18.12.1967

„Diese Deutschen sind ja solche Teufel“

1. Fortsetzung Kompetenzkämpfe in Washington
Am Abend des 4. September 1944 schloß Harry Dexter White, Unterstaatssekretär im US-Finanzministerium, das Memorandum ab, das für Henry Morgenthau die wichtigste Darstellung seiner Politik bleiben sollte. Unter dem Titel "Programm zur Verhütung eines dritten Weltkrieges durch Deutschland" sah der Morgenthau-Plan die "vollständige Entmilitarisierung Deutschlands in kürzester Frist" vor.
"Das bedeutet", so hieß es darin, "eine völlige Entwaffnung der deutschen Armee und des deutschen Volkes, die totale Zerstörung der gesamten deutschen Rüstungsindustrie und den Abtransport oder die Zerstörung der Schlüsselindustrien, die Deutschlands militärische Macht begründen."
Die Autoren schlugen vor, Oberschlesien und den Teil Ostpreußens, der nicht an die Sowjet-Union fiel, Polen anzugliedern. Frankreich sollte das Saargebiet und die angrenzenden Gebiete zwischen Rhein und Mosel erhalten. Eine internationale Zone umfaßte das Ruhrgebiet und das benachbarte Territorium.
Rest-Deutschland sollte "in zwei autonome, unabhängige Staaten aufgeteilt werden, einen süddeutschen Staat mit Bayern, Württemberg, Baden sowie einigen kleineren Gebieten und in einen norddeutschen Staat mit einem großen Teil Preußens, Sachsen, Thüringen und kleineren Ländern".
Zwischen dem süddeutschen Staat und Österreich war eine Zollunion vorgesehen; Österreich sollte in den
© 1967 John M. Blum und The Estate of Henry Morgenthau jr.
Grenzen aus der Zeit vor 1938 wiedererstehen.
Nach dem Morgenthau-Plan bildeten Ruhrgebiet, Rheinland und das Gebiet bis zum Nord-Ostsee-Kanal "das Herz der deutschen Industriemacht. In diesem Gebiet muß nicht nur die gesamte Industrie demontiert, sondern dieser Raum muß so geschwächt und kontrolliert werden" daß er sich in voraussehbarer Zukunft nicht wieder zu einem Industriegebiet entwickeln kann".
Deshalb seien tunlichst innerhalb von sechs Monaten nach Einstellung der Kämpfe "alle Industriewerke und Anlagen, die durch den Krieg nicht zerstört worden sind, vollständig zu demontieren und den alliierten Nationen als Wiedergutmachung auszuliefern. Aus den Bergwerken sind alle Maschinen zu entfernen, die Bergwerke sind zu schließen".
"-Reparationen in Form von zukünftigen Zahlungen und Lieferungen" sollten "nicht verlangt werden". Dennoch war eine andere Form der Wiedergutmachung vorgesehen: Überführung der vorhandenen deutschen Hilfsmittel und gewisser Territorien in ausländischen Besitz, Einsatz deutscher Zwangsarbeiter im Ausland, Beschlagnahme des deutschen Auslandsvermögens.
In Deutschland "werden alle Schulen und Universitäten geschlossen, bis eine alliierte Erziehungskommission ein effektives Reorganisationsprogramm ausgearbeitet hat. Es wird damit gerechnet, daß eine gewisse Zeit vergeht, ehe Institutionen des höheren Bildungswesens wieder zugelassen werden.
"In der Zwischenzeit ist deutschen Studenten erlaubt, an ausländischen Universitäten zu studieren. Die Volksschulen werden wieder geöffnet, sobald geeignete Lehrer und Schulbücher vorhanden sind. Alle deutschen Rundfunkstationen werden geschlossen; Zeitungen und Zeitschriften stellen ihr Erscheinen ein, bis geeignete Kontrollen und ein angemessenes Programm bestehen".
Die Verfasser des Morgenthau-Plans, entschiedene Förderer einer Zerstückelung Deutschlands, sahen in der militärischen Besetzung des Landes einen Schritt zur Teilung Deutschlands. Daher sollten die Militärbehörden alle politischen Beamten Deutschlands entlassen und mit den Ortsbehörden verhandeln, die ihrerseits in den projektierten Staaten Norddeutschland und Süddeutschland rechtzeitig zentrale Regierungen zu bilden hatten.
Weiter hieß es im Morgenthau-Memorandum: "Die militärische Kontrolle über die deutsche Wirtschaft dient einzig und allein der Förderung militärischer Operationen und der militärischen Besatzung. Die alliierte Militärregierung übernimmt keine Verantwortung für solche Wirtschaftsprobleme wie Preiskontrollen, Rationierung, Arbeitslosigkeit, Produktion, Wiederaufbau, Vertrieb, Konsum, Wohnungs- oder Verkehrswesen.
"Sie trifft keinerlei Maßnahmen zur Erhaltung und Stärkung der deutschen Wirtschaft. Das deutsche Volk muß in eigener Verantwortung und unter Nutzung der gegebenen Umstände für die deutsche Wirtschaft aufkommen."
Mindestens 20 Jahre lang sollten die Alliierten den Außenhandel und die Kapitalimporte Deutschlands kontrollieren; dabei setzte man sich das Ziel, die Errichtung oder Expansion der Schlüsselindustrien zu verhindern, die "als Grundlage für das deutsche Militärpotential dienen". Weitere Forderungen: Auflösung des Großgrundbesitzes und Verteilung "an die Bauern", Abschaffung des "Erstgeburtsrechts und der unveräußerlichen Erbgüter".
