17.02.1965

„Mit festem Schritt ins Neue Reich“

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler Reichskanzler. Mit dieser Entscheidung des greisen Reichspräsidenten von Hindenburg hatte der Nationalsozialismus das seit langem erstrebte Ziel - an die Macht zu kommen - erreicht. Doch es gehörte zu Hitlers Strategie, die nationalsozialistisch deutschnationale Koalition, in der die NSDAP nur drei von elf Ministern stellte und der Katholik Franz von Papen Vizekanzler war, als eine Regierung der "nationalen Konzentration" auszugeben. In seiner ersten Rundfunkansprache an das deutsche Volk als Kanzler, die er am 1. Februar hielt, erklärte Hitler, daß die Mitglieder der neuen Regierung "die Fundamente wahren und verteidigen" würden, "auf denen die Kraft unserer Nation beruht. Sie wird das Christentum als Basis unserer Moral und die Familie als Keimzelle unseres Volks- und Staatskörpers in ihren festen Schutz nehmen".
Hitlers Erklärung gab nicht seine persönlichen Ansichten wieder; sie war rein propagandistischer Natur und sollte eine gute Atmosphäre schaffen.
Der neue Kanzler hielt es für äußerst wichtig, eine Politik der Nichteinmischung in religiöse Lehren und Institutionen des deutschen Volkes zu betreiben; dies hatte er schon in "Mein Kampf" betont.
Selbst bis zum Ende seiner Herrschaft war sich Hitler des Risikos klar bewußt, das er eingehen würde, wenn er mit den bestehenden Kirchen hart aneinandergeriete.
Er reagierte oft mit schlecht verborgener Verachtung auf Alfred Rosenbergs Plan eines Deutschen Christentums. Der ehemalige Reichsbankpräsident Schacht erinnert an die Worte Hitlers: "Ich habe dem Rosenberg schon immer gesagt, auf Weiber- und Priesterröcke soll man nicht schlagen."
Daß Hitler Rosenbergs Rolle als Prophet lächerlich machte, entsprang nicht einer Sympathie für die christlichen Kirchen oder Lehren. Privat konnte Hitler mit dem Christentum sogar noch weniger anfangen als Rosenberg.
"Eine deutsche Kirche, ein deutsches Christentum ist Krampf", soll Hitler nach einem Bericht des Danziger Senatspräsidenten Rauschning Anfang 1933 gesagt haben. "Man ist entweder Christ oder Deutscher. Beides kann man nicht sein." Ein nationalsozialistisches Deutschland könne mit der christlichen Mentalität nichts anfangen, die dauernd ein Auge auf das Leben im Jenseits werfe. Solange es solche Menschen gebe, würde der Umerziehungsprozeß langwierig sein. In der Zwischenzeit wollte Hitler die Kirchen tolerieren, denn er glaubte, daß die Treue des Bürgers zum Staat im religiösen Glauben verankert sein müsse.
So schrieb er in "Mein Kampf": "Für den Politiker aber darf die Abschätzung des Wertes einer Religion weniger durch die ihr etwa anhaftenden Mängel bestimmt werden als vielmehr durch die Güte eines ersichtlich besseren Ersatzes. Solange aber ein solcher anscheinend fehlt, kann das Vorhandene nur von Narren oder Verbrechern demoliert werden."
Bismarck, so erklärte er Rauschning, habe die Dummheit begangen, einen Kulturkampf zu entfesseln; dadurch seien die Geistlichen zu Märtyrern geworden. Man käme weiter, wenn man die Priester lächerlich und verächtlich mache, obgleich selbst solche Schritte höchstwahrscheinlich nicht nötig seien: "Bei ihrem bewährten Profitgeist und Wohlleben werden wir sie schon zu fassen bekommen. Darum können wir alles in Frieden und Eintracht miteinander abhandeln. Ich gebe ihnen ein paar Jahre Galgenfrist. Zu was brauchen wir uns zu streiten. Sie werden alles schlucken, um ihre materiellen Positionen halten zu können. Es kommt nicht zum Kampf. Die wittern schon, wo ein fester Wille ist. Darum brauchen wir bloß ein paar Mal den Herrn zu zeigen. Dann wissen sie schon, woher der Wind weht."
Der Strategie Hitlers, sich die Unterstützung des deutschen Katholizismus durch Versprechen und Konzessionen zu sichern, wurde auch dadurch zum Erfolg verholfen, daß die Zentrums-Führer wünschten, in das Kabinett Hitlers aufgenommen zu werden. Es kursierten auch Gerüchte, der Vatikan wünsche eine Einigung des deutschen Katholizismus mit Hitler, da der Nationalsozialismus ein wichtiges Bollwerk gegen den Kommunismus sei.
Der amerikanische Historiker George N. Shuster erinnert daran, daß der päpstliche Nuntius in Berlin*, Monsignore Cesare Orsenigo, diese Meinung vertrat und über Hitlers Machtantritt "offen frohlockte": "Er meinte, daß die
neue Regierung der Kirche schon bald die gleichen Konzessionen einräumen würde, die Mussolini in Italien für angebracht gehalten hatte."
Laut Pater Robert Leiber, der dem damaligen päpstlichen Staatssekretär Kardinal Pacelli nahestand, nahm der Vatikan in jenen Tagen vorsichtshalber davon Abstand, sich in die Angelegenheiten der deutschen Kirche einzumischen; Pacelli habe sogar Privatbriefe nach Deutschland vermieden, um jeden Verdacht auszuschalten, die Kurie wolle den Gang der Dinge beeinflussen.
Das mag wohl so gewesen sein, aber andere Mitglieder der päpstlichen Kurie verhielten sich weniger diskret.
Da es bei den Verhandlungen mit der Zentrumspartei nicht gelungen war, eine Parlamentsmehrheit für die neue Regierung sicherzustellen, holte Hitler die Erlaubnis Hindenburgs ein, den Reichstag aufzulösen und Neuwahlen anzusetzen.
Die Nationalsozialisten machten keinen Hehl daraus, daß die für den 5. März ausgeschriebenen Wahlen vermutlich die letzten sein würden, daß alle politischen Parteien, außer der NSDAP und der Deutschnationalen Volkspartei, ihre Existenzberechtigung verloren hätten und ebensogut aufgelöst werden könnten.
