10.02.1965

HARIBOSchwarze Kunst

Gegen die mäkelnde Klage Hjalmar Schachts, es gebe keinen Pfennigbonbon in Deutschland mehr zu kaufen, ist ein Kenner aufgetreten: Dr. Hans Riegel, 41, Lakritzenfabrikant in Bonn.
Er bewies dem überständigen Währungsfachmann das Gegenteil. Riegel: "Mein Scheibenlakritz, mein Negergeld und manche anderen Lakritzbonbons kosten im Laden einen Pfennig das Stück und sind auch einzeln zu haben."
"Haribo" - abgekürzt von Hans Riegel Bonn - fabriziert etwa 150 der Pfennig-Artikel ("Wie viele es genau sind, weiß ich selber nicht"), darunter vor allem Lakritzen, Weingummi und Schaumgummi in den verschiedensten Formen und Farben. Zugkräftiger Werbeslogan, von einem Wandersmann in den zwanziger Jahren für 20 Reichsmark erstanden, ist: "Haribo macht Kinder froh."
Der selbst noch nachwuchslose, seit mehreren Jahren verheiratete Hans Riegel versteht sich, nach langen Marktforschungen gut auf kindliche Bedürfnisse. Er lernte, daß nach der roten Farbe mit nicht enden wollender Vorliebe gegriffen und daß Abwechslung in Form und Aufmachung gefordert wird: Die Firma produziert Pistolen, Schnuller, Pfeifen, Schiffchen, Babyflaschen, weiße Mäuse, Salamander und Schweinchen mit Glassteinringen im Maul.
Riegel: "Wenn die Weingummipistole oder die Schiedsrichterpfeife nicht mehr ziehen, müssen wir uns was Neues einfallen lassen. Man muß die Kinder ständig mit neuen Artikeln beschäftigen."
Den größten Anteil an der Produktion verzeichnen jene klassischen Lakritzstangen oder Lakritzschnecken, von denen der Volksmund meint, sie seien aus Ochsenblut gewonnen. Diese Vermutung wuchs noch, als Riegel sich bei Boppard am Rhein ein 120-Hektar-Gut kaufte, um dort Charollais-Rinder zu züchten.
In Wahrheit ist Lakritz ein der Süßholzwurzel durch Kochen abgelockter Saft, vermischt mit Roggenmehl, Weizenmehl, Zucker und etlichen würzenden Beigaben. Gefärbt wird die Lakritze überhaupt nicht mehr. Deshalb sieht sie jetzt etwas weniger schwarz aus als noch vor einigen Jahren.
Seit dem Wiederaufbau der Fabrik im Jahre 1946 durch den damals 23jährigen erzielte Hans Riegel jährliche Umsatzsteigerungen von zehn bis 18 Prozent. 1964 summierte sich der Pfennig-Erlös zu mehr als 60 Millionen Mark. Die Tageskapazität des Bonner Werkes beträgt 90 Tonnen und ist stets voll ausgenutzt.
Die normale Konsumlakritze wird gekocht. Haribos Marktanteil an diesen Produkten liegt bei rund 90 Prozent. Mit Gießlakritzen - durch Gummiarabikum gebunden - beliefert er 75, mit Weingummi 70 Prozent des einschlägigen Markts in Westdeutschland. Nebenprodukte des Haribo-Programms sind Salmiakpastillen, Veilchenpastillen, Liebesperlen und Hustenbonbons.
Die Hustenpastillen sind ein Überbleibsel aus der Zeit vor der Währungsreform. Als Hans Riegel - damals noch nicht Diplomvolkswirt und Dr. rer. pol.
- 1946 mittels einiger Sack Zucker und
etlicher Essenzen die von seinem Vater 1920 in der Familienküche begonnene Produktion wieder aufnahm, wurden zunächst Pectoral-Hustenpastillen fabriziert.