Die Forderung nach Bestrafung der Kriegsverbrecher stand ebenso im Morgenthau-Plan wie Roosevelts besondere Empfehlungen: "Den Deutschen ist das Tragen jeglicher Militäruniformen oder Uniformen paramilitärischer Organisationen untersagt. Militärische Paraden sind verboten, alle Militärkapellen aufzulösen." Den Deutschen sollte sogar verboten werden, ausländische Flugzeuge zu bedienen oder zu warten.
Abschließend schrieben die Autoren: "Die Vereinigten Staaten werden zwar in jeder internationalen Deutschland-Kommission vertreten sein, dennoch müssen in erster Linie die Streitkräfte der kontinentalen Nachbarstaaten Deutschlands die Verantwortung für die Überwachung und Zivilverwaltung des besetzten Landes übernehmen. Dazu sollten sowjetische, französische, polnische, tschechische, griechische, jugoslawische, norwegische, holländische und belgische Soldaten herangezogen werden."
Im letzten Satz des Morgenthau-Plans wurde kategorisch ausgesprochen, was der Präsident für einen Wunsch des amerikanischen Volkes hielt: "Dieses Programm sieht die Möglichkeit vor, die US-Truppen innerhalb einer relativ kurzen Frist heimzuführen."
Henry Morgenthau hatte sein Programm formuliert. Jetzt kam es darauf an, den Morgenthau-Plan zum Programm der Vereinigten Staaten zu machen. Noch am Tage der Fertigstellung des Memorandums, am 4. September 1944, legte Morgenthau bei einem Essen mit Henry Stimson, John McCloy und Harry White seinen Deutschland-Plan vor.
Kriegsminister Stimson griff sogleich, wie Harry White sich erinnert, den wirtschaftlichen Teil dieses Planes an. "Er wies vor allem darauf hin, daß durch die Zerstörung eines großen Teils der deutschen Industrie 30 Millionen Menschen dem Hunger ausgeliefert würden.
White fährt fort: "Stimson stimmte der Abtretung Schlesiens und eines Teiles von Ostpreußen zu, und er hielt auch eine strenge Verfolgung der Kriegsverbrecher für richtig. Er glaubte jedoch nicht, daß die Zerstörung der deutschen Industrie das geeignete Mittel sei, zukünftige Kriege zu verhindern."
Am nächsten Tag erläuterte Stimson seine Argumente auf einer Besprechung des Kabinettsausschusses für Deutschland-Fragen, zu dessen Vorsitzendem Roosevelt seinen Intimus Harry Hopkins bestellt hatte. "Immer nachdrücklicher", so berichtete Morgenthau seinen Mitarbeitern, "sprach Stimson sich dagegen aus, daß die Industrieproduktion eingestellt würde. Er sagte, das widerspräche den Prinzipien der Wirtschaft."
Dagegen setzte sich Außenminister Hull immer mehr für drastische Maßnahmen ein. Als auch Hopkins zu verstehen gab, daß er mit Stimsons Schlußfolgerungen nicht einverstanden sei, rief der Kriegsminister: "Hier wird nur Brutalität mit Brutalität bekämpft."
Darauf Hull: "Dieser Nationalsozialismus sitzt dem deutschen Volk so tief in den Knochen, daß man ihn gänzlich ausmerzen muß." Morgenthau erinnert sich, daß Stimson daraufhin "lang und breit die juristischen Fragen erörterte, wie die Prozesse durchgeführt werden sollten, bevor die Leute exekutiert würden. Hull will nicht warten; er möchte sie alle im Morgengrauen liquidieren".
Die drei Kabinettsmitglieder konnten sich nur darauf einigen" getrennte Memoranden auszuarbeiten. Morgenthau glaubte, Stimson sehe in Deutschland einen Pufferstaat gegenüber der Sowjet-Union. In Wirklichkeit machte Stimson sich weniger Gedanken darüber, welche Folgen der Morgenthau-Plan für Rußland haben könnte; ihm ging es um die Zukunft der europäischen Wirtschaft und die endgültige Rehabilitierung Deutschlands.
In seinem Memorandum an Roosevelt griff Stimson den Morgenthau-Plan heftig an:
"Ich kann mir vorstellen, daß ein Versuch, diesen Plan zu verwirklichen, böse Folgen haben könnte. Während der vergangenen 80 Jahre bildeten die Rohstoffquellen des Ruhrgebiets und des Saarlands die Grundlage für die industrielle und wirtschaftliche Existenz Europas. Deutschland wurde dadurch zum größten Lieferanten für nicht weniger als zehn europäische Länder. Man kann also diese westdeutschen Produktionsstätten nicht einfach vernichten, ohne dem gesamten europäischen Handel einen großen Schaden zuzufügen.
"Deutschland hat in jüngster Zeit mit der Produktion des Rhein- und Saargebiets ungeheuren Mißbrauch getrieben; und ich kann sehr wohl verstehen, daß man durch ein Kontroll- oder Treuhandsystem oder sogar durch Enteignung künftigen Mißbrauch zu verhindern sucht. Aber ich kann nicht begreifen, daß man ein solches Geschenk der Natur in einen Schutthaufen verwandeln will.
"Ich kann mich auch nicht mit dem Plan einverstanden erklären, die Deutschen "auf dem Existenzminimum" zu halten; das deutsche Volk würde dadurch zur Sklaverei verurteilt werden, und es könnte seine Position in der Weltwirtschaft selbst durch äußersten Fleiß nicht verbessern. Die Folgen wären neue Spannungen und Ressentiments, die den unmittelbaren Vorteil für die Sicherheit weit überwögen und außerdem die Schuld der Nazis in Vergessenheit geraten ließen."
