20.01.1965

SCHLESWIG-HOLSTEINThing und Theater

Die "Kristallnacht" jährte sich zum 25. Male, als der Pastor Johannes Wendt in der Bartholomäuskirche zu Wesselburen (Dithmarschen) sprach: "Einer von denen, die sich 1938, bald nach der Kristallnacht, hervortaten, war Adolf Eichmann."
Der Gottesmann fuhr fort: "Einer, der aber viel mehr Schuld auf sich geladen hat als Eichmann und seine ausführenden Organe, war Adolf Bartels aus Wesselburen, der unser Volk gegen die Juden aufgehetzt hat."
Was der Pastor am 10. November 1963 abkanzelte, war ein Idol der dickschädeligen Dithmarscher, die an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste seit Urzeiten dem Meer trutzen und ihre Marotten pflegen. Und der Heimatdichter Adolf Bartels (1862 bis 1945) war ein so fester Bestandteil ihres Traditionsbewußtseins, daß etliche Kirchgänger während der Philippika des Pastors Wendt ergrimmt den Gottesdienst verließen - der Beginn einer Fehde, die noch immer fortdauert und sich zu einem umfänglichen "Kapitel mißverstandener Heimatliebe" ausgeweitet hat (so Professor Karl Otto Conrady, Ordinarius für Germanistik an der Universität Kiel).
Denn Adolf Bartels, der in seinen Heimatromanen die große Vergangenheit der germanischen Bauernrepublik Dithmarschen verherrlichte und sich am heldenhaften Kampf der Vorfahren gegen die Heere des Dänenkönigs wie des Holstenherzogs bei Hemmingstedt im Jahre 1500 delektierte, genießt an der Küste mythischen Ruf. Der Künder des Germanenerbes, der wie Hebbel in Wesselburen geboren wurde und wie Goethe in Weimar starb, schwärmte für Blut und Boden ebenso wie für eine rassenreine deutsche Dichtung.
In seiner 1901 veröffentlichten "Geschichte der deutschen Literatur", die bis 1941 immer wieder ergänzt wurde und in insgesamt 17 Auflagen erschien, schrieb er über
- Heinrich Heine: "Riesig sind an Heine nur die Eitelkeit und Unverfrorenheit, und riesig ist die Dummheit des deutschen Volkes gewesen, das sich ihn so lange als einen seiner Großen hat aufschwatzen lassen."
- Kurt Tucholsky: "Ein echter jüdischer Frechling."
- Carl Zuckmayer: "Sein Lustspiel
,Der fröhliche Weinberg' . . . (ist) moralisch ziemlich bedenklich und auch politisch tendenziös, indem es unter anderem in der Gestalt des Assessors Knuzius, der einen ganzen Akt betrunken auf einem Misthaufen liegt, die völkische Bewegung zu verulken strebt."
- Jüdische Literaten: "Nun sehen wir das Schauspiel, daß ein Bruchteil eines Volkes, das uns durch seine Rassennatur ferner steht als irgendeine europäische Nation... schmarotzend im Nationalkörper hausend, den eigentümlichen Charakter unserer Literatur und Dichtung geradezu verdirbt ..."
Conrady über Bartels: "Völkische Borniertheit feiert in Bartels' Schriften antisemitische Triumphe." Und sie schärfte seinen trüben Blick so weit, daß er "Persönlichkeiten orientalischer Abstammung, die sich unter germanischer Maske nach beliebter Weise einführen, in der Regel sofort als Juden" erkennen zu können glaubte.
Aber wie immer die Zeitläufte, Dithmarscher verehrten ihn - zu Kaisers Zeiten, in der Weimarer Republik, im Dritten Reich und auch in der Bundesrepublik.
