13.01.1965

ERZUMDr. poliz.

Unpäßlich und kummervoll verbrachte Egon Erzum, Bürgermeister vom mittelfränkischen Leutershausen, den Jahreswechsel im Bett. Nur gelegentliche Anrufe erfrischten den gebrochenen Mann: "Verschiedene haben telephoniert, ich soll den Kopf nicht hängen lassen."
Erzum nachdenklich: "Schließlich hat mich ja das Volk gewählt, und das will mich, wie ich sehe, weiter haben."
Das Volk hatte ihn am 27. Mai 1962 gewählt, aber reichliche zweieinhalb Jahre darauf schickte der Stadtrat von Leutershausen den Bürgermeister in Urlaub. Auftrag an Egon Erzum: Er möge mal "um seine Person Ordnung schaffen".
Die Unordnung um seine Person war mit den Titeln Dr. jur., Dr. phil. und cand. theol. eingekehrt, mit denen sich der 1939 aus Lettland umgesiedelte Erzum im Frankenland präsentierte. Die Leutershauser bewunderten den gelehrten Mann, aber dann kamen Zweifel auf.
Vorsichtig gestellte Fragen nach dem Promotionsort beantwortete der Neubürger freimütig - zunächst mit "Heidelberg", dann mit "Breslau und Königsberg", schließlich mit "Riga und Dorpat". Erzums Universitäten rückten um so weiter weg, je besser die Kommunikationsmöglichkeiten wurden.
Erzum nebenher: "Ich bin auch Doktor für meine Verdienste um die deutsche Polizei. Der (SS-)General Daluege hat mir den Titel verliehen."
Doktor poliz. Erzum entschied sich im Leutershausen der Nachkriegszeit für den BHE, machte dort Karriere als Multifunktionär und rückte 1954 in den Bayrischen Landtag ein. Vier Jahre später fiel er bei den Landtagswahlen durch, erkannte, wo seine Zukunft lag, und wurde hauptamtlicher CSU-Geschäftsführer des Bundeswahlkreises 225 (Ansbach) mit Sitz in Leutershausen. Das Geraune um seine akademische Vergangenheit verstummte derweil nicht. Neugierige Leutershauser erfuhren von der "Heimatortskartei für Deutschbalten": "Hier... liegen seine eigenen Angaben vor, daß er Dr. jur., Dr. phil. und cand. theol. sei. Diese Angaben werden und wurden hier angezweifelt..."
Anfang 1962 schickte das Amtsgericht Ansbach dem Nicht-Doktor einen Strafbefehl ins Haus. Erzum: "Gleich 500 Mark, ziemlich hart. Aber ich durfte abzahlen, fünf Raten zu, hundert."
Als die CSU wenige Wochen darauf zur "Alten Post" in Leutershausen ihren Egon Erzum als Bürgermeisterkandidaten nominierte, erhob sich der Gerbermeister Georg Oechslen und wollte wissen, ob denn der Herr Kandidat nicht kürzlich wegen unbefugten Führens akademischer Grade rechtskräftig bestraft worden sei.
Egon Erzum schluckte ein bißchen. Statt seiner gab der örtliche CSU-Landtagsabgeordnete Georg Mack Bescheid: Es, sei ja wohl schon jedem Kraftfahrer passiert, daß er seine Papiere versehentlich daheimgelassen habe. Auch Erzum ergehe es so; er besitze zwar Doktorgrade, könne sie im Augenblick aber leider nicht beweisen.
"Ich selber", erläuterte Mack, "habe mit dem Herrn Kultusminister in dieser Sache Verbindung aufgenommen. Mit der Verleihung der Doktorwürden ist bald zu rechnen."
Georg Mack kam auch auf "Gerüchte über eine Personenstandsfälschung" zu sprechen und nahm "auch hierzu Stellung": "Herr Erzum ist auf der Durchreise seiner Eltern in Prökuls geboren worden."
Gerbermeister Oechslen ("Das Gerücht kannte ich gar nicht") horchte auf. Gemeinsam mit einigen Gleichgesinnten durchforschte er die vom Politiker Erzum selbst verfaßten Lebensläufe.
Erstes Ergebnis: Mitunter war Erzum in Prökuls/Memel geboren, mitunter in Prökuls/Ostpreußen.
Zweites Ergebnis: Laut der "Heimatortskartei für Deutschbalten" kam Egon Karl Julius Erzum im kurländischen Preekuln zur Welt.
Drittes Ergebnis: Erzums reichsdeutscher Geburtstag war nach eigenen Angaben der 22. September 1904. Viertes Ergebnis: Erzums kurischer Geburtstag nach deutschbaltischer Auskunft war der 22. September 1906.
Die Oechslen-Gruppe stieß auf immer neue Differenzen. Ein Lebenslauf Erzums wies aus, daß er "ab 1925 ... an leitender Stelle in der allgemeinen Verwaltung und in der Polizeiverwaltung in Remscheid, Wuppertal, Berlin und Posen" wirkte.