Am Nachmittag des 6. September 1944 trugen Morgenthau und Stimson im Weißen Haus ihre entgegengesetzten Argumente vor, wobei Hopkins die Meinung Morgenthaus unterstützte, während Hull sich diesmal mehr der Seite Stimsons näherte.
"Der Präsident", so berichtet Morgenthau, "nahm zur Ruhrfrage den gleichen Standpunkt ein wie ich: Von einer Stillegung der Ruhrindustrie würde das Stahlgeschäft der Briten den entscheidenden Vorteil haben. Aber Roosevelt war nach wie vor der Meinung, diese Wirtschaftsfragen könnten später gelöst werden, es habe damit "keine sonderliche Eile'.
"Dann wechselte der Präsident plötzlich das Thema. Er erinnerte an die Zeit, als die Leute noch Kleidung aus selbstgesponnener Wolle trugen, und sagte, er sehe nicht ein, warum die Deutschen nicht in die Zeit von 1810 zurückversetzt werden sollten; sie würden zwar auf jeglichen Luxus verzichten müssen, sich aber im übrigen durchaus wohl fühlen."
Die Aussprache zwischen dem Finanz- und dem Kriegsministerium wurde am 7. September fortgesetzt. Die Diskussion konzentrierte sich weitgehend auf die Frage der Entnazifizierung. Stimsons Unterstaatssekretär McCloy erklärte, aus Gründen der Wirtschaftlichkeit würde die Armee einige NSDAP-Mitglieder -- zum Beispiel Stenographen -- weiterbeschäftigen müssen, ebenso wie sie in Italien einige Faschisten verwendet hatte.
Morgenthau erwiderte: "Ich hatte gehofft, Sie würden in Deutschland das tun, was Sie in Italien nicht getan haben." Darauf McCloy: "Nun ja, wir können doch nicht sofort jedes Mitglied der Nationalsozialistischen Partei beseitigen."
Als Morgenthau fragte: "Warum nicht?" sagte McCloy, es gebe zu viele, über 13 Millionen, und die Armee würde nicht soviel eigenes Personal beschaffen können, um alle diese Deutschen zu ersetzen.
General Hilldring, Abteilungschef im Kriegsministerium, unterstützte die Argumentation McCloys: Wenn Eisenhower beim Einmarsch in feindliches Gebiet sogleich in jedem Dorf alle Regierungsgewalt beseitigte, würde hinter seinen eigenen Linien ein Chaos entstehen, das die Niederlage der deutschen Armee nur verzögern könnte. Daraufhin stimmte Morgenthau schließlich zu, vor der deutschen Kapitulation Nazis zu verwenden.
Am 9. September 1944 übergaben Morgenthau, Stimson und Hull im Weißen Haus ihre Memoranden über die Behandlung Deutschlands. Morgenthau berichtet darüber: "Der Präsident blätterte in dem Schriftstück des Finanzministeriums und las laut vor: "Es ist ein Trugschluß, daß Europa ein starkes industrielles Deutschland braucht. Er sagte: "Diese Feststellung lese ich zum erstenmal, aber ich stimme der Auffassung zu. Außerdem schwebt mir ein landwirtschaftliches Deutschland vor."
Dann kam die Rede auf die bevorstehende Konferenz zwischen Churchill und Roosevelt in Quebec. Schon zu Beginn der Besprechung hatte der Präsident den Außenminister Hull gefragt, ob er nicht nach Quebec mitkommen wolle. Hull wehrte ab, er sei zu abgespannt.
Roosevelt: "Ich glaube, in Quebec werden zwei Punkte auf der Tagesordnung stehen, erstens die militärischen Fragen und zum anderen Finanzfragen, weil Churchill nach wie vor meint, er sei blank ... Wenn sie die finanzielle Situation zur Sprache bringen, dann würde ich wünschen, daß Henry nach Quebec kommt."
Morgenthau war dennoch überrascht, als Roosevelt ihn drei Tage später telegraphisch nach Quebec bat. Er hatte vorher noch nie eine angloamerikanische Gipfel-Konferenz besucht. Schon am ersten Abend war Gelegenheit, bei einem Bankett die Deutschlandpläne des Finanzministeriums zu erklären.
Morgenthau erinnert sich: "Ich hatte kaum begonnen, als leises Gemurmel und unheilvolle Blicke mir zu verstehen gaben, daß Churchill nicht gerade begeistert war. Als ich meinen Vortrag beendete, ließ er seinen ganzen Sarkasmus auf mich niederprasseln. Er sagte, der Plan des Finanzministeriums würde ihn an einen toten Deutschen ketten.
"Tief in seinen Sessel versunken, saß der Premierminister da, sein Redeschwall nahm kein Ende. Der Präsident sagte nur wenig. Er ließ den Premierminister erst einmal sein Pulver im Angriff auf mich verschießen; dann konnte er mit seinem ansteckenden Humor eingreifen und die Wogen glätten. Ich ging jedoch ganz unglücklich zu Bett und verbrachte eine schlaflose Nacht."
Am nächsten Morgen tröstete Churchills Chefberater Lord Cherwell den amerikanischen Finanzminister: Der Premierminister habe überhaupt nicht verstanden, worauf Morgenthau hinauswollte. Nachdem sie den Plan gemeinsam erörtert hatten, gingen Morgenthau und Cherwell zu der entscheidenden Sitzung mit Roosevelt, Churchill und Englands Außenminister Eden.
