18.12.1967

KOREANERFreunde unter Freunden

Der Papier-Chemiker Too Man Park, 39, verabschiedete sich am 23. Juni dieses Jahres von seinen Arbeitskollegen in der Firma Wolff & Co. in Bomlitz (Niedersachsen). Der Südkoreaner, der in dem unternehmen volontierte, wollte ein Wochenende in Hamburg verbringen.
Statt dessen schrieb er eine Karte (Poststempel: 1. Juli) aus Berlin: "Von einer herrlichen Reise an Rhein, wo ich mit meinen Freunden aus Korea zur Besichtigung ... Da ich noch zwei Woche mit meinen Freunden erführen soll, komme ich in Bomlitz noch später zurück."
Er kam nie mehr zurück. Too Man Park verschwand zur gleichen Zeit, da der südkoreanische Geheimdienst (CIA) 17 seiner Landsleute unter Drohungen und Täuschungen aus der Bundesrepublik verschleppte. Auf der Liste der 17 steht der Name Too Man Park nicht. Über seinen Verbleib weiß die südkoreanische Botschaft in Bonn angeblich nichts. Kontaktleute der CIA aber behaupten: "Auch er wurde nach Korea verbracht. Er gehört zu denen, über die nicht geredet wird. Das wäre zu unangenehm."
Unangenehm für die deutsch-koreanischen Beziehungen war schon das Verschwinden der 17, von denen sechs bald wieder auf freien Fuß gesetzt wurden. Unangenehm berührt war das amtliche Bonn, als den anderen im November in Seoul der Prozeß gemacht wurde. Und "erschüttert" zeigte sich die Bundesregierung letzte Woche über den Richterspruch: Todesurteil für den aus Frankfurt entführten
* CIA-Photo von Isang Yun Im Foyer des Bonner Stadttheaters, wo Besucher der Opernaufführung durch Unterschrift gegen die Verschleppung des Komponisten protestierten.
Physiker Kyoo Myong Chong, lebenslänglich Zuchthaus für den aus Berlin verschleppten Komponisten Isang Yun, drei Jahre (zur Bewährung ausgesetzt) für dessen Ehefrau, drei Schuldsprüche ohne Strafverhängung, Freiheitsstrafen bis zu 15 Jahren für die übrigen.
Diese Erschütterung in schütteren Protesten und kraftlosen Demarchen zu äußern, hat sich Bonn seit der CIA-Aktion Ende Juni bemüht. Die Bundesregierung komplimentierte zwar drei südkoreanische Botschaftsangehörige, die in die CIA-Aktion verstrickt waren, außer Landes und verlangte die Rückführung der Verschleppten -- aber sie tat nichts, dieser Forderung Nachdruck zu verleihen.
Weder berief Bonn den deutschen Botschafter in Seoul, Franz Ferring, zur Berichterstattung zurück, noch stoppte es die Entwicklungs und Kredithilfe von insgesamt (seit 1961) rund einer halben Milliarde Mark; es begnügte sich damit, zwei geplante Wirtschaftsprojekte im Wert von rund 75 Millionen Mark nicht mehr zu forcieren. Der aus Bonn scheidende Botschafter Südkoreas, Duk Shin Choi, wurde mit dem Großkreuz des Bundesverdienstordens geehrt. Den Nachfolger empfing Bundespräsident Lübke mit der Versicherung: "Unsere beiden Völker bekennen sich zu den gleichen Werten."
Der Bundespräsident war es auch, der Regierungsmitgliedern zu verstehen gab, man möge die Forderung nach Rückführung der Verschleppten nicht allzu drastisch bekunden, damit die freundschaftlichen Beziehungen nicht belastet würden.
Eben diese freundschaftlichen Beziehungen hatten die Koreaner, die eine geradezu sentimentale Zuneigung für alles Deutsche empfinden, aber auch ermutigt, ihre CIA-Aktion in Deutschland zu starten. Denn in Deutschland -- vom Krieg zerrissen wie Korea -- sahen sie in erster Linie den Schicksalsgefährten, das antikommunistische Bollwerk. Und in das Bild dieser deutsch-asiatischen Wahlverwandtschaft, der die Staatsoberhäupter durch gegenseitige Besuche in Seoul und Bonn Pflege angedeihen ließen, paßte auch, daß die beiden Geheimdienste freundschaftliche Kontakte unterhielten: die südkoreanische CIA und der Bundesnachrichtendienst (BND) des Generals Reinhard Gehlen.
Auf Einladung des BND weilte der Vize-Chef der CIA, Byung Doo Lee, 1966 in der Bundesrepublik. Durch Vermittlung des BND durfte Lee dem Bundespräsidenten Heinrich Lübke Visite machen. Auf Vorschlag des BND wurden dem CIA-Chef Hyung Wook Kirn sowie einer ganzen Reihe weiterer CIA-Leute deutsche Orden umgehängt, als Lübke dann in Korea zu Besuch weilte.
Der deutschen Botschaft in Südkorea waren diese freundschaftlichen Bande durchaus bekannt. So erklärt sich, daß die Botschaft keinen Arg witterte; als sie schon Mitte Juni dieses Jahres erfuhr, daß eine Reihe von CIA-Agenten nach Westdeutschland unterwegs sei. Man wähnte Freunde bei Freunden, und so machte die Botschaft zunächst keine Mitteilung über die Reise ans AA -- ein Sachverhalt, den das Auswärtige Amt bis heute nicht einer Untersuchung für wert befunden hat. Sie könnte durchaus ergeben, daß die Entführungsaktion in ihrem Verlauf hätte gestoppt werden können.
Statt dessen sträubte sich Bonn dagegen, die Entführung eine Entführung zu nennen, und bevorzugte die diplomatische Floskel, die Koreaner seien "auf undurchsichtige Weise" nach Seoul "verbracht" worden. Der Parlamentarische Staatssekretär im AA, Gerhard Jahn, verstieg sich gar zu der Behauptung, die gekidnappten Koreaner hätten durchaus die Möglichkeit gehabt, in der Bundesrepublik um Asyl zu bitten. Und AA-Sprecher Dr. Jürgen Ruhfus setzte in Umlauf, der von der Bundesregierung nach Seoul entsandte Prozeß-Beobachter, Professor Gerhard Grünwald, habe den Prozeßverlauf als fair bezeichnet.
Dazu Professor Grünwald: "Ich habe das nicht gesagt ... Ich würde auch ein so pauschales Urteil nicht abgeben. Einmal deshalb, weil zum Prozeß auch das Urteil gehört und auch das Vorverfahren, insbesondere die Frage, in welcher Weise die Aussagen im Ermittlungsverfahren erlangt worden sind."
Professor Grünwald: "Spionage war es eindeutig nicht ... Was den Angeklagten vorgeworfen wird, sind Kontakte mit Ost-Berlin. Sie haben sich dort propagandistischer Beeinflussung ausgesetzt, einige haben Geld genommen, einige waren in Pjöngjang. Für einige ... war das Motiv, daß sie ihre Angehörigen wiederfinden wollten."
Einer derjenigen, der in Pjöngjang -- der Hauptstadt des kommunistischen Nordkorea -- gewesen war, ist der zu lebenslänglich Zuchthaus verurteilte Komponist Isang Yun, dessen Oper "Der Traum des Liu-Tung" am vorletzten Wochenende in Bonn aufgeführt wurde. In dieser Oper erlebt der Titelheld im Traum seine Ermordung -- als Hochverräter.

DER SPIEGEL 52/1967
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