Dennoch bestand die Zentrumspartei während des Wahlkampfes darauf, in Hitlers konservativen Partnern, dem deutschnationalen Parteichef Hugenberg und Franz von Papen, ihre größten Feinde zu sehen. Hitler selbst und seine Bewegung behandelte man etwas vorsichtiger. Der Kurs des Zentrums bestand immer noch in der Kampfansage an Marxismus, Liberalismus und Atheismus; außerdem kehrte man den Patriotismus hervor und erkannte das "Gute" in der nationalsozialistischen Bewegung an.
Nicht einmal die Welle des Nazi-Terrors gegen die katholischen Parteizentralen und Zeitungsredaktionen in ganz Deutschland, das Verbot von Versammlungen, die Beschlagnahme von Wahlplakaten und die Massenentlassung von Staatsbeamten mit katholischen Parteibüchern brachten es fertig, den Blick der Zentrumspartei in eine andere Richtung zu lenken, obwohl das Volk immer unruhiger wurde.
Ein Manifest, das von den dreizehn wichtigsten katholischen Organisationen unterzeichnet wurde, forderte eine energische Verteidigung der verfassungsmäßig garantierten Bürgerrechte und warnte vor der drohenden Diktatur. Die Rechtsextremisten, so schrieben sie, behaupteten, den Bolschewismus und Atheismus zu bekämpfen, doch "Bolschewismus kann auch werden unter nationalen Vorzeichen".
Am 11. Februar schrieb Adolf Kardinal Bertram, der Erzbischof von Breslau, einen Brief an die Mitglieder der Fuldaer Bischofskonferenz, in dem er vorschlug, man möge noch vor dem Wahltag eine Erklärung veröffentlichen: "So wenig angenehm es ist, zu den politischen Wahlen Hirtenworte zu veröffentlichen, sprechen doch ernste Gründe dafür, in ähnlicher Weise, wie es bei mehreren Wahlgelegenheiten geschehen ist und gute Aufnahme in den treuesten Teilen des katholischen Volkes gefunden hat, auch bei den bevorstehenden Wahlen der Erwartung zu entsprechen, die gegenüber der Gottlosenbewegung, der Kulturkampfgefahr und gegenüber den Terror- und Täuschungsversuchen wohl im Volke bestehen wird."
Kardinal Bertram fügte einen Entwurf für ein solches Hirtenwort bei; nachdem alle zugestimmt hatten, wurde dieses Schreiben am 20. Februar 1933 veröffentlicht.
In einer Sprache, die mit früheren Ermahnungen identisch war, wurden die Gläubigen wieder angehalten, sich an den bevorstehenden Wahlen zu beteiligen, Vertreter zu wählen, "deren Charakter und erprobte Haltung" Zeugnis gäben von ihrem Eintreten für die Rechte der Kirche, und sich zu hüten vor "Agitatoren und Parteien, die des Vertrauens des katholischen Volkes nicht würdig sind".
Am 27. Februar 1933 stand der Reichstag in Flammen. Wer immer der Brandstifter war - dieses Ereignis versetzte Hitler in die Lage, bei Hindenburg eine "Verordnung zum Schutz von Volk und Staat" zu erwirken, die Bürgerrechte und Freiheiten einstweilig aufhob und es den Nationalsozialisten ermöglichte, Druck auf ihre politischen Gegner auszuüben.
Die am 5. März inmitten einer Atmosphäre des Terrors abgehaltenen Wahlen brachten der Koalition von NSDAP und Deutschnationalen die knappe Mehrheit von 52 Prozent. Die Zentrumspartei, die jetzt durch die Stimmen vieler Nichtkatholiken gestützt wurde, konnte ihre Sitze halten. Die Bayrische Volkspartei erlitt geringe Verluste, besonders in der ländlichen Bevölkerung.
Auf einer Kabinettssitzung zwei Tage nach den Wahlen äußerte Hitler die Ansicht, daß die Parteien der Koalition sich an die Anhänger der Zentrums - und der Bayrischen Volkspartei nur heranpirschen könnten, "wenn die Kurie die beiden Parteien fallen lasse". Zu gegebener Zeit sollte auch dieses Geschenk Hitler in den Schoß fallen.
Wenige Tage nach den Wahlen fuhr Michael Kardinal v. Faulhaber, der Erzbischof von München und Freising, nach Rom und nutzte die Gelegenheit, die neue Situation der Kirche zu besprechen.
Papst Pius XI., so berichtete Kardinal Faulhaber einen Monat später auf einer Konferenz der bayrischen Bischöfe, habe während eines Konsistoriums (Kardinalsversammlung) am 13. März den Kanzler Adolf Hitler öffentlich für seine Haltung gegenüber dem Kommunismus gelobt. Zur selben Zeit zirkulierten wieder Gerüchte, der Vatikan trachte nach einer freundlichen Zusammenarbeit zwischen den deutschen Katholiken und der Hitler-Regierung.
Wieder drängte die nationalsozialistische Presse die Bischöfe, ihren Standpunkt zu überprüfen. Ein solcher Druck kam aber auch - und das war vielleicht bedeutsamer - aus dem katholischen Lager.
Der Wahlsieg der NSDAP war für viele Katholiken eine Bestätigung dafür, daß das Recht auf Hitlers Seite stand. Die entschlossen durchgeführte Propaganda, verstärkt durch zahlreiche Straßendemonstrationen und äußere Mittel, wie schwere Bewaffnung der NS-Anhänger, hatte eine beträchtliche Wirkung ausgelöst. Es verbreitete sich das Gefühl, daß eine mächtige Bewegung nationaler Erneuerung im Gange sei, zu der sich alle bekennen konnten und sollten.
Der Aufruf der Nationalsozialisten, die religiösen Differenzen zu begraben, fand wohlwollendes Echo in einer Gesellschaft, die sich nach der religiösen Einheit des deutschen Volkes sehnte, seit sie im Ersten Weltkrieg erfahren hatte, was interkonfessionelle Kameradschaft bedeutete. Nicht wenige Führer - von denen man später als den "Märzgefallenen" sprach - traten jetzt aus der Zentrumspartei aus, und einige einflußreiche katholische Zeitungen wie die "Augsburger Postzeitung" forderten die Unterstützung des neuen Reiches, das die Nationalsozialisten errichten wollten.
Der äußere Druck wurde durch die Entlassung sämtlicher katholischer Staatsbeamter verstärkt, die als Mitglieder christlicher Parteien bekannt waren. Hinzu kam das Problem der zahlreichen katholischen Organisationen und vieler Tausende von Männern und Frauen, die bei ihnen beschäftigt waren; man mußte in der neuen Ordnung Arbeitsplätze für sie finden, bevor sich die katholischen Organisationen von selbst oder wegen der täglich stattfindenden Gewaltmaßnahmen auflösten.