Churchill fragte sogleich nach dem Protokoll über die Besprechung zwischen Cherwell und Morgenthau. "Gemäß unserer Absprache sagten wir", so erinnert sich Morgenthau, "wir hätten es nicht. Ich hatte nämlich beim Durchlesen des Protokolls den Eindruck gewonnen, Cherwell habe die Angelegenheit zu schwach dargestellt. Churchill war zunächst verstimmt, dann sagte er: "Gut, ich werde es neu formulieren.
"Dann schlug Churchill vor, Lord Cherwell und ich sollten versuchen, die neue Fassung zu Papier zu bringen. Als er wenig später unser sehr kurzes Memorandum las, sagte er: "Nein, das ist nicht das, was ich möchte. Darauf ließ er seine Sekretärin rufen und formulierte selbst das Memorandum. Churchill benutzte beim Diktieren meine Kurzfassung als eine Art Vorlage.
"Als er an die Stelle kam, wo die Frage der chemischen, der Metall- und Elektroindustrie behandelt wurde, ließ Roosevelt die wichtigen Worte "in Deutschland" einfügen. Wie sich später herausstellte, dachte er dabei nicht nur an das Ruhrgebiet und das Saarland, sondern an ganz Deutschland; ihm war bewußt, wie leicht man diese Industrien von Friedens- auf Kriegsproduktion umstellen kann."
"Natürlich ist die Tatsache", so notierte sich Morgenthau, "daß Churchill das Memorandum selbst diktiert hat, eine ungeheure Unterstützung für die ganze Angelegenheit. Ich bin sehr glücklich darüber, weil wir genau das erreicht haben, worauf es uns ankam."
Tatsächlich spricht aus dem Schriftstück, das Roosevelt und Churchill am 15. September unterzeichneten, eine unerbittliche Haltung gegenüber Deutschland: "Es muß daran erinnert werden, daß die Deutschen einen großen Teil der Industrie Rußlands und anderer alliierter Länder zerstört haben, und es ist nur gerecht, wenn man diesen Ländern gestattet, Maschinen aus Deutschland abzutransportieren.
"Die erwähnten Industrien des Ruhrgebietes und des Saarlandes würden daher notwendigerweise stillgelegt und geschlossen werden. Die beiden Gebiete sollen der Weltorganisation unterstellt werden. Das Programm zur Beseitigung der Kriegsindustrie im Ruhr- und Saargebiet sieht vor, Deutschland in ein Land mit vorwiegend landwirtschaftlichem und ländlichem Charakter zu verwandeln."
Als Morgenthau wieder in Washington war, berichtete er seinen Mitarbeitern, die Sache in Quebec sei "unglaublich gut gelaufen. Soweit es mich persönlich betrifft, war es der Höhepunkt meiner ganzen Laufbahn als Regierungsmitglied. Churchill war am meisten von dem Vorschlag gefesselt, daß England das deutsche Exportgeschäft bekommen würde; an diesen Köder biß er an".
Harry White, der Morgenthau nach Quebec begleitet hatte, behauptete später, Churchill habe den Morgenthau-Plan geradezu als Gegenleistung für die amerikanische Zusicherung eines Dollar-Kredites akzeptiert. "Was verlangen Sie von mir", soll Churchill den Präsidenten gefragt haben, "soll ich aufstehen und betteln?" Nachdem sich Churchill mündlich mit Morgenthaus Vorschlägen einverstanden erklärt hatte, gab Roosevelt seine Zustimmung zu dem Kreditabkommen.
Morgenthau hielt Whites Darstellung für falsch. Später erkannte allerdings auch er, daß in Quebec tatsächlich ein gewisser Zusammenhang zwischen der Deutschland-Frage und dem Kreditabkommen bestanden hatte.
Im Quebecer Abkommen war viel weniger entschieden worden, als Morgenthau zunächst glaubte. Die Sprache des Abkommens bedurfte der Interpretation. Ein Land mit "vorwiegend landwirtschaftlichem" Charakter könnte in zweiter Linie immer noch Industriecharakter tragen. Auch war aus dem Memorandum nicht genau ersichtlich, welches Gebiet Deutschland umfassen und auf welche Weise es -- wenn überhaupt -- geteilt werden sollte.
Am 20. September 1944 erstattete Morgenthau dem Außenminister und dem Kriegsminister Bericht. Stimson notierte in seinem Tagebuch: "Er machte es großartig, aber für uns war es der Bericht einer schweren Niederlage." Außenminister Hull war verstimmt, weil Roosevelt in Quebec ohne ihn Außenpolitik gemacht hatte.
"Je wirksamer er den dritten Weltkrieg verhindert", so rechtfertigte Morgenthau seinen Plan, "desto humaner wird er sein." Auch werde die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands nicht zum Stillstand gebracht, sondern lediglich in friedliche Bahnen gelenkt. Die Deutschen würden die Energien, die sie früher dem Krieg widmeten, jetzt für soziale Aufgaben einsetzen.
Über einen ganz persönlichen Grund seiner Überzeugungen hat Morgenthau nichts geschrieben. Er sagte oft, er sei von Beruf Obstbauer. Wer in der Landwirtschaft arbeite, erlange eine höhere Befriedigung als jeder Industriemanager oder -arbeiter. Morgenthau war überzeugt, daß eine Agrargesellschaft dem Paradies auf Erden am nächsten komme.
Indem die Menschen das Land bebauten, kultivierten sie zugleich ihre Seelen und ernteten Verständnis füreinander, für die Gemeinschaft, für Menschenwürde und demokratisches Verhalten. In einem Agrarland würde es den Deutschen also nicht nur an den Mitteln fehlen, sich erneut auf Eroberungsfahrt zu begeben, sondern sie fänden auch die Mittel zur Selbsterneuerung.
