13.01.1965

SOWJET-UNION / WOLGADEUTSCHENeues Leben

Ein Deutscher ist Polizeigeneral von Kasachstan; zwei Deutsche, Swjatoslaw Richter und Rudolf Kehrer, zählen zur Spitzenklasse der sowjetischen Pianisten; acht Deutsche sitzen im Obersten Sowjet - dem Parlament - von Kasachstan. 300 000 Deutsche stehen in sowjetischen Grenzkolchosen auf Wacht gegen Moskaus Erbfeind China. Vor dem Kriege lebten diese Deutschen in der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen (ASSRdW), den autonomen Gebieten der Schwarzmeer-Deutschen (Spartakus-Großliebental, Liebknecht-Lindau und Kronau-Heckert) sowie an den Nordhängen des Kaukasus. (siehe Karte): insgesamt 1,4 Millionen Menschen.
Im August 1941, als Hitlers Wehrmacht auf die Sowjetkapitale Moskau marschierte, ließ Stalin alle Deutschen in seinem Machtbereich - etwa 700 000 - als Nazispione nach Sibirien und Innerasien deportieren.
Jetzt hat ein Erlaß des Obersten Sowjet der UdSSR die Rußland-Deutschen von dem Vorwurf der Nazi-Kollaboration freigesprochen: "Das Leben hat gezeigt, daß diese pauschalen Beschuldigungen unbegründet und ein Ausdruck der Willkür unter den Bedingungen des Stalinschen Personenkults waren."
Doch die Wolgadeutsche Republik und die autonomen Gebiete der Schwarzmeer-Deutschen werden nicht
wiederhergestellt. Das Vermögen der AusgesIedelten bleibt beschlagnahmt. Die Rückkehr in die alten Wohngebiete ist nicht gestattet.
Mit 28 200 Quadratkilometern (etwas größer als Hessen) und 600 000 Einwohnern (darunter 200 000 Russen und Ukrainer) war die sowjetdeutsche Republik am Mittellauf der Wolga das größte geschlossene Siedlungsgebiet und kultureller Mittelpunkt der über die ganze Sowjet-Union verstreuten Rußland-Deutschen. Sie waren die Nachfahren von 82 000 Kolonisten, die im 18. und 19. Jahrhundert aus Hessen, Württemberg und der Pfalz nach Rußland auswanderten, um Krieg, Hungersnöten und religiöser Verfolgung zu entgehen.
1924 verlieh Stalin den Wolgadeutschen das Autonomie-Statut. Erster Volkskommissar des deutschen Musterländles an der Wolga war ein ehemaliger deutscher Kriegsgefangener: der spätere erste Bürgermeister von West-Berlin. Ernst Reuter.
Zur Hauptstadt der neuen Republik bestimmte Moskau das Städtchen Prokrowsk (13 000 Einwohner) am linken Wolga-Ufer. 1932 in Engels umbenannt, nahm sich der sowjetdeutsche Regierungssitz zunächst wenig repräsentativ aus: Der Ort bestand überwiegend aus einstöckigen Holzhäusern. Es gab keine Wasserleitung, keine Kanalisation und keine Elektrizität. Die Straßen waren ungepflastert, Grünanlagen nicht vorhanden. Staubstürme nötigten die Bewohner, Schutzbrillen zu tragen.
Doch bereits nach wenigen Jahren hatte sich das Bild geändert. Die Deutschen bauten in Engels acht neue Schulen, ein Theater, einen Kulturpark und eine große Staatsbank. Die Stadt wurde an das Stromnetz von Saratow angeschlossen.
Der Leidensweg der Wolgadeutschen begann 1928, als Stalin die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft befahl. 100 000 deutsche Bauern verloren ihre Höfe an die neugeschaffenen Kolchosen. Tausende flohen und versuchten, sich nach Deutschland durchzuschlagen. Wer sich der Kollektivierung widersetzte, wurde als Kulak (Großbauer) von Haus und Hof gejagt und zur Zwangsarbeit in die Wolga-Steppe oder in die Kohlengruben des Ural getrieben.