Unter diesen Umständen hatten die Bischöfe wohl Grund zu fürchten, daß die katholische Front abbröckeln werde. Darum meinten sie, ihren Standpunkt gegenüber den Nationalsozialisten überprüfen zu müssen.
Die deutsche Hierarchie hatte sich lange Zeit nicht zu den Lehren der wachsenden nationalsozialistischen Bewegung geäußert. Als Kardinal Faulhaber am 15. Februar 1924 im Löwenbräukeller in München vor katholischen Studenten und Akademikern über Hitler und dessen Bewegung sprach, sah er eine große Tragödie darin, daß "die ursprünglich reine Quelle durch spätere Nebenflüsse und durch Kulturkampf vergiftet wurde".
Hitler, so meinte er, wisse besser als seine Untergebenen, daß die Auferstehung der deutschen Nation ohne die Unterstützung der Christenheit nicht möglich sei. Diese Vorstellung vom guten Führer mit besten Absichten und bösen Beratern sollte nach der NS-Machtübernahme von 1933 immer wieder auftauchen.
Es stimmte natürlich, daß Hitler wiederholt jedes Interesse an einem Feldzug gegen die Religion abgeleugnet hatte. Er überließ den hinterhältigen Kampf gegen Kirche und "politischen Katholizismus" zumeist den Herausgebern des "Völkischen Beobachter", des offiziellen Parteiorgans. "Mein Kampf" enthält wenig über Religion oder Christentum; vielleicht war sich Hitler mit instinktivem Scharfsinn des politischen Risikos bewußt, das er einging, wenn er sich Bayerns überwiegend katholische Bevölkerung zum Feinde machte.
Der Artikel 24 des NSDAP-Programms, das am 24. Februar 1920 angenommen wurde, verlangte "die Freiheit aller religiösen Bekenntnisse im Staat, soweit sie nicht dessen Bestand gefährden oder gegen das Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse verstoßen. Die Partei als solche vertritt den Standpunkt eines positiven Christentums, ohne sich konfessionell an ein bestimmtes Bekenntnis zu binden".
Dieses religiöse Programm forderte erst bischöfliche Kritik heraus, als die NSDAP bei den Wahlen von 1930 beachtliche Fortschritte erzielte. Hitlers Anhänger kehrten mit einer Fraktion in den Reichstag zurück, die neunmal so groß war wie die im Jahre 1928 gewählte Fraktion. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei hatte jetzt nahezu ein Fünftel aller Sitze inne (18,5 Prozent).
In den vorwiegend katholischen Wahlkreisen war der Zuwachs an nationalsozialistischen Wählern am geringsten: dort hatte sich die Stimmenzahl für die katholischen Parteien sogar erhöht. Doch selbst hier konnten die Gewinne der Nationalsozialisten zu Besorgnis Anlaß geben.
1930 veröffentlichte überdies Alfred Rosenberg seinen "Mythus des 20. Jahrhunderts", in dem das "positive Christentum" der Partei auf unheilverkündende Weise interpretiert wurde: Abschaffung des "jüdischen" Alten Testaments, Streichung "offenbar verstellter und abergläubischer Berichte" des Neuen Testaments und Errichtung einer Deutschen Kirche. Diese sollte nicht in abstrakten Dogmen verankert, auch nicht an eine Konfession gebunden sein, sondern ausschließlich in den Kräften des Blutes, der Rasse und des Bodens wurzeln.
Als erster schlug Kardinal Bertram von Breslau Alarm. In Breslau waren die NS-Wählerstimmen zwischen 1928 und 1930 von ein auf 24,2 Prozent angestiegen.
In einer weitverbreiteten, Ende 1930 publizierten Erklärung warnte Bertram die Gläubigen vor der Zweideutigkeit des Begriffes "positives Christentum": Er habe "für uns Katholiken keine befriedigende Bedeutung; denn jeder denkt sich darunter, was ihm beliebt".
Ein fanatischer Nationalismus, so Bertram, müsse unvermeidlich zu gegenseitigem Haß führen und zu einer Art Anbetung des Begriffes "Rasse". "Es handelt sich da nicht mehr um rein politische Fragen, sondern um ein religiöses Wahngebilde, das mit aller Festigkeit bekämpft werden muß."
In Erwiderung einer Anfrage setzte der Generalvikar der Diözese Mainz, Dr. Mayer, das Büro der Gauleitung in Offenbach davon in Kenntnis, daß es Katholiken nicht gestattet sei, Mitglied der NSDAP zu werden.
Anlaß zu dieser Anfrage gab eine Predigt von Pfarrer Weber, dem Gemeindepfarrer des Dorfes Kirschhausen. In der Predigt hatte er seinen Pfarrkindern bedeutet, es sei ihnen verboten, der NSDAP beizutreten; Mitglieder der Partei dürften als Gruppe nicht an Beerdigungen oder anderen kirchlichen Amtshandlungen teilnehmen, und ein Katholik, der sich zu den Lehren der Partei bekenne, könne nicht zu den Sakramenten zugelassen werden.
Der Generalvikar bestätigte, daß Pfarrer Weber nach den Weisungen des Generalvikariats gehandelt habe: "Wir mußten diese Anweisungen geben, da das Programm der NSDAP Sätze enthält, die sich mit katholischen Lehren und Grundsätzen nicht vereinigen lassen. Namentlich ist es der § 24 des Programms, den kein Katholik annehmen kann, ohne seinen Glauben zu verleugnen."
Die Garantie für die religiöse Freiheit im Parteiprogramm, so stellte Dr. Mayer weiter fest, sei an Bedingungen geknüpft, mit denen man offenbar das Ziel verfolge, der katholischen Kirche die religiöse Freiheit zu verweigern. Mit dem Begriff "positives Christentum" forderten die nationalsozialistischen Führer einen deutschen Gott und ein deutsches Christentum, und das schließe zwangsläufig die Gründung einer deutschen Nationalkirche ein.
Nichts könne, so beendete Mayer seinen Brief, darüber hinwegtäuschen, "daß die Kulturpolitik des Nationalsozialismus mit dem katholischen Christentum in Widerspruch steht".