Stimson dagegen konnte den Morgenthau-Plan nur als Funktion jüdischer Rache ansehen. Dabei gab es unter den Befürwortern des Plans bedeutende Christen wie James B. Conant und unter den Gegnern einflußreiche Juden wie den Oberrichter Felix Frankfurter. Keiner der beiden Kontrahenten -- weder Stimson noch Morgenthau -- begriff die Motive des anderen.
Roosevelt kehrte alsbald zu seiner zwiespältigen Haltung zurück. Möglicherweise wurde er bei seinem Abrücken vom Morgenthau-Plan durch die ständige Forderung der Russen nach Reparationen aus der deutschen Industrieproduktion beeinflußt. Aber entscheidend war die Reaktion der Öffentlichkeit auf einige Meldungen über den offiziell noch geheimgehaltenen Inhalt des Morgenthau-Plans und des Abkommens von Quebec.
Am 23. September wurden im "Wall Street Journal" die wichtigsten Einzelheiten des Morgenthau-Plans beschrieben; das Blatt meldete auch, daß der Plan innerhalb des Kabinetts auf beträchtlichen Widerstand gestoßen sei.
Der Kolumnist Arthur Kroch teilte in der "New York Times" mit, daß Roosevelt die Verantwortung für die Deutschlandplanung wieder dem Außenministerium übertragen habe; er sah darin eine Reaktion des Präsidenten auf die Propaganda hoher Nazi-Funktionäre, die mit dem Hinweis auf das Quebecer Programm den Widerstand gegen die alliierten Truppen zu festigen suchten.
Tatsächlich hatte Goebbels den Morgenthau-Plan in Rundfunk und Pres* Von den 33 wichtigsten Zeitungen Amerikas lehnten 25 den Morgenthau-Plan ab.
se scharf angegriffen, aber Amerikas militärischer Geheimdienst bezweifelte, ob die Propaganda überhaupt noch Einfluß auf die militärische Lage haben könnte.
Einige amerikanische Zeitungen übten an dem Morgenthau-Plan heftige Kritik, andere billigten ihn*. Die Kritik jedoch erschwerte Roosevelts Position in den ersten Wochen des Wahlkampfes. Der Gegenkandidat, Gouverneur Thomas Dewey aus New York, machte den Morgenthau-Plan für die heftigen Kämpfe an der deutschen West-Grenze verantwortlich.
Da der Präsident während des Wahlkampfes jede unnötige Kontroverse scheute und überdies die Republikaner den Morgenthau-Plan verurteilten, wollte er in dieser Zeit nicht mit dem Plan in Zusammenhang gebracht werden.
Auf seiner Pressekonferenz am 29. September dementierte er, daß es wegen der Deutschland-Frage im Kabinett zu einem Bruch gekommen sei. Am gleichen Tag forderte er das Außenministerium auf, allein das "Deutschland-Problem zu untersuchen und darüber Bericht zu erstatten", und dem Außenminister Hull gab er zu verstehen, "niemand wünsche eine "vollständige Vernichtung der deutschen Industriekapazität im Ruhrgebiet und Saarland"".
Außerdem schickte der Präsident an den Außen-, den Kriegs- und den Finanzminister ein Memorandum, in dem er eine Aufgabenteilung bei der Deutschland-Planung vorschlug; das Finanzministerium etwa sollte sich künftig auf Finanzfragen beschränken.
Kriegsminister Stimson notierte sich über ein Gespräch mit dem Präsidenten: "Er (Roosevelt) sagte, er habe nicht die Absicht, Deutschland in einen Agrarstaat zu verwandeln; es gehe ihm nur darum, Großbritannien zu helfen, das "pleite" sei ... Er erklärte das so bestimmt, daß ich ihn an das von Churchill entworfene Schriftstück erinnerte. Ich las ihm drei Sätze vor. Roosevelt war darüber ehrlich bestürzt und sagte, es sei ihm unbegreiflich, wie er so etwas habe unterzeichnen können."
Morgenthau wußte natürlich nichts von Roosevelts Gespräch mit Stimson. Er hatte von sich aus darauf verzichtet, vor Beendigung der Wahlkampagne zur Deutschland-Planung Stellung zu nehmen.
Innerhalb des Kabinetts veränderte sich inzwischen das Kräfteverhältnis. Hull hatte einen neubearbeiteten Deutschland-Plan des Außenministeriums vorgelegt, in dem etwa vorgeschlagen wurde, eine Entscheidung über die Teilung des Landes auf zuschieben. Der Präsident gab zu verstehen, er hasse es, "detaillierte Pläne für ein Land" auszuarbeiten, "das wir noch nicht besetzt haben".
Am Wahltag hatte Henry Morgenthau fast allen Boden, den er vor und während der Quebec-Konferenz gewonnen hatte, wieder verloren. Als Roosevelt am 7. November wiedergewählt worden war, hoffte Morgenthau jedoch, bald wieder alles aufzuholen.
Zu dieser Zeit wurden vom amerikanischen Generalstab (Joint Chiefs of Staff = JCS) Anweisungen für die Deutschland-Politik nach der Kapitulation erarbeitet. Außer dem Kriegsministerium beteiligten sich an der Ausarbeitung dieser sogenannten Direktive JCS 1067 auch das Außenministerium und das Finanzministerium; die Oberaufsicht führte John J. McCloy, während sich Kriegsminister Stimson selbst aus der ganzen Kontroverse über die Deutschland-Frage zurückgezogen hatte.
