Bocksbeinen. Ein erster zu Rate gezogener Fachmann tippte: Jugendstil.
Erst als vier weitere Blöcke mit eingehauenem Säulenmuster und Rankenwerk zutage kamen und die Bar-Erbauer sich an das Kölner Römisch-Germanische Museum wandten, wurde der Fund recht gewürdigt. Der Archäologe Professor Otto Doppelfeld erkannte in dem erotischen Bildwerk römische Steinmetz-Kunst und ordnete an, das Schurf-Unternehmen Fachleuten zu überlassen.
Einige Monate warteten die jugendlichen Zufalls-Archäologen auf Amts-Hilf e. Dann beschlossen sie, auf eigene Faust -- und vorerst heimlich -- in die Vergangenheit vorzustoßen.
Zwei der Freunde machten auf einer Urlaubsfahrt im Münchner Deutschen Museum Station -- in der Abteilung Bergbau. Dann rückten die Jung-Forscher eine Kommode mit Geheimtür vor den Stolleneingang und trieben mit Mörtelkelle und Stemmeisen Schürfgänge in den Lehm der Römerzeit.
Nach statischen Berechnungen des Architektur-Studenten Bernhard Straßer, 23, unterfingen sie die Fundamente des Gens-Hauses und sicherten die Suchstollen. Materialverbrauch: sieben Kubikmeter Fertigbeton, 35 Meter Eisenträger, 10 000 Ziegel und 90 Sack Zement. Mutter Gens, halb eingeweiht, schickte nächtens über die Materialrutsche Stullenpakete, Zigaretten und kannenweise Kaffee.
Block um Block wuchteten die bei sechs Grad schwitzenden Nacht-Arbeiter mit Wagenhebern aus dem geschichtsträchtigen Untergrund. Dann bauten sie aus ihrem Auto, einem Lloyd, den Motor aus und betrieben damit einen Flaschenzug, der die 58 bisher geborgenen tonnenschweren Steine, eingehüllt in alte Matratzen und Teppiche, auf Keller-Niveau hob.
Professor Doppelfeld verhütete durch fachmännischen Rat und gelegentliche Besuche, daß die eifrigen Amateure sich und dem Römer-Nachlaß groben Schaden zufügten. Einziger Unfall: ein gequetschter Finger.
Die Funde wurden nach Archäologen-Weise in einem Grabungsplan verzeichnet und überdies gefilmt. Aus dem Abraum siebten die Ausgräber 40 Kisten Scherben; und noch im Dunkeln -- nach einem Kurzschluß -- fanden sie beim Zurückkriechen einen römischen Spielwürfel. Grabungshelferin Elisabeth Hermann, 23, lernte, den Uralt-Schmutz auf den Reliefs mit Zahnbürste und Pinsel abzulösen.
Im April dieses Jahres drängte es die Gräber-Gruppe nach öffentlicher Anerkennung. Für die Kölner Ausstellung "Die Römer am Rhein" warb der Verkehrsverein mit einem Römer-Torso, der Ende vorigen Jahrhunderts bei Schachtarbeiten am Chlodwigplatz gefunden worden war und den Archäologie-Autodidakten seltsam vertraut vorkam. Sie brachten ihren schönsten Einzelfund, einen steinernen Kopf, aus dem Versteck -- es war der Kopf, der auf den Torso paßte. Nun überlegen die Jung-Ausgräber, wie sie ihren Amateur-Status am vorteilhaftesten aufgeben können. Mit-Graber Günther Goldenberg, 25, derzeit Pädagogik-Student, wird womöglich ins Archäologen-Fach überwechseln. Und alle zusammen wollen demnächst das Monument zu Geld machen.
Bewerber mit Vorkaufsrecht ist das Kölner Römisch-Germanische Museum. Letzten Monat nannte Professor Doppelfeld einen möglichen Preis: 300 000 bis 500 000 Mark. Aber die beharrlichen Ausgräber lassen sich auch beim Handel Zeit.
"Eine halbe Million", rechnete Heinz Gens letzte Woche abwägend vor, "bedeutet einen Stundenlohn von nur 3,80 Mark." Der Jung-Archäologe rechnete falsch: Es wären 38 Mark.

DER SPIEGEL 50/1967
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