Als der Gauleiter von Hessen die Erlaubnis einholen wollte, an den Gräbern der im Ersten Weltkrieg gefallenen und auf katholischen Friedhöfen beerdigten Soldaten am 9. November 1930 Kränze niederzulegen, wurde ihm das verweigert; man könne es politischen Parteien, deren Weltanschauung sich mit der Lehre der Kirche nicht vereinbaren lasse, nicht erlauben, solche Demonstrationen auf katholischem Grund und Boden abzuhalten.
Auf der anderen Seite aber äußerte Bischof Schreiber von Berlin im gleichen Monat, daß es Katholiken nicht verboten sei, Mitglied der NSDAP zu werden. Es trat immer deutlicher zutage, daß sich der deutsche Episkopat nicht zu einer einheitlichen Haltung entschließen konnte. Statt dessen publizierten die einzelnen Kirchenprovinzen Erklärungen mit unterschiedlichem Wortlaut.
Am 10. Februar 1931 veröffentlichten die acht Bischöfe von Bayern das Schriftstück "Nationalsozialismus und Seelsorge. Pastorale Anweisungen, für den Klerus bestimmt". Kurz zuvor war es zu einigen Zwischenfällen gekommen, die eine klare Stellungnahme erforderten.
So hatte zum Beispiel eine SA-Truppe am 18. Mai 1930 einem Gottesdienst im Dom von Regensburg beigewohnt und dazu ihre Fahnen und Standarten mitgebracht. Während die Presse in ganz Deutschland über dieses Ereignis mit sensationellen Schlagzeilen wie "Hakenkreuz im Dom" berichtete, stritt das Ordinariat in einem Extrablatt ab, den Braunhemden erlaubt zu haben, ihre Fahnen mitzubringen.
Es hieß, eine solche Erlaubnis hätte gar nicht erteilt werden können, da grundsätzlich nur geweihte Fahnen mit in die Kirche gebracht werden dürften. Das Ordinariat gab aber in seiner Erklärung zu, daß die SA die Erlaubnis erbeten und erhalten habe, am Gottesdienst teilzunehmen.
Durch die nunmehr herausgegebenen pastoralen Anweisungen für den bayrischen Klerus sollten derartige peinliche Vorkommnisse vermieden werden. Die Bischöfe erklärten, sie wollten in keinem Fall über die politischen Ziele der nationalsozialistischen Bewegung urteilen; sie hielten es vielmehr für ihre Pflicht, als Wächter des Glaubens vor dem Nationalsozialismus zu warnen, "solange und soweit er kulturpolitische Auffassungen kundgibt, die mit der katholischen, Lehre nicht vereinbar sind".
Katholischen, Priestern wurde streng untersagt, an der nationalsozialistischen Bewegung mitzuwirken; auch die Teilnahme nationalsozialistischer Formationen in Uniform und mit Fahne an Gottesdiensten sei verboten, "weil solche Kirchenparaden das Volk auf den Gedanken bringen müßten, die Kirche habe sich mit dem Nationalsozialismus abgefunden".
Die Frage, ob Nationalsozialisten zu den Sakramenten zugelassen werden dürften, sollte individuell entschieden werden; die Entscheidung müsse davon abhängig gemacht werden, ob die betreffenden Katholiken lediglich Mitläufer oder aber aktive Parteimitglieder seien, die sich des antikatholischen Charakters der Partei voll bewußt wären.
Eine zurückhaltendere Erklärung veröffentlichten die sechs Bischöfe der Kölner Kirchenprovinz am 5. März 1931, in der die Irrtümer der nationalsozialistischen Bewegung mit den Irrtümern der rechtsextremistischen "Action francaise" verglichen wurden, die Pius XI. verurteilt hatte.
Die Bischöfe der Kölner Provinz stellten aber nicht die Frage, ob es erlaubt sei, der NSDAP anzugehören; sie behandelten auch nicht die seelsorglichen Probleme, die der bayrische Episkopat diskutiert hatte. Verboten wurde dagegen die Zugehörigkeit zur Partei unterdessen von den drei Bischöfen der Paderborner Provinz.
Die Fuldaer Bischofskonferenz vom August 1931 nahm den Fehdehandschuh auf, den die nationalsozialistische Bewegung ihr vor die Füße geworfen hatte.
Die Konferenz fand seit 1867 mehr oder weniger regelmäßig statt; gewöhnlich nahmen die preußischen Bischöfe und die Bischöfe der oberrheinischen Provinz daran teil. Der Erzbischof von München und Freising vertrat die bayrischen Bischöfe, die ihrerseits in der Freisinger Bischofskonferenz zusammengeschlossen waren; so bekam die Versammlung "gesamtdeutschen" Charakter. Die Entschließungen waren jedoch nur beratender Natur und nicht formell bindend.
Auffallend ähnlich war übrigens der persönliche Entwicklungsgang der Bischöfe. Sowohl die Söhne von Adligen als auch die anderen, die aus einfachen Verhältnissen stammten, hatten sich während ihrer Ausbildung im Priesterseminar ausgezeichnet, und viele von ihnen hatten in Rom noch zusätzliche theologische Studien betrieben.
Fast alle waren Professoren oder Seminarleiter gewesen, bevor sie zu kirchlichen Amtsträgern und schließlich zu Bischöfen ernannt wurden.
Nur einer, Bischof Preysing von Eichstätt (später Berlin), hatte nebenbei ein weltliches Studium absolviert, nämlich Rechtswissenschaft. Er war erst in fortgeschrittenerem Alter Priester geworden. Preysing wurde später einer der konsequentesten Gegner des Nationalsozialismus; er war der einzige Bischof, der die totalitären Machtbestrebungen des nationalsozialistischen Regimes durchschaute.
Die meisten anderen Mitglieder des Episkopats galten als hervorragende Theologen und Administratoren, ihr Verständnis für Politik jedoch schien begrenzt.
Ihr Durchschnittsalter lag etwas über sechzig. Ihre politischen Konzeptionen waren durch das Leben im Deutschen Reich vor dem Ersten Weltkrieg geprägt worden. Viele blieben überzeugte Monarchisten. Alle hatten eine im Grunde konservative Einstellung und mißtrauten dem Liberalismus und der Demokratie.
Vom 3. bis 5. August 1931 trat die Fuldaer Bischofskonferenz zu ihrer jährlichen Beratung zusammen. Eine ihrer Vorlagen enthielt den Vorschlag, die Richtlinien für die Geistlichen abzuändern, die mit glaubensfeindlichen Organisationen umzugehen hatten.