McCloy lehnte wie Stimson die Bestimmungen des Morgenthau-Plans über die Industrie ab und hatte auch starke Vorbehalte gegenüber dessen politischem Inhalt, doch er war ebenso entschlossen wie Morgenthau, den Nationalsozialismus zu zerschlagen, und ebenso entschlossen wie Eisenhower, die Militärregierung in Deutschland zu einem möglichst wirksamen Instrument zu machen.
Als Morgenthau im November 1944 seine Aufmerksamkeit auf die Direktive 1067 lenkte, erhielt er von McCloy einen britischen Entwurf zur Besatzungspolitik. Er war über die britischen Richtlinien entsetzt, vor allem monierte er, daß die Engländer nicht die Beseitigung der deutschen Schwerindustrie, die Teilung Deutschlands und die Internationalisierung des Ruhrgebietes verlangten.
In vielen Punkten teilte McCloy die Kritik des Finanzministeriums. Wie Morgenthau fand er, das englische Dokument lege allzu großes Gewicht auf die Erhaltung des deutschen Staates und schenke der Festnahme und Haft von Nazis zuwenig Beachtung.
Außerdem wandte McCloy ein: "Die Engländer glauben allen Ernstes, sie würden in ein Land gehen, in dem es eine Regierung gibt, und sie würden über diese Regierung eine Kontrolle ausüben. Dabei wird doch die Militärregierung die einzige Regierung in Deutschland sein, und obwohl wir deutsche Beamte verwenden können, werden sie nur Instrumente und dem Militär verantwortlich sein."
Schließlich ermunterte McCloy den Finanzminister, die Einwände gegen den britischen Entwurf mit Lord Cherwell zu besprechen. Cherwell ging auf Morgenthaus Kritik ein und versprach, das englische Militär aufzufordern, seine Direktive mit den Vorstellungen der Amerikaner in Einklang zu bringen. Aber in London stellte sich bald heraus, daß Englands Militär die Direktive JCS 1067 nach wie vor ablehnte, vor allem die aus dem Morgenthau-Plan abgeleiteten Passagen.
Das Kriegsministerium in Washington versuchte weiterhin, den amerikanischen Entwurf zu entschärfen. Die Russen, so teilte Stimson Morgenthau mit, müßten sich zu der amerikanischen Direktive noch äußern. Aus Untersuchungen des militärischen Geheimdienstes ergebe sich jedoch, daß Rußland auf einer Politik bestehen würde, die den wirtschaftlichen Zusammenbruch seiner Besatzungszone verhindere. Die Russen würden Wert darauf legen, die Reparationsleistungen aus der laufenden Produktion zu beziehen und nicht aus stehenden Maschinen und Einrichtungen.
Soweit der amerkanische Geheimdienst damals ermitteln konnte, würden weder Russen noch Engländer bereit sein, ihre Besatzungszone nach den Richtlinien der Direktive JCS 1067 zu regieren. Morgenthau aber konnte einzig in dem damals vorliegenden Entwurf dieser Direktive eine Darstellung seiner eigenen Absichten finden.
Nach diesem Entwurf sollte die amerikanische Politik "keine Anstrengung zur Rehabilitierung oder Unterstützung des deutschen Volkes" unternehmen. Es sei nicht Aufgabe der Amerikaner, aus Deutschland wieder ein "glückliches Land" zu machen.
"Es werden", so hieß es darin, "keine Schritte eingeleitet zur Erhaltung und Stärkung der deutschen Wirtschaft, außer solchen, die notwendig sind zur Verhinderung von Epidemien oder ernsthaften Unruhen, welche die Streitkräfte gefährden würden."
In Washington wurde diese Frage weiterhin diskutiert. Die meisten Offiziere der Armee im Feld, im Hauptquartier der alliierten Streitkräfte und in der politischen Abteilung des Kriegsministeriums waren gegen diesen Vorschlag, hauptsächlich weil sie ihn für nicht praktikabel hielten.
Am 19. Dezember 1944 erfuhr Morgenthau dann auch von Roosevelts Schwiegersohn, dem Zeitungsherausgeber und General John Boettiger, daß die Armee in Aachen auf Schwierigkeiten gestoßen war. Nach Boettigers Bericht gab es offensichtlich keine Deutschen, die "den Alliierten gut gesonnen waren.
Die Stadt lag in Schutt und Asche ("Es gibt dort kein Haus mit einem heilen Dach"), und Boettiger glaubte daher, die Besatzungsbehörden müßten die Macht in Aachen übernehmen, nicht nur um Unordnung zu verhüten, sondern auch um die noch vorhandenen Produktionsanlagen zur Belieferung anderer Teile Europas einzusetzen.
Dazu notierte Morgenthau: "Die Nationalökonomen im Kriegsministe-
* Gemälde von Ludwig Richter.
rium sind der Meinung, Europa brauche die deutsche Kohle. Boettiger sagt, wenn wir die Bergwerke aufbauen, müssen wir die Menschen ernähren, die in den Bergwerken arbeiten. Wir müssen die Kohlen abtransportieren. Er meint, wir sollten Mindestlöhne und Preise und den Vertrieb überwachen, sonst wäre Deutschland einem Chaos ausgeliefert, Revolutionen würden entstehen und sich über ganz Europa ausbreiten."
Von Boettiger um seine Zustimmung gefragt, antwortete der Finanzminister: "Jetzt, da ich begreife, was Sie meinen, lautet meine Antwort: Nein, diese Verantwortung wollen wir nicht. Mein Standpunkt hat sich um keinen Deut geändert. Ich will Deutschland nicht zerstören, aber ich möchte, daß die Deutschen für sich selbst aufkommen."