Anderen zufolge diente er um die gleiche Zeit in der Rigaer Polizei und bewältigte nebenbei sein umfangreiches Universitätsstudium. Außerdem "leitete er die Umsiedlung der Deutschbalten", "rettete den lettischen Silberschatz" und fungierte als "Kommandeur einer Polizeischule".
Nach und nach kristallisierte sich die Leitung der Umsiedlung ebenso wie die Rettung des (von Erzum nie näher definierten) Silberschatzes als Legende heraus. Als reales Faktum blieb übrig: Erzum war vor 1939 Polizist in Riga gewesen. Die deutschbaltische Heimatortskartei: "Wenig ansprechend berühren Nachrichten von deutschen Landsleuten aus Riga, die besagen, daß Egon Erzum sich in der zeit bei der lettischen Polizei (vor seiner Umsiedlung 1939) stets als nationaler Lette ausgegeben und eine wenig deutschfreundliche Haltung zur Schau getragen habe."
Nationale Probleme aus der Vorkriegszeit interessierten die Oechslen-Gruppe indes genausowenig wie die Frage, ob Erzrum(nach eigener Mitteilung) von einem hohen Richter oder
(nach Mitteilung eines Schulkameraden) vermutlich von einem Schuhmacher abstammt.
Die Leutershauser wollten einfach wissen, wann und wo ihr neuer christsozialer Bürgermeister geboren sei. Erzum hartnäckig: am 22. September 1904 in Prökuls, auf der Durchreise seiner Eltern nach Preekuln.
Als die Staatsanwaltschaft zu ermitteln begann, bestätigte Erzums Mutter die Behauptungen ihres Sohnes und verweigerte anschließend die Eidesleistung.
Ende 1964 wußte die Ansbacher Staatsanwaltschaft endgültig Bescheid: Egon Erzum kam 1906 im kurländischen Preekuln zur Welt. Aber trotz diverser "Urkundenbeweise, aus denen sich nunmehr eindeutig ergibt, daß Erzum bisher falsche Angaben über sein Geburtsjahr und seinen Geburtsort gemacht hat", entfiel ein Strafverfahren: Eine nachgewiesene Urkundenfälschung sowie andere einschlägige Erzum-Delikte seien mittlerweile verjährt.
Triumphierend verfaßte die Oechslen -Gruppe einen offenen Brief, den sie als Inserat in die Lokalzeitung einrückte: "Die Sauberkeit im öffentlichen Leben erfordert es, daß Sie nun endgültig Ihr Schweigen brechen." Erzum, der im Telephonbuch heute noch als "Dr." und "Landtagsabgeordneter" rangiert, wurde aufgefordert, einen gültigen Lebenslauf vorzulegen.
Vor dem Leutershauser Stadtrat bewahrte der Bürgermeister seine Fassung: Von den Russen zum Tode verurteilt, habe er "aus Sicherheitsgründen" seine Papiere geändert. Im übrigen habe er, Sohn eines Richters, tatsächlich ausstudiert und sei dann Chef der, Rigaer Hafenpolizei gewesen.
Erst das - ihn überraschende - Begehren der Stadtväter, er möge doch lieber einstweilen in Urlaub gehen, warf Egon Erzum aufs Krankenbett. Erzum auf die Frage, warum er denn nicht schon längst seine Sicherheits-Korrekturen korrigiert habe: "Ich habe immer für andere gedacht und mich dabei selbst vergessen."
Bürgermeister Erzum vertraut fest darauf, daß der Landrat von Ansbach, Konrad Rosenhauer, davon absehen wird, ein Dienststrafverfahren gegen ihn zu beantragen: "Wissen Sie, der Herr Landrat ist mir nicht schlecht gesinnt."
Außerdem: "Ich muß mir natürlich jetzt neue Papiere besorgen. Bis dahin wird sich der Sturm wohl gelegt haben. Dann kann ich ja aus dem Urlaub zurückkehren und als Bürgermeister weitermachen."
Denn: "Man darf es nicht vergessen, ich habe hier doch für die CSU sehr, sehr schöne Erfolge erzielt."
Erzum-Gegner Oechslen
Aus der Alten Post in die Vergangenheit Die deutschbaltische Heimatortskartei: "Wenig ansprechend berühren Nachrichten von deutschen Landsleuten aus Riga, die besagen, daß Egon Erzum sich in der Zeit bei der lettischen Polizei (vor seiner Umsiedlung 1939) stets als nationaler Lette ausgegeben und eine wenig deutschfreundliche Haltung zur Schau getragen habe."
Nationale Probleme aus der Vorkriegszeit interessierten die Oechslen -Gruppe indes genausowenig wie die Frage, ob Erzum (nach eigener Mitteilung) von einem hohen Richter oder
Bürgermeister Erzum (M)*: Aus dem Amt ins Bett
* Mit Landrat Konrad Rosenhauer (l.) und
CSU-MdL Georg Mack.

DER SPIEGEL 3/1965
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