In einer Erklärung von 1921 war es Katholiken streng verboten worden, einer Organisation anzugehören oder eine Organisation zu unterstützen, die eine dem Christentum und der katholischen Kirche feindliche Politik verfolgte, ob sie sich nun Sozialisten, Freimaurer oder anders nannten.
Die Zugehörigkeit zu solchen Organisationen war auch dann verboten, wenn zum Beispiel Parteien neben verwerflichen auch manche berechtigten Ziele verfolgen", weil "die Zugehörigkeit nicht auf einzelne erlaubte Bestrebungen beschränkt werden kann". Wer trotz Warnung weiterhin darauf bestand, diesen Organisationen anzugehören, sollte von den Sakramenten ausgeschlossen werden.
Im Jahre 1931 schlug man nun vor, diese Richtlinien auch auf die NSDAP anzuwenden. Zu diesem Zweck hatte die Konferenz den folgenden Abänderungsentwurf vor sich liegen: "Sinngemäß sind die vorstehenden Grundsätze auf die nationalsozialistische Partei anzuwenden, die an sich nur eine politische Partei mit berechtigten nationalen Zielen zu sein vorgibt, aber tatsächlich mit fundamentalen Wahrheiten des Christentums und mit der von Christus geschaffenen Organisation der katholischen Kirche in schroffstem Gegensatz steht."
Der Entwurf wurde nicht angenommen. In der Gleichsetzung der NSDAP mit Sozialisten, Kommunisten und anderen Freidenkern ging die Resolution in ihrer Formulierung wohl über die Ziele hinaus, über die man einer Meinung gewesen war.
Viele Bischöfe hofften vermutlich immer noch, daß die Partei eines Tages von ihrer Interpretation des "positiven Christentums" ablassen würde, und sie nahmen an, daß es vielleicht doch noch möglich sei, die nationalsozialistische Bewegung zu bekehren und zum Verbündeten gegen den drohenden Linksradikalismus zu machen.
Ein Abgesandter der NSDAP, Hermann Göring, hatte erst kurz zuvor Monsignore Pizzardo vom päpstlichen Staatssekretariat in Rom versichert, daß die Führer der Bewegung die antikatholischen Äußerungen einiger Mitglieder keineswegs billigten. Der demonstrative Austritt einiger NSDAP-Mitglieder aus der Partei - mit der Begründung, diese sei in ihrer Opposition zum Katholizismus nicht scharf genug - schien ermutigend.
Ein weiterer Grund für die zögernde Haltung der Bischöfe in Fulda war die Furcht, noch weiter in die Arena der Parteipolitik hineingezogen zu werden. Je größer die Zahl der Katholiken wurde, die sich zu den Rechtsparteien gesellten, desto stärker wurde der Druck auf die Bischöfe, die Zentrumspartei nicht mehr zu unterstützen.
Aber auch das vorhandene Minoritätsgefühl trug dazu bei, eine zugkräftig abgefaßte Resolution, die die NSDAP namentlich verurteilte, zu vereiteln.
Statt dessen gab die Konferenz folgende verschwommene Erklärung ab: "Die Bekämpfung des Radikalismus und zwar ebensowohl des extremen Nationalismus wie auch des Sozialismus und Kommunismus, soll ganz vom Standpunkte des Glaubens, nicht aber vom Gesichtspunkte der Parteipolitik aus erfolgen. Da die ganze Grundlage des Glaubens in Frage steht, müssen die Erwägungen, was für den Augenblick möglich oder nützlich ist, zurücktreten."
Die Nationalsozialisten erkannten sofort, daß der katholische Episkopat weit davon entfernt war, sich in der Frage des Nationalsozialismus einig zu werden. Sie nutzten die Angst der Bischöfe vor den Linksparteien aus und betonten auch weiterhin, daß die Christenheit nur dann vor ihrem Todfeind, dem Marxismus, bewahrt werden könne, wenn der Nationalsozialismus die volle politische Macht in Händen habe.
Die NS-Propagandisten beuteten natürlich aus, daß die Bischöfe selbst in ihren besonders kritischen Erklärungen das nationalistische Bestreben der Partei respektierten. In der Tat hatten die Bischöfe es für notwendig befunden, ihre Warnungen vor dem Nationalsozialismus zu ergänzen, indem sie ihren tiefen Empfindungen nationaler Solidarität Ausdruck gaben.
"Wir lieben das Vaterland, das Land unserer Wiege, das Land unserer Sprache, das Land unserer Ahnen, das Land unserer Gräber", so hatten die Bischöfe der Paderborner Kirchenprovinz geschrieben.
Die Bischöfe der Kölner Provinz betonten, "daß wir auch vom Standpunkte unserer heiligen Religion aus, ja gerade von dieser aus, es verstehen und begrüßen, wenn in unserem armen, gedemütigten und geknechteten Vaterlande, in unserem von Gegensätzen aller Art zerrissenen Volke das Zusammengehörigkeitsgefühl deutscher Stammes- und Volksgenossen untereinander allenthalben sich neu belebt".
Daß man immer wieder die tiefen nationalen Wurzeln des deutschen Katholizismus hervorhob, hatte natürlich nicht nur politische Gründe; es war auch nicht gerade neu. Der Kulturkampf hatte im deutschen Katholizismus, der Minderheit in einem vorwiegend protestantischen Land, einen tiefsitzenden nationalen Minderwertigkeitskomplex hinterlassen.
Bismarck und seine antikatholischen Parteigänger warfen damals den Katholiken vor, sie seien Ultramontane, romhörig und Bundesgenossen katholischer Länder wie Österreich, Frankreich und Polen. Die Katholiken reagierten auf diese Vorwürfe mit übertriebenem Patriotismus.
Sie versuchten zu beweisen, daß sie gute und verläßliche Bürger des deutschen Vaterlandes seien, und diese Bekenntnisse der Treue und Ergebenheit dem Vaterland gegenüber setzten sich bis in die Weimarer Zeit fort.
In dieser Zeit schöpften sie neue Kraft aus der vielfältigen nationalistischen Gesinnung, die überall kursierte, und dies in einem Lande, das im Kriege besiegt und durch einen harten Friedensvertrag gedemütigt worden war. Besonders die katholische Jugendbewegung verschrieb sich einer romantischen Version des deutschen Nationalismus, in welchem die Idee eines wiedererwachten, von christlichen Grundsätzen getragenen Deutschen Reiches eine große Rolle spielte.