Auch das Außenministerium stieß bei Morgenthau auf Unnachgiebigkeit: Es schickte ihm eine Nachricht von Robert Murphy, Eisenhowers politischem Berater, und bat ihn, in die Direktive JCS 1067 Anweisungen zur Verhinderung einer Inflation in Deutschland einzuarbeiten.
Morgenthau lehnte ab. Murphy warnte außerdem, eine weitgehende Entlassung deutscher Regierungsbeamter, Führungskräfte in der Industrie und im Finanzwesen würde in der Verwaltung ein verheerendes Vakuum schaffen, welches chaotische soziale und wirtschaftliche Bedingungen begünstigen würde.
Morgenthau verlangte dagegen mit Erfolg, daß McCloy in die Direktive JCS 1067 folgende Bestimmung aufnahm: "Solange nicht das Gegenteil bewiesen ist, darf allgemein angenommen werden, daß ein Deutscher selbst in untergeordneter Dienststellung ein Nazi oder Anhänger der Nazis war." Nach Morgenthaus Auslegung wurde mit diesem Satz den Deutschen die Beweislast auferlegt statt den amerikanischen Offizieren.
Die Finanzbestimmungen in der Direktive JCS 1067 formulierte zum größten Teil der Morgenthau-Anhänger Oberst Bernstein. Bernstein sorgte dafür, daß in dem Entwurf des Finanzministeriums zu der Direktive ausdrücklich gefordert wurde, die Verantwortung für Steuerwesen und öffentliche Finanzen den Deutschen zu überlassen.
Dem Oberbefehlshaber in der US-Zone sollte es untersagt sein, einen allgemeinen Wechselkurs für die Reichsmark einzuführen, außer bei Zahlungen der Truppe und für die Abrechnung des Militärs. Er könnte von den deutschen Behörden verlangen, Reichsmark oder kostenlose Bankkredite in ausreichendem Umfang zur Verfügung zu stellen zur Deckung aller Ausgaben der Besatzungsmächte.
Der Oberbefehlshaber sollte Börsen, Versicherungsgesellschaften und ähnliche Institutionen bis zum Abschluß der Entnazifizierung schließen, die Zahlung von Kriegsrenten an frühere Mitglieder der Nazipartei oder ihrer Nebenorganisationen verbieten, alle Geschäfte mit Gold, Silber und Devisen und jegliche Handelstransaktionen untersagen oder regulieren.
Als der Entwurf abgeschlossen war, überließ Morgenthau die weiteren Verhandlungen über dieses Thema seinen Untergebenen. Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder mehr auf eine langfristige Deutschland-Politik, vor allem auf die Vorschläge aus dem Außenministerium.
Ein neugebildetes Koordinierungskomitee aus Mitarbeitern des Außen-, Kriegs- und Marineministeriums erleichterte die Zusammenarbeit zwischen den Ministern der gemäßigten Richtung: Stimson, Stettinius, der den erkrankten Außenminister Null vertrat, und Marineminister James Forrestal. Zum Verbindungsbeamten zwischen dem Außenministerium und dem Präsidenten wurde Charles E. Bohlen ernannt, der mit sowjetischen Fragen besonders vertraut war.
Die Unentschlossenheit Roosevelts ermutigte die Beamten des Außenministeriums wohl am meisten, ihre Einwände gegen den Morgenthau-Plan nachdrücklich zu betonen. Morgenthaus Ansichten wiederum wurden vorübergehend von dem Senatsunterausschuß für Fragen der Kriegsmobilisierung unterstützt, dessen Vorsitzender der Demokrat Harley M. Kilgore war.
Der Kilgore-Ausschuß berichtete: "Im Rahmen eines echten Abrüstungs-Programms ist nicht nur die Demontage der direkten Rüstungsindustrie erforderlich, sondern auch die Demontage der vorwiegend indirekten Rüstungsindustrie, einschließlich der Hütten- und chemischen Industrie."
Um "den deutschen Imperialismus für immer zu zerschlagen", empfahl das Komitee, "die Struktur und die Leitung der deutschen Industrie in der Weise zu ändern, daß sie nie wieder Kriegszwecken dienen kann".
Der Bericht beeindruckte nicht nur Morgenthau, sondern auch Roosevelt. "Gestern sagte der Präsident", so berichtete der Finanzminister am 16. November, "er mache sich nichts daraus, was die Öffentlichkeit über den Kilgore-Bericht denkt. Er findet den Bericht großartig." Roosevelt bat auch Morgenthau, den vom Außenministerium ausgearbeiteten Entwurf über die deutsche Wirtschaft zu überprüfen.
Stettinius war darüber verwundert, denn am selben Tag hatte der Präsident sich mit dem Entwurf des Außenamts grundsätzlich einverstanden erklärt. Er ließ sogleich eine "Zusammmenfassung über die wirtschaftliche Behandlung Deutschlands" ausarbeiten, in der von einer Entindustrialisierung nicht die Rede war und nachdrücklich auf die Bedeutung Deutsch-
* Mit Ehefrau Anna, Tochter des Präsidenten Roosevelt.
lands für die europäische Wirtschaft hingewiesen wurde.
