17.02.1965

GOLDSTANDARDCIou mit Cru

Präsident Johnson reagierte schnell. Sechs Tage nachdem General de Gaulle den Dollar als Leitwährung der westlichen Welt auf seiner Pressekonferenz abgemünzt hatte, ließ sich Johnson vom Repräsentantenhaus in Washington fünf Milliarden Dollar Gold freigeben, um die Attacke abzuwehren.
Damit ist eine der beiden Goldsicherungen durchgebrannt, mit denen die Vereinigten Staaten ihre Währung seit 50 Jahren abgesichert hatten: Mindestens acht Milliarden Dollar Gold müssen laut Gesetz als Reserve für die umlaufenden Zahlungsmittel deponiert werden. Weiteres Gold im Werte von fünf Milliarden Dollar diente als Goldkerndeckung für die Mindestreserve -Konten, die von den Geschäftsbanken der USA im staatlichen Zentralbankensystem unterhalten werden müssen.
Unter dem Eindruck der Schmähungen aus Paris und um das Vertrauen in den Dollar zu erhalten, darf Präsident Johnson jetzt die Fünf-Milliarden-Goldreserve auch für Zahlungen an das Ausland verwenden.
Charles de Gaulle hatte dem Dollar sowie dem kränkelnden Pfund Sterling die Qualifikation aberkannt, als amtliche Währungsreserve der westlichen Industrienationen zu dienen. In der Tat gilt nach den internationalen Bestimmungen von Bretton Woods aus dem Jahre 1944 der Dollar als goldgleich. "Die heutige Welt aber", so dozierte de Gaulle, "braucht eine Währungsgrundlage, die nicht (Abwertungs-)Gerüchten ausgesetzt ist und die nicht das Zahlungsmittel einer bestimmten Nation darstellt." Er forderte deshalb: "Zurück zum Goldstandard."
De Gaulle ist 1890 geboren, als in Frankreich noch mit güldenen "Napoleons" gezahlt wurde. Er legte 1965 verzückt Zeugnis von der Goldbesessenheit aller Franzosen ab: "Nichts ist unveränderlicher als das Gold, sei es in Barren oder in Münzen. Es besitzt keine Nationalität, und es wird als der ewige und universale Wertmesser par excellence betrachtet."
Weniger lyrisch hatte er schon seinen Finanzminister während der 1964er Jahrestagung der Weltbank und des Weltwährungsfonds in Tokio auf die Emanzipation der europäischen Währungen gegenüber dem Dollar hinweisen lassen. Giscard d'Estaing warf der Großmacht USA vor, sie halte ihre Finanzen nicht in Ordnung und infiziere durch ihr ständiges Zahlungsbilanzdefizit Europa mit Inflationsbazillen.
Eine Reform des gesamten internationalen Währungssystems sei unausbleiblich, wenn das Gleichgewicht zwischen den mittlerweile ebenbürtigen Wirtschaftsgiganten Amerika und Europa erhalten bleiben solle.
In Tokio hatte Finanzminister Douglas Dillon das aufrührerische Frankreich, das nach dem Zweiten Weltkrieg immerhin einige Milliarden Marshallplan-Dollar kassiert hat, in die Schranken verwiesen. Dillon giftete: "Man kann uns keine Schuld geben. Wir haben in den USA keine Inflation, also können wir auch keine exportieren."
Dennoch stimmen auch andere Währungsexperten mit der Ansicht überein, daß der Dollar seine Funktion als Reservewährung nur unvollkommen erfüllt. In Wahrheit kann er nur bedingt in Gold umgetauscht werden.
Seine chronische Schwäche wird dadurch verhüllt, daß die westlichen Notenbanken nur teilweise von dem Recht Gebrauch machen, ihre Dollar-Guthaben beim US-Schatzamt zum Preis von 35 Dollar je Unze in glänzende Goldbarren umzutauschen. Selbst Frankreich hat nur 75 Prozent seiner Guthaben umgewechselt; Deutschland nur 57 Prozent, Japan sogar nur 15 Prozent.
Bonn entlastet die Devisenkasse der von Militärhilfen und Entwicklungszuschüssen beschwerten Führungsnation des Westens noch durch eine besondere politische Courtoisie:
Dank der Stationierung amerikanischer Truppen in der Bundesrepublik. wandern jährlich 700 Millionen Dollar in die Tresore der Bundesbank in Frankfurt. Einem feierlichen Versprechen gemäß, kauft die Bundesregierung jedes Jahr in gleicher Höhe Waffen und Gerät in den USA ein, so daß die Dollar wieder nach Amerika abfließen. Wenn die Not besonders groß ist, genehmigt Bonn überdies ein Sonderkontingent amerikanischer Brathähnchen. Frankreich tut nichts dergleichen.
Finanzminister Dillon hatte in Tokio davor gewarnt, an dem empfindlichen und auf gegenseitigem Vertrauen aufgebauten System herumzunörgeln und Änderungen vorzuschlagen. Dillon versprach im September: "Unser Zahlungsbilanzdefizit werden wir bald beseitigen."
Das war geprahlt. Das letzte Quartal 1964 brachte vielmehr den größten Unterschuß seit Jahren. Obwohl Amerika erheblich mehr exportiert, als es einführt, erreichte das Defizit in den Monaten Oktober, November und Dezember eine Jahresrate von fast fünf Milliarden Dollar (1963: 3,3 Milliarden Dollar). Die Goldbestände, die vor zwölf Jahren einen Wert von fast 24 Milliarden Dollar ausmachten, schmolzen in Amerikas Schatzkammer Fort Knox auf 15 Milliarden Dollar zusammen.
Die Solidarität der Notenbanken enthob die US-Regierung jedoch bislang der Notwendigkeit, entweder durch eine straffere Finanzpolitik im Inland sowie durch Exportanreize oder aber durch Abstriche am außenpolitischen Hilfsprogramm das Gleichgewicht wiederherzustellen.
