18.12.1967

STUDENTEN / HAMBURGER UNIVERSITÄTIrre geworden

Knallfrösche platzten. Umschwirrt von Flugblättern und Luftballons, übertönt von Buh- und Schmährufen der Studenten, flüchtete Pädagogik-Professor Dr. Hans Wenke, 64, am Donnerstag letzter Woche vom Pult und aus dem Auditorium maximum der Hamburger Universität -- 15 Minuten nach Beginn seiner auf eineinhalb Stunden geplanten Vorlesung.
Zum erstenmal hatten aufsässige Studenten einen Professor aus einem Hörsaal vertrieben. Sieger war Hamburgs Dutschke: der Pädagogik-Student Reinhold Oberlercher, 24, Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) und wie sein Berliner Vorbild ein Flüchtling aus der DDR.
Im Novemberheft der Studenten-Zeitschrift "auditorium", die Hamburgs Allgemeiner Studenten-Ausschuß (Asta) herausgibt, schrieb Pädagogik-Student Oberlercher über Pädagogik-Professor Wenke eine Vorlesungskritik. "Zumutungen vom Schlage Wenkescher Vorlesungen sind nur dadurch zu kritisieren, daß man sie sprengt."
Der geschmähte Ordinarius wies den Kritiker aus dem Seminar.
Oberlercher ging. Der Asta, auf Solidarität bedacht, verlangte daraufhin, Wenke solle sich "öffentlich entschuldigen" und den Studenten wiederaufnehmen. Nun griff auch der Professor zur Feder und machte am Schwarzen Brett publik: Für ihn bestehe "nicht der geringste Anlaß, daß ich Herrn Oberlercher weiter oder erneut an dem Seminar teilnehmen lasse oder in irgendeine Diskussion eintrete".
Schriftliche Antwort gaben Studenten mit Flugblättern wie "Für Karrieristen und Schleimscheißer ist in der Universität kein Platz". Sie wurden verteilt, als zum nächsten Kolleg-Termin der Professor fernblieb und die Studenten im Audimax ohne Wenke über Wenke palaverten.
Asta-Vorsitzender Björn Pätzold, 23, erläuterte vor den Kommilitonen den Hintergrund der Pädagogen-Fehde: "Es geht darum, daß ein Professor autoritär entschieden hat, wer in seinen Vorlesungen und Seminaren anwesend sein darf." Wenkes Anhänger reagierten mit Gebrüll. Zwischenrufer verbreiteten, Oberlercher sei "schon immer strohdoof" und "ein selten blödes Schwein" gewesen.
Vier Tage später griff auch der Star-Theologe Professor Helmut Thielicke ein. Mit der Studenten-Zeitschrift "auditorium" hatte er ohnehin nichts im Sinn: In derselben Ausgabe, in der
Student Oberlercher "Netter Opo"
Wenke kritisiert worden war, hatten Studenten auch ihn angefrozzelt -- als den "Hamburger Stellvertreter Gottes in der Universität, seine Großherzigkeit Helmut Thielicke".
Der Star-Prediger weigerte sich aus Solidarität mit Wenke, ein Kolleg im Auditorium maximum zu halten. Doch schweigen mochte er auch nicht: Er verlas statt dessen eine "Erklärung" mit der selbstverfaßten Überschrift "Armes Deutschland".
Den Studenten Oberlereher hieß der fromme Ordinarius "einen ordinären Schmutzschleuderer" " dem "gossenhafte Frechheit" und "psychopathische Züge" eigen seien. Den Freund Wenke beklagte er als "Opfer von Fälschungen und Rüpeleien ... wie sie in der deutschen Universitäts-Geschichte wohl einmalig" seien.
Die Studenten wähnten das Ende nahe, als Thielicke die Arme ausbreitete und mit Pathos proklamierte: "Ich bin so deprimiert, daß ich jetzt etwas sage, was ich hoffentlich bald wieder zurücknehmen kann. Nie würde ich lieber einen Irrtum eingestehen; ich lechze sogar danach, das zu tun. Zunächst aber spreche ich meine Verzweiflung aus: Ich glaube, daß diesem unserm Volk nicht mehr zu helfen ist, und kann nur noch sagen: "Armes Deutschland
Doch nun erst setzte der Gottesmann zum Schluß an und wurde ganz Theologe: "Möge dies alles von höherer Hand noch gnädig gewendet werden. In meinem menschlichen Zutrauen bin ich irre geworden."
Student Oberlercher, dessen Pamphlet den Skandal auslöste, bedient sich mittlerweile der flower power. Oberlercher über Thielicke: "Dieser Herr kann mich nicht beleidigen." Oberlercher über Wenke: "Das ist ein netter alter Opa, der mir sympathisch ist."

DER SPIEGEL 52/1967
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