1927 machte ihn seine Geburtsstadt Wesselburen zum Ehrenbürger, ein Jahr später benannte sie die Mittelschule nach ihm. In der benachbarten Kreisstadt Heide legte man sich eine Adolf-Bartels-Straße zu. 1932 wurde in Wesselburen ein Adolf-Bartels-Bund gegründet, der sich zum Ziel setzte, "im Sinne seines Ehrenvorsitzenden (Bartels) gegen jüdisches Geistesleben auf deutschem Boden" zu kämpfen.
Mitglieder des Vereins hatten per Unterschrift zu bestätigen, "daß ich weder von väterlicher noch mütterlicher Seite her jüdisches Blut in mir habe. Auch bin ich nicht mit einer Jüdin (einem Juden) verheiratet oder verheiratet gewesen. Gleichzeitig versichere ich ehrenwörtlich, daß ich weder Freimaurer, Rosenkreuzer, Illuminat noch Jesuit bin".
Das Germanenblut wallte, und im Dezember 1932 wurde in Heide der "Dithmarscher Geschlechterbund" gegründet - "unter dem Zeichen der Verbundenheit von Scholle und Mensch, Boden und Blut", wie es anläßlich der Gründung hieß. Ein Wilhelm Zietz - auch heute noch Heimat-Propagandist in Dithmarschen - spürte seinerzeit, daß der "Dithmarscher Mann und die Dithmarscher Frau . . . heldisch sein müssen".
Unter Führung eines sogenannten Landesoldermanns veranstaltete dieser Verein zur Zucht und Prüfung einheimischen Bauernbluts allerlei Thing -Theater mit Wotan hinter den Kulissen. Bartels dichtete dazu:
Hitlermützen tun es nicht, sondern Hitlermut.
Nur nach einem Volksgericht wird's in Deutschland gut!
Als es auch der Hitlermut nicht tat und 1945 kam, schickten britische Besatzer einen erfahrenen Kolonial-Obersten als Gouverneur nach Dithmarschen, weil - wie der Landrat Hannemann aus Heide jüngst schrieb - "die Bevölkerung wegen ihrer zahlenmäßig starken Mitgliedschaft in der NSDAP bei den Engländern als besonders schwierig galt".
Die völkische Quarantäne dauerte nicht lange. Der gegenwärtige Landesoldermann des "Geschlechterbundes" beispielsweise, Lehrer Arthur Hennings aus Heide, wunderte sich erst im vergangenen Jahr, daß sein Ahnen-Klub "von der Besatzungsmacht wider Erwarten schon frühzeitig" die Erlaubnis zum Weitermachen bekam.
1954 sträubte sich auch die Landesregierung in Kiel nicht, die in Heide an der Adolf-Bartels-Straße neuerrichtete Volksschule nach Bartels benennen zu lassen. Erst als 1958 ausländische Zeitungen kritisierten, daß ein Mann geehrt wurde, der sich damit gebrüstet hatte, "die Scheidung zwischen Deutschen und Juden in der Literaturgeschichte" sei allein sein Verdienst, wurde Kiel aktiv. Ihre Adolf-Bartels-Straßen durften Wesselburen und Heide behalten, aber Kultusminister Osterloh verbot beiden Schulen, den Namen des Adolf Bartels zu tragen.
Offiziell mußten die Dithmarscher sich dem Kieler Ukas beugen, doch die Heider wußten einen Ausweg: Sie nennen die Bildungsstätte seither "Schule an der Adolf-Bartels-Straße". Und in Wesselburen pflegt CDU-Bürgervorsteher und Bartels-Apologet Johannes Jans alljährlich den Schulabgängern Bücher zu dedizieren, in deren Widmung ihnen der Besuch der Adolf-Bartels-Mittelschule bescheinigt wird.
Der Druck von außen mobilisierte angeborenen Trotz. Nun wurde es Prestige-Sache, in der Bartels-Front keinen Fingerbreit zu weichen. Der Wesselburener Mittelschul-Rektor Koopmann versprach 1958 zum Bartels-Geburtstag in seiner Festrede, er werde seine Schüler in Bartels' Geist "ausrichten".