Als Bischof Bares von Hildesheim Ende März 1932 in Berlin vor einer großen Jugendversammlung sprach, empfahl er, sich der nationalen Sache zu weihen. Er fuhr fort: "Wir sind national bis auf die Knochen, deutsch durch und durch, bereit zu jedem Opfer für Volk und Vaterland."
Was hier zweifellos Ausdruck tiefer Empfindungen war, wurde manchmal auch politisch ausgenutzt. Nach dem gewaltigen Wahlsieg der Nationalsozialisten im Jahre 1930 trafen sich Vertreter aller wichtigen katholischen Organisationen unter der Schirmherrschaft des "Volksvereins für das katholische Deutschland"; sie berieten, mit welchen Mitteln und Wegen man die drohende, braune Flut aufhalten könne.
Die Ergebnisse dieser Beratung wurden 1931 veröffentlicht. Ähnlich dem periodisch wiederkehrenden national bolschewistischen Kurs der deutschen Kommunistischen Partei, entschlossen sich die katholischen Organisationen zu einem Programm, das den Nationalsozialismus "dynamisch" überwinden sollte.
Das erste und wichtigste Ziel war demnach, eine große allgemeine Volksbewegung ins Leben zu rufen, die den Kampf gegen die Fesseln des Versailler Vertrages unterstützen sollte. Die Außenpolitik müsse die politische Vereinigung ganz Mitteleuropas anstreben; dabei wollte man sich auf den starken Widerstand gegen den "Westen" stützen. "Wir müssen wieder lernen, daß Politik eine kämpferische Auseinandersetzung der Völker und Staaten ist."
Das kam einer Unterstützung des alldeutschen Programms der extremen Rechten gefährlich nahe, und die Sprache des übrigen Programms klang manchmal mehr nach nationalsozialistischer Demagogie. Die Deutschen sollten ihre Befreiung von der Unterjochung durch "Plutokratie und Finanzkapitalismus" organisieren; der Staat sollte von der Herrschaft der Parteibürokratien befreit werden.
Gleichzeitig forderte das Programm, im Nationalsozialismus eine Art Faschismus zu sehen und ihn zum Todfeind des deutschen Katholizismus zu erklären. Daß dies den Teufel durch Beelzebub austreiben hieß, scheint den katholischen Führern nicht in den Sinn gekommen zu sein.
Viele katholische Publizisten sprachen häufig davon, man solle den Nationalsozialismus "dynamisch" zu Fall bringen. Das führte logischerweise zu einer gewissen ambivalenten Einschätzung der nationalsozialistischen Bewegung.
Sie wiesen auf die antichristlichen Elemente im nationalsozialistischen Programm hin und erklärten diese als unvereinbar mit der katholischen Lehre. Aber gleichzeitig sprachen sie vom gesunden Kern des Nationalsozialismus, der anerkannt werden müsse: die Aufwertung der Religion und die Liebe zum Vaterland, seine Bedeutung als Bollwerk gegen den atheistischen Bolschewismus.
Viele bedauerten, daß der Nationalsozialismus den Charakter einer Weltanschauung angenommen hatte, statt das zu erstreben, was im Rahmen seiner Möglichkeiten lag: eine patriotische Bewegung zu sein, "mit der jeder Vaterlandsfreund wenigstens grundsätzlich hätte gehen können" (so der Franziskaner Erhard Schlund).
Doch das hieß nicht, daß die Dinge hoffnungslos waren. Im Januar 1932 erklärte der in hohem Ansehen stehende Jesuit Friedrich Muckermann, alsbald einer der schärfsten Gegner des Nationalsozialismus, es sei jedermanns Pflicht, den Nationalsozialismus so zu beeinflussen, daß er zu einer wahren Reformbewegung werde.
Und Pater Nötges erinnerte die Leser seiner wichtigen, quasi-offiziellen Studie über das Naziproblem daran, daß die Verurteilung des Nationalsozialismus durch den Episkopat an Bedingungen geknüpft sei, weil man hoffe, "daß es dem Nationalsozialismus trotz allem vielleicht doch noch einmal gelingen könnte, aus seinem Programm, seinen Zielen und seinem Parteileben alles das auszuschalten, was dem Katholizismus grundsätzlich und tatsächlich widerstrebt".
Es gab natürlich auch andere Meinungen. Die katholische Wochenzeitschrift "Der Gerade Weg" in München, herausgegeben von Dr. Fritz Gerlich und dem Kapuziner Ingbert Naab, unterzog alle Aspekte des nationalsozialistischen Programms einer vernichtenden Kritik.
Die "Allgemeine Rundschau" von Georg Moenius erhob immer wieder warnend ihre Stimme, wenn Katholiken mit dem Nationalismus und dem Militarismus sympathisierten; ähnliche Empfindungen brachte die katholische "Rhein-Mainische Volkszeitung" zum Ausdruck.
Aber die meisten katholischen Gruppen waren nicht wirklich von demokratischen Prinzipien überzeugt. Da gab es Geistliche, die offen den revolutionären Ursprung der Weimarer Republik ablehnten; wie der zukünftige Bischof von Münster, Graf Galen, kritisierten sie in scharfem Ton die Anerkennung der Volkssouveränität, durch die eine Verfassung konstituiert worden war, die den Namen Gottes ausgelassen hatte.
Viele hielten an ihren Ressentiments gegen ein System fest, das die rechtliche Anerkennung auf alle religiösen Konfessionen ausdehnte; die Verfassung hatte, wie es Erzbischof Faulhaber 1920 ausdrückte, "der Wahrheit und dem Irrtum die gleichen Rechte eingeräumt".
Noch verbreiteter war die Gleichgültigkeit gegenüber demokratischen Institutionen. Diese Haltung wurzelte in den autoritären und organischen Staatsideen, wie sie von katholischen Romantikern (zum Beispiel Adam Müller und Joseph Görres) im 19. Jahrhundert propagiert wurden, die bewußt im Gegensatz zu den "undeutschen" Ideen der Aufklärung und den demokratischen Idealen der Französischen Revolution standen.
In dieser Haltung wurden die Bischöfe bestärkt, weil der Liberalismus immer wieder mit dem Atheismus gleichgesetzt wurde.
Nicht zuletzt wurden die Bemühungen um die Aufrechterhaltung politischer Freiheit auch dadurch geschwächt, daß man so stark mit der Verteidigung der Rechte von Kirche und Religion in Anspruch genommen war.