Im Gegenteil: Dank der überhöhten, starren Wechselkurse von beispielsweise vier Mark je Dollar kaufen sich amerikanische Firmen gleichzeitig überaus billig in die Industrie-Branchen der EWG ein. Wenngleich in viel geringerem Maße, so erinnert diese Methode an die Heuschreckenschwärme amerikanischer Reisender, die mit einer Handvoll Dollar nach dem Ersten Weltkrieg im verarmten Europa spottbillig einkaufen konnten.
De Gaulle nannte selbst die heutigen Einkaufspraktiken eine "Art von Enteignung". Auch in Deutschland stößt der amerikanische Einbruch allmählich auf Kritik. So meinte der Düsseldorfer "Industriekurier", durch den unrealistischen Wechselkurs würden deutsche Firmen für die Amerikaner zu billiger Ramschware. Bankzar Hermann Josef Abs verlangte, über die amerikanischen Aufkäufe müsse Buch geführt werden.
Tatsächlich erwarben amerikanische Firmen und Privatleute im vergangenen Jahr für 1,5 Milliarden Dollar Kapitalbeteiligungen in Europa, das heißt doppelt soviel wie im Jahr zuvor.
Staatschef de Gaulle meint mit Recht, in der guten alten Zeit des Goldstandards vor 1914 habe es das nicht gegeben. Damals sorgte der sogenannte Goldpunktmechanismus für den automatischen Ausgleich aller Zahlungsbilanzen.
Wenn etwa der Kurs des Dollar am freien Devisenmarkt über die normale Rate stieg, dann zahlten Europas Importeure in Gold statt in Dollarnoten. Dadurch verringerte sich am internationalen Devisenmarkt die Nachfrage nach Dollar derart, daß der Kurs bald wieder fiel. Überdies versuchte die US-Reservebank durch Anziehen der Kreditbremsen, das inländische Preisniveau wieder zu senken und dadurch die Auslandsnachfrage zu beleben.
Charles de Gaulle wird indes das goldene Zeitalter nicht wiederbeleben können. Da der Goldvorrat der Welt begrenzt ist, der internationale Handel sowie der Geldumlauf sich hingegen seit 1914 vervielfacht haben, würde das Gold nicht ausreichen und die Gefahr einer Deflation wie Anfang der dreißiger Jahre entstehen.
Einer Erhöhung der Goldpreise andererseits, etwa auf 70 Dollar pro Unze, wollen die USA nicht zustimmen, weil dadurch das Vertrauen in den Dollar völlig zerstört würde. Überdies wären bei einer Goldverteuerung gerade die Länder am schwersten geschädigt, die wie Westdeutschland treu und brav Dollarnoten statt Gold gesammelt haben.
Auf der jüngsten Besprechung internationaler Währungsexperten in Italien stimmten denn auch von 32 Ländern 30 gegen die Rückkehr zum Goldstandard.
De Gaulles finanzpolitischer Berater Jacques Rueff, dem die Fünfte Republik die Sanierung des Franc verdankt, hält deshalb eine mittlere Goldlösung parat. Der erzkonservative ehemalige Finanzfachmann des Völkerbundes hat schon 1952 ein Buch mit dem Titel "Der Goldfranc von morgen" veröffentlicht. Er will nicht, wie vor 1914, allen Inländern das Recht auf Umtausch ihrer Banknoten in Gold zugestehen, sondern nur den Notenbanken im Zahlungsverkehr untereinander.
Weil das Gold so knapp ist, will Rueff es durch eine zusätzlich geschaffene goldgleiche Währungseinheit sozusagen strecken. Diese neue Währung soll weder Dollar noch Pfund, sondern ein Geld sein, das Rueff "Cru" nennt, abgekürzt von Collective Reserve Unit. Je nach Bedarf des internationalen Handels sollen diese Einheiten neu geschaffen und immer nur in einem festen Prozentsatz zu den vorhandenen Goldvorräten verwendet werden.
Johnsons schleunige Enteisung der eingefrorenen fünf Milliarden Dollar Gold beweist, daß die USA sich gegen den französischen Angriff wappnen. Finanzminister Dillon hielt den Franzosen zwar vor, anstatt derart komplizierte Probleme leichtfertig zu erörtern, solle Paris lieber die 600 Millionen Dollar restlicher Schulden aus dem Zweiten Weltkrieg an die USA bezahlen.
Trotzdem gab er Anweisung, zunächst mit kleinen Mitteln auf den Ausgleich der untergewichtigen US-Zahlungsbilanz hinzuarbeiten. Als erste Bremsmaßnahmen verfügte Washington vergangene Woche eine Sondersteuer auf amerikanische Auslandskredite sowie Steuererleichterungen für ausländische Investitionen in den USA. Überdies dürfen amerikanische Touristen künftig statt für 100 Dollar nur noch für 50 Dollar Souvenirs zollfrei in die Heimat bringen.
Letztlich darf Charles de Gaulle sogar erhoffen, daß die Sparpolitik auch vor der amerikanischen Auslandshilfe nicht haltmacht. Auf diese Weise könnte sogar die französische Neutralitätspolitik im Fernen Osten begünstigt werden.
Einige Pariser Zeitungen fanden den Coup des Generals ganz außerordentlich gelungen. Frei nach lan Flemings Romanhelden Goldfinger, der den amerikanischen Goldhort in Fort Knox aufs Korn nahm, taufte "Paris-presse" den Präsidenten "Gaullefinger". Goldfinger wurde abgeschlagen.
US-Goldsilo Fort Knox: Gaullefinger greift an

DER SPIEGEL 8/1965
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