Und zwei Jahre später setzte Wesselburen seinem Ehrenbürger auf dem Friedhof der St.-Bartholomäus-Gemeinde einen Grabstein, auf dem unter einer Sonnenrune ein Bartels-Vers eingemeißelt ist:
Eine Sünd nur gibt's auf Erden,
Alt und immer wieder neu
untreu seinem Volk zu werden
Und sich selber ungetreu.
Pastor Wendt ("Die Inschrift verhöhnt das christliche Empfinden") protestierte vergebens. Er hatte den Kirchenvorstand geschlossen gegen sich. Und Propst Thedens in Heide fand, das sei eine Wesselburener "örtliche Angelegenheit" und für die Kirche in Heide "uninteressant".
Nach diesem Triumph germanischer Runen-Raunerei priesen Wesselburener Prominente ihren Bartels derart ungehemmt, daß Pastor Wendt ("Es war nicht mehr zu ertragen") ihnen schließlich am Jahrestag der "Kristallnacht' die Eichmann-Philippika hielt. "Bruder Wendt", beschwor ihn Propst Thedens, "wie konnten Sie nur! Ausgerechnet zu diesem unglücklichen Zeitpunkt durften Sie doch nichts gegen Bartels sagen."
Fünf Tage nach dem unglücklichen Zeitpunkt war Bartels-Geburtstag. Da rechnete Bürgervorsteher Jans, der die Wesselburener "Tonhalle" - Kino mit Ausschank - sein eigen nennt, öffentlich mit dem (aus Kreis Segeberg zugezogenen) Geistlichen ab.
Jans unter Beifall: "Es ist uns unverständlich, daß der Name eines in seiner Heimat verdienten Mannes von einer Stelle aus, die eigentlich Liebe und Versöhnung verbreiten sollte, herabgesetzt und geschmäht wurde. Es ist unsere Pflicht, daß wir uns schützend vor unseren Ehrenbürger stellen, daß wir die Verdienste und die Werke von Adolf Bartels auch der Jugend zur Kenntnis bringen und Ihr einprägen, daß sie als unsere Nachfolger den Namen Adolf Bartels weiter hochhalten soll." Und im Blatt des örtlichen Verkehrsvereins (Vorsitzender Jans) wurde der Pastor als "hundertachtzigprozentiger Prosemit" vorgestellt.
In der folgenden Stadtverordneten-Sitzung wurde - nach einer Vorlesung aus Bartels-Werken - einstimmig beschlossen, der Kirche nahezulegen, den Pastor Wendt abzuberufen. Bürgermeister Otto B. Wernecke: "Dieser Beschluß hatte aber mit der Eichmann-Predigt nichts zu tun, sondern erfolgte wegen eines Streits, den die Stadt wegen des Marktes mit dem Pastor hat."
Als 1964 der "Verein für Dithmarscher Landeskunde" zu einem Schülerwettbewerb über das Thema "Dithmarschen" aufrief, damit "unsere Jugend durch freudigen Wettbewerb in der Gestaltung heimatlicher Motive, Sachbezüge und Erinnerungsgüter ihr Dithmarschen als Urgrund ihres Seins, als ihre Heimat wieder empfinden lernen möge", da ereignete sich schließlich, was es in Dithmarschen bis dahin nie gegeben hatte: Eingeborene Dithmarscher protestierten öffentlich gegen den Schollen-Mythos.
Sechs junge Philologen aus Heide und Meldorf unter der Führung des Studienrates Wolff Hattendorff, 35 ("Schon mein Vater war Schulmeister in Dithmarschen"), publizierten am 27. November in der "Dithmarscher Landeszeitung" einen offenen Brief.
Ihr Motiv: "Es liegt uns daran, die provinzielle Enge deutlich zu machen, in der hierzulande seit Generationen selbstverständliche Gesetze menschlichen Wesens und Zusammenlebens zu raunendem Volkstum verkitscht und mit gefährlicher Programmatik als Regeln für Rassen- und Geschlechterhygiene exerziert werden."