Diese "spezifische Verengung des politischen Bewußtseins" (eine weitere traumatische Folgeerscheinung des Kulturkampfes im 19. Jahrhundert) bewirkte, daß viele Katholiken die Zahlung von Subventionen an die Kirche und den Fortbestand der Konfessionsschulen für wichtiger hielten als die Verteidigung der Demokratie.
Kurz nach den Juliwahlen des Jahres 1932 versammelte sich die Fuldaer Bischofskonferenz und nahm die Diskussion über den Nationalsozialismus wieder auf. Die Zahl der Stimmen, die den Bischöfen nahelegten, doch ihren Widerstand aufzugeben, war gewachsen.
Tausende, ja Hunderttausende von tiefreligiösen Katholiken, führte der Schriftsteller Hans Kuth aus, seien Mitglieder der nationalsozialistischen Bewegung und befänden sich in einem ernsten Gewissenskonflikt, der oft mit dem Austritt aus der Kirche ende. Die Hierarchie solle ihren Standpunkt überprüfen: "Weshalb soll in Deutschland denn nicht möglich sein, was in Italien zum Wohl von Land, Volk und Kirche gelungen ist?"
Anscheinend ließ sich die Bischofskonferenz von solchen Erwägungen beeinflussen. Freilich bedachte der Episkopat, daß in der Zwischenzeit alle Diözesen die Mitgliedschaft in der NSDAP als unzulässig bezeichnet hatten. Die Resolution bezeichnete es als "nicht entschuldbar, wenn weite Kreise sich der Partei anschließen in der Absicht, nur die wirtschaftlichen Interessen und die Ziele des weltlich-politischen Gebietes, wie sie in der Partei vertreten sind, damit unterstützen zu wollen".
Das alles schien auf eine noch hartnäckigere Haltung hinzuweisen. Doch die Resolution fuhr fort: "Ob im Einzelfall die materielle Zugehörigkeit zur Partei ohne formelle Förderung ihrer kulturellen Ziele und ohne Teilnahme an ihrer Agitation entschuldbar sein kann, z.B. wegen schuldlos irrender Auffassung, wegen Einflusses einer Art Massenpsychose, wegen terroristischen Zwanges, wegen sonst eintretender verhängnisvoller Folgen, bleibt der Beurteilung des Seelsorgers überlassen."
Am 30. Mai 1932 setzte Reichspräsident Hindenburg den Zentrumskanzler Dr. Heinrich Brüning ab und ernannte den ultra-konservativen Franz von Papen zum Reichskanzler. So fand die letzte Regierung ihr Ende, die es wenigstens von Zeit zu Zeit zu einer Mehrheit im Parlament gebracht hatte.
Papen, ein katholischer Adliger und Mitglied der Zentrumspartei, hatte nur wenige Stunden vorher dem Vorsitzenden der Zentrumspartei, Monsignore Ludwig Kaas, versprochen, keine neue Regierung zu bilden. Prompt erteilte die Zentrumspartei ihm einen Verweis, und einen Tag später trat Papen aus der Partei aus.
Die Führer der Zentrumspartei waren erzürnt über die Absetzung Brünings. In der Hoffnung, die Bewegung gefügig zu machen, verhandelten sie mit den Nationalsozialisten, um eine Koalitionsregierung zustande zu bringen.
Sie setzten damit die zwischen Brüning und Hitler in den Jahren 1930 und 1931 geschaffenen Kontakte fort; offizielle Gespräche begannen am 14. August 1932. Sie zogen sich ohne positives Ergebnis wochenlang hin. Der Wunsch der Zentrumspartei nach einer Regierung der "nationalen Konzentration" hatte am 30. August die Wahl Görings zum Reichstagspräsidenten zur Folge.
Die Verhandlungen überraschten und verwirrten allerdings die breite Masse der Katholiken, die über Jahre hinaus von ebendenselben Führern vor den antichristlichen Zielen der nationalsozialistischen Bewegung gewarnt worden waren. Außerdem unterhöhlte dieser Schritt die Autorität der Bischöfe.
Die Gespräche begannen, nachdem sich Hitler durch ein Telegramm mit fünf Männern aus seiner Sturmtruppe solidarisch erklärt hatte, die zum Tode verurteilt worden waren, weil sie einen kommunistischen Arbeiter in dem oberschlesischen Dorf Potempa bei Beuthen auf besonders grausame Weise ermordet hatten.
Das veranlaßte den Herausgeber der Zeitung "Der Gerade Weg" zu schreiben: "Wir sind der Überzeugung, daß in Hitler die Unbedingtheit zum Bösen zum Ausdruck kommt. Und es ist für uns das erschütterndste Erlebnis, daß ... zu der gleichen Zeit, da Hitler und seine maßgeblichen Parteiführer in ihren Erklärungen über den Beuthener Meuchelmord sich ohne die geringste Rücksicht zum Grundsatz des Bösen bekennen, die Führung der auf christlicher Grundlage programmatisch aufgebauten Bayrischen Volkspartei und des Zentrums sich mit ihm und seinen Genossen zusammensetzt und noch dazu zu behaupten wagt, sie seien die geeigneten 'Hüter des Rechts' und der 'ehernen Grundsätze'."
Auch der Klerus war bestürzt über die. Verhandlungen. Die Fälle häuften sich, in denen Nationalsozialisten, die sich ja nun wieder in der Gnade der Kirche wähnten, ostentativ in SA-Uniform an Gottesdiensten teilnahmen.
Das Generalvikariat der Erzdiözese Köln sah sich am 10. Oktober 1932 genötigt, die Geistlichen daran zu erinnern, daß das Tragen von Parteiuniformen und das auffällige Zur-Schau -Stellen von Parteiabzeichen während des Gottesdienstes unzulässig sei.
Ein Zustand beträchtlicher Verwirrungen war eingetreten. Pfarrer Senn, einer der ersten katholischen nationalsozialistischen Priester, der im Oktober 1931 versprochen hatte, alle künftigen Veröffentlichungen der Zensur des Generalvikariats zu unterwerfen, gab nun erneut ein pro-nationalsozialistisches Pamphlet heraus, ohne das Imprimatur einzuholen.
Wegen Zuwiderhandlung gegen die kirchliche Disziplin wurde Senn im Juli 1932 suspendiert, aber wieder eingesetzt, als er sich am 14. Dezember entschuldigte und erklärte, daß er selbstverständlich alle antichristlichen Ansichten des Nationalsozialismus verdamme.