Bereits vor der Währungsreform konnte Riegel seine Produktionseinrichtungen erheblich über den erwarteten Bedarf hinaus erweitern, so daß er nach dem DM-Stichtag seinen Konkurrenten weit voraus war. Vor allem besaß er die für den Lakritz-Produktionsprozeß wichtigen Maschinen, eigene Haribo -Entwicklungen. Sie sind dem Bruder Paul zu verdanken, der den technischen Betriebsablauf leitet.
Immer neue Lakritz-Herstellungsmaschinen zu entwickeln und in Großserien anzufertigen, würde sich für eine Maschinenfabrik kaum lohnen. So wird bei Haribo selbst entwickelt. Und Riegel hielt seine Vormachtstellung am deutschen Markt dadurch, daß er einen Konkurrenten nach dem anderen aufkaufte.
Kochlakritzen stellt deshalb im ganzen Bundesgebiet außer der Offenen Handelsgesellschaft Haribo heute nur noch eine kleinere Firma namens Münster her, die ihren Sitz in Düsseldorf hat. Riegel bekennt: "Bei Münster hat es mit der Aufkauferei nicht geklappt."
Daneben gab es vor Jahren noch zehn andere Lakritzfirmen, die vielleicht der Maschinenindustrie als potentielle Auftraggeber Anregung zur Entwicklung käuflicher Lakritzmaschinen gegeben hätten. Um diese Gefahr auszuschalten, hat Haribo sie sämtlich aufgekauft. Er übernahm die Firmennamen, die vorhandenen Maschinen und legte die Produktion - mit einer Ausnahme - still.
Im Haribo-Portefeuille verschwanden so potente Wettbewerber wie: Kleutgen & Meier GmbH, Bad Godesberg,
- Salmix Salmiakpastillenfabrik, Hamburg,
- Wela - Westdeutsche Lakritzfabrik,
Gelsenkirchen,
- Wengenroth Lakritzfabrik, Lübeck.
Kleutgen & Meier in Bad Godesberg läßt Riegel weiterarbeiten und mit Haribo Scheinkonkurrenzkämpfe ausfechten. Das verschafft dem Lakritzenkünstler eine besondere Genugtuung. Bevor sein Vater Hans nach dem Ersten Weltkrieg den Küchenbetrieb aufnahm, hatte er als Arbeitsjunge bei Kleutgen & Meier gedient.
Sämtliche Haribo-Erzeugnisse werden mehrgleisig verkauft: originalverpackt als Markenartikel und neutral oder individuellen Wünschen gemäß als Kaufhausartikel oder markenlose Ware. Haribo liefert von 48 Außenlagern aus, die ihm selbst und nicht den Großhändlern gehören. Gelegentlich reist der Chef in seinem Hubschrauber Hughes 269 A oder in seiner zweimotorigen Beech-Baron eigenhändig zur Inspektion der Außenposten an.
Flieger Riegel rechnet sich auch zu den Pionieren des Badminton, des Federballspiels, in der Bundesrepublik. Er organisierte die erste Deutsche Meisterschaft und war selbst einst Deutscher Meister im Herren- und im gemischten Doppel. Zudem gründete er den ersten deutschen Badminton-Verband und finanzierte mit Hilfe von Kommunal - und Landesmitteln den Bau einer nahe seinem Fabrikgelände gelegenen Sporthalle, der "Hans-Riegel-Halle".
Die Riegel-Stellung am deutschen Markt gilt unter Fachleuten seit langem als uneinnehmbar, und auch die zunehmenden Lakritzenimporte aus England Und Holland, so meint der junge Chef, "machen mir nichts aus".
Haribos starke Position beruht vor allem auf den selbst entwickelten Maschinen und Anlagen. Kein Unbefugter bekommt sie deshalb zu Gesicht. Betriebsführungen sind in Riegels 1000 -Mann-Betrieb am Rhein verboten.
Haribo-Fabrikant Riegel (im Privatflugzeug): Pfennigbonbons für 60 Millionen Mark

DER SPIEGEL 7/1965
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