Die Philologen frotzelten in ihrer Epistel über den "Urgrund des Seins", mokierten sich über die "Seinsmystik völkischer Heilsapostel" und wandten sich gegen den blühenden "Geschlechterbund" wie den verblichenen Bartels.
Schon am folgenden Tag entrüstete sich der CDU-Bundestagsabgeordnete und Kreispräsident von Norderdithmarschen, Bauer Hermann Glüsing, in öffentlicher Rede, die Briefschreiber seien auf dem falschen Wege und müßten "aufs schärfste" zurückgewiesen werden.
Glüsings Appell wurde befolgt. Die Studienräte sahen sich in Leserbriefspalten und Versammlungen als Verräter an der Heimat angeprangert. Karl Schneider, CDU-Geschäftsführer von Norderdithmarschen: "Man kann nur verwundert sein, daß diese Leute Studienräte sind."
Doch die sechs Philologen - selber echte Dithmarscher donnerten zurück: "Es wird, so hoffen wir, einmal als ein Kuriosum der Dithmarscher Geschichte angesehen werden, daß die Kritiker dieses Ungeistes einhellig von den Repräsentanten des öffentlichen Lebens wegen ihres Protestes gerügt wurden."
Als der Bartels-Protektor Jans während der Bartels-Kampagne das Bundesverdienstkreuz am Bande erhielt, muckte ein weiterer Philologe auf: der Heider Oberstudiendirektor Kurt Grosser, früher CDU-Kreisvorsitzender. Grosser ("Nun bin ich wohl das weiße Schaf der CDU") verfaßte den einzigen Leserbrief an die Heider Zeitung, in dem die Rebellen-Riege gelobt wurde.
Das Kieler Kultus-Ministerium, für dessen Richtlinien sich die Philologen schlugen, versagte jede Unterstützung. Statt Zuspruchs kam der Leitende Ministerialrat Aßmann - "als Mensch, nicht als Beamter" - zu einem der Verschwörer, dem Studienrat Hans Stüdemann, 43, nach Meldorf. Der Ministerialrat deutete dem Studienrat an, er solle sich doch versetzen lassen, vielleicht nach Hessen. Doch Stüdemann wich nicht. Sodann legten die sechs Pädagogen Mitte Januar eine ausführliche Dokumentation über den "Heimatdichter Adolf Bartels" vor, die sie eigens als "Erläuterungen für den Landesoldermann des Dithmarscher Geschlechterbundes" deklarierten. Darin machten sie anhand von Textauszügen deutlich, daß Bartels "schon vor dem ersten Weltkrieg ... die geistigen Grundlagen seines Rassenkampfes" gelegt habe: "Geschlechterstolz, Blutmythos, Sippenhaft".
Schließlich modifizierte Landesoldermann Hennings das Bartels-Image so: "Wir ehren den großen Heimatdichter
Adolf Bartels, den Antisemiten lehnen wir strikt ab."
Neben der handlichen Fiktion des zweiteiligen Bartels hat Hennings freilich noch eine andere These parat, die auf Kenntnis der Dithmarscher Stammeseigentümlichkeiten fußt: "Bei diesem nutzlosen Streit ist wohl kein Ende abzusehen, denn auf beiden Seiten stehen Dithmarscher. Und eher läßt sich ein Dithmarscher die Jacke vollhauen, als daß er ein Wort zurücknimmt."
Bauern-Literat Bartels
Schlimmer als Eichmann?
Bartels-Anhänger Jans
Zwischen Meer und Marsch ...
Bartels-Ankläger Wendt
... ein Streit um Geschlechterstolz
Bartels-Grabstein
Im Urgrund des Seins ...
Bartels-Kritiker Hattendorff ... die Jacke voll?

DER SPIEGEL 4/1965
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