Sein neu ernannter Erzbischof, Dr. Konrad Gröber, sagte vor einer Versammlung von Geistlichen, nun sei die Zeit gekommen, da die Kirche zum Nationalsozialismus allmählich eine versöhnlichere und "klügere" Haltung einnehmen müsse.
Die Weimarer Demokratie lag in den letzten Zügen. Die Arbeitslosigkeit nahm zu und die Verzweiflung wurde größer. Nirgends taten sich die demokratischen Kräfte zusammen, um die Republik zu retten.
Die Kommunisten betrachteten eine Machtergreifung durch die Nationalsozialisten als das Vorspiel zu einer Revolution des Proletariats. Darum war ihnen der Kampf gegen die Sozialisten zunächst wichtiger als der Kampf gegen die Nationalsozialisten.
Die Führer der Zentrumspartei sahen - aus Angst vor einem kommunistischen Aufstand gegen eine reaktionäre Herrschaft - in Papen eine größere Gefahr als in Hitler und halfen mit, die Einbeziehung der Nationalsozialisten in die Regierungsverantwortung zu erzwingen.
In dieser Krisenstunde konnten die einzelnen Katholiken von ihren Bischöfen kaum große Hilfe erwarten, denn die Bischöfe unterstützten weiterhin die katholischen Parteien, während sie gleichzeitig die Tür zum Frieden mit den Nationalsozialisten angelehnt ließen - für den Fall, daß die Nazis es einmal aufgeben sollten, für eine deutsche Kirche einzutreten.
Gegen Ende des Jahres 1932 schrieb Walter Dirks", Redakteur der katholischen "Rhein-Mainischen Volkszeitung", er befürchte, der deutsche Katholizismus werde sich, wenn sich eine nationalsozialistische Diktatur durchsetze, von der politischen in die religiöse Sphäre zurückziehen und mit dem totalitären Staat Frieden schließen.
Das sei in Italien geschehen und könne auch in Deutschland so kommen. Die naturrechtlichen ethischen Grundsätze der Kirche, meinte Dirks, seien elastisch genug, um sich mit einer solchen Diktatur arrangieren zu können.
Sein Artikel liest sich heute wie eine Prophezeiung: "Sollte der Katholizismus bereit sein, auf den politischen Widerstand zu verzichten, sollte der deutsche Episkopat bereit sein, die Katholiken zur loyalen Mitarbeit am neuen Regime anzuhalten, wie das der Papst in Italien tatsächlich tut, dann wird das Regime die Kulturkämpfer schon in Schranken zu halten wissen, ja, dem religiösen Katholizismus manches zu bieten haben.
"Auch in diesem Falle wären Konflikte zwischen dem 'totalen Staat' und dem Anspruch der Kirche unvermeidlich, aber diese Konflikte würden auf einer breiten gemeinsamen Basis als Grenzkonflikte ausgetragen werden. Volle religiöse Freiheit, weitgehende Verchristlichung des Staates, der Erziehung, des öffentlichen Lebens (auf konfessioneller Basis), Kampf gegen Gottlosigkeit und Unsittlichkeit ohne die Hemmungen eines liberalen Regimes - das muß die unpolitischen Elemente des Katholizismus mächtig anziehen."
Als der deutsche Katholizismus dieser Gefahr in der Tat unterlag, entpuppte sich das Hitlerregime natürlich nicht als ganz so großzügig. Die religiöse Freiheit wurde häufig beschränkt und die Konfessionsschulen schließlich aufgelöst.
Aber im Grunde wurden die von Dirks gehegten Befürchtungen schon 1933 wahr. Die Versuchung, auf Hitlers Versprechen freundlicherer Beziehungen zwischen Kirche und Staat einzugehen, war zu stark.
Hier bot sich eine Möglichkeit, mit Hitler gegen Rosenberg zu argumentieren und, ohne das Gesicht zu verlieren, die kirchlichen Warnungen vor dem Nationalsozialismus zurückzuziehen; denn diese drohten jetzt, nachdem die nationalsozialistische Bewegung die politische Macht errungen hatte, zu einer erheblichen Belastung zu werden.
Nach dem März 1933 war es darum dringend notwendig, ein besseres Verhältnis zwischen der Kirche und dem neuen diktatorischen Regime zu schaffen.
IM NÄCHSTEN HEFT:
Das Zentrum kapituliert - Hitler verspricht Religionsfreiheit - Die Kirche schließt Frieden - Monsignore Kaas gratuliert Hitler - Erzbischof Gröber fördert die SS
Copyright: Verlag R. Piper & Co, München.
* Der Berliner Nuntius Orsenigo und der deutsche Protokollchef von Dörnberg wurden am 20. April 1939 auf den Stufen der Neuen Reichskanzlei in Berlin aufgenommen.
* Außerdem residierte damals in München
der Nuntius Alberto Vassallo di Torregrossa.
SA-Fackelzug in Berlin am 30. Januar 1933: Aus Angst vor den Roten ...
... die Braunen geschont: NS-Wahlplakat (1933)
Nuntius Orsenigo, NS-Fahnen (1933); Ein paar Jahre Galgenfrist
Wahlplakate 1933: Vom Papst ein Lob für den Führer
Straßenschlacht SA gegen Polizei: Vom Kardinal Schelte für die Demokratie
Kardinal Faulhaber
"Die reine Quelle wurde vergiftet"
Kardinal Bertram (l.)
* Beitritt zur Partei verboten
Bischof Preysing
Zugang zu Sakramenten versagt
Bischofskonferenz in Fulda: Nach dem Bannstrahl gegen Nazis ...
... Kontakt mit dem Kirchenfeind: Göring, katholische Politiker Esser, Raucht
Bischof Bares
"National bis auf die Knochen"
Kulturkampf-Karikatur des "Kladderadatsch" (1875)
Zentrums-Kanzler Papen, Konfident Meißner: Kampf gegen Gottlosigkeit ...
Zentrums-Kanzler Brüning (M.), Freunde*
... ohne liberale Hemmung
Simplicissimus (1932)
Die letzten Tage von Weimar
* Links: der deutschnationale Abgeordnete Graef.
* Mit den Zentrums-Politikern Schätzel (l.) und
Wirth bei einer Fronleichnamsprozession 1933.
* Heute mit dem ehemaligen Rechtskatholiken Eugen Kogon Herausgeber der "Frankfurter Hefte".
Von Lewy, Guenter

DER SPIEGEL 8/1965
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