Neues Unheil brach über die Rußland-Deutschen herein, als Hitler im Juni 1941 die Sowjet-Union angriff. Im August produzierte Stalins Geheimdienstchef Berija ein angebliches Beutedokument: den Einsatzbefehl für deutsche Fallschirmjäger, die über dem Gebiet der Wolgarepublik abspringen und zusammen mit 200 000 wolgadeutschen Freiwilligen der gegen die Wehrmacht kämpfenden Roten Armee in den Rücken fallen sollten.
Tatsächlich meldeten sich in deutsche Gefangenschaft geratene Sowjet-Deutsche scharenweise zum Eintritt in die Wehrmacht.
Stalin befahl die Auflösung der Wolgadeutschen Republik. Seine Kommissare führten die endlosen Trecks der Verbannten in die kasachische Hungersteppe, die sibirische Taiga oder die dünnbesiedelte Komi-Republik im hohen Norden der UdSSR. Hunderttausende kamen um. Die Überlebenden legten Musterkolchosen an, bewässerten Wüsten, pflanzten Reis, Wein und Baumwolle.
Ebenso wie den Wolgadeutschen erging es den Krimtataren, den Kalmücken und einigen kleineren kaukasischen Bergstämmen. Stalin verdächtigte sie der Zusammenarbeit mit den Deutschen - Grund genug, diese Völker aus ihrer Heimat zu vertreiben. Erst 1957 durften sie - bis auf die Krimtataren voll rehabilitiert - in ihre alten Siedlungsgebiete zurückkehren.
Die Lage der Rußland-Deutschen besserte sich entscheidend nach Stalins Tod im März 1953. Am 13. Dezember 1955 hob der Kreml die bis dahin bestehenden Beschränkungen für Sowjetdeutsche auf: die Sondersiedlungen in den Verbannungsgebieten und die Polizeiaufsicht. Deutsche durften wieder Kleinvieh halten, eigene Häuser bauen, einen Personalausweis besitzen und ihren Wohnsitz innerhalb bestimmter Grenzen frei bestimmen.
Am 1. Mai 1957 erschien im Verlag der Moskauer "Prawda" eine Zeitung für die deutsche Minderheit in der Sowjet-Union. Ihr Titel: "Neues Leben", Anfangsauflage: 100 000. Radio Alma -Ata sendet dreimal wöchentlich in deutscher Sprache. Deutsch ist, in Kasachstan, wo heute fast die Hälfte der 1,6 Millionen Rußland-Deutschen lebt, neben Russisch und der Landessprache dritte Verkehrssprache.
Im August des vergangenen Jahres inspizierte Sowjetpremier Chruschtschow die asiatischen Sowjetrepubliken.: Er lobte deutschen Fleiß und trank deutschen Wein, Marke "Damenfingerchen". Auf dem Kolchos "Friedrich Engels" (Gebiet Kustanai) delektierte er sich an deutschen Würstchen.
Am 18. August kehrte Chruschtschow nach Moskau zurück. Am 28. August, dem 23. Jahrestag der Austreibung der Wolgadeutschen, rehabilitierte der Oberste Sowjet der UdSSR die volksdeutschen Stalin-Opfer.
Die Veröffentlichung des Kreml-Ukas unterblieb damals. Chruschtschow gedachte ihn bei seinem geplanten Bonn-Besuch im Februar 1965 als sowjetische Versöhnungsgabe zu präsentieren.
Doch im Oktober stürzte der Sowjetherrscher. Anfang Januar entschlossen sich seine politischen Erben, die unterlassene Publikation im Staatsanzeiger der UdSSR nachzuholen.
Volksdeutsche Hochzeit in Sibirien Dreimal wöchentlich deutsch in Radio Alma-Ata

DER SPIEGEL 3/1965
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