Dennoch kamen Morgenthau und Stettinius gut miteinander aus. Außenminister Hull, krank und verbittert, hatte sein Rücktrittsgesuch nur aufgeschoben, um den Präsidenten vor der Wahl nicht in Verlegenheit zu bringen. Als Hull schließlich ging, trat Morgenthau in einem Gespräch mit Eleanor Roosevelt dafür ein, daß Stettinius das Amt übernahm,
Der neue Außenminister vertrat in der Deutschland-Frage eine andere Meinung als Morgenthau. Im Unterschied zu Hull verstand es Stettinius, ohne Groll anderer Meinung zu sein.
Für den 10. Januar 1945 vereinbarten beide Minister eine gemeinsame Aussprache mit dem Präsidenten. Zur Vorbereitung dieses Treffens ließ Morgenthau eine eindeutige Erklärung über seine Haltung in der Deutschland-Frage abfassen. In dieser Erklärung hieß es, Untersuchungen während der letzten Monate hätten Morgenthaus Überzeugung bestätigt, daß die deutsche Nation gewillt ist, nochmals die Welt zu erobern; Demokratie, Umerziehung und Güte könnten diesen Willen in kurzer Zeit nicht brechen.
"Mehr und mehr komme ich zu der Überzeugung", so erklärte Morgenthau, "daß die meisten eine Schwächung Deutschlands nur aus Furcht vor Rußland und dem Kommunismus ablehnen; sie hängen an der 20 Jahre alten Idee von dem "Bollwerk gegen den Bolschewismus. Weil die Vertreter dieses Standpunkts nicht bereit sind, das eigentliche Problem auf den Tisch zu legen, werden nebulöse Argumente vorgebracht zur Unterstützung des Vorschlags, Deutschland müsse
* In diesem Hydrierwerk bei Halle wurde im Zweiten Weltkrieg aus Kohle Benzin gewonnen.
wiederaufgebaut werden. Zum Beispiel:
> "der Trugschluß, Europa brauche ein Deutschland mit einer starken Industrie;
> "die Behauptung, laufende Reparationen aus der wiederaufgebauten Industrie seien notwendig, damit Deutschland für die Zerstörungen büßt, die es verursacht hat;
> "der naive Glaube, daß Abtransport oder Zerstörung der Rüstungsindustrie ausreicht, Deutschland an einem neuen Krieg zu hindern; "die unlogische Annahme, ein versöhnlicher Friede würde die Entwicklung der Demokratie in Deutschland erleichtern;
> "der Fehlschluß, daß die Umwandlung Deutschlands in ein Land mit vorwiegend landwirtschaftlichem Charakter ohne Schwerindustrie zu einer Hungersnot führen würde." Morgenthau fährt fort: "Wenn wir der Diskussion dieses Problems aus dem Wege gehen, werden wir uns durch hohle und scheinheilige Propaganda dazu verleiten lassen, erneut ein starkes Deutschland zu schaffen und ein Feind Rußlands zu werden. Ich erschaudere bei dem Gedanken an das, was folgen wird."
Der Minister entschloß sich dann aber, diese Erklärung nicht am 10. Januar Roosevelt zu unterbreiten." Der Präsident war sehr müde", so erzählte Morgenthau nach der Unterredung, "und ich bin sehr froh, daß ich ihm das Papier nicht gegeben habe. Wir werden es in die Mappe legen."
Trotzdem blieb der Minister in seiner Absicht unerschütterlich. Vor einem Treffen mit Vertretern des Außenministeriums versuchten seine Ratgeber White, Luxford und DuBois, Morgenthaus Ansichten zu entschärfen: "Wir sind alle der Meinung, es wäre zweckvoller, wenn Sie sich in der Diskussion über die Behandlung der Kohlenbergwerke ein wenig vage ausdrücken würden."
"Ich werde meine Haltung nicht ändern", entgegnete Morgenthau ... Es hat keinen Zweck, auf mich einzureden." Die Deutschen stellten von Kohle Farben und andere synthetische Stoffe her. Wenn man ihnen gestattete, Fahrräder oder Kinderwagen herzustellen, könnten sie ebensogut Flugzeuge bauen.
Stettinius und seine Kollegen legten ihre Vorschläge in dem "Briefing Book" nieder, das sie für die bevorstehende Jalta-Konferenz zwischen Roosevelt, Churchill und Stalin vorbereitet hatten. Das Außenministerium empfahl für ganz Deutschland eine alliierte Zentral-Regierung und nicht eine Teilung des Landes. Es begrüßte die Entmilitarisierung Deutschlands und die Zerstörung der Fabriken und Maschinen, "die nicht auf friedliche Zwecke umgestellt werden können
Das langfristige Ziel der amerikanischen Deutschlandpolitik wurde in den Außenamts-Vorschlägen definiert als "Angleichung des deutschen Volkes an die Weitgemeinschaft der friedliebenden Nationen". Die völlige Zerschlagung der deutschen Wirtschaft würde zu einer allgemeinen Senkung des europäischen Lebensstandards führen.
Um die Argumente des Außenministeriums zu widerlegen, unterbreitete White jetzt dem AA-Vertreter James Dunn das Memorandum des Finanzministeriums, das Morgenthau ursprünglich am 10. Januar dem Präsidenten überreichen wollte. Dieses Memorandum gehörte dann auch zu den Konferenz-Papieren, die dem Präsidenten vor seiner Abreise nach Jalta ausgehändigt wurden, aber Roosevelt schenkte den Dokumenten in seiner Konferenzmappe nicht die geringste Aufmerksamkeit.
IM NÄCHSTEN HEFT
Machtkampf zwischen Morgenthau und US-Außenministerium -- McCloy gegen Massenverhaftung deutscher Industrieller und Diplomaten -- Präsident Truman entläßt Morgenthau
Von John Morton Blum

DER SPIEGEL 52/1967
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